Ein Leben lang zum Abschuss freigegeben

Zur Problematik der Jagd auf Plagiate in Dissertationen

Seit einigen Jahren ist die Jagd auf Personen, die bei ihrer Doktorarbeit wirklich oder vermeintlich betrogen haben, ein regelrechter Volkssport geworden. Die Kriterien, nach denen die Plagiatsjäger ihre Opfer auswählen, bleiben dabei allerdings im Dunkeln.

Inhaltsübersicht mit Kernthesen

Der Hort des reinen Geistes und die finsteren Plagiatoren

Die Plagiatsvorwürfe folgen einem unrealistischen Gut-Böse-Schema, bei dem einige wenige Finsterlinge sich widerrechtlich Zutritt zum Reich der Erleuchteten verschaffen.

Unvollständige Schuldzuweisung

Für eine mangelhafte Dissertation sind auch diejenigen verantwortlich, die sie betreut haben. Fehlt ihnen dafür die Zeit, so gehört der Staat auf die Anklagebank, der den Hochschulen die nötige personelle Ausstattung vorenthält.

Problematisches Rechtsverständnis

Durch die rückwirkende Kritik an einer Jahre zurückliegenden Arbeit wird die gesamte übrige Lebensleistung eines Menschen negiert. In der Art einer mittelalterlichen Prangerjustiz wird ihm mit der Doktorwürde faktisch auch seine bürgerliche Ehre aberkannt.

Verletzung des Gleichheitsgebots

Um Betrugsvorwürfe angemessen einschätzen zu können, müssten sie im Verhältnis zu anderen Arbeiten betrachtet werden, die zur selben Zeit an derselben Hochschule als Dissertationen eingereicht worden sind. Die Konzentration auf einzelne Arbeiten ergibt zwangsläufig ein schiefes Bild.

Einseitige Betrachtungsweise

Die Fokussierung auf einzelne Passagen mit unsauberer Zitierweise löst die Arbeiten aus ihrem Kontext und missachtet die geistige Gesamtleistung.

Diskreditierung geisteswissenschaftlicher Arbeit

Indem vorrangig geisteswissenschaftliche Arbeiten mit Plagiatsvorwürfen überzogen werden, wird implizit auch die spezifisch geisteswissenschaftliche Herangehensweise an Forschungsgegenstände in Frage gestellt.

Inadäquate Leistungsanforderungen

Wenn die Hochschulen sich besser gegen Betrug und Betrugsvorwürfe wappnen wollten, müssten sie sich auch für alternative Formen der Leistungsbeurteilung öffnen.

Link zum Begriff des geistigen Eigentums

Der Begriff des geistigen Eigentums unterliegt historischen Schwankungen. Auch dies müsste in der Diskussion um unsauberes Arbeiten in Dissertationen stärker berücksichtigt werden.

Bild: Zeichnung auf der Grundlage einer Buchillustration aus dem Jahre 1874

7 Kommentare

  1. So richtig abschreiben, ohne Zitate nachzuweisen, geht gar nicht!- Aber deine Argumente mit der Verantwortung der Hochschulen und der Rechtssicherheit usw. sind schon sehr wichtig. Danke für den Post und das ausführliche Essay. Schade, dass das nicht umfassender und differenzierter diskutiert wird.

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  2. „Die Fokussierung auf einzelne Passagen mit unsauberer Zitierweise löst die Arbeiten aus ihrem Kontext und missachtet die geistige Gesamtleistung.“ Genau so funktioniert Diffamierung von Menschen mit nicht konformer Meinung durch die Medien. Ein Formfehler wird diskutiert, aber nicht die Aussage. Auch in juristischen Fragen geht es oft um die formalen Fehler und nicht um den Inhalt.

    Tja, verrückte Zeiten!

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  3. Wenn fremde Texte übernommen und als eigene ausgewiesen werden, handelt es sich entweder um Betrug oder um Unkenntnis der Spielregeln wissenschaftlichen Arbeitens. Kein Mitleid mit den „Opfern“!
    Dass nicht alle existierenden Fälle aufgedeckt werden, sondern nur die, bei denen gezielt danach gesucht wird, ist kein Grund, bei diesen „Opfern“ ein Auge zuzudrücken. Es werden ja immer nur diejenigen Kriminellen bestraft, die erwischt werden.
    So sehr sind diese „Opfer“ auch nicht zu bedauern. Giffey und Althussmann wurden laufen gelassen und Schawan wurde nach Aberkennung des Titels mit Ehrendoktorwürden überhäuft und Botschafterin am Heiligen Stuhl.

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    1. Lieber René, mich interessieren folgende Dinge besonders: Die Betreuungs- und Prüfungsqualität der Hochschulen, die Motivation der Plagiatsjäger und auch die „Rechtssicherheit“. Die Verfahren sind ja vor Jahren abgeschlossen worden. Auch die Veröffentlichung von vermeintlichen „Plagiatoren“ bei Wikipedia erinnert an einen mittelalterlichen Pranger. Mir sind diese Plagiatsjäger in ihrer Motivation extrem suspekt. Zumal der Gründer ja ordentlich Geld mit seiner Idee verdient.
      An Hochschulen läuft so viel falsch: prekäre Beschäftigungen, ungute Abhängigkeitsverhältnisse, Mobbing und Neid. Da finde ich das Bild, der heeren Geistesinstitution schon fast fiktiv.

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      1. Ich stimme Dir darin zu, dass an den Hochschulen viel falsch läuft. Aber ihre erste Pflicht wäre, darauf zu achten, dass die wissenschaftlichen Standards eingehalten werden. Das, was die Plagiatsjäger nachweisen, sind ja nur unmarkierte Textübernahmen und die darf es nicht geben und die durfte es auch vor Jahren nicht geben, nur konnte man sie vor Jahren, als man über die entsprechenden elektronischen Hilfsmittel noch nicht verfügte, noch nicht so leicht aufdecken. Ich denke auch, dass die Hochschulen oftmals schon in der Lehre versagen, denn manche der „Opfer“ scheinen tatsächlich noch als Doktoranden nicht gewusst haben, wie man korrekt arbeitet. Ich mache mir überhaupt keine Illusionen über die Plagiatsjäger. Diejenigen, die Amthors Korruptheit aufgedeckt haben, hatten auch keine edlen Motive. Aber man darf hier nicht die Motive derjenigen, die den Betrug aufdecken, anführen, um den Betrug zu rechtfertigen. So versucht man ja auch die Kläger zu diskreditieren, die gegen Verstöße gegen das Naturschutzrecht durch die Windkraft klagen, weil sie nur den Wert ihres Wohneigentums und die Gesundheit ihrer Familie schützen wollen, also aus egoistischen Motiven handeln, und sich ansonsten gar nicht für die Natur interessieren würden. Und die Generalanwältin Kokott hat empfohlen, das Tötungsverbot von Wildvögeln zu lockern, wenn, wie es bei Windkraftanlagen der Fall ist, „die Beeinträchtigung nicht bezweckt, sondern nur in Kauf genommen wird“. Sollen denn die Motive darüber entscheiden, ob eine Handlung rechtmäßig ist oder nicht?

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