Melancholie auf Russisch: Iwan Gontscharows Roman Oblomow

Gastfreundschaft und Fremdenfeindlichkeit in Russland und den USA – Teil 5

Bei russischen Gastmählern lässt sich eine fast schon urchristliche Gemeinschaft erleben. Wie passt das zu den Stalinschen Säuberungen und ihrer fast schon paranoiden Verfolgung vermeintlicher politischer Abweichler? Einen Erklärungsansatz könnte ein Phänomen liefern, das den sperrigen Namen „Oblomowschtschina“ trägt.

Urchristliche Dorfgemeinschaft vs. Stalinismus

Iwan Gontscharows Oblomow: Nur ein parasitärer Adliger?

Oblomow als Décadence-Roman

Lesetipp

Urchristliche Dorfgemeinschaft vs. Stalinismus

Anders als in der amerikanischen Frontier-Kultur war im ländlichen Russland die Grundeinheit für die Menschen von jeher das Dorf. Die Urerfahrung ist hier daher nicht das Einzelkämpfertum des Farmers, sondern die Dorfgemeinschaft.
Damit stellt sich allerdings die Frage, wie in einer solchen Kultur ein Phänomen wie die „Tschistka“, die Stalinschen Säuberungen, möglich war, denen allein zwischen 1936 und 1938 rund eine Million Menschen zum Opfer gefallen sind. Denn die Verfolgungen und Denunziationen wegen vermeintlicher politischer Häresie beschränkten sich ja keinesfalls auf die politischen Zentren des Landes, sondern entfalteten auch in der so genannten „Provinz“ ihre fatale Wirkung.
Auch der heutige Zar im Kreml verschießt seine Giftpfeile durchaus nicht nur in seinem unmittelbaren Umfeld. Ihr Schrecken beruht vielmehr zu einem großen Teil darauf, dass die Anschläge einen gerade dort treffen können, wo man am wenigsten damit rechnet; darauf, dass man nirgends und zu keinem Zeitpunkt sicher ist vor dem langen Arm des Kremlherrn. Dafür aber muss es auch abseits des Zentrums Helfershelfer und willige Vollstrecker geben.

Iwan Gontscharows Oblomow: Nur ein parasitärer Adliger?

Das Konzept, das am ehesten den Widerspruch zwischen fast schon urchristlicher Dorfgemeinschaft und gnadenloser Verfolgung Andersdenkender erklären kann, trägt den für deutsche Ohren etwas sperrigen Namen „Oblomowschtschina“. Es geht zurück auf den Roman Oblomow (1859) von Iwan Gontscharow (1812 – 1891).
In Zentrum des Romans steht die Figur des Ilja Iljitsch Oblomow, eines russischen Adligen, der durch seine Trägheit sein Leben versäumt: Er vernachlässigt sein Landgut, verliert durch Misswirtschaft sein Gutshaus, verspielt die Liebe einer Frau, die bereit ist, sich auf ihn und seinen schildkrötenhaften Lebensstil einzulassen, und verschiebt eine Auslandsreise, die ihm auch innerlich das Tor zu einer anderen Welt hätte öffnen können, so lange, bis ihm die Kraft dafür fehlt. Am Ende flüchtet er sich in die Arme einer Haushälterin, die ihn mit ihren Kochkünsten umsorgt wie eine Mutter ihr Neugeborenes.
Im Anschluss an die sowjetische Literaturkritik ist der Roman lange Zeit vor allem sozialkritisch gedeutet worden. Dabei erscheint der Protagonist als Prototyp des adligen Schmarotzers, der von anderer Leute Arbeit lebt, während er selbst sein Leben vertrödelt, ohne dass andere davon den geringsten Nutzen hätten. Neben dieser Deutung eröffnet der Roman allerdings auch noch andere Interpretationsmöglichkeiten. Dies wird gleich zu Beginn deutlich, wenn Oblomow mit folgenden Worten beschrieben wird.

Ilja Iljitschs Gesichtsfarbe war weder rosig noch bräunlich und auch nicht ausgesprochen blass. Sie war vielmehr unbestimmt oder wirkte so, weil Oblomow für sein Alter bereits erstaunlich träge war – sei es aus Mangel an Bewegung und an frischer Luft oder aus anderen Gründen. Überhaupt wirkte sein Körper durch die matte, auffallend weiße Farbe seines Halses, die kleinen, kindlich-weichen Hände und die hängenden Schultern etwas zu mädchenhaft für einen Mann.

Selbst wenn er beunruhigt war, waren seine Bewegungen von einer Sanftheit und von einer auf ihre Art durchaus eleganten Trägheit bestimmt. Wenn sich sein Gesicht mit Sorgen umwölkte, verdüsterte sich sein Blick, seine Stirn legte sich in Falten, und er verfiel in Kummer, Angst und Zweifel. Nur selten entwickelte sich aus dieser Besorgnis eine bestimmte Idee, und noch seltener wurde daraus ein Wille zu handeln. Die gesamte Besorgnis wurde in einem Seufzer erstickt und erstarb in einem apathischen Dahindämmern.

Oblomow, Kap. 1, eig. Übersetzung

Oblomow als Décadence-Roman

Die Verzärtelung, Schlaffheit, Trägheit, resignative Teilnahmslosigkeit, die hier als zentrale Charakterzüge Oblomows herausgestellt werden, erinnern deutlich an die Literatur der Décadence. Lebensmüde Protagonisten, die sich aus Enttäuschung über die Unvollkommenheit des Lebens aus diesem zurückziehen, bevölkern die europäische Literatur von Joris-Karl Huysmans‘ Roman À rebours (1884; dt. „Gegen den Strich“, 1897) über Thomas Manns Buddenbrooks (1901) bis zu Joseph Roths Radetzkymarsch (1932). Der Rückzug kann dabei – wie bei Huysmans – mit dem Versuch einhergehen, eine künstliche Gegenwelt zu der unvollkommenen realen Welt zu schaffen. Häufiger ist jedoch der innere, halb unbewusste Rückzug, bei dem die enttäuschten Protagonisten sich die Hoffnung versagen, an eine Erfüllung ihrer Träume zu glauben.
Man kann hierin zunächst ein Spiegelbild der Epoche sehen: Das äußere Absterben alter Ordnungen und Gewissheiten spiegelt sich auf der inneren Ebene in einer allgemeinen Orientierungslosigkeit wider, in dem nur halb verstandenen Gefühl, den eigenen Platz in der Welt verloren zu haben. Die Décacence-Literatur wäre in diesem Sinne die Steigerung der Romantik. Deren unbestimmte Sehnsucht, aus der zunehmend fremd werdenden Wirklichkeit in eine ideale andere Welt (gespiegelt in der Kindheit, dem Reich der Phantasie und der Träume, einer idealisierten Vergangenheit oder fernen Ländern) entfliehen zu können, wird in der Décadence-Literatur in ihrer grundsätzlichen Unerfüllbarkeit erkannt. Dadurch wird aus Wirklichkeitsüberdruss Lebensmüdigkeit.
In diese literarische Entwicklungslinie lässt sich auch Gontscharows Oblomow einreihen. Zwar erlebte die Décadence-Literatur ihren Höhepunkt an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als mit der zunehmenden Industrialisierung der bevorstehende Zerfall der alten Ordnungen immer deutlicher zu spüren war. Vorläufer dieser Art von Literatur sind jedoch spätestens seit dem Erscheinen von Charles Baudelaires Gedichtband Les fleurs du mal (Die Blumen des Bösen) im Jahr 1857 zu beobachten.

Und was hat all das mit den Stalinschen Säuberungen zu tun? Ehrlich gesagt: Dafür müsste ich jetzt etwas weiter ausholen. Also heben wir uns die Antwort doch lieber für den nächsten Post (am kommenden Mittwoch) auf. Wer Lust hat, kann bis dahin ja noch ein wenig in die Welt des Herrn Oblomow eintauchen. Deshalb hier zunächst einmal ein – richtig:

Lesetipp

Im Internet ist Iwan Gontscharows Roman u.a. bei zeno.org abrufbar (Iwan Gontscharow: Oblomow, übersetzt von Clara Brauner, Zürich 1960: Manesse). Es gibt jedoch auch preisgünstige E-Book-Angebote. Das russische Original ist in einer sehr augenfreundlichen Fassung bei b1.culture.ru eingestellt (übersetzte Passage darin S. 4).

Bildnachweis: Konstantin Tichomirow: Oblomow,, Illustration aus einer russischen Zeitschrift über Malerei aus aller Welt (Живописное обозрение стран света».)1883

2 Kommentare

  1. Ja, es stimmt. Als ich vor langer Zeit mit „Oblomow“ zu tun hatte, ging es um das „adlige Schmarotzertum“, aber so einfach war es eben nicht. Der Weltschmerz hat viele Seiten und die Furcht, dass die kommenden Wellen, die Menschen unter sich begraben.
    Auf der Wyborger Seite treibt er sich rum, der Oblomow. Vor Jahren hat eine Autorin beim Freitag mal was über Gontscharows Liebesbriefe an Jelisaweta Tolstaja geschrieben. Ganz amüsant und kurz. https://www.freitag.de/autoren/calvani/ergebenster-verehrer

    Ich muss ihn mir auch mal wieder vornehmen, den Gontscharow. Danke für die interessanten Überlegungen.

    https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Uwe-Gr%C3%BCning+Auf-der-Wyborger-Seite/id/A01Bwt3d01ZZY
    Hier ist noch ein Link zu einem Buch aus DDR-Zeiten, das sich mit der Metapher über die „Wyborger Seite“ auch beschäftigt.

    Mit Gruß

    Gefällt 1 Person

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