„Was mich nicht tötet, härtet mich ab!“ – Über faschistische Kontinuität in Deutschland

Irgendwo im tiefsten Deutschland: Schon ein Uhr nachts, aber die Gäste wollen noch immer nicht nach Hause gehen. Die Gespräche sind längst ins Stocken geraten, jeder will ins Bett, ist aber zu träge, um aufzustehen. Da beschließt die Dame des Hauses, die noch ausstehenden Aufräumarbeiten vor Augen, die Skatbrüder ihres Gatten mit einem gezielten Tabubruch zu vertreiben; mit etwas, das Indignation auslöst, ein unangenehm lastendes, betretenes Schweigen, welches das Ausharren in der Runde nicht nur ungemütlich, sondern fast schon unerträglich macht.
Welches Thema soll unsere geplagte Gastgeberin anschneiden? Sollte sie vielleicht von ihrem neuen Dildo mit der perfekten Passform erzählen? – Nein, ganz schlechtes Thema! Das würde die Betrunkenen wahrscheinlich noch einmal richtig in Fahrt bringen und eine Litanei lähmender Herrenwitze auslösen. Außerdem ist so etwas in Zeiten von Gay- und Love-Parades doch längst kein Tabubruch mehr, sondern gehört fast schon zum guten Ton.
Und wenn sie das Gespräch auf die Verdauung bringen würde? Wenn sie von ihrer Gewohnheit erzählen würde, die warmen Lüfte, die sie in die Kanalisation bläst, mit Politikerreden anzuheizen? – Schon besser. Die Verdauung hat schon eher etwas ‚Anrüchiges‘, niemand gibt gerne seine Gewohnheiten am stillen Örtchen preis. Aber was, wenn man sie fragen sollte, die Reden welcher Politiker sie bei ihren anrüchigen Sitzungen bevorzugt? Dann hätte sie selbst das Worst-Case-Szenario eingeleitet: politische Diskussionen mit Betrunkenen! Die würden dann wahrscheinlich bis zum nächsten Morgen dauern.
Da kommt der Wirtin wider Willen der Zufall zu Hilfe. Einer der Gäste greift in einem Anfall allgemeinen Lebensüberdrusses – er hatte sich gerade den letzten Tropfen Schnaps aus der Flasche genehmigt – die ‚Das-Boot-ist-voll‘-Metaphorik auf: „Deutschland kann doch nicht jeden …“, „Wirtschaftsflüchtlinge“, „schon nicht genug Arbeitsplätze für uns Deutsche …“, „nach Hause zurückschicken“, „Grenzen noch strenger kontrollieren“.
Geistesgegenwärtig nutzt die erschöpfte Gastgeberin ihre Chance. „Das, was durch die Frontex-Grenzpolizisten geschieht, ist für mich eine Art Holocaust des 21. Jahrhunderts“, fällt sie dem Schwadroneur ins Wort. Die Folge: Die Gespräche verstummen, das gewünschte peinliche Schweigen tritt ein, gefolgt von einem Schwall empörter Worte. Diese münden jedoch nicht in die gefürchtete politische Diskussion, sondern enden mit dem entrüsteten Abmarsch der Gäste. Der Vergleich heutiger politischer Praxis mit dem nationalsozialistischen Terror war der ersehnte Volltreffer, der nicht zu verzeihende Tabubruch. Wer so argumentiert, ist gewissermaßen nicht satisfaktionsfähig, dem verweigert man die Ehre des Rededuells.
Als außen stehender oder womöglich gar ausländischer Beobachter freut man sich nun vielleicht mit der übermüdeten Hausfrau, wundert sich aber wohl doch über den durchschlagenden Erfolg ihrer Bemerkung. Haben wir es bei den Erzürnten etwa mit einer Runde leidenschaftlicher Philosemiten zu tun, die in der Bemerkung eine Schändung des Andenkens an die Holocaust-Opfer sehen? Aber ist nicht der Sündenbock-Topos, bei dem Andersartige – wie hier Migranten – als Projektionsfläche für gesellschaftliche Probleme aller Art herhalten müssen, gerade ein geistiges Erbe des Antisemitismus?
Handelt es sich bei den Skatbrüdern also eher um eine Gruppe von Historikern, die den Holocaust-Vergleich aus Gründen wissenschaftlicher Korrektheit unerträglich finden? Aber warum halten sie dann nicht argumentativ dagegen, anstatt sich entrüstet davonzustehlen? Ist das nicht eher das Verhalten von Menschen, die sich bei etwas ertappt oder zu Unrecht beschuldigt fühlen?
Beschuldigt … Damit kommen wir der Sache schon näher. Denn Deutschland ist ja nicht nur Export- und Erneuerbare-Energien-Weltmeister, sondern auch Entschuldigungsweltmeister. Es gibt Gedenktage für die Opfer des nationalsozialistischen Unrechtsregimes, Mahnmale, dazu immer wiederkehrende, rituell wiederholte Mea-Culpa-Reden und -Gesten von Politikern. Der Heil-Hitler-Staat ist zu einer heilen Antifaschistenwelt umgebaut worden.
Die Deutschen ein Volk von Antifaschisten? – Nun ja … Eigentlich müsste einen ja schon das zentrale Wort dieser lustvoll zelebrierten Selbstkasteiung misstrauisch machen: „sich entschuldigen“. Ist das, was der Begriff impliziert, überhaupt möglich? Kann man eine Schuld, die man auf sich geladen hat, selbst wieder von sich nehmen? – Wohl kaum. Selbst die Wendung „um Entschuldigung bitten“ impliziert etwas Unmögliches. Denn jemand, dem ich etwas angetan habe, kann zwar versuchen, seine Rachsucht einzudämmen und mir mein Verhalten nicht nachzutragen. Meine Schuld jedoch bleibt ein Faktum, das ein anderer nicht mit einem freundlichen Nicken aus der Welt schaffen kann.
Vollends problematisch wird dieser verbale Ablasszauber dadurch, dass er mit der Bewältigung der Schuld auch das Phänomen zu beseitigen beansprucht, auf das diese sich bezieht: den Faschismus. Bewältigungsweltmeister Deutschland hat sich entschuldigt, also hat er sich auch entnazifiziert: Faschismus? Aber doch nicht in Deutschland! Faschistische Kontinuität? Unmöglich, weil mit deutscher Gründlichkeit unter Mahnmalen und Gedenktagen begraben
Melde gehorsamst: Entschuldigung abgeschlossen! Faschismus beseitigt!
Du zweifelst daran? Dann schändest du das Andenken an die Opfer, deren einmaliges Leid die Einmaligkeit der deutschen Entschuldigungs- und Bewältigungstat spiegelbildlich begründet und so erst in ihrem heroischen Glanz erstrahlen lässt.
Ein Antifaschist, der das antifaschistische Selbstbild des deutschen Staates in Zweifel zieht, indem er die Frage nach einer Kontinuität faschistischer Denk -und Handlungsstrukturen aufwirft, ist in Deutschland somit ein größerer Staatsfeind als ein Faschist. Denn wer sich offen zum Faschismus bekennt, dient den staatlichen Handlungsträgern ja nur als willkommenes Exempel für den Nachweis der eigenen antifaschistischen Haltung.
Jenseits dieser Fassadenrhetorik stellt sich allerdings die Frage: Ist der Faschismus wirklich überwunden? Kann er überhaupt überwunden sein, wenn ein Großteil der Strukturen, die ihn einst haben entstehen lassen, weiter existiert?
Ich weiß, ich sollte jetzt etwas konkreter werden. Also schauen wir uns den Nährboden, auf dem der Faschismus gedeiht, einmal genauer an. Wie man weiß, gibt es verschiedene Faktoren, die sein Aufkommen begünstigen. Diese werden je nach theoretischem Standort unterschiedlich gewichtet, doch lässt sich wohl sagen, dass das Vorhandensein und Zusammenwirken mehrerer Faktoren die Etablierung faschistischer Strukturen wahrscheinlicher macht. Besonders häufig genannt werden dabei:

1. kapitalistische Wirtschaftsformen. Hierbei wird davon ausgegangen, dass der Faschismus dem Kapitalismus inhärent ist. Faschistische Strukturen setzen sich demnach immer dann durch, wenn die dem Kapitalismus ebenfalls inhärente Krisenanfälligkeit offen zutage tritt. Die sich verstärkenden sozialen Unterschiede können dann nur noch über eine totalitäre Gemeinschaftsrhetorik und entsprechende Herrschaftsstrukturen überdeckt werden. Nach dieser Sichtweise muss der Kapitalismus also von Zeit zu Zeit seine liberale Maske fallen lassen und sein wahres, autoritäres Gesicht offenbaren.
Es dürfte wohl unbestritten sein, dass sich die Entstehungsbedingungen für den Faschismus in dieser Hinsicht nicht verschlechtert haben. Allerdings sind autoritäre Formen kapitalistischer Herrschaft heutzutage auch keine Ausnahmeerscheinung mehr. Dies lehrt uns nicht nur das chinesische Gesellschaftsmodell. Vielmehr werden auch im westlichen Wirtschaftssystem Investoren, die gesunde Unternehmen nur deshalb übernehmen, um sie Gewinn bringend zu zerschlagen und in ihren Augen überflüssige Arbeitskräfte „freizusetzen“, mit steigenden Aktienkursen belohnt. Undemokratisches, unsoziales Handeln ist also ganz allgemein ein wirksames Schmiermittel für die Herz-Lungen-Maschine der kapitalistischen Welt: die Börse. Überspitzt formuliert, könnte man daher sagen: Kapitalistische Wirtschaftssysteme münden heute nur deshalb nicht mehr so leicht in faschistische Herrschaftsstrukturen, weil der Kapitalismus selbst faschistoid geworden ist.
2. nationale Demütigung. Hier ist natürlich in erster Linie an den Versailler Vertrag zu denken und an die finanziellen und territorialen Einbußen, die er für das Deutsche Reich mit sich brachte. Daraus resultierten Gefühle nationaler Erniedrigung, die später durch Ereignisse wie die vorübergehende französische Besetzung des Ruhrgebiets noch zusätzlich angeheizt wurden.
Angesichts ihrer heutigen wirtschaftlichen und politischen Macht haben die Deutschen eigentlich keinen Grund mehr, sich gedemütigt zu fühlen. Die pharisäerhafte Selbstgerechtigkeit, mit der man die angeblich so vorbildhafte Verarbeitung der eigenen Geschichte herausstellt, und die selbstgefällige Unnachgiebigkeit, mit der deutsche Politiker den Besen des Spardiktats in Europas Amtsstuben schwingen, zeigen jedoch, wie sehr das Land den Triumph des Aufstiegs zu neuer nationaler Größe genießt. Die gerade wieder aufflammende Diskussion über eine verstärkte militärische Beteiligung an Auslandseinsätzen der NATO lässt ahnen, wohin das führen kann: Wer ökonomisch nicht am deutschen Wesen genesen will, wird mit militärischen Mitteln dazu „überredet“.
3. Angst vor sozialem Abstieg. In der vornationalsozialistischen Zeit betraf dies vor allem das Kleinbürgertum, das angesichts der krisenanfälligen Wirtschaft der Zwischenkriegszeit fürchtete, im Industrieproletariat aufzugehen. Laut Theoretikern der Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno und Max Horkheimer hat die daraus resultierende Verunsicherung dazu geführt, dass die Kinder in den betreffenden Familien ihre Väter als schwach und orientierungslos erlebten. Dies hat ihre Bereitschaft gestärkt, sich einem Führer unterzuordnen, der Stärke ausstrahlte und einfache Wahrheiten postulierte.
Heute ist an die Stelle des Kleinbürgertums der Mittelstand getreten, der in seiner Gesamtheit vom sozialen Abstieg bedroht ist. Denn die Globalisierung hat die Bewegungsmöglichkeiten und damit auch die Optionen des Kapitals beträchtlich erweitert. Die Folge: Unter dem Stichwort ‚Flexibilisierung des Arbeitsmarkts‘ werden systematisch Arbeitnehmerrechte ausgehöhlt. Dies spielt auch heute wieder Populisten in die Hände, die einfache, rückwärts gewandte Lösungen – wie eine Renationalisierung der Wirtschaft – für die komplexen Probleme propagieren und die keine Skrupel haben, Arbeitsmigranten zu Sündenböcken für diese Probleme zu stempeln.
Dass die Ausstrahlung des politischen Führungspersonals in Deutschland in etwa der Kreuzung zwischen einem Ochsenfrosch und einem Rottweiler entspricht, zeugt nicht unbedingt von einer abnehmenden Bereitschaft der Deutschen, sich Führern unterzuordnen. Jedes Volk wählt sich eben die Führer, in denen es sein Wesen am besten gespiegelt findet.
4. das Gefühl, von der ökonomisch-technischen Entwicklung überrollt zu werden. Als Grund dafür, dass der Faschismus gerade in Italien und Deutschland so gut gedeihen konnte, wird oft angeführt, dass es sich bei beiden Ländern um „verspätete Nationen“ handelte. Hier wie dort haben die Prozesse der nationalen Einigung und der Industrialisierung erst relativ spät eingesetzt und deshalb einen abrupteren Verlauf genommen als in anderen Ländern. Viele Menschen fühlten sich hiervon überfordert oder gar bedroht, da ihr überkommenes Weltbild zu schnell aus den Fugen geriet. Dem Faschismus wird in diesem Zusammenhang die doppelte Funktion zugeschrieben, einerseits nationale Einigung und Industrialisierung durch eine entsprechende Volksgemeinschaftsrhetorik und Zwangsbewirtschaftung beschleunigt vorangetrieben, andererseits aber durch eine rückwärts gewandete Blut-und-Boden-Ideologie die Ressentiments der Bevölkerung gegen diese Entwicklung bedient zu haben.
Was damals Industrialisierung und nationale Einigung waren, sind heute mikroelektronische Revolution und Globalisierung. Beide Prozesse haben so rasante technische und ökonomische Umbrüche zur Folge, dass viele Menschen sich nach den alten, vermeintlich überschaubareren Lebensbezügen zurücksehnen. Diese Sehnsucht hat in zahlreichen Ländern Europas zu einem Erstarken rechtsextremer Bewegungen geführt.
In Deutschland ist die Situation in dieser Hinsicht etwas komplizierter. Einerseits sieht der Staat, wie oben ausgeführt, in offen faschistisch oder rechtsextrem agierenden Gruppierungen willkommene Anlässe, sein antifaschistisches Selbstbild zu dokumentieren. Diese haben es daher schwer, sich gegen die etablierten Parteien durchzusetzen. Andererseits können verdeckt agierende faschistische Zellen – wie der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) – mit staatlicher Protektion rechnen. Faschistoide Tendenzen sind daher immer dann besonders erfolgreich, wenn sie nicht von rechtsextremen Parteien propagiert, sondern im Rahmen des regulären Politikbetriebs umgesetzt werden. Dies gilt etwa für den von der SPD unter Kanzler Gerhard Schröder wieder eingeführten Reichsarbeitsdienst, der zwar neudeutsch als „Ein-Euro-Job“ firmiert, jedoch von derselben Gemeinschaftsdienst-Rhetorik umwölkt ist wie das nationalsozialistische Pendant.

Keiner der genannten Aspekte ist speziell auf Deutschland bezogen. Vielmehr handelt es sich um allgemeine Entwicklungstendenzen, die überall in Europa dem Aufkommen faschistischer oder faschistoider Tendenzen förderlich sein können. So stellt sich die Frage, wie der spezifisch deutsche Nährboden für den Faschismus aussieht. Oder, anders ausgedrückt: Welche Aspekte der deutschen Mentalität weisen eine besondere Affinität zu faschistischen Denk- und Gefühlskomplexen auf? Wie sieht das deutsche Gesicht des Faschismus aus?
Für mich spiegelt sich der Kern des deutschen Faschismus in der berühmten Rede wider, in der Heinrich Himmler sich 1943 gegenüber Reichs- und Gauleitern in Poznań (Posen) zur Judenvernichtung geäußert hat. Darin lobt er sich und die SS dafür, angesichts dieser Aufgabe nicht „weich zu werden und durchzudrehen bis zu Nervenzusammenbrüchen“:

„Der Satz ‚Die Juden müssen ausgerottet werden‘ mit seinen wenigen Worten, meine Herren, ist leicht ausgesprochen. Für den, der durchführen muss, was er fordert, ist es das Allerhärteste und Schwerste, was es gibt. (…) Es trat an uns die Frage heran: Wie ist es mit den Frauen und Kindern? – Ich habe mich entschlossen, auch hier eine ganz klare Lösung zu finden. Ich hielt mich nämlich nicht für berechtigt, die Männer auszurotten – sprich also, umzubringen oder umbringen zu lassen – und die Rächer in Gestalt der Kinder für unsere Söhne und Enkel groß werden zu lassen. Es musste der schwere Entschluss gefasst werden, dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen. Für die Organisation, die den Auftrag durchführen musste, war es der schwerste, den wir bisher hatten. Er ist durchgeführt worden, ohne dass – wie ich glaube sagen zu können – unsere Männer und unsere Führer einen Schaden an Geist und Seele erlitten hätten“ (Himmler 1943/1974, S. 196 f.).

Im Kern geht es bei der Haltung, die Himmler hier verklärt, um die gezielte Unterdrückung von Gefühlen der Empathie und des Mitleids im Interesse der Umsetzung eines abstrakten Ziels. Diese soldatische Härte mag im Nationalsozialismus eine besonders extreme und menschenverachtende Ausprägung erfahren haben. Im Kern ist sie jedoch bereits ein Charakteristikum des Preußentums und des Wilhelminismus und wurzelt somit tief in der deutschen Geisteswelt. Dies zeigt nicht zuletzt die bekannte Redewendung: „Was mich nicht tötet, härtet mich ab.“ Freudianisch gesprochen, drückt sich darin eine Überanpassung an das Über-Ich aus, bei der ein verunsichertes Ich sich vollständig dessen Geboten unterwirft und eigene Bedürfnisse, die diesen entgegenstehen, als Zeichen von Schwäche verwirft. Das eigene Selbstwertgefühl wird dabei aus der Identifikation mit der übergeordneten Instanz generiert, anstatt sich aus einer kritischen Auseinandersetzung mit dieser zu ergeben.
Spuren dieser Geisteshaltung finden sich auch heute noch vielfach in Begründungsmustern für gesellschaftliches Handeln in Deutschland. Beispiele hierfür sind etwa:

• die Abschiebepraxis. Menschen, die teilweise schon sehr lange in Deutschland leben, werden ohne Rücksicht auf ihre familiären Bande, ihre Integration in die deutsche Gesellschaft und die wirtschaftliche Not, die ihnen in ihren Herkunftsländern droht, aus Deutschland abgeschoben. Das natürliche Mitgefühl mit den Betreffenden wird hier gezielt unterdrückt, um den abstrakten Zielen formaler Gesetzestreue, kultureller Homogenität und der Abschreckung anderer Flüchtlinge Genüge zu tun. Aus ähnlichen Motiven nimmt man an den Außengrenzen der Europäischen Union sogar den tausendfachen Tod von Flüchtlingen in Kauf.
• das von Deutschland führend vertretene Konzept der Schuldenbremse als Mittel zur Sanierung der europäischen Finanzen. In Südeuropa, speziell in Griechenland, führt dieses Konzept zu massenhafter Arbeits- und Obdachlosigkeit. In nicht wenigen Fällen hat es Menschen auch bereits in den Selbstmord getrieben. Auch hier wird das Mitgefühl mit denen, die von dieser Politik überrollt werden, gezielt unterdrückt. Man zwingt sich zu kompromissloser Härte und lobt sich noch dafür, weil die wirtschaftliche Gesundung angeblich nur so zu erreichen ist. Die soldatische Härte führt dabei zur Blindheit gegenüber der Tatsache, dass eine den Tod von Menschen nicht nur in Kauf nehmende, sondern gezielt provozierende Wirtschaftspolitik den durch die Reformen angestrebten Umbau der Gesellschaft von vornherein delegitimiert.
• die Zerstörung der letzten deutschen Naturreservate durch die Windenergie. Der frühere saarländische Umweltminister Stefan Mörsdorf hat in diesem Zusammenhang einmal davon gesprochen, wir müssten uns für unsere Energiesicherheit „von lieb gewonnenen Landschaften trennen“. Auch dies offenbart eine Haltung, bei der man gezielt eine als „schwächlich“ diffamierte Gefühlslage – den Wunsch nach einem Leben in einer unverbauten Natur, nach einem harmonischen Miteinander von Mensch und Natur – verdrängt, um eine abstrakte Zielvorgabe – die Deckung des deutschen Strombedarfs durch erneuerbare Energien – umzusetzen. Die sich selbst abverlangte Härte bewirkt auch hier eine vollständige geistige Unterordnung unter das betreffende Konzept, eine Art Denkverbot. Die Folge ist, dass das eigentliche Ziel einer umweltschonenden Energieversorgung ins Gegenteil verkehrt wird und man stattdessen eine planmäßige industrielle Zerstörung der letzten Reste intakter Natur ins Werk setzt (vgl. hierzu die Website vernunftkraft.de, mit weiterführenden Links).
• die erniedrigende Behandlung von Kindern und Jugendlichen an deutschen Schulen. Schlechte Noten, Tadel, Schulverweise, das Nicht-Versetzen in die nächste Klassenstufe – all das wird an deutschen Schulen gerne damit begründet, dass es nur „zum Wohle des Kindes“ geschehe. Der nahe liegende Impuls, Kinder in ihren individuellen Lernprozessen zu fördern, ihnen Lust am Lernen zu vermitteln, anstatt sie mit Strafen und Zurücksetzungen zu frustrieren, wenn sie sich in dem Pauksystem nicht zurechtfinden, wird systematisch unterdrückt. Dies zeigt, dass es an vielen deutschen Schulen noch immer in erster Linie darum geht, die Unterordnung der Heranwachsenden unter die Deutungshoheit des Staates sicherzustellen. Solange Noten, Sitzenbleiben und das erniedrigende System der Schulverweise und -relegationen fortbestehen, solange an deutschen Schulen nicht das Lernen gelernt, sondern den Schülern Wissen eingetrichtert wird, als wollte man lauter Kandidaten für Quiz-Shows heranzüchten, bleibt die Schule in Deutschland das, als was sie schon Wilhelm Liebknecht 1872 beschrieben hat: eine reine „Dressuranstalt“, eine Kaserne der Nation. Deren wichtigstes Lernziel ist die Einübung eben jener soldatischen Prinzipientreue und jenes sozialdarwinistischen Verhaltens, wie sie durch Lehrkräfte und Notenspiegel vermittelt werden.

Wie man sieht, gibt es in Deutschland noch immer einen beträchtlichen Bodensatz faschistoider Geisteshaltungen. Nur durch eine Auseinandersetzung mit diesen erscheint eine Überwindung des Faschismus hierzulande denkbar. Dafür müsste jedoch zunächst die selbstherrliche Attitüde des Bewältigungsweltmeisters aufgegeben werden.

Literatur:

Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur (1930): In: Ders.: Fragen der Gesellschaft, Ursprünge der Religion, S. 191 – 270 (Studienausgabe, Bd. IX). Frankfurt/Main 1997: Fischer.
Himmler, Heinrich: Rede vor den Reichs- und Gauleitern in Posen am 6. Oktober 1943. In: Heinrich Himmler: Geheimreden 1933 bis 1945 und andere Ansprachen, herausgegeben von Bradley F. Smith und Agnes F. Peterson, S. 162 – 183. Frankfurt/Main u.a. 1974: Propyläen.
Kühnl, Reinhard: Faschismustheorien. Ein Leitfaden. Heilbronn 2., bearb. Neuaufl. 2014: Distel.
Ders.: Texte zur Faschismustheorie. Reinbek 1981: Rowohlt.
Liebknecht, Wilhelm: Wissen ist Macht – Macht ist Wissen. Festrede, gehalten zum Stiftungsfest des Dresdener Bildungs-Vereins am 5. Februar 1872. In: Feidel-Mertz, Hildegard: Zur Geschichte der Arbeiterbildung, S. 60 ff. Bad Heilbrunn/Obb. 1968: Klinkhardt (Pädagogische Quellentexte); im Netz abrufbar: Neuauflage der Festrede Berlin 1891: Verlag der Expedition des ‚Vorwärts‘ – Berliner Volksblatt, Zitat S. 25 (Digitale Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin: digital.staatsbibliothek-berlin.de).
Saage, Richard: Faschismustheorien. Eine Einführung. München 4. Aufl. 1997: Beck.
Weil, Bernd A.: Faschismustheorien. Eine vergleichende Übersicht. Frankfurt/Main 1984: R.G. Fischer.
Wippermann, Wolfgang: Faschismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute. Darmstadt 7. Aufl. 1997: Primus.

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