Cantiamo la crisi!

Jugend und Gesellschaftskritik in der italienischen Gegenwartsmusik

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In zahlreichen italienischen Songs der letzten Jahre ist von der „Krise“ die Rede. Gemeint ist damit zum einen die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise, zum anderen aber auch die Systemkrise, unter der Italien schon seit Jahrzehnten leidet. Die meisten Lieder legen den Schwerpunkt dabei auf die Perspektivlosigkeit, die sich aus der krisenhaften Situation im Land insbesondere für die Jugend ergibt.

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Jugend und Gesellschaftskritik in der italienischen Gegenwartsmusik

 

Bild: Die Band España Circo Este vor dem Titel ihres neuen Albums Scienze della maleducazione – ‚Wissenschaft der Ungezogenheit‘. Quelle: www.rockon.it

 

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Le Macron absolu

Auf dem Weg in den Einparteienstaat

Macron absolu gerahmt

In einer Mail an die Redaktion des Rothen Baron schreibt ein gewisser „Hugues Robert“ (sinngemäß): „Na, Baron Rouge? Da hat wohl jemand schwer danebengelegen! Ich sehe jedenfalls keine ‚cohabitation‘ am Horizont – En Marche ist auf dem Durchmarsch, Macron kann ganz nach Gusto regieren!“

Tja, was soll ich sagen? Tatsächlich habe ich mich bei meiner Einschätzung der politischen Lage in Frankreich (1) in diesem Punkt geirrt: Macron wird als Präsident nicht mit einer von anderen Parteien dominierten Nationalversammlung zusammenarbeiten müssen, die zur Partei umfunktionierte Bewegung La République En Marche wird im Parlament über die absolute Mehrheit verfügen.

Für meine Fehleinschätzung in diesem Punkt sehe ich drei Gründe – nämlich eine Unterschätzung der Wahldynamik in Bezug auf

  1. die Bedeutung des Mehrheitswahlrechts, das bei den Wahlen zur Nationalversammlung gilt. Dieses hat zur Folge, dass Macrons Partei mit einem Drittel der abgegebenen Stimmen bzw. – bei einer Wahlbeteiligung von unter 50 Prozent – einem Anteil von 16 Prozent bei den Wahlberechtigten zwei Drittel (nach manchen Prognosen sogar fast vier Fünftel) der Parlamentssitze erobern kann;
  2. den Machtinstinkt Macrons. Dieser hat ganz gezielt führende Persönlichkeiten aus dem Lager der Konservativen und der Sozialisten in seine Regierungsmannschaft eingebunden und so die von ihm überflügelten Altparteien in Befürworter und Gegner einer Zusammenarbeit mit ihm gespalten. Dadurch sind diese bei der Parlamentswahl entscheidend geschwächt worden;
  3. den Opportunismus der alten Politikergarde. Zahlreiche Vertreter der etablierten Parteien sind zu Macron übergelaufen, um die eigene politische Karriere zu retten.

Gerade der letzte Punkt zeigt, was von der Versöhnungsrhetorik Macrons – seinem Anspruch, linkes und rechtes politisches Lager zusammenzuführen – zu halten ist. De facto sind die meisten Politiker längst nicht mehr aus Überzeugung Mitglied einer bestimmten Partei. Diese ist für sie vielmehr lediglich ein Mittel zum Machterwerb. Wenn die Perspektiven dafür woanders besser sind, wechseln sie die Partei wie andere ihre Schuhe. Notfalls würden sie wohl auch der Pudel-Partei beitreten – und sich dann eben entsprechend frisieren.

Hinzu kommt, dass auch die politischen Zielsetzungen sich nicht mehr grundlegend ändern, wenn die Regierungsmehrheit von „links“ nach „rechts“ wechselt (oder umgekehrt). Beide Lager plädieren für „Reformen“ und meinen damit die Zerstörung des Sozialstaats im Interesse einer leichteren „Handlebarkeit“ der erwerbstätigen und möglichst kostengünstigen Verwaltung der nicht-erwerbstätigen Bevölkerung.

So gesehen, ist die Abschaffung der Parteien nur konsequent. Wenn diese nur noch Erfüllungsgehilfen der Wirtschaft sind und über keine Visionen für die Zukunft des Landes mehr verfügen, braucht man sie nicht mehr (2).

Inkonsequent ist es allerdings, wenn man dann an die Stelle der alten neue Parteien setzt. Eben dies ist es aber, was Macron tut. Er will ja keineswegs den Parteienstaat auflösen, sondern lediglich die Macht der alten Parteien vollständig auf sich und seine neu gegründete Präsidentenpartei vereinen. Dieser Schritt aber hat zur Folge, dass das alte Mehrparteiensystem, in dem es durch die Abwechslung verschiedener Parteien an der Macht, den Zwang zu Koalitionskompromissen und die Existenz einer Opposition wenigstens noch die Illusion einer demokratischen Kontrolle der Regierungsmacht gab, de facto durch einen Einparteienstaat ersetzt wird.

Die Entwicklung in den westlichen Ländern nähert sich damit in dieser Hinsicht den Pseudo-Parteien in autoritären Staaten wie Russland an. Analog zu einem Parteinamen wie „Unser Haus Russland“ – der mit dem Anspruch einhergeht, das ganze Volk zu repräsentieren – suggeriert auch das aus den Initialen Emmanuel Macrons gebildete Konstrukt „La République En Marche“ die vollständige Repräsentation des Volkes durch den nationalen Führer.

Längst hat der Erfolg Macrons Begehrlichkeiten in anderen Länden geweckt. So wird sich auch in Österreich die ÖVP bei den kommenden Parlamentswahlen ganz ihrem neuen, jugendlichen Führer unterordnen und als „Liste Sebastian Kurz – die neue Volkspartei“ antreten.

Problematisch ist diese Entwicklung auch deshalb, weil die entsprechenden Führer durch ihre Jugend eine Entwicklungsdynamik und einen Veränderungswillen suggerieren, dem in der Realität eine umso stärkere Zementierung des Status quo gegenübersteht. Dies lässt sich gut an Macrons Regierungsmannschaft illustrieren. Zwar entstammen die neuen Minister, wie Macron es im Wahlkampf versprochen hatte, zu einem großen Teil nicht der alten Politikerkaste. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass damit die Herrschaft der „Enarchen“ – der Absolventen der ENA (École Nationale d’Administration –’Nationale Verwaltungshochschule‘) und der anderen Elitehochschulen des Landes – durchbrochen würde. Vielmehr sind die neuen Minister in demselben elitären Netzwerk verwurzelt – nur dass sie bisher teilweise eben nicht in der Politik aktiv waren (3).

Der Erneuerungsanspruch Macrons trifft sich in diesem Punkt mit den Anti-Establishment-Parolen Donald Trumps, die am Ende ja ebenfalls in ein Kabinett der Superreichen gemündet sind. Damit läuft die Abschaffung der alten Parteien auf ein System hinaus, in dem die Wirtschaft sich die lästige Lobbyarbeit bei der Regierung erspart und die Schlüsselpositionen lieber gleich mit eigenen Leuten besetzt, die die Dinge in ihrem Sinne regeln. Und zur besseren Durchsetzbarkeit der eigenen Interessen ummäntelt man die Durchsetzung dieser Oligarchie dann mit einem Parteiennamen, der Letztere als radikale Volksherrschaft erscheinen lässt.

Links:

(1)   Vgl. RB: Der selbst ernannte Messias. Was ist von Emmanuel Macrons Präsidentschaft zu erwarten?

(2)   Vgl. RB: Volks- oder Parteienherrschaft? Wie der Parteienstaat die Demokratie untergräbt.

(3)   Vgl. Joeres, Annika: Macrons Elite. Zeit online, 19. Mai 2017.

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Hildegard und Mario

Die Europäische Zentralbank, von unten betrachtet

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Obwohl Mario Draghi in letzter Zeit kryptische Andeutungen gemacht hat, die von manchen Auguren im Sinne der eventuellen Möglichkeit eines Ausstiegs aus der ultra-lockeren Geldpolitik in ferner Zukunft gedeutet werden, hält die EZB doch bis auf weiteres hieran fest. Meine Tante Hildegard findet das gar nicht gut …

Hildegard ist eine Art Tante von mir, die in Berlin in einer Ein-Zimmer-Wohnung lebt. Vor Kurzem ist sie 80 geworden, sie bekommt 861 Euro Rente im Monat, wovon 327 Euro für die Miete abgehen, 44 Euro für den Strom, 15 Euro fürs Kabelfernsehen, 30 Euro fürs Telefon und 150 Euro für die Versicherung. Bleiben 295 Euro für die „Dinge des täglichen Bedarfs“. Und wenn ihr – wie gerade erst wieder geschehen – eine Stromnachzahlung ins Haus flattert, müssen beim „täglichen Bedarf“ eben Abstriche gemacht werden.

Mario Draghi ist – nein, kein Onkel von mir. Ich weiß auch nicht genau, was er verdient und wo er wohnt. Ich nehme jedoch an, dass sein Einkommen etwas höher ist als das meiner Tante und dass er auch etwas mehr Platz zum Wohnen hat. Deshalb stelle ich mir manchmal vor, wie die EZB-Politik wohl aussähe, wenn Hildegard und Mario mal für ein paar Wochen die Rollen tauschen würden.

Ob Mario dann wohl immer noch diese religiöse Verehrung für die 2-Prozent-Marke bei der Inflation hätte? Auf Hildegards Prioritätenliste steht sie jedenfalls nicht so weit oben. Wenn sie Geld drucken dürfte, würde sie damit wohl vor allem die Kreuzfahrtbranche fördern – sie ist ein leidenschaftlicher Traumschiff-Fan. Da sie sich Kreuzfahrten nicht leisten kann, spart sie sich einmal im Jahr ein paar Euro vom Munde ab und investiert sie in eine Butterfahrt zum Hamburger Hafen. Dort steht sie dann den ganzen Tag lang vor den schwimmenden Palästen und stellt sich vor, wie sie darauf ferne Länder erkundet, angetan wie eine Prinzessin, umschwärmt von den Männern, die sie aber alle abblitzen lässt, denn natürlich hat sie ihr Herz längst an den Kapitän verloren. Und am Ende der Reise, in einer Vollmondnacht, nach dem Captain’s Dinner, steht er dann mit ihr an der Reling und gesteht ihr, dass auch er nicht mehr ohne sie leben kann …

Ich nehme an, dass Hildegard als EZB-Präsidentin alle Sitzungen an Deck eines Kreuzfahrtschiffes abhalten würde. Allerdings hätte sie dann natürlich einen großen Beraterstab, der dafür sorgen würde, dass die neue Konferenzkultur nicht als Sinnbild für eine Abkehr von der Austeritätspolitik, sondern als „mobiles finanzpolitisches Konklave“ in die Annalen einginge.

Anruf von Mario Draghi: Er findet meine Worte polemisch. Für ihn sei „Austerität“ doch gar nicht das oberste Gebot! Auch sei seine lockere Geldpolitik keineswegs – wie ich unterstellen würde – unsozial. Sie erleichtere vielmehr insbesondere den verschuldeten Staaten Südeuropas die Kreditaufnahme an den Finanzmärkten, indem sie die Zinslast auf ein erträgliches Maß reduziere. Dies komme letztlich auch den Rentnern zugute und sei damit gerade das Fundament einer nachhaltigen Sozialpolitik.

Interessant … Dann gibt es sie also doch, die Transferunion, dieses Phantom, das über allen EZB-Sitzungen schwebt, aber immer schnell in den Schrank gesperrt wird, wenn die Fotografen kommen!

Um es hier einmal ganz deutlich zu sagen – so deutlich, dass nicht nur Herr Draghi, sondern auch Herr Schäuble es hört: Die Idee einer Transferunion, eines Finanzausgleichs zwischen reichen und armen EU-Ländern, ist nichts, was man verschämt hinter verschlossenen Türen besprechen muss. In einer Zeit, in der allerorten die Egoismen und die Nationalismen die Ideale überwuchern, von denen die Gründung der Europäischen Union einst getragen war, ist es vielmehr etwas, womit man für „Europa“ werben kann.

Allerdings wäre ich dann auch dafür, sich offen zur Transferunion zu bekennen. Dann nämlich käme niemand auf die Idee, meine alte Tante die Rechnung dafür bezahlen zu lassen. Stattdessen würden wir dann vielleicht einen neuen, europäischen Solidaritätszuschlag einführen, der sozial gestaffelt wäre, so dass meine Tante dadurch nicht belastet würde. Um den neuen vom alten Soli zu unterscheiden, könnte man ihn „Euli“ nennen – was auch insofern passen würde, als das an die Eulen erinnert, die man bekanntlich nach Athen trägt, wo ja die größte finanzielle Unterstützung benötigt wird.

Erneuter Anruf von Mario: Ich hätte da was falsch verstanden. Im Falle Griechenlands seien die Hilfsgelder in erster Linie für die Gläubiger bestimmt, bei denen die griechische Regierung sich verschuldet habe. Es gehe da eher um die Architektur der europäischen Kreditwirtschaft, die bei einer Pleite Griechenlands erschüttert werden könnte.

Rückfrage von mir: Dann ist die Griechenlandhilfe also gar nicht für die Griechen bestimmt?

Doch, meint Mario, langfristig natürlich schon. Aber hinter der Griechenlandkrise verberge sich eben eine allgemeine finanzpolitische Krise, die das europäische System der Kreditvergabe im Ganzen betreffe. Deshalb sei hier auch gar nicht primär die EZB gefordert. Das würde, witzelt er, selbst einen „Super-Mario“ überfordern. Eine Bazooka allein reiche dafür nicht aus.

Bitte etwas konkreter, Mario: Geht es jetzt um die Unterstützung Not leidender Rentner oder um die Rettung Not leidender Banken?

Das eine lasse sich vom anderen doch gar nicht trennen, belehrt mich Mario. Ohne eine gesunde Kreditwirtschaft könne es auch keine gesunde Rentenpolitik geben!

Einwand von mir: Meine Tante bekommt jedenfalls keinen Kredit bei den Banken.

Mario meint, ich müsse das große Ganze sehen, eine weitere Perspektive einnehmen. Wenn die Unternehmen leichter an frisches Geld kämen, könnten sie mehr investieren, dadurch ziehe die Konjunktur an, der Staat nehme mehr Steuern ein, und auf diese Weise sei langfristig auch ein höheres Rentenniveau möglich.

Ach, Mario! Wenn diese paradiesischen Zeiten anbrechen, ist meine Tante doch längst in ein anderes Paradies umgezogen.

Nun gut, räumt Mario ein, für den kleinen Sparer bringe die Niedrigzinspolitik natürlich gewisse Härten mit sich. Aber das gute alte Sparbuch sei doch sowieso „old-fashioned“. Der kluge Anleger investiere heute eher in Aktien. Am besten solle meine Tante sich ein Aktienpaket von Rheinmetall oder von Daimler zulegen. Militär und Autos, das gehe immer, da könne man gar nichts falsch machen.

„Meine Tante ist ein Kriegskind“, gebe ich zu bedenken. „Ich glaube kaum, dass sie am Krieg verdienen möchte.“

Mario wirkt plötzlich ein wenig indigniert – fast so, als hätte ich ihm ins Ohr gerülpst. „Dann soll sie eben VW-Aktien zeichnen“, rät er mir schließlich. „Die haben gerade eine Talsohle erreicht, da ist die Gewinnmarge am höchsten.“

„Meine Tante leidet an Asthma – und nach dem Feinstaubskandal …“

„Na gut“, fällt mir Mario, ungeduldig werdend, ins Wort. „Wie wär’s dann mit Deutsche-Bank-Aktien? Die werden nach der Einigung im US-Hypothekenstreit sicher auch wieder im Wert steigen.“

„Die Banken haben meine Tante mit ihren Dispo-Zinsen fast in den Ruin getrieben. Außerdem hat eine Nichte von ihr gerade ihren Job bei der Deutschen Bank verloren, wegen der ‚Verschlankung‘ des Unternehmens – was dem Börsenkurs wahrscheinlich nicht geschadet hat …“

Ehe Mario mir noch einen weiteren heißen Tipp geben kann, setze ich hinzu: „Meine Tante hat aber auch gar kein Geld übrig, das sie anlegen könnte – und wenn, dann bräuchte sie das als Notgroschen und könnte es nicht langfristig anlegen. Sie ist eher eine von diesen Bruttosozialprodukt-Patriotinnen, die die Konjunktur mit Geld ankurbeln, das sie gar nicht haben.“

Mario wirkt auf einmal wie ausgewechselt. Enthusiastisch ruft er mir ins Ohr: „‚Seien Sie doch froh! Dann ist Ihre Tante ja in Wahrheit eine Profiteurin der Krise!“

Also ehrlich, Mario, das ist mir jetzt zu hoch, denke ich bei mir, während ich mich höflich für das Gespräch bedanke und das Telefonat beende. Das ist doch eher wieder eine Geschichte für die nächste EZB-Märchenstunde …

 

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Hildegard und Mario

 

Bild: Copyright Diter Hoffmann (privat)
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Fome Zero!

Zehn-Punkte-Utopie zur Überwindung des Hungers

Afrikanisches Baby bekleckert sich beim Essen

„Why do the babies starve,

when there’s enough food to feed the world?“

(„Warum müssen Babys hungern, wenn genug Nahrung für alle da ist?“)

 Leider hat die Frage, die Tracy Chapman bereits 1988 in ihrem Song Why? formuliert hat, bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Noch immer reden wir über Hungerkrisen und Hungerstrukturen, noch immer leidet die Hälfte der Welt an Übergewicht, während die andere hungert. Ein Aufruf zu einem radikalen Strukturwandel.

weiterlesen:

Fome Zero

 

Bild:  Quelle: Fotolia
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Fußball als Investment

Der Fußballgott frisst seine Kinder

Young caucassian soccer player football

„Wir würden nie zum FC Bayern München gehen …“ Die Anti-Bayern-Hymne der Toten Hosen, lange Zeit das Lieblingslied aller Fußballromantiker, ist mittlerweile selbst fast Folklore geworden. Natürlich, die Bayern sind noch immer das, was sie einmal waren: die Spitze der Fresspyramide, diejenigen, die alles wegkaufen, was ihnen gefährlich werden könnte. Insofern eignen sie sich nach wie vor ganz hervorragend als Feindbild.

Aber Bayern München, das ist eben auch: Gerd Müller, der „Bomber der Nation“, Georg „Katsche“ Schwarzenbeck, der eisenharte Vorstopper, der sich einst mit einem Last-Minute-Tor im Endspiel des Landesmeister-Cups gegen Atletico Madrid unsterblich gemacht hat, der immer zu einem Späßchen aufgelegte „Maier Sepp“ und natürlich Franz Beckenbauer, der trotz und zum Teil vielleicht auch wegen seiner fehlenden Abneigung gegen das Finanzielle noch immer die Identifikationsfigur des deutschen Fußballs ist.

Mit anderen Worten: Auch bei den Bayern gab es früher echte „Typen“, deren Selbstdarstellung nicht von Rhetoriktrainern und Fernsehcoachings bestimmt war, die ihren Sport zwar ernst nahmen, aber doch immer auch deutlich machten, dass es ein Leben außerhalb des Fußballs gibt. Das schafft eine Tradition, von der auch das heutige Wirtschaftsunternehmen „FC Bayern München“ noch zehrt.

Aber Hoffenheim? Hier versucht man zwar, als „1899“ Tradition vorzutäuschen. De facto aber ist Hoffenheim: SAP, neuerdings aufgepeppt durch die penetrante Coolness eines aufstrebenden Jungtrainers. Und was die Rasenballsportler aus Leipzig anbelangt, so genügt ein Blick auf die überdimensionierten Werbebanden ihres Stadions, um zu erkennen, dass Fußball hier nur ein Mittel zum Vertrieb eines Energy-Drinks ist.

Beide Vereine haben mit demselben Konzept Erfolg: Sie konzentrieren sich auf größtenteils junge, „hungrige“ Spieler, die sie unter Anleitung ambitionierter Trainer zu einer Mannschaft mit klarem Konzept formen lassen. Ferner wurden jeweils nicht bestehende Großklubs übernommen, sondern zuvor bedeutungslose Vereine zu solchen entwickelt. Die neuen Gebilde werden dabei als Teil der Event-Kultur konzipiert und ganz gezielt dort angesiedelt, wo dafür noch eine Marktlücke besteht.

In der Investmentszene des Fußballs lassen sich damit zwei Strategien voneinander unterscheiden: Im einen Fall konzentriert man sich auf meist mäßig erfolgreiche Großstadtvereine, die dann mit Starspielern und international renommierten Trainern zum Erfolg gepusht werden. Diese Strategie ist allerdings kein Millionen-, sondern ein Milliardenspiel. Sie steht zudem stets in der Gefahr, zwischen den bestehenden Vereinsgremien zerrieben und von den Machtansprüchen der alten Clubgarde blockiert zu werden. Um erfolgreich zu sein, braucht man in diesem Fall schon Luxussöldner à la Zlatan Ibrahimovic. Ansonsten läuft man Gefahr, mit seinem Vermögen – wie beim Bundesliga-Dino aus Hamburg oder den zum Poker-Club verkommenen „Sechzigern“ aus München – nur ein Millionengrab zu schaufeln.

Langfristig erfolgreicher scheint die zweite Investment-Strategie zu sein, bei der die Vereinsstrukturen komplett vom Investor erschaffen und kontrolliert werden, bis das Investment sich amortisiert hat und die Strukturen sich von selbst tragen. Da man für jüngere, perspektivreiche Spieler zudem weniger Geld auf den Tisch legen muss, ist diese Strategie auch unter ökonomischen Aspekten sinnvoller.

Für die Fußballkultur laufen beide Strategien allerdings auf dieselbe Seelenlosigkeit hinaus: Im einen Fall verlieren die Vereine im Zuge der finanziellen Übernahme ihre Seele, im anderen Fall entwickeln sie erst gar keine. Fußballtypen wie die eingangs erwähnten sind schlicht nicht mehr möglich, wenn ein Club nur noch als Durchlauferhitzer für die Wertsteigerung von Talenten fungiert. Die Spieler sind dann im doppelten Sinne Schachbrettfiguren: Für den Investor sind sie eine Geldanlage, für das Trainerteam Bausteine im Rahmen eines bestimmten Spielkonzepts. Damit aber sind sie komplett austauschbar, und es ist völlig gleichgültig, ob man das Gebilde nun „1899“, „Rasenballsport“, „9981“ oder „Rasenkantenrasierer“ nennt.

Mit was soll man sich da identifizieren? Woher sollen die Emotionen kommen, wenn nicht aus dem Widerstand gegen diese Zerstörung des Sports durch die Fußballheuschrecken?

Es ärgert mich deshalb, wenn die Sportreporter mit ihrem gouvernantenhaften Tadel die Fans maßregeln, die sich gegen diese Entwicklung zur Wehr setzen. Wenn auch die Protestformen in manchen Fällen verbesserungswürdig sein mögen, so ist die Kritik an sich doch bedenkenswert. Natürlich ist die immer stärkere Ökonomisierung des Fußballs eine Entwicklung, die nicht von den Fußballinvestoren zu verantworten ist. Diese sind vielmehr nur das logische Resultat der immer aberwitzigeren Summen, die in Spielertransfers und -gehälter, Übertragungsrechte von Fußballspielen sowie den Werbe- und Mechandisingbereich gesteckt werden. Am Ende dieses Weges aber stünde ein völlig seelenloser Fußball, der in etwa so spannend wäre wie eine Börsenrallye. Dann wären die Fernsehsessel bei Fußballübertragungen irgendwann so leer wie heute schon die Stadien in Italien, und dann würde vielleicht auch der arbeitslos gewordene Sportreporter die Kritik der Fans endlich ernst nehmen.

Ich weiß, manch einer wird mich jetzt fragen: Was hast du eigentlich? Fußballspiele sind doch die modernen Gladiatorenkämpfe, der „Brot-und-Spiele-Zynismus“ der Neuzeit, das neue Opium des Volkes, das nur von den wahren Problemen der Gesellschaft ablenkt. Es ist doch gut, wenn so etwas sich von selbst erledigt!

Das stimmt natürlich alles. Aber der Fußball liefert eben oft auch parabelhafte Erzählungen, die manchmal mehr über das Leben aussagen als tausend Worte: über den Wert des Glaubens, der mitunter – wie zuletzt im Fall von Werder Bremen – eben doch Berge versetzen kann, über den Lohn der Treue (St. Pauli und Ewald Lienen), die Dialektik von Kollektiv und Individuum, die sich beide nur entwickeln können, wenn sie einander fördern, statt einander zu hemmen, und nicht zuletzt: über die Unvorhersehbarkeit des Lebens, die Möglichkeit, dass auch die verfahrenste Situation noch ein glückliches Ende nehmen kann, in der Nachspielzeit der Nachspielzeit, wenn längst niemand mehr an uns geglaubt hat.

Weiteres Essay zum Thema: Spiegelbild Fußball

Bild: Copyright: Pololia, Young Caucassian Soccer Player. Quelle: Fotolia
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Freiheitsboten in Flüchtlingsbooten

Der Flüchtling als Retter des Abendlandes

BrassensPapg (2)

Die leidige Leitkulturdebatte und die erneute Verschärfung des Asylrechts provozieren einen radikalen Perspektivwechsel. Deshalb hier eine  Kolumne in Zusammenarbeit mit Radio Rotherbaron, das sich zu dem Thema bei Manu Chao, Alessandro Mannarino, Georges Brassens und der russischen Band Chizh umgehört hat.

Text mit Links zu den Liedern und Übersetzungen:

Freiheitsboten in Flüchtlingsbooten

Bild: Georges Brassens mit Papagei, 1972

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Loch-Ness-Pädagogik

Wie die Inklusion mit „alternativen Fakten“ torpediert wird

Inklusion_Lernen

Die schulische Inklusion war lange Zeit von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen. Mittlerweile hat jedoch ein konservatives „Rollback“ eingesetzt. Dieses zeichnet sich durch eine beharrliche Verweigerung gegenüber Forschungsergebnissen und der Praxis des gemeinsamen Unterrichts an zahlreichen Schulen aus, welche die Überlegenheit inklusiver Bildung gegenüber herkömmlichen Unterrichtsformen belegen.

Ganzen Text lesen:

Loch-Ness-Pädagogik

 

 

Bild: Gemeinsames Lernen (2012). Fotograf: Dominik Schmitz/LVR-ZMB (Zentrum für Medien und Bildung). Aus der Filmreihe: Auf dem Weg zur inklusiven Schule. Quelle: http://www.medien-und-bildung.lvr.de/de/produktion/projekte_2/nachtaufnahmen__foto_/inklusion_6/standardseite_16.html
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Der selbst ernannte Messias

Was ist von Emmanuel Macrons Präsidentschaft zu erwarten?

 

France, French colored rooster with big tail

Einige Aspekte seiner Auftritte und seines Programms wecken Zweifel an der politischen Gestaltungskraft des künftigen französischen Präsidenten.

Meine Analyse dazu:

Text Macron

 

 

Bild:  Copyright: Zarya Maxim, Quelle: Fotolia
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Zwangsmaßnahmen gegen Zwangsehen?

Anmerkungen zum geplanten Gesetz gegen Kinderehen

Mädchen am Strand von Essaouira, Marokko

Leila war erst 15, als sie mit Mustafa verheiratet wurde. Ihre Eltern hatten ihn für sie ausgesucht, er war fünf Jahre älter als sie, und obwohl sie ihn bis zur Hochzeit kaum kannte, gefiel er ihr doch recht gut. Er war gepflegt, er begegnete ihr mit Achtung, und so erfüllte sie ganz selbstverständlich ihre ehelichen Pflichten.

Richtig vertraut wurde Mustafa ihr aber erst, als sie sich mit ihm auf die Flucht machte, als sie gemeinsam aufbrachen zu diesem fernen, unbekannten Kontinent namens Europa, in dem es, wie ihre Eltern ihr versichert hatten, jeden Tag warmes Wasser und genug zu essen für alle gab. Diese Flucht nämlich war der Hauptgrund dafür gewesen, dass ihre Eltern auf die Hochzeit gedrängt hatten. In ihrer Heimat herrschte Krieg, und sie wollten, dass wenigstens ihre jüngste Tochter das Inferno überlebte und anderswo den Keim ihrer Familie am Leben erhalten könnte.

Auf der Flucht zeigte Mustafa sich Leila gegenüber als wahrhaft ritterlicher Beschützer. Er wies die Schlepper zurecht, als sie ihr zu nahe kamen, er verschaffte ihr einen sicheren Platz auf dem Schiff, auf dem sie das Meer überquerten, er überließ ihr die kärglichen Reste, als ihr Proviant zur Neige ging. Und als sie endlich in Europa angekommen waren, war er es, der mit seinen spärlichen Englischkenntnissen die Verhandlungen mit den Behörden führte. Am Ende – Leila hätte nicht selbst nicht mehr genau sagen können, wie – landeten sie in Deutschland, einem sehr sauberen, sehr reichen Land, in dem die Menschen auf Leila aber dennoch einen seltsam mürrischen Eindruck machten.

Sie hatten in Deutschland einen entfernten Verwandten, bei dem wollten sie zunächst unterkommen. Dann aber, als sie auf irgendeinem Amt ihre Papiere vorzeigen mussten, machte der Mann hinter dem Schreibtisch auf einmal eine Bemerkung, die Mustafa völlig aus der Fassung brachte. Leila sah ihn erschrocken an, aber er reagierte gar nicht darauf, sondern redete nur noch wie von Sinnen auf den fremden Mann ein. Dessen Gesichtsausdruck wechselte von mürrisch zu abweisend und von abweisend zu versteinert, bis er schließlich zwei andere Männer zu Hilfe rief.

Die Herbeigerufenen führten den sich heftig wehrenden Mustafa ab – wohin, wusste Leila nicht. Sie klammerte sich an ihn, sie war doch völlig hilflos in dem fremden Land, aber die Männer hielten sie zurück und zwangen sie, die nun vor Verzweiflung zu schluchzen begann, in einen Stuhl. Von dort holte sie kurz darauf eine mitleidig blickende Frau ab, die sie in ein Heim für unbegleitete Minderjährige brachte. Auf ihre Frage, wo Mustafa sei, wann sie ihn wiedersehen könne und warum sie voneinander getrennt worden seien, erhielt sie keine Antwort. Ob die Frau ihre Sprache nicht verstand oder es nicht fertigbrachte, ihr die Wahrheit zu sagen, konnte sie nicht herausfinden.

 

Zugegeben: Alles frei erfunden. Genau so aber könnte es sich abspielen, wenn Ehen von Minderjährigen in Deutschland demnächst – im Falle von über 16-Jährigen – von Familiengerichten überprüft oder gar – bei unter 16-Jährigen – unterschiedslos annulliert werden. Natürlich können wir uns in Deutschland nicht einfach die Eheschließungspraktiken anderer Länder aufzwingen lassen. Natürlich müssen wir darauf achten, dass Familienverhältnisse, in denen die Frau zu einer Bediensteten und Gebärmaschine herabgewürdigt wird, nicht auf Deutschland übertragen werden. Natürlich muss jede Heranwachsende, die nach Deutschland kommt, zunächst einmal das Recht auf einen Schulbesuch und auf eine Berufsausbildung erhalten.

Die Frage ist aber, wie man dieses Ziel am besten erreichen kann. Der von der Bundesregierung eingeschlagene Weg antwortet auf Zwangsehen mit einem Zwangsgesetz. Aber kann man jemanden zu seiner Freiheit zwingen? Wie wird Leila wohl reagieren, wenn sie begriffen hat, dass man ihre Ehe mit Mustafa für ungültig erklärt hat? Wird das nicht eher eine Trotzreaktion in ihr auslösen? Wird sie nicht, sobald sie volljährig ist, erneut eine Ehe mit Mustafa eingehen? Und besteht dann nicht erst recht die Gefahr, dass sie ihre Freiheit verliert – bzw. diese gar nicht erst entdeckt?

Ob es uns gefällt oder nicht: Wenn wir Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, helfen wollen, müssen wir uns zunächst einmal auf ihre Situation einlassen. Dazu gehört auch das Normengefüge, in das sie hineingeboren worden sind. Nach den traumatischen Erlebnissen infolge von Krieg und Flucht muss man ihnen die nötige Zeit lassen, um sich an die Gegebenheiten am Zielort ihrer Reise zu gewöhnen. Wer sie per Gesetz zwingen will, ihr altes Denken abzulegen wie einen schmutzigen Mantel, erreicht das Gegenteil.

Das heißt natürlich nicht, dass wir die Etablierung streng patriarchalischer Familienverhältnisse bei uns dulden können. Ich meine jedoch, dass sich einer solchen Entwicklung eher vorbeugen lässt, wenn wir auf die Menschen zugehen, ihnen Hilfe anbieten und Überzeugungsarbeit leisten, anstatt ihnen mit Zwangsmaßnahmen zu begegnen, die ihre traumatischen Ängste verstärken können und sie aus purem Selbstschutz an den vertrauten Denk- und Handlungsmustern festhalten lassen.

Anstelle des geplanten Gesetzes hätte ich mir daher die folgende Vorgehensweise gewünscht:

 

  1. Einrichtung spezieller Kurse für verheiratete Minderjährige, in denen die jungen Frauen unter Anleitung bereits in Deutschland heimischer Frauen aus ihrem Kulturkreis allmählich an die Gepflogenheiten ihrer neuen Heimat herangeführt werden;
  2. Benennung von Vertrauensfrauen, an welche die Minderjährigen sich im Konfliktfall wenden können; dabei auch Bereitstellung eines speziellen Notfallhandys;
  3. Einrichtung von Intensivkursen zur Vorbereitung auf den regulären Schulbesuch; so früh wie möglich Anbahnung von Kontakten zu Einheimischen;
  4. Seminare für die Ehemänner der minderjährigen Frauen, in denen nicht nur deren Rechte erläutert, sondern auch in Rollenspielen das eigene Selbstverständnis als Mann und der Umgang mit den Ehefrauen auf den Prüfstand gestellt werden (wobei manch einer jetzt wohl einwenden mag, dass derartige Seminare auch einigen deutschen Männern nicht schaden könnten).

 

Klar ist natürlich auch, dass bei allem Entgegenkommen und Moderieren und Erklären die Freiheitsrechte der modernen Demokratie hier ebenso wenig verhandelbar sind wie bei jedem anderen Fall von Gewalt in der Ehe, Stalking oder Erpressung. Erst der Dialog verleiht uns jedoch die moralische Legitimation, den Ermöglichungsbedingungen von Freiheit notfalls auch mit Zwang zur Geltung zu verhelfen. Denn wie können wir von jemandem verlangen, die Freiheitsrechte anderer zu achten, wenn wir seine eigene Freiheit vom ersten Augenblick an beschneiden und ihm eine Grundvoraussetzung demokratischer Kultur – den Dialog – verweigern?

 

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„Unser“ Erdoğan ist auch „Euer“ Erdoğan

Ein Brief von Rodi Kızıl zum Türkei-Referendum

Türkische Gastarbeiter

Liebe Landsleute!

Das heißt … Darf ich Euch überhaupt noch als „Landsleute“ ansprechen? Jetzt, nachdem wir „Deutsch-Türken“ zu 63 Prozent für die Diktatur gestimmt haben?

Wenn Ihr’s genau wissen wollt: Ich selbst habe nicht dafür gestimmt. Aber spielt das für Euch überhaupt eine Rolle? Sind wir jetzt, nachdem wir in Euren Augen „versagt“ und uns nicht als wahre „Verfassungspatrioten“ gezeigt haben, für Euch nicht wieder alle bloß „die Türken“?

Genau genommen ändert sich dadurch für uns ja auch gar nichts. Ihr habt uns ja seit unserer Ankunft in Deutschland immer nur als „Türken“ wahrgenommen. Erst als Erdoğan uns als nützliches Stimmvieh entdeckt und begonnen hat, uns als „türkische Brüder und Schwestern in Deutschland“ zu vereinnahmen, habt auch Ihr plötzlich das „Deutsche“ an den „Deutsch-Türken“ entdeckt. Da sollten wir uns auf einmal ganz auf den Boden der deutschen Verfassung stellen und uns als wehrhafte Demokraten dem Autokraten Erdoğan in den Weg stellen.

Aber, mit Verlaub gesagt: „Unsere“ Demokratie war das eigentlich nie. Wenn man meinen Vater gefragt hat, was charakteristisch sei für die Deutschen, sagte er wie auf Knopfdruck: „fleißig“ und „ordentlich“. Aber „demokratisch“? Die Demokratie war für meinen Vater immer die Demokratie der anderen. Wenn er versuchte, sich an die deutsche Kultur anzupassen, bemühte er sich eben, „fleißig“ und „ordentlich“ zu sein. Wer aber in Deutschland regierte, wer über sein Geschick bestimmte, das lag nicht in seiner Hand – denn an den Wahlen durfte er ja nicht teilnehmen.

Natürlich könnte man jetzt sagen: Er hätte sich ja auch selbst mehr anstrengen können, dazuzugehören, sich in die deutsche Kultur hineinzuleben, ein Teil davon zu werden. Aber dazu hätten eben auch die anderen, die stolzen Träger dieser Kultur, ihm etwas mehr entgegenkommen müssen. In all den Jahren ist mein Vater nie von seinen deutschen Arbeitskollegen eingeladen worden. Einmal haben sie ihn zum Karneval mitgenommen. Ich weiß noch, wie er danach zu meiner Mutter gesagt hat: „Stell dir vor, die Deutschen salutieren, wenn sie lustig sein wollen!“

Nein, da trafen wirklich keine Seelenverwandten aufeinander! Es hätte ganz anderer Bemühungen bedurft, um sich aufeinander zuzubewegen, einander besser zu verstehen. So aber blieb mein Vater unter seinesgleichen. Auch ich, der ich in Deutschland aufgewachsen bin, bin so in eine türkische Welt hineingewachsen.

Erschwerend kam für mich hinzu, dass ich zwei ältere Geschwister habe. Das hat zum einen dazu geführt, dass ich nicht außer Haus gehen musste, um Spielkameraden zu finden. Zum anderen hat es in der Schule aber auch sofort geheißen: „Aha – noch einer aus dem Hause Kızıl!“ – was meinen Eltern die Empfehlung einbrachte, mich doch am besten gleich auf der Sonderschule anzumelden, weil ich, der vermeintliche Lernschwächling, dort angeblich viel besser gefördert würde.

Ja, ich habe Eure Dummenschule trotz allem gut überstanden, ich habe danach sogar noch einen Hauptschulabschluss gemacht und eine Lehrstelle gefunden. Aber ich hatte immer das Gefühl, mir das alles erkämpfen zu müssen wie etwas, das mir, dem „Türken“, eigentlich nicht zusteht.

Eine Zeitlang habe ich dann von Europa geträumt. Ich dachte, dass in einem geeinten Europa auch ich als „Türke“, der längst kein richtiger Türke mehr war, endlich einen Platz hätte, dass ich ganz selbstverständlich zur großen Völkerfamilie dazugehören würde und dieselben Rechte hätte wie alle anderen.

Aber dann waren „die Türken“ ja auch in der EU wieder für alles nicht gut genug. Nicht demokratisch genug, nicht transparent genug, nicht wirtschaftsfreundlich genug, nicht europäisch genug. Auch hier hat man uns über Jahrzehnte hinweg immer wieder mit „ungenügend“ bewertet. So waren wir in der europäischen Völkerfamilie die Parias, in Deutschland Menschen zweiter Klasse, und in der Türkei die „almancılar“, die auch nicht richtig dazugehörten. In unserer anatolischen Heimat schwang dabei immer auch ein wenig Neid, vielleicht sogar Bewunderung mit – schließlich profitierten dort ja auch andere von dem relativen Reichtum, den wir in unsere alte Heimat trugen. In Istanbul aber sprach aus dem Begriff eher die Verachtung für jene Mitbürger, die man schlicht für zu dumm hielt, um es in der Türkei zu etwas bringen – die sich also gewissermaßen ans Ausland verkaufen mussten, um zu bescheidenem Wohlstand zu gelangen.

Ich muss gestehen, dass ich in dieser Situation auch zeitweilig mit Erdoğan sympathisiert habe. Das war endlich mal jemand, der uns wertschätzte, einer von uns, keiner aus der kemalistischen Elite, die uns immer ein wenig von oben herab behandelt hatte. Hinzu kam, dass auch unser Kulturverein eine positive Einstellung zu unserem neuen Führer förderte. Es gab dort sogar einige, die meinten, Erdoğan wäre genau der Richtige, um die deutschen Tugenden auch in der Türkei zur Geltung zu bringen, indem er dort endlich mal für „Ordnung“ und „Disziplin“ sorgen würde. (Und jetzt tut bitte nicht so, als würde bei Euch jeder das „Deutschsein“ mit „Demokratie“ und „Menschenrechten“ identifizieren!) Auch für unsere Türkischlehrer und unsere Imame stand außer Frage, dass Erdoğan für die Türkei eine Art Heilsbringer ist.

Wenn Ihr jetzt missbilligend den Kopf schüttelt, kann ich nur sagen: Selber schuld! Ihr habt doch jahrelang ganz bewusst eine Vogel-Strauß-Politik betrieben, nach dem Motto: „Türkische Kultur? Islam? Das gibt es bei uns nicht, das wollen wir bei uns nicht haben!“ Also habt Ihr es anderen überlassen, zu definieren, was „türkische Kultur“ bedeutet und wie der Koran auszulegen ist. Erdoğan und seine Autokratie sind deshalb zum Teil auch ein Produkt Eures Umgangs mit uns. Hättet Ihr uns frühzeitig eine echte Heimat in Eurer Demokratie gegeben, hättet Ihr diese für uns geöffnet, so hätte der Totengräber der türkischen Demokratie jetzt nicht so reiche Ernte unter uns gehalten – und dann hätte er jetzt vielleicht auch keine Mehrheit für die Einführung seiner Ein-Mann-Herrschaft erhalten.

Was geschehen ist, ist geschehen und nicht wiedergutzumachen. Die, die Ihr über Jahre hinweg vor den Kopf gestoßen habt, werdet Ihr weder mit dem Zuckerbrot verbesserter Integrationsmaßnahmen noch mit der Peitsche besserwisserischer Belehrungen für Euch gewinnen können. Wenn Ihr heute das Ruder herumreißen wollt, so ist das ein Generationenprojekt. Umso wichtiger ist es aber, dass Ihr jetzt nicht wieder so halbherzig agiert wie bisher, sondern mit jener Entschlossenheit, die Ihr sonst so gerne an Euch rühmt.

Letztlich hat Erdoğan Euch ja sogar den Weg gewiesen, den Ihr einschlagen müsst. So, wie er uns Deutsch-Türken als türkische Exklave in Deutschland vereinnahmt hat, könnt Ihr die deutsch-türkische Gemeinde darin bestärken, ein Vorbild für eine andere, demokratischere Türkei zu werden, und auch für einen aufgeklärten, antifundamentalistischen Islam. Dafür müsst Ihr allerdings endlich nicht nur mit Worten anerkennen, dass beides – die türkische Kultur und der Islam – mittlerweile ein Teil von Deutschland ist. Vielmehr müsst Ihr auch dementsprechend handeln, also Lehrer für türkische Sprache und Kultur sowie für Islamkunde ausbilden und diesen Aspekten auch einen festen Platz im Unterricht an Euren Schulen einräumen.

Dies bedeutet allerdings zugleich, dass Ihr in den Beziehungen zur Türkei konsequent den Dialog mit der Opposition suchen und diese in ihrem Kampf gegen das Sultanat Erdoğans stärken müsst. Wenn Ihr weiterhin mit einem Tyrannen kungelt, der seine Gegner nicht nur wegsperren, sondern sie durch die Einführung der Todesstrafe demnächst auch noch physisch vernichten will, müsst Ihr Euch nicht wundern, dass in Deutschland die Demokraten nicht an den Bäumen wachsen.

Mit demokratischen Grüßen

Euer Rodi Kızıl

Bild: © picture-alliance, Beynelmilel. Mit dem Zug ins Ruhrgebiet: Der Tabakzüchter Mehmet Ali aus Bademli, einem kleinen Ort bei Izmir, fährt im Februar 1966 als letzter Mann seines Dorfes nach Deutschland, um dort zu arbeiten. Entnommen von: http://www.bpb.de/internationales/europa/tuerkei/184981/gastarbeit

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