Der Nobelpreis – keine sehr noble Angelegenheit

Kritik eines anachronistischen Rituals

Eine größere Auszeichnung als der Nobelpreis ist kaum vorstellbar. Dabei steht er für ein rückwärtsgewandtes Welt- und Wissenschaftsbild. Auch sein Stifter war keineswegs so „nobel“ wie der Preis vermuten lässt.

Alljährlicher Nobelpreis-Hype

Wer war Alfred Nobel?

War Alfred Nobels Werk nobelpreiswürdig?

Unfriedliche Aspekte des Friedensnobelpreises

Willkürliche Auswahl der Nobelpreis-Gebiete

Positivistische Ausrichtung

Unzeitgemäßer Charakter des Nobelpreises

Reformvorschläge

Nachweise

Alljährlicher Nobelpreis-Hype

Jedes Jahr im Herbst hält die Welt für eine Woche den Atem an und fragt sich: Wer sind dieses Mal die Würdigsten der Würdigen, denen die Ehre des Nobelpreises zuerkannt wird? Wer hat der Welt mit seinen Forschungen den größten Nutzen gebracht? Wer hat den Frieden am meisten gefördert? Wer die bemerkenswertesten literarischen Werke verfasst?
Natürlich ist es bei einem so bedeutenden Preis wie bei allen bedeutenden Preisen: Mit der Ehrung ehren die Ehrenden sich auch selbst. Etwas von dem Glanz, der auf die Geehrten fällt, strahlt auf sie zurück. Außerdem sind sie ja die Sonne, die das Werk der Geehrten überhaupt erst im Lorbeerkranz einer leuchtenden Aureole erstrahlen lässt.

Wer war Alfred Nobel?

Unwillkürlich gehen wir davon aus, dass auch die Urquelle dieser Juroren-Sonne ein besonders reines, ungetrübtes Licht sein muss; dass also der Stifter des Preises ein ebenso vorbildliches Leben geführt und die Welt mit einem ebenso nutzbringenden Wirken beglückt hat wie diejenigen, die mit dem Preis geehrt werden.
War also Alfred Nobel (1833 – 1896) besonders „nobel“? Hat er mit seinen Ideen und den von ihm entwickelten Produkten die Menschheit entscheidend vorangebracht?
Nun ja … Wohl auch unter dem Einfluss seines Vaters und der in dessen schwedischer Rüstungsfirma entwickelten Seeminen begann Alfred Nobel sich früh für die Funktionsweise von Sprengstoffen zu interessieren. Sein Hauptinteresse galt dem Nitroglycerin, dessen leichte Entzündbarkeit er durch neuartige Verfahren beherrschbar und dadurch industriell nutzbar machen wollte.
Bei den entsprechenden Versuchen kam es immer wieder zu schweren Unfällen, die auch einen Bruder Alfred Nobels das Leben kosteten. Dennoch setzte dieser seine Experimente fort. Sie mündeten schließlich in die Entwicklung des Dynamits, das seine Explosionskraft erst durch eine Initialzündung entfaltet und dadurch gefahrloser transportiert werden kann. In den Fabriken, die Nobel daraufhin weltweit für die Herstellung des neuen Sprengstoffs gründete, ereigneten sich allerdings trotzdem immer wieder tödliche Unfälle (1).

War Alfred Nobels Werk nobelpreiswürdig?

Hätte Alfred Nobel für seine Erfindung den Nobelpreis erhalten? Das hängt ganz von der Perspektive ab. Wer den besonders rücksichtslosen, durch massive Felssprengungen ermöglichten Abbau von Rohstoffen – insbesondere von Kohle und Eisenerz, den Triebkräften der Industrialisierung – als Segen für die Menschheit ansieht, hätte ihm den Nobelpreis wohl verliehen.
Allerdings hätte er wohl eher den Nobelpreis für Chemie als den Friedensnobelpreis erhalten. Denn nicht nur wurde das Dynamit schon bald für Sprengstoffattentate genutzt, denen etwa 1882 der russische Zar Alexander II. zum Opfer fiel. Auch vom Militär wurde das Dynamit bereits 1870/71 im Deutsch-Französischen Krieg genutzt.
Vor allem aber entwickelte Nobel auf der Basis seiner Forschungen zu Nitroglycerin und Dynamit ein neuartiges Schießpulver, dem er den Namen „Ballistit“ gab. Dieses verlieh den Geschützen eine größere Antriebskraft und war so auch die Voraussetzung für die Entwicklung von Maschinengewehren.
Kein Beleg für besondere Friedfertigkeit ist auch der Briefwechsel von Nobel mit seiner Geliebten Sofie Hess, in dem sich mehrere rassistische und antisemitische Äußerungen finden. Die Briefe wurden nach Nobels Tod von der Stiftung aufgekauft und jahrzehntelang unter Verschluss gehalten. Erst 1976 durfte die Forschung die Briefe einsehen, und es dauerte noch einmal über 30 Jahre, ehe 2017 der vollständige Briefwechsel der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde (2).

Unfriedliche Aspekte des Friedensnobelpreises

Wenn jemand, der sein Vermögen der Entwicklung eines potenziell tödlichen Sprengstoffs und der Perfektionierung des Tötens im Krieg verdankt, einen Friedenspreis stiftet, ist wohl ein gewisses Misstrauen angebracht.
In der Tat ist dieser Teil der Nobelpreise wohl auch in erster Linie als gezielte Imagepflege zu verstehen. Angestoßen worden ist er u.a. durch einen verfrühten Nachruf auf Nobel, den eine französische Zeitung nach dem Tod eines seiner Brüder druckte – und zwar unter dem Titel: „Le marchand de la mort est mort“ (Der Händler des Todes ist tot; 3).
Erschreckt über dieses Bild, das nach seinem Tod von ihm zurückbleiben würde, bemühte sich Nobel danach gezielt um ein positiveres Image. Die Stiftung eines Friedenspreises mag dabei zusätzlich durch den langjährigen Briefwechsel mit der überzeugten Pazifistin Bertha von Suttner angeregt worden sein, die 1905 auch eine der ersten Preisträgerinnen war.
Dies ändert jedoch nichts daran, dass Nobel ein gänzlich anderes Bild vom Frieden hatte als Suttner. Anders als diese, sah er den Frieden eben nicht durch die gezielte Absage an jede Form von Gewaltanwendung und die gewaltfeie Lösung von Konflikten gewährleistet. Vielmehr waren Gewalt und deren Androhung für ihn immer auch ein Teil der Lösung. (4)
Dies spiegelt sich auch in den Personen, denen später der Friedensnobelpreis zuerkannt wurde, vielfach wider. Immer wieder handelte es sich dabei um Menschen, die sich zwar zu einem bestimmten Zeitpunkt für die friedliche Lösung eines Konflikts eingesetzt hatten – allerdings erst, nachdem sie diesen zuvor selbst befeuert hatten. Dies war bei dem von Henry Kissinger nach dem Scheitern des Vietnamkriegs der USA befürworteten Friedensabkommen nicht anders als bei den Kontrahenten im Nahostkrieg (1978 Anwar as-Sadat und Menachem Begin, 1994 Yassir Arafat, Schimon Peres und Jitzchak Rabin) oder im Falle des Nobelpreises für den südafrikanischen Präsidenten Frederik Willem de Klerk im Jahr 1993.
In anderen Fällen erwies sich das Nobelpreiskomitee auch als voreilig, indem es Personen zu Friedensengeln ausrief, die sich später nicht scheuten, Gewalt als Mittel der Konfliktlösung einzusetzen oder zu legitimieren. Dies gilt etwa für den späteren Drohnenkrieger Barack Obama (5), für den äthiopischen Präsidenten und aktuellen Kriegsherrn im Tigray-Konflikt, Abij Ahmed (6), oder für Aung San Suu Kyi, die als birmanische Ministerpräsidentin das gewaltsame Vorgehen der Armee gegen die Rohingya verteidigte (7).

Willkürliche Auswahl der Nobelpreis-Gebiete

Dass ein Chemiker, der seine praktische Arbeit nicht ohne eine genaue Kenntnis der physikalischen Gesetzmäßigkeiten durchführen könnte, Chemie und Physik für Königswissenschaften hält, leuchtet unmittelbar ein. Auch dass jemand, dem durch sein Hantieren mit Sprengstoff die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers überdeutlich vor Augen steht, Fortschritte auf dem Gebiet der Medizin für besonders prämiierungswürdig hält, ist nachvollziehbar.
Aber warum gibt es keinen Nobelpreis für Mathematik? Warum werden literarische Leistungen gewürdigt, nicht aber solche auf dem Gebiet der Musik oder der bildenden Kunst?
Die Antwort ist schlicht: Weil Alfred Nobel das so wollte. Die Grundlagen seiner Entscheidungen waren dabei durchweg rein subjektiver Natur. So handelt es sich bei der Nichtberücksichtigung der Mathematik offenbar um eine Art von symbolischer Rache: Nobel hatte im Privatleben mutmaßlich mehrfach Nebenbuhler, die auf diesem Gebiet tätig waren (8).
Und bei der Literatur lautet die Antwort: Nobel hätte sich in seiner Jugend gerne selbst intensiver mit der Literatur beschäftigt, wurde aber von seinem Vater zur Konzentration auf eine berufliche Tätigkeit in seinem und seiner Firma Sinne gedrängt. Auch hier haben wir es also mit einer rein subjektiven Motivation zu tun, die auf dem späten Widerstand gegen den Vater beruht.

Positivistische Ausrichtung

Niemand wird bestreiten, dass Chemie, Physik und Medizin in der Vergangenheit immer wieder bahnbrechende Erkenntnisse geliefert haben, die für die Menschheit – wie es von Nobel testamentarisch für den von ihm gestifteten Preis festgelegt worden ist – von „größtem Nutzen“ waren. Aber lässt sich dies nicht auch von Psychologie, Philosophie oder der Geschichtswissenschaft sagen? Haben Sigmund Freud, Jean-Paul Sartre oder die Historiker der französischen Annales-Schule, die den Blick von der Ereignis- auf die Mentalitäts- und Alltagsgeschichte gelenkt haben, unser Denken nicht auch bereichert und die geistige Entwicklung der Menschheit vorangebracht?
Die Beispiele zeigen, dass der Nobelpreis ganz auf dem positivistischen Weltbild des 19. Jahrhunderts fußt. Ein wirklicher „Nutzen“ wird dabei nur solchen Erkenntnissen zuerkannt, die auf empirischem Wege gewonnen worden sind und einen unmittelbaren praktischen Nutzen versprechen.
Übersehen wird dabei, dass jede empirische Forschung von bestimmten Fragestellungen ausgeht, die ihrerseits nicht vollständig aus der Auseinandersetzung mit dem empirisch fassbaren Material ableitbar sind. Wer aber diese Abhängigkeit von Vorannahmen und Interessenlagen der Forschenden ignoriert, untergräbt damit auch den Wert der empirischen Forschung. Denn die besten statistischen Auswertungsverfahren nutzen nichts, wenn die Fragestellungen auf unhaltbaren Prämissen beruhen.
Würde es einen Nobelpreis für Philosophie geben, so hätte dieser etwa Jürgen Habermas für sein 1968 erschienenes Buch Erkenntnis und Interesse verliehen werden können – womit dann ein fruchtbarer Dialog über die Dialektik dieser beiden Pole des menschlichen Geistes und damit auch über die mögliche gegenseitige Ergänzung von Geistes- und Naturwissenschaften hätte angeregt werden können.

Unzeitgemäßer Charakter des Nobelpreises

Dass der Nobelpreis in seiner gegenwärtigen Form ein Anachronismus ist, ist oben bereits angeklungen. Vier weitere Aspekte untermauern diese These:

1. Der Nobelpreis geht von der Wissenschaftswelt des 19. Jahrhunderts aus. Wissenschaftsdisziplinen, die erst später entstanden sind oder deren Bedeutung erst im Lauf des 20. Jahrhunderts zutage getreten ist, bleiben unberücksichtigt.
Vereinzelt ist versucht worden, dieses Manko zu korrigieren. Am deutlichsten ist dies im Fall der Wirtschaftswissenschaften, für die es einen von der Schwedischen Nationalbank gestifteten Preis gibt, der in Verbindung mit den anderen Nobelpreisen vergeben wird. Aus der Kritik an den blinden Flecken ist auch – wenn auch mit einer ganz anderen Stoßrichtung – der Right Livelihood Award entstanden.
Als Alternativer Nobelpreis wird der Right Livelihood Award vor allem deshalb bezeichnet, weil sein Initiator, Jakob von Uexküll, ihn ursprünglich ebenfalls mit dem regulären Nobelpreis verbinden wollte. Der Hauptfokus des Preises liegt auf Forschungen und Projekten, die uns durch ökologische oder soziale Innovationen dem Ziel einer menschenwürdigen Existenz für alle näherbringen.
Daneben gibt es natürlich noch unzählige andere angesehene Preise für einzelne Wissenschaftsdisziplinen. Sie alle sind jedoch nicht mit einer dem Nobelpreis vergleichbaren öffentlichen Aufmerksamkeit verbunden.

2. Der Nobelpreis missachtet die zunehmende Differenzierung innerhalb der einzelnen Wissenschaftsdisziplinen. Heute einen Nobelpreis für Physik zu vergeben, ist ungefähr so, als wollte man einen Preis für Obst vergeben. Astrophysik, Teilchenphysik, Quantenphysik, Optik, Festkörperphysik, Plasmaphysik, Mechanik – das alles ist Physik. Die einzelnen Bereiche berühren sich natürlich miteinander, führen jedoch mindestens ein so starkes Eigenleben wie die verschiedenen Obstsorten. Deshalb ist es auch unsinnig, einen Teilbereich stellvertretend für alle anderen mit einer Ehrung zu würdigen.

3. Ebenso wie die interne Differenzierung missachtet der Nobelpreis auch die zunehmende interdisziplinäre Ausrichtung der Forschung. Dies liegt auch daran, dass er mit seinem veralteten Bild der Wissenschaften zugleich auch auf einem veralteten Weltbild beruht. So haben die Erkenntnisse über Epigenetik (9) und das Mikrobiom im Darm die Sicht des menschlichen Körpers grundlegend verändert. Auf dieser Grundlage sind auch ganz neue Forschungsansätze entstanden, die die klassische Medizin, Biologie und Chemie miteinander verbinden.

4. Der Nobelpreis beruht auf dem Geniekult des 19. Jahrhunderts. Er geht davon aus, dass bedeutende Erkenntnisse von großen Einzelnen zuwege gebracht werden. Die Forschungsrealität sieht heute allerdings gerade in den Naturwissenschaften ganz anders aus. Bahnbrechende Forschungsleistungen werden hier grundsätzlich im Team erbracht.
So verzerrt es auch die Realität, wenn statt der gesamten Forschungsgruppe nur Personen geehrt werden, die für den Erkenntnisprozess vermeintlich besonders wichtig waren. In der Vergangenheit ist es dabei zudem immer wieder vorgekommen, dass gerade nicht die entscheidenden Forschenden, sondern deren Vorgesetzte geehrt wurden. Da es sich bei Letzteren in der Regel um Männer und bei Ersteren nicht selten um Frauen handelte, erwies sich der Nobelpreis auch als tendenziell frauenfeindlich (10).

Reformvorschläge

Das hohe Renommee, das mit dem Nobelpreis verbunden ist, hängt ganz wesentlich mit dem äußerst üppigen Preisgeld zusammen (aktuell 10 Millionen Schwedische Kronen, fast eine Million Euro). Paradoxerweise führt jedoch eben dieses hohe Renommee dazu, dass diejenigen, denen der Preis zuerkannt wird, auf das Geld gar nicht mehr angewiesen sind.
Wer den Literaturnobelpreis erhält, dessen Werke werden überall auf der Welt ins Schaufenster gestellt. Und wer den Nobelpreis in einer der Wissenschaftsdisziplinen zugesprochen bekommt, der wird fortan auch weit weniger Schwierigkeiten haben, die begehrten Drittmittel für seine Forschung einzuwerben.
Hieraus und aus dem oben Gesagten ergeben sich die folgenden Reformvorschläge:

1. Vorrang der Ehrung vor der materiellen Auszeichnung. Wir alle hätten sicher nichts dagegen, wenn unsere Arbeit durch ein zusätzliches Taschengeld gewürdigt würde. Allerdings muss dieses Taschengeld nicht gleich eine Million Euro betragen. Für die meisten von uns wäre schon ein Bruchteil davon ein sehr ordentliches Zubrot.

2. Ausweitung des Kreises der Geehrten. Die drastische Reduzierung der Preisgelder würde die Möglichkeit eröffnen, deutlich mehr Forschenden als bisher Anerkennung für ihre Leistungen zu zollen. Dadurch könnte sowohl der Binnendifferenzierung in den einzelnen Disziplinen Rechnung getragen als auch die Vielfalt der Wissenschaften stärker berücksichtigt werden. Auch in der Literatur erscheint es unerlässlich, die Ehrungen gattungsspezifisch auszusprechen, also jährliche Preise für Werke in den Bereichen Epik, Lyrik und Drama zu vergeben.

3. Veröffentlichung der Nominierungen. Wer am Ende den Nobelpreis erhält, ist auch von subjektiven Einschätzungen und Schwerpunktsetzungen der Jury abhängig. Dabei mögen – bewusst oder unbewusst – auch externe Faktoren wie die Berücksichtigung verschiedener Weltregionen oder schlicht persönliche Sympathien und Antipathien eine Rolle spielen. Deshalb ist es wichtig, die Namen der Nominierten nicht mehr wie bisher ein halbes Jahrhundert lang unter Verschluss zu  halten. Denn schon die bloße Nominierung für einen bedeutenden Preis ist ja bereits – wie die Oscar-Nominierungen zeigen – mit einem gewissen Renommee verbunden und kann als Anerkennung für das Geleistete verstanden werden.

4. Internationalisierung der Kommissionen. Angesichts der globalen Bedeutung der Nobelpreise sollten diese auch von entsprechend  multinational zusammengesetzten Kommissionen vergeben werden. Am wichtigsten erscheint dies im Falle der Literatur, wo letztlich sogar mehrere regionale Kommissionen eingerichtet werden müssten. Angesichts der Vielfalt der Sprachen und Kulturen kann der Anspruch, die Literatur der ganzen Welt im Blick zu haben, anders kaum eingelöst werden.

5. Bedarfsorientierter Umgang mit den Preisgeldern. Bislang erfolgt die Vergabe der Preisgelder nach dem Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben. Sinnvoller wäre es stattdessen, die Gelder so zu verteilen, dass sie die größtmögliche Wirkung im Sinne der Stiftung erzielen – also den größtmöglichen Nutzen für die Menschheit erbringen.
Im Falle des Friedensnobelpreises sollte auch deshalb von der Idee Abstand genommen werden, dass Frieden durch die Initiative bedeutender Einzelpersonen geschaffen werden kann. Stattdessen sollten jeweils Nichtregierungsorganisationen ausgezeichnet werden, deren Arbeit dem Ziel einer gerechteren, humaneren und friedlicheren Welt dient.
Selbst wenn pro Jahr zehn Organisationen ausgezeichnet werden sollten, würde jede einzelne von ihnen noch 100.000 Euro erhalten. Hinzu käme das erhöhte Spendenaufkommen, das durch die verstärkte Aufmerksamkeit generiert werden könnte. Auf diese Weise ließe sich ganz konkret eine Friedensdividende erzielen.
Auf den anderen Feldern könnten Förderpreise für den Nachwuchs eingerichtet werden. Auch dies würde den Nutzen des Nobelpreises erhöhen, da er dann eher eine Investition in die Zukunft darstellen würde, anstatt vergangene Leistungen zu honorieren. Arrivierte sind auf das Nobelpreis-Zubrot oft gar nicht angewiesen. Gerade in der Literatur könnte dieses – als Nachwuchspreis – jedoch die materiellen Voraussetzungen für Projekte schaffen, die ansonsten gar nicht realisierbar wären.

6. Zulassung posthumer Auszeichnungen. Die Bedeutung wissenschaftlicher Erkenntnisse und literarischer Werke wird oft erst lange nach ihrer erstmaligen Veröffentlichung offenbar. Nicht selten sind die Betreffenden dann schon verstorben. Posthume Ehrungen lassen die Statuten der Nobelpreisstiftung aber nur dann zu, wenn die Auserwählten zum Zeitpunkt der Auswahl noch am Leben sind.
Die Hall of Fame des Nobelpreises liefert daher ein verzerrtes Bild. Da Verstorbene natürlich nicht mit einer materiellen Zuwendung bedacht werden müssten, ließe sich dieses Manko kostenneutral korrigieren.

Nachweise

  1. Für Nobels Sprengstoffexperimente stütze ich mich auf den Artikel „Dynamit“ auf der Website der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte. (Im Süden des heutigen Schleswig-Holsteins – in Krümmel, heute ein Ortsteil von Geesthacht – hatte Alfred Nobel 1866 Jahre die entscheidenden Versuche zur Entwicklung des Dynamits durchführen lassen, nachdem seine Fabrik im schwedischen Helenenborg bei einer Explosion zerstört worden war.)
  2. Vgl. Rummel, Erika (Hg.): A nobel affair. The correspondence between Alfred Nobel and Sofie Hess. Toronto 2017: University of Toronto Press; Ron, Nathan: Alfred Nobel’s letters reveal his anti-semitic, chauvinistic side. In: Haaretz, 15. Juli 2018.
  3. Vgl. Berrod, Nicolas: Prix Nobel: l’inventeur des récompenses avait créé la dynamite. In: Le Parisien, 12. Oktober 2019.
  4. Nobels Glaube an die Macht der Abschreckungspolitik geht u.a. aus folgender Äußerung von ihm gegenüber Bertha von Suttner hervor: „Vielleicht werden meine Fabriken die Kriege schneller beenden als deine Friedenskongresse, denn wenn sich zwei gleich starke Armeen gegenseitig in einer Sekunde vernichten können, werden alle zivilisierten Nationen davor zurückschrecken und ihre Truppen auflösen.“ Die Äußerung findet sich in Brigitte Hamanns Biographie über Bertha von Suttner (Ein Leben für den Frieden, 1986; hier zit. nach Abrams, Irwin: Bertha von Suttner and the Nobel Peace Prize, 2005).
  5. Vgl. Feroz, Emran: Drohnenkrieg: Obamas tödliches Erbe. Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 19. Januar 2017.
  6. Vgl. RB: Entfesselte Gewalt: Der Konflikt um die äthiopische Region Tigray; rotherbaron.com, 8. September 2021 (mit weiteren Links).
  7. Vgl. Zeit online: Aung San Suu Kyi: Friedensnobelpreisträgerin verteidigt Rohingya-Vertreibung; 10. Dezember 2019.
  8. Vgl. Wolfram, Marie-Therese: Warum gibt es keinen Mathematiknobelpreis? In: Der Standard, Junge-Akademie-Blog, 20. Juni 2018.Nobels Bannstrahl traf die Mathematik freilich auch deshalb, weil er von den auszuzeichnenden Forschungen einen konkreten praktischen Nutzen erwartete; zur damit zusammenhängenden Problematik vgl. weiter unten.
  9. Eine gute Übersicht über Wesen und Bedeutung der Epigenetik findet sich auf der Website des Lungeninformationsdienstes (aktualisiert am 23. Mai 2018).
  10. Vgl. Röcker, Annika: Nobelpreise: „Frauen sind einfach weniger sichtbar“. Spektrum.de, 16. Dezember 2019. Ein berühmtes Beispiel einer Frau, der der Nobelpreis zugunsten ihrer männlichen Kollegen vorenthalten wurde, ist die Astrophysikerin Jocelyn Bell. Sie hatte als Erste Pulsare (Neutronensterne mit einer beschleunigten Rotation) entdeckt. Der Nobelpreis wurde jedoch an ihren Doktorvater Antony Hewish und dessen Kollegen Martin Ryle vergeben (vgl. den Eintrag zu Jocelyn Bell Burnell in der Encyclopaedia Britannica).

Titelbild: Wilhelm von Gloeden: Junger Mann, einen Lorbeerkranz tragend, um 1900, Musée d’Orsay (Wikimedia)

5 Kommentare

  1. Das ist ein echter „Querschuss“. Um ehrlich zu sein, ich hatte nicht die geringste Ahnung von Nobels Leben und Intention. Auch über den Preis hatte ich mir keine Gedanken gemacht. Ich glaube, so geht es den meisten Menschen. Danke für die interessanten Einblicke. Schade, dass deine Reformvorschläge nicht aufgegriffen werden.

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  2. Lieber Rother Baron, WordPress hat unter meinen vorletzten Beitrag ( Montag mit Schwuchtel) dein Like hinzugefügt. Bist du so nett und schaust ob du es dort lassen möchtest? Danke und liebe Grüße Xeniana

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