Weihnachten in postfaktischen Zeiten

Kommt der Weihnachtsmann dieses Jahr?

santa claus christmas dog

In den prä-postfaktischen Zeiten gab es einige Dinge, die als unerschütterliche Gewissheiten gelten konnten. Zum Beispiel, dass am 6. Dezember Nikolaus ist, dass am 24. Dezember Heiligabend ist, dass meine Schwiegermutter mir an Weihnachten ein neues Hemd schenkt oder dass Onkel Ernst der Weihnachtsmann ist.

Jetzt aber, in den postfaktischen Zeiten, geraten auch diese scheinbar unumstößlichen Wahrheiten ins Wanken. Ist Weihnachten, als Relikt einer längst überwundenen Love-and-Peace-Epoche, vielleicht längst abgeschafft worden und wird nur noch von der Konsumindustrie künstlich am Leben gehalten? War es vielleicht schon immer ein Fake, ein Propagandacoup des Westens, der durch die Beanspruchung der Gotteskindschaft seine hegemoniale Stellung in der Welt legitimieren wollte?

Natürlich: Es könnte auch genau umgekehrt sein. Vielleicht ist Weihnachten so lebendig wie eh und je, aber in dem Echoraum, in dem wir uns im Netz bewegen, hat sich eine Meldung im Russia-Today-Jargon verbreitet: „Wegen Flüchtlingsdeal: Merkel schafft Weihnachten ab!“ Dann würden wir alle mit sauertöpferischer Miene vor den Monitoren sitzen und uns in unserer postfaktischen Welt über die Kanzlerin, die Flüchtlinge und die Ungerechtigkeit des Daseins beklagen, während draußen, in der faktischen Welt, die Weihnachtspost abginge.

Ganz nüchtern betrachtet, und nur auf mich selbst bezogen, kann ich sagen: Gestern, auf dem Weihnachtsmarkt, sind wir beim Glühwein alle enger zusammengerückt, und uns war so weihnachtlich zumute, dass wir in postfaktischer Gelassenheit sogar das dröhnende Weihnachtsliedgeplärre überhört haben. De facto waren wir recht fröhlich dabei und haben in der Folge auch der Budenbetreiberbilanz zu faktischen Pluszeichen verholfen.

Und das alles soll in der postfaktischen Welt nichts mehr gelten? Gar als Lüge entlarvt werden? Schade eigentlich.

Auf der anderen Seite hätte ein postfaktisches Weihnachten natürlich auch unbestreitbare Vorzüge. Wenn jede Wahrheit jederzeit mit einer Gegenwahrheit gekontert werden könnte, müsste mich auch nicht mehr die Vorstellung beunruhigen, dass der Pilot des Kampfjets, der gestern die Hungernden von Aleppo bombardiert hat, heute – oder vielleicht auch erst etwas später, beim orthodoxen Weihnachten – ebenfalls im Kreise seiner Familie das Weihnachtsmenü genießt. Ich müsste auch keinen Gedanken an das Weihnachten im Hause Trump verschwenden („Oh – ein Golfplatz in Dubai! Wie aufmerksam, Schatz!“ – „Oh, der Chefberaterposten! Ich bin so gerührt, Schwiegerpapa!“).

Wenn König Kaczynski von Polen in seiner Weihnachtsansprache (nicht nur) die sexuelle Selbstbestimmung, das Vegetariertum und die Unabhängigkeit der Justiz als „unpatriotisch“ und damit „unchristlich“ geißeln würde, könnte ich mich einfach in meine schöne neue postfaktische Welt hinüberbeamen. Desgleichen, wenn Viktor von Ungarn, der große Flüchtlingsbesieger, mit glänzenden Augen vor seinem stacheldrahtumzäunten Gabentisch stehen und die bunt verpackten Abschiebeinstrumente bestaunen würde – andächtig beobachtet von den Friedensnobelpreisengeln der EU, die sich in diese intimen Angelegenheiten nicht einmischen wollen.

So betrachtet, wäre es in diesen segensarmen Zeiten vielleicht wirklich ein Segen, wenn man den 24. Dezember an einem Ort verbringen könnte, wo er nicht nur in der postfaktischen, sondern auch in der faktischen Welt ein Tag wie jeder andere ist. Meine postfaktischen Träume entführen mich da in ein tibetanisches Kloster, in dem ich den Unfrieden der faktischen Welt wenigstens für ein paar Stunden in einen postfaktischen inneren Frieden zu verwandeln gedenke.bombki choinkowe i granat

 

 

Bilder: 1. Copyright: Javier Brosch: Santa Claus Christmas Dog. 2. Kambacaramba: Bombi Choinkowe i granat. Quelle: Fotolia

Weitere Weihnachtstexte: Die Liebe – ein Abgrund. Über die Paradoxie von Weihnachten als Fest der Liebe

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  2 comments for “Weihnachten in postfaktischen Zeiten

  1. Dezember 11, 2016 um 4:55 pm

    *…postfaktisches Schmunzeln…*

    Klasse Beitrag!

    Save your day, Lu

  2. Dezember 12, 2016 um 1:39 pm

    Dankeschön, Lu. Liebe Grüße an dich

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