Versuch über das Schenken – Der ultimative Bescherungsratgeber

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Von allen Geschenken, die ich jemals erhalten habe, haben mich am meisten berührt: ein geklöppeltes Deckchen mit der Inschrift „Gott schütze dieses Haus“ und ein zerfledderter Bildband.
Das Deckchen hat mir kurz vor ihrem Tod eine alte Frau geschenkt, in deren Haus ich eingezogen war. Den Bildband habe ich von einem jüdischen Gelehrten erhalten, mit dem ich viele Abende hindurch über Gott – oder vielmehr die Götter – und die Welt(en) diskutiert hatte. Ich wollte das aufwändig gestaltete Buch mit den zahlreichen, teils seltenen Drucken zuerst gar nicht annehmen, weil ich wusste, wie sehr es dem Schenkenden am Herzen lag. Da er aber darauf bestand, es mir zu übereignen, wäre es unhöflich gewesen, das Präsent zurückzuweisen.
Erst einige Wochen später begriff ich den Sinn des Geschenks: Der Krankenhausaufenthalt, von dem mein Freund mir erzählt hatte, war keineswegs so harmlos, wie die beiläufige Erwähnung durch ihn hatte vermuten lassen. Vielmehr handelte es sich dabei um eine Operation auf Leben und Tod, mit von Anfang an sehr geringen Aussichten auf ein gutes Ende. Angesichts des schwachen Herzens des Kranken hatte seine Entscheidung für die Narkose fast schon etwas von einem Freitod.
Beide Geschenke sind natürlich insofern Sonderfälle, als es sich bei ihnen im Grunde um vorweggenommene Erbschaftsverfügungen handelt. Hier wie dort ging es darum, ein Band zwischen Schenkendem und Beschenktem zu knüpfen, das über den Tod hinaus Bestand haben sollte. Dennoch zeigt sich an beiden Fällen ein zentrales Merkmal des Geschenks: der Wunsch des Schenkenden, symbolisch etwas von sich selbst auf den Beschenkten übergehen zu lassen – was in der Alltagssprache in der Wendung, „etwas komme von Herzen“, seinen Ausdruck findet.
Damit soll nicht gesagt sein, dass das handgemachte notwendigerweise das bessere Geschenk ist. Beim ersten Paar Wollsocken von Tante Elfriede blicken wir vielleicht noch gerührt auf ihre wundgestrickten Finger. Spätestens beim zehnten Paar überlegen wir dann aber doch, wie wir das Präsent unauffällig an die Heilsarmee weiterreichen können. Auch das Weiterverschenken von Gegenständen aus dem eigenen Fundus kann nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen werden. Ein Geschenk, dem man ansieht, dass es bereits benutzt worden ist, kann vom Beschenkten auch leicht als Ausdruck mangelnder Wertschätzung aufgefasst werden.
Trotzdem frage ich mich, ob nicht der Impuls, über das Präsent eine Art unsichtbare Nabelschnur zu einem Anderen zu knüpfen, an der Wiege unseres Geschenkerituals stand. Vielleicht hat alles damit angefangen, dass irgendwann ein Mammutkeulen mümmelndes Urhordenmitglied an ein anderes ein besonders saftiges Stück Fleisch weitergereicht hat. Dabei wäre es dann natürlich weniger darum gegangen, ein geistiges Band zu dem Mitmümmelnden zu knüpfen. Eher müsste man hier wohl von einer Art Steinzeit-Networking sprechen, vielleicht auch von einer Frühform von Bakschisch. Denn die entscheidende Triebkraft für den Schenkimpuls wäre dabei wohl der Wunsch gewesen, einen Anderen gewogen zu stimmen, sich im Streitfall auf die Keulen schwingende Hand eines Mächtigeren stützen zu können.
So gesehen, müsste das Geschenk wohl auch als Ursprung des Opfers gelten. Auch bei diesem geht es ja darum, sich der Gunst einer höheren Macht zu versichern. Und der Kern des Rituals besteht in beiden Fällen darin, dass man etwas abgibt, das für einen selbst einen hohen ideellen oder materiellen Wert besitzt, etwa einen symbolischen Anteil an einem Festmahl oder besonders wohlriechende Kräuter und Gewürze.
Gerade am Beispiel der Opfergabe wird aber auch deutlich, dass man, wenn man richtig schenken möchte, stets auch die Kunst des Maßhaltens beherrschen muss. Ein Gott, dem statt eines einzelnen Lämmchens gleich eine ganze Schafsherde geopfert wird, könnte dies als Anmaßung, ja als Selbstapotheose des Opfernden verstehen, als Versuch, sich die göttliche Huld nicht zu erbitten, sondern sie zu erzwingen. Dies könnte ihn dazu veranlassen, die gewünschte gnädige Haltung erst recht zu verweigern.
Ebenso wird der reiche Onkel, der die Verwandtschaft an Festtagen mit 500-Euro-Scheinen beglückt, zwar kaum fürchten müssen, zurückgewiesen zu werden. Dass er auf diese Weise die Sympathien der Beschenkten gewinnt, ist jedoch keineswegs sicher. Denkbar ist auch, dass die regelmäßige Demonstration seines Reichtums Missgunst weckt und dazu führt, dass man eine vorsichtige Distanz zu ihm wahrt, um nicht in Abhängigkeit von ihm zu geraten.
Dies bedeutet nicht, dass ein wertvolles Geschenk grundsätzlich einschüchternd wirkt. Wenn mir jemand ein teure Flasche Wein schenkt, weil er weiß, dass ich genau diese Sorte, diesen Jahrgang, diese Traube schätze und mir den edlen Tropfen nur nicht regelmäßig leisten kann, überwiegt der persönliche Charakter des Geschenks. Dem Verliebten aber, der seiner Angebeteten wahllos irgendein glitzerndes Collier schenkt, nur weil es kostbar ist, läuft dabei Gefahr, dieselbe Reaktion wie der reiche Onkel auszulösen: Das Geschenk könnte die Dame seines Herzens misstrauisch machen. Denn zwar bezeigt der Verehrer ihr mit dem Geschenk seine Wertschätzung. Andererseits dokumentiert er damit jedoch auch eine Art Herrschaftsanspruch. Dieser ist umso bedrohlicher, als dem Geschenk gleichzeitig jeder persönliche Bezug zur Beschenkten fehlt. Dadurch ist zu befürchten, dass es dem Verehrer nicht um die Umworbene als Person geht, sondern er sie nur wie einen schönen Gegenstand, quasi als Gegenwert zu dem Collier, besitzen möchte.
Instinktiv könnte die Beschenkte das Präsent daher zum Anlass nehmen, den sie Umgarnenden auf Distanz zu halten. Dieser würde mit dem Geschenk also das Gegenteil dessen erreichen, was er damit bezweckt hatte. Würde die Angebetete dagegen auf die Avancen des Verehrers eingehen, so ließe sich aus dem unpersönlichen Geschenk die Prognose ableiten, dass dem jungen Glück keine lange Dauer beschieden sein dürfte.
Dies zeigt zweierlei: Geschenke sind zum einen ein Lackmustest für die Empathiefähigkeit des Schenkenden. Sie offenbaren, wie gut oder schlecht er sich in andere hineinversetzen kann, sie veranschaulichen seine Fähigkeit zur Einschätzung fremder Wünsche und Bedürfnisse. Zum anderen sind Geschenke aber auch ein guter Beziehungsindikator. Fällt es mir leicht, mich in die Sehnsuchtswelt eines Anderen hineinzuversetzen und ein Geschenk zu finden, das dem Band zwischen uns einen lebendigen Ausdruck verleiht, so ist das ein Beleg dafür, dass auch unsere Beziehung lebendig ist. Gelingt mir dies dagegen nicht, so deutet sich darin womöglich eine Beziehungskrise an. Zu deren Überwindung empfiehlt es sich, die Beziehung vor dem anstehenden Geschenkeritual wiederzubeleben. Ansonsten besteht die Gefahr, dass ich mit einem unpersönlichen Geschenk nur den Tod der Beziehung dokumentiere. In solchen Fällen wird das Geschenk dann zum Giftpfeil.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Geschenk ist ein symbolischer Kommunikationsvorgang, der folgerichtig auch alle drei Ebenen der Kommunikation berührt. Diese umfassen

• den Schenkenden, der mit dem Geschenk symbolisch einen Teil von sich einem Anderen übereignet;
• den Beschenkten, auf dessen Wünsche und Bedürfnisse das Geschenk bezogen sein sollte;
• die Beziehung zwischen Schenkendem und Beschenktem, die idealerweise in dem Geschenk verlebendigt werden sollte.

Hinzu kommt, als besondere Würze, noch der Aspekt der Überraschung: „Ach, Schatz: Dass du daran gedacht hast …“
In diesem Sinne: Frohe Weihnachten! Mögen Tränen der Rührung eure Augen füllen!

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Eine Antwort zu Versuch über das Schenken – Der ultimative Bescherungsratgeber

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