Zu dem Gedicht Modlitba za vodu (Wassergebet) des tschechischen Dichters Jan Skácel, mit einer Vertonung von Jiří Pavlica & Hradišťan
MUSIKALISCHE SOMMERREISE 2023: Tschechien
Die Kostbarkeit des Wassers wird uns in Zeiten des Klimawandels immer schmerzlicher bewusst. In seinem von der Band Hradišťan vertonten Wassergebet bringt der tschechische Dichter Jan Skácel dies auf poetische Weise zum Ausdruck.
Wassergebet
Hier haben einst die Rehe
ihre Lippen in das kühle Nass getaucht.
Den Laubfrosch nährte es an seiner Brust,
und meine Liebste labte sich daran.
Die Pilger haben hier ihr Knie gebeugt
und mit der Schale ihrer Hände
sich dem Wassersegen hingegeben.
Nun aber schwindet dieser Lebensquell.
Wassermutter, schöne Wassermutter,
deine gold’nen Locken fließen
glänzend über deine Haut.
Du weißt noch um die alten Zeiten.
Wassermutter, schöne Wassermutter,
deine Poren sind ein Spiegel, eine Brücke
in den funkelnden Palast der Sterne.
Wassermutter, bitte erblinde nicht!
Ein Hengst tritt an das Wasser,
schwarz wie ein Rabe,
wund wie die Nacht.
Weinst du, Wassermutter?
Wassermutter, dein Haar ist kraus,
deine Locken schließen sich um dich.
Wer wird nun in deinem Schoß
nach dem Ring der Sterne tauchen?
Wassermutter, du trauernde Witwe,
Wassermutter, greise Wassermutter,
Asche hast du auf dein Haupt gestreut.
Wassermutter, vermisst du uns?
Jan Skácel (1922 – 1989): Modlitba za vodu aus: Odlévání ztraceného vosku (Das Umschmelzen von Wachs; 1984). Vertonung von Jiří Pavlica & Hradišťan aus dem Album O slunovatru (1999)
Videoclip mit ländlichen Impressionen:
Videoclip mit Tanzeinlagen (Choreographie: Ladislava Košíkoá) und Konzertausschnitten:
Live-Aufnahme:
Warum die Wassermutter trauert
Die trauernde Wassermutter, deren Blick sich trübt und deren Kräfte schwinden – an was lässt uns das Bild denken?
Heute vielleicht an:
- den mutwillig zerstörten Kachowka-Staudamm in der Ukraine, dessen Wassermassen aus einem Lebenselixier in eine tödliche Waffe verwandelt worden sind;
- den Colorado River, der nicht mehr als stolzer Strom in den Golf von Kalifornien mündet, sondern im heißen Wüstensand im Grenzgebiet von Kalifornien und Arizona verdunstet;
- den Aralsee, einst viertgrößter Binnensee der Erde, von dem heute nur noch zwei kleinere Seenflächen zurückgeblieben sind, die zudem durch Versalzung ihre frühere Funktion im Ökosystem der Region verloren haben;
- den Nil, wo durch den Bau eines Staudamms durch Äthiopien am Oberlauf des Flusses ein Krieg mit Ägypten droht, dem auf diese Weise die Lebensader abgeklemmt zu werden droht;
- die ausgetrockneten Brunnen in vielen Teilen Afrikas, aber auch die Desertifikation in weiten Teilen Südeuropas, insbesondere im Süden der Iberischen Halbinsel.
Wenn aus Wasserwelten Wüsten werden
Wassernotstand, das bedeutet für uns heute eben vor allem: Wassermangel, mit der Folge verkarsteter Böden, auf denen der Regen – wenn er dann doch einmal fällt – die verbliebenen Humusreste abträgt und so per Erosion den Wandel zur Wüstenlandschaft zusätzlich vorantreibt.
Diese Mischung aus Dürre und Starkregenereignissen ist eines der zentralen Merkmale des Klimawandels. Die durch den Wassermangel geschändeten Landschaften verdanken ihren Niedergang damit gleich in mehrfacher Hinsicht der Rücksichtslosigkeit, mit der die menschliche Zivilisation sich über den Planeten ausgebreitet hat. Neben dem Klimawandel setzen ihnen auch die gewaltigen Staumauern der Wasserkraftwerke, die Abholzung der vor Austrocknung schützenden Wälder und die intensive, wasserhungrige Landwirtschaft zu.
Menschen, die ihr auf diese Weise begegnen, wird die Wassermutter sicher nicht „vermissen“ – wohl aber jene anderen Menschen, die sich um ein harmonisches Einvernehmen mit ihr bemühen und sich ihr, wie die Pilger in dem Gedicht, mit Ehrfurcht nähern.
Wasserverschmutzung zur Entstehungszeit des Gedichts
Zur Entstehungszeit des Gedichts, in den 1980er Jahren, verband man mit Wassernotstand dagegen vor allem Wasserverschmutzung. Hier hat es gerade in Europa in den vergangenen Jahren durch neue Filtertechniken und strengere Umweltvorschriften erhebliche Verbesserungen gegeben.
Viele Flüsse und Seen, die damals kurz vor dem „Umkippen“ standen, haben sich heute wieder erholt. Zwar sind viele von ihnen noch immer in enge, künstlich begradigte Betten gezwängt, was in Zeiten von Starkregenereignissen zu Überflutungsgefahren führt. Die Wasserqualität ist vielerorts aber wieder im grünen Bereich.
Dies ist auch ein Verdienst der Umweltbewegung, mit der Jan Skácel in seinem Gedicht auf seine spezielle, poetische Weise Sympathie bekundet. In den realsozialistischen Staaten war jedoch jede Form von – auch unterschwelliger – Kritik an der Industriepolitik der Regierung unerwünscht. Dies erklärt auch, warum die Werke dieses Dichters lange Jahre nur im Selbstverlag (Samizdat) herausgegeben verbreitet werden konnten.
Über Jan Skácel

Jan Skácel (1922 – 1989) war nach seinem Philosophiestudium im südtschechischen (mährischen) Brno (Brünn) zunächst im Feuilleton von Radio und Rundfunk tätig: anfangs für die Tageszeitung Rovnost (Gleichheit/Egalität), dann, von 1954 bis 1963, als Literaturredakteur für den Rundfunk. Anschließend leitete er als Chefredakteur die Kulturzeitschrift Host do domu (Hausgast).
Nachdem die Zeitschrift 1969 verboten worden war, konnte Skácel auch eigene Werke nur noch per Samizdat, also unter der Hand, veröffentlichen. Durch seine Aktivität im Kulturbetrieb und seine bis dahin bereits erschienenen fünf Gedichtbände hatte er sich jedoch bereits ein gewisses Renommee erworben.
Als er nach 1981 wieder etwas freier publizieren durfte, fanden seine Gedichte daher rasch wieder Anklang beim literarisch interessierten Publikum. Heute ist Skácel Ehrenbürger von Brno (Brünn).
Über Jiří Pavlica & Hradišťan
1950 wurde in der Stadt Uherské Hradiště im Südosten Tschechiens die Musikgruppe Hradišťan gegründet. Ihr Ziel war es zunächst, die traditionelle Volkskunst der Region zu fördern. Dazu gehörte vor allem die Pflege der Zimbalmusik, also der lokalen Hackbrettmusik. Im Mittelpunkt stand daher anfangs das Zimbal (Zymbal), ein mit Klöppeln geschlagenes Hackbrett, das – wie insbesondere die Namensvariante Cimbalom zeigt – entfernt mit dem Cembalo verwandt ist.

Mit der Zeit erweiterte die Musikgruppe ihr Repertoire und bezog auch verstärkt andere Instrumente – insbesondere Streichinstrumente – in ihre Arbeit mit ein. Auch wurden die Musikaufführungen immer häufiger mit Tanzeinlagen verbunden.
Seit Jiří Pavlica (geboren 1953 in Uherské Hradiště) im Jahr 1978 die Leitung der Gruppe übernommen hat, ist die Bemühung um eine möglichst originalgetreue Wiedergabe der Volksstücke einem kreativen Umgang mit der Tradition gewichen. Im Vordergrund steht nun eher die künstlerische Aneignung und Weiterentwicklung der Folklore.
In diesem Zusammenhang ist auch die Vertonung von Gedichten Jan Skácels zu sehen, der im unweit von Uherské Hradiště gelegenen Brno (Brünn) gewirkt hat. Auch hier steht der künstlerische Dialog mit dem vorgefundenen Material im Vordergrund, in diesem Fall das Zusammenspiel von Musik und Dichtung.
Weiterer Beitrag zu einem Gedicht von Jan Skácel in einer Vertonung von Jiří Pavlica & Hradišťan:
Die Nähe der Verstorbenen (Über das Gedicht Mrtví/Die Verstorbenen)
Bilder: Beneš Knüpfer (1844 – 1910): Nymphe auf einem Delphin; Prag, Nationalgalerie; Michal Klajban: Erinnerungsplakette für Jan Skácel in Brno (Brünn); Wikimedia commons; Vojtěch Slovák: Jiří Pavlica (links) mit seiner Musikgruppe Hradišťan bei einem Adventskonzert im osttschechischen Štípa/Zlín, November 2011 (Wikimedia commons)
Ein Kommentar