Die Geburt des autoritären Staates aus dem Geist der Seuchenbekämpfung

Michel Foucaults Überlegungen zur Entstehung staatlicher Überwachungs- und Ausgrenzungsstrukturen

Nach Michel Foucault ist das Gefängnis nur eine Institution unter anderen, mit denen der Staat seit der frühen Neuzeit seinen umfassenden Normierungs- und Kontrollanspruch durchzusetzen versucht. Wie zahlreiche Studien belegen, erweist sich das Gefängnis in dieser Hinsicht allerdings als dysfunktional, indem es Marginalisierung und deviantes Verhalten eher noch verstärkt.
Da Foucault die Wurzeln der staatlichen Kontroll- und Überwachungsmechanismen in der Seuchenbekämpfung sieht, weisen seine Analysen in der Corona-Krise auch eine besondere Aktualität auf. Das Unbehagen, das viele angesichts der immer umfassenderen staatlichen Eingriffe in das Privatleben der Menschen empfinden, erfährt hier eine rationale Erklärung.
Die entsprechenden Überlegungen Foucaults sind direkt auf dieser Website dokumentiert. Die überarbeitete Fassung des gesamten Essays ist als PDF abrufbar.

Registrierung und Einschließung: Pest-Lehren

Aussetzen und Ausschließen: Lepra-Lehren

Kriminalisierung der Erkrankten, Pathologisierung von Andersartigkeit

Normierung und Disziplinierung: Staatliche Pest- und Lepra-Utopien

Institutionalisierung der Ausschließung: Psychiatrie, Zuchthäuser, Erziehungsheime

Vermessung und Dressur des Individuums

Parallelen zur Corona-Krise

Erhöhter Konformitätsdruck

Registrierung und Einschließung: Pest-Lehren

In seiner bahnbrechenden Studie Überwachen und Strafen (1975) leitet der französische Philosoph Michel Foucault (1926 – 1984) die Entstehung der Kontroll- und Disziplinierungsinstrumente des neuzeitlichen Staates aus den Strategien ab, die der Staat im Umgang mit zwei zentralen Geißeln der Menschheit entwickelt habe: der Pest und der Lepra. Im Falle der Pest sei die Antwort „ein lückenloses Registrierungssystem“ gewesen, verbunden mit einer vorübergehenden „Einschließung“ der Bewohner in von der Pest betroffenen Städten (S. 252).

Aussetzen und Ausschließen: Lepra-Lehren

Auf die Lepra hat der Staat dagegen mit einer rigorosen „Ausschließung“ der Erkrankten reagiert (253). Zu diesem Zweck wurden jenseits der Stadtmauern spezielle Leprakolonien, so genannte Leprosorien, errichtet, in denen die Betroffenen zusammengefasst wurden. Dabei war dies sogar noch ein Fortschritt gegenüber der vorherigen Praxis, die Erkrankten schlicht in der Wildnis auszusetzen. Hiervon zeugt auch der als Synonym für die Lepra gebrauchte Begriff „Aussatz“. Die Isolation der Betroffenen vom Rest der Bevölkerung wurde also in einem solchen Maße mit der Erkrankung selbst identifiziert, dass die gesellschaftliche Reaktion auf die Krankheit unmittelbar mit dieser assoziiert wurde.

Kriminalisierung der Erkrankten, Pathologisierung von Andersartigkeit

Sowohl die Pest als auch die Lepra seien, so Foucault, von Anfang an auch als Symbole für weitergehende, nicht primär medizinisch begründete Bedrohungen wahrgenommen worden. So habe man mit der Pest auch die Angst vor „Aufständen, vor den Verbrechen, vor der Landstreicherei, vor den Desertionen“ und vor den davon ausgehenden Ansteckungsgefahren assoziiert (254). Ebenso habe man sich in den Aussätzigen zugleich „von den Bettlern, den Landstreichern, den Irren, den Gewalttätigen“ abgegrenzt (255).

Normierung und Disziplinierung: Staatliche Pest- und Lepra-Utopien

Wie die Bedrohungsszenarien, die sich aus den beiden Seuchen ergaben, nicht nur medizinisch verstanden worden sind, haben Foucault zufolge auch die Utopien zu ihrer Überwindung von Anfang einen weiteren gesellschaftspolitischen Hintergrund gehabt. Im Falle der Lepra sei dies „der Traum von einer reinen Gemeinschaft“ gewesen, die durch keinerlei Normabweichungen befleckt wäre.
Bei der Pest habe es sich dagegen um den „Traum von einer disziplinierten Gesellschaft“ gehandelt (255):

„Der Pest als zugleich wirklichen und erträumten Unordnung steht als medizinische und politische Antwort die Disziplin gegenüber“, verstanden als „das Eindringen des Reglements bis in die feinsten Details der Existenz vermittels einer perfekten Hierarchie, welche das Funktionieren der Macht bis in ihre letzten Verzweigungen sicherstellt“

Michel Foucault: Überwachen und Strafen (254).

Institutionalisierung der Ausschließung: Psychiatrie, Zuchthäuser, Erziehungsheime

Im Laufe des 19. Jahrhunderts, als die Prozesse von Industrialisierung und staatlicher Zentralisierung sich in ihrem Bemühen um Effizienzsteigerung wechselseitig vorantrieben, wurde „die Machttechnik der parzellierenden Disziplin“ dann auf „den Raum der Ausschließung“ übertragen (255). Aus dieser Entwicklung seien „die Strafanstalt, das Besserungshaus, das Erziehungsheim und zum Teil auch die Spitäler“ hervorgegangen (256). Hinzu kommt „das psychiatrische Asyl“, dem Foucault eine eigene Untersuchung gewidmet hat (Histoire de la folie, 1961; dt. Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, 1969).

Vermessung und Dressur des Individuums

Parallel zu dieser Institutionalisierung von Ausschließungsmechanismen ist laut Foucault ein erhöhter Konformitätsdruck entstanden, eine „hartnäckige Grenzziehung zwischen dem Normalen und dem Anormalen, der jedes Individuum unterworfen ist“ (ebd.). Für die Umsetzung dieser Grenzziehung habe man sich die moder¬nen, quantitativen Wissenschaften zunutze gemacht. Mit deren Hilfe seien „Aufzeichnungen und Registrierungsverfahren“ entwickelt worden, durch die man „das Individuum (…) beschreiben, abschätzen, messen, mit anderen vergleichen“ konnte – mit dem ausdrücklichen Ziel, zu überprüfen, inwieweit es „zu dressieren oder zu korrigieren, zu klassifizieren, zu normalisieren, auszuschließen“ sei (246).

Parallelen zur Corona-Krise

Es braucht nicht viel Phantasie, um Foucaults Analysen auf den aktuellen Umgang mit der Corona-Pandemie zu beziehen:

  • Die als Reaktion auf die Pest verfügten Einschließungen entsprechen den besonders weitgehenden Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie: dem Lockdown, den Grenzschließungen und den Abriegelungen ganzer Städte.
  • Die zur Bekämpfung der Lepra angeordneten Ausschließungen finden eine Parallele in Quarantänemaßnahmen, Kontaktbeschränkungen und partiellen Bewegungseinschränkungen.
  • Die aus der spätmittelalterlichen Seuchenbekämpfung hervorgegangenen Registrierungssysteme feiern ihre Auferstehung in Tracking-Apps und der Verpflichtung zur Hinterlegung von Kontaktdaten bei der Betretung öffentlicher Orte wie Restaurants, Hotels oder Friseursalons.

Erhöhter Konformitätsdruck

Die vielleicht erschreckendste Parallele betrifft die Abfärbung der Seuchenbekämpfung auf die normative Hoheit des Staates. Denn „normgerechtes Verhalten“ war im Anschluss an die Bekämpfung von Pest und Lepra ja nicht nur ein Verhalten, das die Regeln des Staates zur Eindämmung der Seuchen beachtete. Vielmehr wurde das Stigma der Normwidrigkeit dabei stillschweigend auch auf jedes andere Verhalten übertragen, das nicht den staatlich vorgegebenen Normen entsprach.
Wenn man sich anschaut, mit welchem fast schon missionarischen Eifer mittlerweile Menschen verfolgt werden, die die Corona-Regeln auch nur zaghaft hinterfragen oder gar gegen die verordnete Sack-und-Asche-Haltung ihr Recht auf Lebensfreude zu behaupten versuchen, ist klar, dass wir von einem solchen absolutistischen Konformismus nicht mehr weit entfernt sind. Dieser wird dann aber auch nicht einfach aufhören, wenn die Corona-Pandemie erst einmal zurückgedrängt worden ist. Die Pathologisierung und Kriminalisierung Andersdenkender oder schlicht Andersartiger ist einfach ein zu bequemes Instrument der Machtausübung, als dass es nach dem Ende der Krise einfach wieder in der Mottenkiste verschwinden würde.
Ob Anti-Corona-Maßnahmen, die auf blinden Gehorsam, Uniformität und Pranger-Strafen für Abweichler setzen, von Erfolg gekrönt sein können, ist einstweilen noch nicht entschieden. Selbst wenn dies der Fall sein sollte, werden wir diesen Erfolg aber sehr teuer bezahlen müssen.

Zitate entnommen aus: Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses (frz. 1975). Frankfurt/Main 1977: Suhrkamp.

Bilder: 1.Vincent van Gogh: Runde der Gefangenen (1890); 2. Zwei Aussätzigen wird der Eintritt in die Stadt verwehrt, einer hat Krücken, der andere trägt Lazaruskleid, Handtasche und Klapper, um sein Kommen anzukündigen. Miniatur aus einer Handschrift des Vinzenz von Beauvais (14. Jahrhundert); 3. Hendrik Frans Schaefels (1827 – 1904): Junger Gefangener in seiner Zelle; 4. Tracy Lundgren: Gefängnis

5 Kommentare

  1. Sehr interessanter, aufwühlender Text. Ich bin hin und hergerissen zwischen Zustimmung und Widerspruch. Die Pandemie ist ja da, und Politik MUSS etwas tun. Vielleicht ist das Problem der fehlende Diskurs der Maßnahmen und der Konformitätsdruck, der damit verbunden wird?- Unbehagen ja …angesichts der Leichtfertigkeit, mit der der Datenschutz fällt und blindwütig Regeln aufgesetzt werden …. Aber auch Nichtstun ist keine Lösung ….

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    1. Würde es nicht genügen, wenn aufgeklärt würde und Empfehlungen für rücksichtsvolles Verhalten gegeben würden? Hinter der Auffassung „Politik MUSS etwas tun“ steht die Ansicht, dass die Bürger, wären sie mündig, sich unvernünftig verhalten würden, während die Regierung vernünftig sei, die Bürger unter Kontrolle nehmen, an ihrer Stelle entscheiden und handeln und sie zum Wohlverhalten zwingen müsse. Schlimm ist auch, wie die Regierung sich aufführt und sich die Rolle eines Vormunds der Bürger anmaßt. Anstatt, dass sie sich für die Maßnahmen, die sie erlässt, entschuldigt, brüstet sie sich damit und Söder will sogar aufgrund seiner Stärke im Maßregeln der Bürger Kanzler werden. Obendrein nutzt die Regierung den Coronaschutz als Vorwand für Eingriffe in die Wirtschaft und zur Einschränkung bürgerlicher Rechte.

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