Zwangsmaßnahmen gegen Zwangsehen?

Anmerkungen zum geplanten Gesetz gegen Kinderehen

Mädchen am Strand von Essaouira, Marokko

Leila war erst 15, als sie mit Mustafa verheiratet wurde. Ihre Eltern hatten ihn für sie ausgesucht, er war fünf Jahre älter als sie, und obwohl sie ihn bis zur Hochzeit kaum kannte, gefiel er ihr doch recht gut. Er war gepflegt, er begegnete ihr mit Achtung, und so erfüllte sie ganz selbstverständlich ihre ehelichen Pflichten.

Richtig vertraut wurde Mustafa ihr aber erst, als sie sich mit ihm auf die Flucht machte, als sie gemeinsam aufbrachen zu diesem fernen, unbekannten Kontinent namens Europa, in dem es, wie ihre Eltern ihr versichert hatten, jeden Tag warmes Wasser und genug zu essen für alle gab. Diese Flucht nämlich war der Hauptgrund dafür gewesen, dass ihre Eltern auf die Hochzeit gedrängt hatten. In ihrer Heimat herrschte Krieg, und sie wollten, dass wenigstens ihre jüngste Tochter das Inferno überlebte und anderswo den Keim ihrer Familie am Leben erhalten könnte.

Auf der Flucht zeigte Mustafa sich Leila gegenüber als wahrhaft ritterlicher Beschützer. Er wies die Schlepper zurecht, als sie ihr zu nahe kamen, er verschaffte ihr einen sicheren Platz auf dem Schiff, auf dem sie das Meer überquerten, er überließ ihr die kärglichen Reste, als ihr Proviant zur Neige ging. Und als sie endlich in Europa angekommen waren, war er es, der mit seinen spärlichen Englischkenntnissen die Verhandlungen mit den Behörden führte. Am Ende – Leila hätte nicht selbst nicht mehr genau sagen können, wie – landeten sie in Deutschland, einem sehr sauberen, sehr reichen Land, in dem die Menschen auf Leila aber dennoch einen seltsam mürrischen Eindruck machten.

Sie hatten in Deutschland einen entfernten Verwandten, bei dem wollten sie zunächst unterkommen. Dann aber, als sie auf irgendeinem Amt ihre Papiere vorzeigen mussten, machte der Mann hinter dem Schreibtisch auf einmal eine Bemerkung, die Mustafa völlig aus der Fassung brachte. Leila sah ihn erschrocken an, aber er reagierte gar nicht darauf, sondern redete nur noch wie von Sinnen auf den fremden Mann ein. Dessen Gesichtsausdruck wechselte von mürrisch zu abweisend und von abweisend zu versteinert, bis er schließlich zwei andere Männer zu Hilfe rief.

Die Herbeigerufenen führten den sich heftig wehrenden Mustafa ab – wohin, wusste Leila nicht. Sie klammerte sich an ihn, sie war doch völlig hilflos in dem fremden Land, aber die Männer hielten sie zurück und zwangen sie, die nun vor Verzweiflung zu schluchzen begann, in einen Stuhl. Von dort holte sie kurz darauf eine mitleidig blickende Frau ab, die sie in ein Heim für unbegleitete Minderjährige brachte. Auf ihre Frage, wo Mustafa sei, wann sie ihn wiedersehen könne und warum sie voneinander getrennt worden seien, erhielt sie keine Antwort. Ob die Frau ihre Sprache nicht verstand oder es nicht fertigbrachte, ihr die Wahrheit zu sagen, konnte sie nicht herausfinden.

 

Zugegeben: Alles frei erfunden. Genau so aber könnte es sich abspielen, wenn Ehen von Minderjährigen in Deutschland demnächst – im Falle von über 16-Jährigen – von Familiengerichten überprüft oder gar – bei unter 16-Jährigen – unterschiedslos annulliert werden. Natürlich können wir uns in Deutschland nicht einfach die Eheschließungspraktiken anderer Länder aufzwingen lassen. Natürlich müssen wir darauf achten, dass Familienverhältnisse, in denen die Frau zu einer Bediensteten und Gebärmaschine herabgewürdigt wird, nicht auf Deutschland übertragen werden. Natürlich muss jede Heranwachsende, die nach Deutschland kommt, zunächst einmal das Recht auf einen Schulbesuch und auf eine Berufsausbildung erhalten.

Die Frage ist aber, wie man dieses Ziel am besten erreichen kann. Der von der Bundesregierung eingeschlagene Weg antwortet auf Zwangsehen mit einem Zwangsgesetz. Aber kann man jemanden zu seiner Freiheit zwingen? Wie wird Leila wohl reagieren, wenn sie begriffen hat, dass man ihre Ehe mit Mustafa für ungültig erklärt hat? Wird das nicht eher eine Trotzreaktion in ihr auslösen? Wird sie nicht, sobald sie volljährig ist, erneut eine Ehe mit Mustafa eingehen? Und besteht dann nicht erst recht die Gefahr, dass sie ihre Freiheit verliert – bzw. diese gar nicht erst entdeckt?

Ob es uns gefällt oder nicht: Wenn wir Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, helfen wollen, müssen wir uns zunächst einmal auf ihre Situation einlassen. Dazu gehört auch das Normengefüge, in das sie hineingeboren worden sind. Nach den traumatischen Erlebnissen infolge von Krieg und Flucht muss man ihnen die nötige Zeit lassen, um sich an die Gegebenheiten am Zielort ihrer Reise zu gewöhnen. Wer sie per Gesetz zwingen will, ihr altes Denken abzulegen wie einen schmutzigen Mantel, erreicht das Gegenteil.

Das heißt natürlich nicht, dass wir die Etablierung streng patriarchalischer Familienverhältnisse bei uns dulden können. Ich meine jedoch, dass sich einer solchen Entwicklung eher vorbeugen lässt, wenn wir auf die Menschen zugehen, ihnen Hilfe anbieten und Überzeugungsarbeit leisten, anstatt ihnen mit Zwangsmaßnahmen zu begegnen, die ihre traumatischen Ängste verstärken können und sie aus purem Selbstschutz an den vertrauten Denk- und Handlungsmustern festhalten lassen.

Anstelle des geplanten Gesetzes hätte ich mir daher die folgende Vorgehensweise gewünscht:

 

  1. Einrichtung spezieller Kurse für verheiratete Minderjährige, in denen die jungen Frauen unter Anleitung bereits in Deutschland heimischer Frauen aus ihrem Kulturkreis allmählich an die Gepflogenheiten ihrer neuen Heimat herangeführt werden;
  2. Benennung von Vertrauensfrauen, an welche die Minderjährigen sich im Konfliktfall wenden können; dabei auch Bereitstellung eines speziellen Notfallhandys;
  3. Einrichtung von Intensivkursen zur Vorbereitung auf den regulären Schulbesuch; so früh wie möglich Anbahnung von Kontakten zu Einheimischen;
  4. Seminare für die Ehemänner der minderjährigen Frauen, in denen nicht nur deren Rechte erläutert, sondern auch in Rollenspielen das eigene Selbstverständnis als Mann und der Umgang mit den Ehefrauen auf den Prüfstand gestellt werden (wobei manch einer jetzt wohl einwenden mag, dass derartige Seminare auch einigen deutschen Männern nicht schaden könnten).

 

Klar ist natürlich auch, dass bei allem Entgegenkommen und Moderieren und Erklären die Freiheitsrechte der modernen Demokratie hier ebenso wenig verhandelbar sind wie bei jedem anderen Fall von Gewalt in der Ehe, Stalking oder Erpressung. Erst der Dialog verleiht uns jedoch die moralische Legitimation, den Ermöglichungsbedingungen von Freiheit notfalls auch mit Zwang zur Geltung zu verhelfen. Denn wie können wir von jemandem verlangen, die Freiheitsrechte anderer zu achten, wenn wir seine eigene Freiheit vom ersten Augenblick an beschneiden und ihm eine Grundvoraussetzung demokratischer Kultur – den Dialog – verweigern?

 

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„Unser“ Erdoğan ist auch „Euer“ Erdoğan

Ein Brief von Rodi Kızıl zum Türkei-Referendum

Türkische Gastarbeiter

Liebe Landsleute!

Das heißt … Darf ich Euch überhaupt noch als „Landsleute“ ansprechen? Jetzt, nachdem wir „Deutsch-Türken“ zu 63 Prozent für die Diktatur gestimmt haben?

Wenn Ihr’s genau wissen wollt: Ich selbst habe nicht dafür gestimmt. Aber spielt das für Euch überhaupt eine Rolle? Sind wir jetzt, nachdem wir in Euren Augen „versagt“ und uns nicht als wahre „Verfassungspatrioten“ gezeigt haben, für Euch nicht wieder alle bloß „die Türken“?

Genau genommen ändert sich dadurch für uns ja auch gar nichts. Ihr habt uns ja seit unserer Ankunft in Deutschland immer nur als „Türken“ wahrgenommen. Erst als Erdoğan uns als nützliches Stimmvieh entdeckt und begonnen hat, uns als „türkische Brüder und Schwestern in Deutschland“ zu vereinnahmen, habt auch Ihr plötzlich das „Deutsche“ an den „Deutsch-Türken“ entdeckt. Da sollten wir uns auf einmal ganz auf den Boden der deutschen Verfassung stellen und uns als wehrhafte Demokraten dem Autokraten Erdoğan in den Weg stellen.

Aber, mit Verlaub gesagt: „Unsere“ Demokratie war das eigentlich nie. Wenn man meinen Vater gefragt hat, was charakteristisch sei für die Deutschen, sagte er wie auf Knopfdruck: „fleißig“ und „ordentlich“. Aber „demokratisch“? Die Demokratie war für meinen Vater immer die Demokratie der anderen. Wenn er versuchte, sich an die deutsche Kultur anzupassen, bemühte er sich eben, „fleißig“ und „ordentlich“ zu sein. Wer aber in Deutschland regierte, wer über sein Geschick bestimmte, das lag nicht in seiner Hand – denn an den Wahlen durfte er ja nicht teilnehmen.

Natürlich könnte man jetzt sagen: Er hätte sich ja auch selbst mehr anstrengen können, dazuzugehören, sich in die deutsche Kultur hineinzuleben, ein Teil davon zu werden. Aber dazu hätten eben auch die anderen, die stolzen Träger dieser Kultur, ihm etwas mehr entgegenkommen müssen. In all den Jahren ist mein Vater nie von seinen deutschen Arbeitskollegen eingeladen worden. Einmal haben sie ihn zum Karneval mitgenommen. Ich weiß noch, wie er danach zu meiner Mutter gesagt hat: „Stell dir vor, die Deutschen salutieren, wenn sie lustig sein wollen!“

Nein, da trafen wirklich keine Seelenverwandten aufeinander! Es hätte ganz anderer Bemühungen bedurft, um sich aufeinander zuzubewegen, einander besser zu verstehen. So aber blieb mein Vater unter seinesgleichen. Auch ich, der ich in Deutschland aufgewachsen bin, bin so in eine türkische Welt hineingewachsen.

Erschwerend kam für mich hinzu, dass ich zwei ältere Geschwister habe. Das hat zum einen dazu geführt, dass ich nicht außer Haus gehen musste, um Spielkameraden zu finden. Zum anderen hat es in der Schule aber auch sofort geheißen: „Aha – noch einer aus dem Hause Kızıl!“ – was meinen Eltern die Empfehlung einbrachte, mich doch am besten gleich auf der Sonderschule anzumelden, weil ich, der vermeintliche Lernschwächling, dort angeblich viel besser gefördert würde.

Ja, ich habe Eure Dummenschule trotz allem gut überstanden, ich habe danach sogar noch einen Hauptschulabschluss gemacht und eine Lehrstelle gefunden. Aber ich hatte immer das Gefühl, mir das alles erkämpfen zu müssen wie etwas, das mir, dem „Türken“, eigentlich nicht zusteht.

Eine Zeitlang habe ich dann von Europa geträumt. Ich dachte, dass in einem geeinten Europa auch ich als „Türke“, der längst kein richtiger Türke mehr war, endlich einen Platz hätte, dass ich ganz selbstverständlich zur großen Völkerfamilie dazugehören würde und dieselben Rechte hätte wie alle anderen.

Aber dann waren „die Türken“ ja auch in der EU wieder für alles nicht gut genug. Nicht demokratisch genug, nicht transparent genug, nicht wirtschaftsfreundlich genug, nicht europäisch genug. Auch hier hat man uns über Jahrzehnte hinweg immer wieder mit „ungenügend“ bewertet. So waren wir in der europäischen Völkerfamilie die Parias, in Deutschland Menschen zweiter Klasse, und in der Türkei die „almancılar“, die auch nicht richtig dazugehörten. In unserer anatolischen Heimat schwang dabei immer auch ein wenig Neid, vielleicht sogar Bewunderung mit – schließlich profitierten dort ja auch andere von dem relativen Reichtum, den wir in unsere alte Heimat trugen. In Istanbul aber sprach aus dem Begriff eher die Verachtung für jene Mitbürger, die man schlicht für zu dumm hielt, um es in der Türkei zu etwas bringen – die sich also gewissermaßen ans Ausland verkaufen mussten, um zu bescheidenem Wohlstand zu gelangen.

Ich muss gestehen, dass ich in dieser Situation auch zeitweilig mit Erdoğan sympathisiert habe. Das war endlich mal jemand, der uns wertschätzte, einer von uns, keiner aus der kemalistischen Elite, die uns immer ein wenig von oben herab behandelt hatte. Hinzu kam, dass auch unser Kulturverein eine positive Einstellung zu unserem neuen Führer förderte. Es gab dort sogar einige, die meinten, Erdoğan wäre genau der Richtige, um die deutschen Tugenden auch in der Türkei zur Geltung zu bringen, indem er dort endlich mal für „Ordnung“ und „Disziplin“ sorgen würde. (Und jetzt tut bitte nicht so, als würde bei Euch jeder das „Deutschsein“ mit „Demokratie“ und „Menschenrechten“ identifizieren!) Auch für unsere Türkischlehrer und unsere Imame stand außer Frage, dass Erdoğan für die Türkei eine Art Heilsbringer ist.

Wenn Ihr jetzt missbilligend den Kopf schüttelt, kann ich nur sagen: Selber schuld! Ihr habt doch jahrelang ganz bewusst eine Vogel-Strauß-Politik betrieben, nach dem Motto: „Türkische Kultur? Islam? Das gibt es bei uns nicht, das wollen wir bei uns nicht haben!“ Also habt Ihr es anderen überlassen, zu definieren, was „türkische Kultur“ bedeutet und wie der Koran auszulegen ist. Erdoğan und seine Autokratie sind deshalb zum Teil auch ein Produkt Eures Umgangs mit uns. Hättet Ihr uns frühzeitig eine echte Heimat in Eurer Demokratie gegeben, hättet Ihr diese für uns geöffnet, so hätte der Totengräber der türkischen Demokratie jetzt nicht so reiche Ernte unter uns gehalten – und dann hätte er jetzt vielleicht auch keine Mehrheit für die Einführung seiner Ein-Mann-Herrschaft erhalten.

Was geschehen ist, ist geschehen und nicht wiedergutzumachen. Die, die Ihr über Jahre hinweg vor den Kopf gestoßen habt, werdet Ihr weder mit dem Zuckerbrot verbesserter Integrationsmaßnahmen noch mit der Peitsche besserwisserischer Belehrungen für Euch gewinnen können. Wenn Ihr heute das Ruder herumreißen wollt, so ist das ein Generationenprojekt. Umso wichtiger ist es aber, dass Ihr jetzt nicht wieder so halbherzig agiert wie bisher, sondern mit jener Entschlossenheit, die Ihr sonst so gerne an Euch rühmt.

Letztlich hat Erdoğan Euch ja sogar den Weg gewiesen, den Ihr einschlagen müsst. So, wie er uns Deutsch-Türken als türkische Exklave in Deutschland vereinnahmt hat, könnt Ihr die deutsch-türkische Gemeinde darin bestärken, ein Vorbild für eine andere, demokratischere Türkei zu werden, und auch für einen aufgeklärten, antifundamentalistischen Islam. Dafür müsst Ihr allerdings endlich nicht nur mit Worten anerkennen, dass beides – die türkische Kultur und der Islam – mittlerweile ein Teil von Deutschland ist. Vielmehr müsst Ihr auch dementsprechend handeln, also Lehrer für türkische Sprache und Kultur sowie für Islamkunde ausbilden und diesen Aspekten auch einen festen Platz im Unterricht an Euren Schulen einräumen.

Dies bedeutet allerdings zugleich, dass Ihr in den Beziehungen zur Türkei konsequent den Dialog mit der Opposition suchen und diese in ihrem Kampf gegen das Sultanat Erdoğans stärken müsst. Wenn Ihr weiterhin mit einem Tyrannen kungelt, der seine Gegner nicht nur wegsperren, sondern sie durch die Einführung der Todesstrafe demnächst auch noch physisch vernichten will, müsst Ihr Euch nicht wundern, dass in Deutschland die Demokraten nicht an den Bäumen wachsen.

Mit demokratischen Grüßen

Euer Rodi Kızıl

Bild: © picture-alliance, Beynelmilel. Mit dem Zug ins Ruhrgebiet: Der Tabakzüchter Mehmet Ali aus Bademli, einem kleinen Ort bei Izmir, fährt im Februar 1966 als letzter Mann seines Dorfes nach Deutschland, um dort zu arbeiten. Entnommen von: http://www.bpb.de/internationales/europa/tuerkei/184981/gastarbeit

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Das Liebstöckel-Mysterium

Osterbotschaft von Bruder Norabus

Das Osterfest, das mich am tiefsten berührt hat, habe ich im Wiener Stephansdom erlebt. Als dort am Karfreitag die Lichter ausgingen und das gewaltige Kirchengewölbe auf einmal in einer unermesslichen Dunkelheit verschwand, hatte ich das Gefühl, als wäre die ganze Welt ein einziger Sarg, in dem ich rettungslos gefangen wäre. An Ostern, im wiedererwachenden Lichtermeer und in der Gemeinschaft eines Osterfeuers im Kirchhof, das, von geistlicher Hand entzündet, eine kathartische Kraft ausstrahlte, empfand ich dann zum ersten Mal das Mysterium der Wiederauferstehung.

Ganzen Text lesen:

Das Liebstöckel-Mysterium – Lesetext

Literarischer Text zum Thema Wiederauferstehung:

Die Hyazinthe

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Sueños españoles

Träume und Visionen in der spanischen Independent-Musik

Goya-Capricho-43 (2)Bei einem musikalischen Trip in die spanische Indie-Szene bin ich auf eine Reihe von Songs gestoßen, die um Träume und Visionen kreisen. Die Schlüsselbegriffe sind „sueño“ und „soñar“ (Schlaf/Traum bzw. träumen), vor allem aber „al des­pertar“ („beim Aufwachen“), als Sinnbild für die Schwelle zwischen Traum und Wirklichkeit, für jenen Dämmerzustand, in dem beide ineinanderfließen und Aspekte der Traumwelt in die Wirklichkeit einsickern können.

Text mit vielen Musiklinks und Übersetzungen: Suenos espanoles

Bild: Francesco Goya: El sueño des la razon, 1799
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Siegerin im Zahlenlotto

Das Wahlergebnis im Saarland ist anders, als es zu sein scheint

Häschenschule

Das Saarland hat gewählt. Und während das Triumphgeheul der Konservativen noch durch das Land hallt, beugen nüchternere Naturen sich noch einmal über das Wahlergebnis und betrachten es genauer. Dabei fällt auf: Das Ergebnis ist nicht so eindeutig, wie es auf den ersten Blick aussieht. Der Eindruck klarer Verhältnisse ergibt sich nur dann, wenn man die CDU mit der SPD vergleicht. Stellt man dagegen Schwarz und Rot-Rot einander gegenüber, so fällt das Ergebnis zugunsten des linken Lagers aus (40,7 zu 42,5 Prozent).

Ein weiterer Aspekt ergibt sich, wenn man einen Blick auf Bulgarien wirft, wo parallel zum Saarland gewählt worden ist. Bei der dortigen Parlamentswahl galt eine 4-Prozent-Hürde. Wäre diese auch im Saarland angewendet worden, so hätten die Grünen den Einzug in den Landtag geschafft, und die Mehrheitsverhältnisse wären noch unklarer gewesen.

Aber ist die 5-Prozent-Hürde nicht gerade eingeführt worden, um für klare Mehrheitsverhältnisse zu sorgen? Richtig – aber darf man deshalb einfach Tausende von Stimmen unter den Tisch fallen lassen? Bei der Bundestagswahl entsprechen 5 Prozent der Stimmen über 3 Millionen Wählenden – ist das etwa eine zu vernachlässigende Größe?

Die Alternative wäre, allen Wählenden eine Ersatzstimme zuzubilligen – also die Möglichkeit einer „zweiten Wahl“, die dann maßgeblich wäre, wenn die „erste Wahl“ aufgrund der Sperrklausel nicht zum Zuge käme. Im Saarland hätte das wahrscheinlich zu einem grundlegend anderen Ergebnis geführt. Es ist nicht auszuschließen, dass viele Wählende ihre eigentliche Präferenz – Grüne, FDP oder auch Piraten – nur deshalb nicht angekreuzt haben, weil sie aufgrund der Umfrageergebnisse davon ausgehen mussten, dass ihre Stimme dann verloren gewesen wäre. Solange eine Wahl aber von einer solchen Art von Selbstzensur beeinflusst wird, ist der Wählerwille grundlegend verfälscht, und der Wahlsieger ist nichts anderes als der Gewinner in einem mit willkürlichen Regeln operierenden Zahlenlotto.

Bei alledem darf nicht übersehen werden, dass es bei der Wahl im Saarland nicht einfach um rein machtpolitische Fragen gegangen ist – also darum, ob es nun einen Fingerzeig für die mögliche Verschulzung der Republik oder ihre weitere Merkelentierung gibt. Vielmehr standen hier durchaus auch inhaltliche Richtungsentscheidungen zur Debatte. Die wichtigsten waren dabei bildungspolitischer Natur – denn in keinem anderen Bereich haben die Länder in Deutschland so weitreichende Kompetenzen.

Auf bildungspolitischem Gebiet aber ist Annegret Kramp-Karrenbauer – entgegen dem progressiven Image, das sie sich in der Öffentlichkeit gerne gibt – eine offene Befürwortung der Steinzeitpädagogik. Gleichwertigkeit von Gemeinschaftsschule und Gymnasium, Inklusion, soziale Gerechtigkeit durch Bildungsgerechtigkeit – nichts davon kann vor dem rückwärts gewandten Blick dieser Tochter eines Sonderschulrektors bestehen. Sie steht voll und ganz hinter dem im wahrsten Sinne des Wortes „exklusiven“ Schulkonzept des Bildungsbürgertums, das sie schon 2014 nicht zufällig in der Zeit, dem bildungsbürgerlichen Leitmedium, verteidigen durfte.

Leider steht zu befürchten, dass die CDU das Wahlergebnis als Legitimation für einen Salto rückwärts in die Zeit der Häschenschule interpretieren wird. Schon im Wahlkampf hat sie die St. Wendeler Bundestagsabgeordnete Nadine Schön als Alternative zum bisherigen Bildungsminister Ulrich Commerçon in Stellung gebracht. Deren Kompetenz in Bildungsfragen beruht auf Erfahrungen mit Freizeitangeboten der Katholischen Jugend.

Natürlich – der Wahlabend war entmutigend für die SPD. Dieses gebetsmühlenartig wiederholte „40(,7) : 29(,6)“ klingt ja auch wie ein Kantersieg und lässt kaum etwas anderes zu als Demutsgesten. Die Realität aber sieht anders aus. Sie lautet: 24 : 24 – dies ist die Sitzverteilung zwischen CDU und linkem Lager im neuen saarländischen Landtag.

Man mag hier einwenden, dass diese Darstellung am Willen der Wählenden vorbeigeht, die sich in Umfragen mit großer Mehrheit gegen eine rot-rote Regierung ausgesprochen haben. Dieses Votum beruht zum Teil allerdings auch auf der allgemein menschlichen Angst vor Veränderungen. Indem Umfragen diese Angst zutage fördern, bestärken sie die Wählenden darin und zementieren so den Status quo. Dieser aber widerspricht zuweilen auch den Interessen derer, die sich an ihn klammern. In Portugal etwa wurde nach den letzten Wahlen die seither regierende Linksfront ebenfalls mit dem Argument, sie widerspreche dem Wählerwillen, attackiert. Die erfolgreiche Arbeit der Regierung hat den Kritikern jedoch mittlerweile den Wind aus den Segeln genommen.

Angesichts des Einzugs der AfD in den saarländischen Landtag wird von konservativer Seite sicher rasch das Argument der „staatspolitischen Verantwortung“ der SPD ins Spiel gebracht werden, sollte bei den Sozialdemokraten doch noch der Gedanke an eine rot-rote Minderheitsregierung aufkommen. Aber bedeutet staatspolitische Verantwortung nicht gerade, dass man sich um eine zukunftsorientierte Politik bemüht, um eine Politik also, die sich in besonderem Maße ihrer Verantwortung für die jüngere Generation bewusst ist? Und schließt dies angesichts der bildungspolitischen Geisterfahrt der CDU im Saarland eine Große Koalition nicht eigentlich aus?

Es stimmt: 29 ist weniger als 40. Man muss sich aber auch nicht kleiner machen, als man ist: 40,7 ist auch weniger als 42,5 (Rot-Rot). Mein Vorschlag lautet daher: Anke Rehlinger sollte als Kandidatin für das Amt der Ministerpräsidentin gegen „AKK“ antreten. Es ist zwar anzunehmen, dass diese dann trotzdem die Wahl gewinnt. Allerdings wäre sie in diesem Fall auf die Stimmen der AfD angewiesen. Dadurch wären nicht nur die Mehrheitsverhältnisse ins rechte Licht gerückt – man hätte auch vor aller Augen klargestellt, aus welcher Ecke die CDU Zustimmung für ihre restaurative Schulpolitik erwarten kann.

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Literarische Realismen

Realismus in der deutschsprachigen Nachkriegsprosa des 20. Jahr­hunderts

Magic Boock

Die erneute realistische Wende in der deutschen Literatur geht einher mit der Bevorzugung marktgängiger, leicht zu „konsumierender“ Texte. Es ist, als hätte es nie eine literarische Moderne gegeben. Vor diesem Hintergrund halte ich es für angebracht, unseren realismustrunkenen Literaturbetrieb mit ein paar provokanten Thesen auszunüchtern.

Für diejenigen, die es lieber etwas differenzierter mögen, stelle ich noch eine Arbeit über „Literarische Realismen“ ins Netz. Verwiesen sei hier zudem auf die kommentierte Textsammlung Alte und neue Perlen, in der sich u.a. auch Textbeispiele zum lakonischen, neuen, schwarzen und sozialistischen Realismus finden (vgl. Text 5, 10, 11 und 14).

Text „Literarische Realismen“: Realismen

Text „Realismusthesen“: Realismus-Thesen

Bild: Saquizeta: Magic Book – Fotolia
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Ergänzung zu „Der Sultan ….“ aus Anlass des Umgangs der niederländischen Regierung mit geplanten Wahlkampfauftritten türkischer Minister:

Ich bin dagegen, dass türkische Offizielle in anderen Ländern für eine autoritäre Verfassung in ihrem Heimatland werben dürfen. Das Vorgehen der niederländischen Regierung hilft Erdoğan jedoch nur. Es ist offensichtlich von der Angst vor einem Wahlerfolg von Geert Wilders getrieben, nützt aber letztlich auch diesem, weil es seine xenophobe Haudrauf-Politik in vorauseilendem Gehorsam schon vor den Wahlen umsetzt. Und für Erdoğan könnte es keine bessere Wahlkampfhilfe geben als Bilder von Polizeigewalt gegen seine Anhänger oder von türkischen Ministern, die an der Einreise gehindert oder zur Ausreise gezwungen werden. So kann er sich zum Märtyrer stilisieren und durch den Appell an das Nationalgefühl auch jene, die ihm mit Skepsis begegnen, für sich einnehmen.

Am besten wäre es, durch klare Ansagen schon den Versuch einer Einreise zu Wahlkampfzwecken zu verhindern. Sollte das nicht funktionieren, könnte man die Regierungsmitglieder höflichst zu einem Essen mit anschließender Diskussion mit türkischen Oppositionellen einladen. Dies würde dann entweder die kritische Diskussion über das geplante Erdoğan-Sultanat befördern – oder man bekäme Bilder von pöbelnden türkischen Regierungsmitgliedern, die sich kaum als Wahlwerbung einsetzen ließen.

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Der Sultan, die Nazis und die Terroristen

Zu den Wahlkampfauftritten türkischer Politiker in Deutschland

Erdogancomic

Jeder, der Erdoğan und seine Getreuen kritisiert, ist ein Terrorist. Jeder, der Repräsentanten des neuen türkischen Sultanats oder gar dem Sultan selbst das Rederecht verweigert, ist ein Nazi.

Niemandem außer den Anhängern des Erdoğan-Regimes erscheint diese Argumentation logisch. Und doch sind die Reaktionen auf die Hassreden der türkischen Offiziellen hierzulande nicht so eindeutig, wie man erwarten würde. Dies hat teilweise konkrete interessenpolitische Gründe – die auf der geostrategischen Bedeutung der Türkei und ihrer Nutzung als Bollwerk gegen Flüchtlinge beruhen –, hängt aber auch mit dem demokratischen Ethos zusammen. Dadurch, dass man den türkischen Offiziellen das Rederecht in Deutschland nicht von vornherein verweigert, möchte man ihnen die Überlegenheit demokratischer Umgangsformen vor Augen führen. Die tolerante Haltung ihnen gegenüber soll also gewissermaßen eine erzieherische Wirkung entfalten.

Diese Rechnung scheint mir jedoch aus mehreren Gründen nicht aufzugehen. Zum einen handelt es sich bei den in Frage stehenden Reden türkischer Politiker ja nicht um Vorträge über harmlose Allerweltsthemen, sondern um Wahlkampfauftritte. Schon dies allein ist nicht unproblematisch, weil hierdurch die Deutschtürken wie eine türkische Kolonie behandelt werden – was für deren Integration in die deutsche Gesellschaft kaum förderlich ist.

Darüber hinaus geht es bei diesem Wahlkampf aber auch darum, eine autoritäre Verfassung durchzusetzen. Mit dem Selbstverständnis eines demokratischen Rechtsstaats ist dies kaum vereinbar – und zwar nicht nur aus ideellen Gründen, sondern auch deshalb, weil auf diese Weise ein Teil der deutschen Bevölkerung – nämlich der Teil, der sich außer dem deutschen auch dem türkischen Staat verbunden fühlt – auf das Ideal einer repressiven Herrschaft eingeschworen werden soll.

Natürlich könnte man argumentieren, dass ein gefestigter demokratischer Staat stark genug sein muss, um solchen Anfeindungen standzuhalten. Dann allerdings müssen auch die Regeln, die für Wahlkämpfe in einem demokratischen Rechtsstaat gelten, eingehalten werden. Dies bedeutet: Es dürfen nicht nur die Befürworter einer autoritären Verfassung zu Wort kommen.

Wenn die türkischen Offiziellen hierzulande mit Vertretern der Opposition diskutieren würden oder wir zumindest für jeden Repräsentanten der türkischen Regierung, der in Deutschland für die Ziele Erdoğans wirbt, einen Oppositionspolitiker einladen und ihm zu einem adäquaten Auftritt verhelfen würden, ließe sich das seltsame Konstrukt eines türkischen Wahlkampfs auf deutschem Boden vielleicht noch rechtfertigen. Dies aber ist kaum mehr möglich, weil unzählige Regierungskritiker und zentrale Vertreter der Opposition in der Türkei als Terroristen gebrandmarkt und inhaftiert worden sind. Indem man türkische Regierungsvertreter in Deutschland Wahlkampf machen lässt, akzeptiert man so stillschweigend die undemokratischen Regeln, die Sultan Erdoğan zur Verwirklichung seiner Allmachtsphantasien durchgesetzt hat.

Autoritäre Politiker preisen die Vorzüge der Demokratie immer dann, wenn sie deren Freiheiten für den eigenen Machterwerb nutzen wollen. Gibt man dem nach, so reduziert man die Demokratie auf ihre prozeduralen Aspekte. Eine nicht normativ begründete Demokratie aber ist im wahrsten Sinne des Wortes „wert-los“ – und eine leichte Beute für die, die ihr mit ihren eigenen Mitteln den Todesstoß versetzen wollen. Die Liste derer, denen das gelungen ist, ist lang.

Gerade in Deutschland sollte man wissen, dass autoritäre Charaktere im Entgegenkommen der Demokraten keine moralische Größe erkennen, die ihnen Respekt abnötigt und sie dazu bewegt, sich an demokratische Gepflogenheiten anzupassen. Vielmehr sehen sie darin ein Anzeichen von Schwäche, das sie in ihrem Machtstreben ermutigt. Die Demokratie muss ihnen daher mit ihrer eigenen Stärke entgegengetreten und kompromisslos auf ihren nicht nur formalen, sondern auch ideellen Werten beharren, ohne die sie sich selbst abschafft.

 

 

Dieser Artikel ist auch erschienen in der Freitag-Comunity:

Rotherbaron beim Freitag

 

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Interview mit Nadja Dietrich über ihren neuen Roman „Der Tote im Reichstag und die verträumte Putzfrau“

Bild: Reichstag von Andreas Mattern

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Rother Baron: Frau Dietrich, seit Ihrem letzten Roman, Das russische Labyrinth, ist schon einige Zeit vergangen. Was hat Sie dazu bewogen, jetzt ein neues Projekt in Angriff zu nehmen?

Nadja Dietrich: Im Russischen Labyrinth wird das Geschehen aus der Sicht einer Person geschildert, die der russischen Welt als Fremde gegenübertritt und diese Welt damit auch von außen betrachtet. In meinem neuen Roman habe ich die Perspektive gewissermaßen umgedreht: Hier ist es eine von der russischen Kultur geprägte Person, die auf die Welt der Deutschen blickt. Dieser Perspektivenwechsel ist es, der mich gereizt hat.

Wie kommt es, dass Russland in beiden Romanen ein zentraler Bezugspunkt für Ihre Protagonistinnen ist?

Ich empfinde Russland als meine ideelle Heimat. In keinem anderen Land der Welt bin ich so schnell und so unkompliziert mit anderen ins Gespräch gekommen – und zwar nicht nur über Alltagsthemen, sondern auch über die großen Menschheitsfragen wie den Tod, den Glauben, Krieg und Frieden und den Sinn des Lebens. Alle  russischen Menschen, so scheint mir, noch die einfachsten Marktfrauen, sind im Grunde ihres Herzens Philosophen und Menschenfreunde, die bereit sind, das letzte Brot mit Fremden zu teilen. Eben deshalb schmerzt es mich auch so, dass das russische Volk immer wieder von diktatorischen Zaren, die gegenseitiges Misstrauen, Fremdenhass und geistige Unfreiheit schüren, von sich selbst entfremdet wird.

In beiden Romanen trägt eine der männlichen Hauptfiguren den Namen Aljoscha. Ist das Zufall, oder hat der Name eine bestimmte Bedeutung für Sie?

Ich denke dabei an den Aljoscha aus Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow. Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine konkrete Anspielung. Es ist eher so, dass „Aljoscha“ für mich seit der Lektüre des Romans eine Chiffre für ein ideales Gegenüber ist – für einen Menschen, der immer versucht, mit anderen mitzuschwingen, mit ihnen mitzufühlen, ihnen zuzuhören, so gut wie möglich auf sie einzugehen. Kurz gesagt: einen Menschen, der das eigene Dasein nicht in den Mittelpunkt stellt, sondern stets nach einer lebendigen Gemeinschaft sucht, in der einer am anderen wachsen kann.

Klingt fast ein bisschen religiös …

Ja, kann sein. Statt von „Religiosität“ würde ich allerdings eher von „Transzendenz“ sprechen. Und eine tief empfundene Transzendenz – im Sinne eines Gefühls für das, was den Einzelnen übersteigt und ihn mit anderen, mit der Natur, dem Universum verbindet – scheint mir in der Tat ein fester Bestandteil der russischen Kultur zu sein.

Kennzeichnend für Lidia Afanasjewna, die Hauptfigur Ihres neuen Romans, ist die Spannung zwischen ihrem profanen Alltag und ihren phantastischen Träumen. Gibt es ein reales Vorbild für diese Figur?

Nein, ich denke, dass wir bis zu einem gewissen Grad alle eine solche Spannung empfinden. Unser Alltag erscheint uns ja vor allem deshalb so profan, weil es eben unser Alltag ist, das, was wir jeden Tag aufs Neue durchleben. Der Alltag anderer Menschen erscheint uns dagegen oft abenteuerlich, obwohl er für sie selbst vielleicht ebenso banal ist, wie unser Alltag sich für uns anfühlt.

Deshalb träumt aber nicht jeder gleich, wie Ihre Protagonistin, vom Auswandern in ein anderes Universum.

Gut, meine Lidia ist da vielleicht etwas extrem veranlagt. Aber ein bisschen kennen wir doch alle diesen Traum vom Sternentor, durch das wir uns in ein anderes Leben beamen können. Deshalb sind solche Träume letztlich auch ein Teil unseres Alltags – und das sollte sich in der Literatur dann auch entsprechend widerspiegeln.

Warum haben Sie als Ort für das Verbrechen, um das Ihr Roman kreist, eigentlich ausgerechnet den Reichstag ausgewählt?

Warum nicht? Der Reichstag ist für uns zwar eine Art säkularer Tempel, die höchste Weihestätte unserer Republik. Das ändert aber nichts daran, dass dort ganz gewöhnliche Menschen ihrer Arbeit nachgehen, denen folglich all das zustoßen kann, was anderen Menschen in ihrem Alltag auch widerfahren kann.

Sie verbinden damit also keinerlei politische Bedeutung?

Na ja – ein Mord in einem Parlamentsgebäude ist natürlich immer irgendwie politisch. Mir geht es allerdings nicht um den Reichstag an sich oder um konkrete Aspekte der deutschen Politik. Politisch ist der Roman eher in dem Sinne, dass die Gefahren, die der Demokratie durch die immer stärkere Einschränkung der geistigen Freiheiten drohen, darin eine Rolle spielen. Das war ja auch im Russischen Labyrinth schon so.

Und wie verträgt es sich mit Ihrer Wertschätzung der geistigen Freiheit, dass in dem Roman ausgerechnet ein ehemaliger Stasi-Offizier die Aufklärung des Verbrechens vorantreibt?

Zugegeben – das ist schon ein wenig provokant. Ich habe aber den Eindruck, dass man in Deutschland seit einiger Zeit auf alles, was mit der Stasi zusammenhängt, fast schon hysterisch reagiert. Ich will hier gewiss nichts verharmlosen – Mitarbeiter der Stasi haben schreckliche Verbrechen begangen, die ganze Existenz der Stasi war ein einziges Verbrechen. Wenn man jemandem jedoch – wie das zuletzt im Fall des zum Rücktritt gezwungenen Berliner Staatssekretärs Andrej Holm geschehen ist – quasi Berufsverbot erteilt, weil er als Jugendlicher einmal eine Ausbildung begonnen hat, die in eine Karriere bei der Stasi hätte münden können, hilft das den Opfern von damals doch auch nicht weiter. Damit erzeugt man nur neues Unrecht.

Andrej Holm war gewiss kein typischer Vertreter der Stasi. Er hat auch nicht, wie die Figur in Ihrem Roman, jahrelang in leitender Funktion für die Stasi gearbeitet.

Stimmt. Aber auch für solche Menschen sollte gelten, was der Idee nach sogar jedem Häftling zugestanden wird, der seine Strafe verbüßt hat: dass er ein Recht auf eine zweite Chance hat, auf die Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Wenn ich jemanden immer nur danach beurteile, was er früher einmal getan und gedacht hat, nehme ich ihm doch jede Chance auf persönliche Weiterentwicklung und Veränderung.

Sowohl in Das russische Labyrinth als auch in Ihrem neuen Roman spielt der Aspekt der sexuellen Vielfalt eine wichtige Rolle. Gibt es dafür eine bestimmte Erklärung?

Ein Stück weit wäre mir das übliche Frau-liebt-Mann-liebt-Frau-Schema einfach zu langweilig gewesen. Daneben ist die sexuelle Andersartigkeit für mich aber auch allgemein ein Bild für das Andere, Nicht-Normierte, das, was der Tendenz zu immer stärkerer Normierung des Denkens und Handelns in unserer Gesellschaft entgegensteht.

Frau Dietrich, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Der Tote im Reichstag und die verträumte Putzfrau“ erscheint ab sofort als Fortsetzungsroman auf literaturplanetonline.com

Infos und Leseprobe zu Das russische Labyrinth

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Einladung ins Haus Kröll

Ein „kleines Haus am Ende der Welt“ … Ja, auch mir ist dieser Traum nicht fremd.
Vor zehn Jahren verführte mich eine Erbschaft dazu, diesen Traum einmal in der Wirklichkeit zu suchen. Ich war damals viel in der Steiermark unterwegs und hatte mich in die dortige Bergwelt verliebt. Also suchte ich vor Ort nach einem Häuschen für Mußestunden und unverfälschte Naturbegegnungen. Allerdings: hielten die meisten Angebote nicht das, was die realitätsfremde Maklerpoesie versprach.
Dies änderte sich erst, als ich ein kleines Haus im Johnsbachtal besichtigte. In diesem Tal schien mir das Prädikat „wildromantisch“ nicht bloß ein leeres Werbeprospektversprechen zu sein. Die schroffen Berge des Gesäuses, zwischen denen sich die einzige Straße, die in das abgelegene Tal führt, irgendwo verliert, eignen sich einfach nicht für den Massentourismus.
Wirklich unwiderstehlich wurde das Häuschen für mich allerdings erst durch die alte Frau, die es anbot. Sie war damals schon recht krank und wollte deshalb lieber nach Admont, ins nächstgelegene Städtchen, umziehen, wo ärztliche Versorgung und häusliche Hilfe sich leichter organisieren ließen.
Die Begegnung mit dieser Frau hat mich tief beeindruckt. Hermine (ich durfte sie später beim Vornamen nennen) war in jeder Hinsicht eine bemerkenswerte Frau. Einerseits strahlte sie eine Vornehmheit und Höflichkeit aus, die mich an die alten K.u.k.-Zeiten erinnerte. Wenn man sie besuchte, war ihre größte Sorge, ob auch etwas zum „Aufwarten“ im Haus wäre. Im Gespräch war sie stets den anderen zugewandt und aufmerksam, nie kam es vor, dass sie sich desinteressiert oder gleichgültig zeigte.
Gleichzeitig war Hermine jedoch von einem urtümlichen sozialdemokratischen Bewusstsein geprägt, das im jahrzehntelangen Sich-Behaupten gegen die ÖVP-Mehrheit im Dorf gestählt worden war. Denn in diesem bildete Hermine, die Gattin eines Forstarbeiters, zusammen mit zwei anderen Nachbarn eine winzige Arbeiterinsel im Meer der Großbauernfamilien.
Diese interessante Mischung aus aristokratisch wirkenden Umgangsformen und sozialdemokratischem Bewusstsein war in zahlreichen Lebensäußerungen Hermines erkennbar. So war ihr die feine Ironie ebenso wenig fremd wie die Lust am derben Schabernack, die geistreiche Unterhaltung wusste sie ebenso zu schätzen wie die durchfeierte Nacht im „Partystüberl“, einem liebevoll dekorierten Schuppen hinter ihrem Häuschen.
Vor allem aber bewunderte ich Hermine für die Art, wie sie die Liebe zu ihrem Garten zelebrierte. Sie offenbarte dabei ein ausgesprochen inniges Verhältnis zur Natur, das sich in einem sehr feinen Gespür für das Ineinandergleiten der Jahreszeiten, aber auch in einem künstlerischen Sinn für das vielfarbige Mosaik der Blüten manifestierte. Im Laufe der Zeit hatte sie sich zudem fast schon wissenschaftliche Kenntnisse über das Wachstum der einzelnen Pflanzen angeeignet, die sie in der Aufzucht seltener Orchideenarten auch praktisch zu nutzen verstand.
Leider ist Hermine schon drei Jahre nach dem Auszug aus ihrem Häuschen verstorben. Bis heute bedaure ich es, dass ich diese außergewöhnliche Frau nicht früher kennengelernt habe. Immerhin habe ich mich bemüht, Haus und Garten so zu erhalten, wie sie sie hinterlassen hat. Natürlich habe ich hier und da etwas dazugepflanzt und neu tapeziert. Auch gibt es in dem Haus jetzt eine Geschirrspülmaschine und einen Flachbildfernseher. Aber das sind alles Dinge, die Hermine wohl auch selbst mit der Zeit verändert hätte. Sie war dem Neuen gegenüber durchaus aufgeschlossen – den ultramodernen Herd in der Küche hat sich noch selbst angeschafft.
So habe ich bis heute das Gefühl, Hermine zu besuchen, wenn ich nach Johnsbach fahre. Leider habe ich dazu viel zu selten Gelegenheit. Deshalb lade ich auch immer Freunde und Verwandte in das Häuschen ein. Es gefällt mir nicht, wenn es unbewohnt ist. Immer ist es mir dann, als würde ich Hermine, die so ein geselliger, gastfreundlicher Mensch war und deren Geist doch noch immer in dem Haus wohnt, selbst im Stich lassen, wenn ich ihr Häuschen allein lasse.
So ist mir der Gedanke gekommen, auch den Freunden des Rothen Barons einen Aufenthalt im „Haus Kröll“ anzubieten. Ich verbinde damit zugleich die Hoffnung, all den virtuellen „Freundschaften“ ein klein bisschen echtes Leben einzuhauchen. Denn wenn ihr das Haus Kröll besucht, ist es doch ein bisschen, als würden wir alle in Hermines „Partystüberl“ zusammenkommen und uns dort über Gott und die Welt austauschen.
Im Idealfall könnte so eine Art geistige Kommune entstehen, ein kreatives Kraftzentrum, über das wir alle miteinander verbunden wären. Eine Community-Website, zum Hochladen von Fotos und Kommentaren, habe ich, als ersten Schritt, schon einmal eingerichtet. Dort findet ihr auch nähere Informationen zu Haus, Umgebung und Kontaktaufnahme: Link: Haus Kröll
Das Angebot ist, wie alles am Rothen Baron, selbstverständlich nicht-kommerziell.

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