Musikalische Winterreise

Der Winter: Untergang oder Utopie?

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Der Winter, den wir heute in unseren Weihnachtsliedern als „winter wonderland“ verkitschen, war früher ein Synonym für Naturkatastrophen und Hungersnöte. Gleichzeitig war er aber schon immer – früher noch stärker als heute – eine Zeit der Besinnung und des Zu-sich-selbst-Kommens. Konnotativ bewegt er sich damit zwischen den Extrempolen von Existenzangst und innerer Ruhe, Vereinzelung und stärkerem Zusammenrücken, Resignation und Utopie. Dies spiegelt sich auch in der musikalischen Auseinandersetzung mit dem Winter wider. Dazu gibt es an dieser Stelle ab sofort eine vierteilige Wintermeditation mit Liedern aus Russland, Italien, Frankreich, Deutschland, Kalifornien, Schweden und Island. Heute Teil 1:

  1. Der Winter als existenzielle Bedrohung

Rein biologisch betrachtet, ist der Winter das Andere des Lebens. Er steht für eine Welt, in der selbst das Sterben vorbei ist. Nichts wächst, nichts verfällt, alles ist erstarrt. Dies findet seinen Niederschlag in Ausdrücken wie „Regionen des ewigen Eises“ oder, metaphorisch gesprochen, dem „ewigen Winter“, der sich über eine Seele gelegt hat.

Am naheliegendsten erscheint demnach eine Thematisierung des Winters, in der dieser mit einer lebensfeindlichen Umwelt assoziiert wird. Genau dies ist auch der Grundton in den meisten älteren Volksliedern, wie etwa in Ach, bittrer Winter oder Es ist ein Schnee gefallen. Dementsprechend wird in einem Wintergedicht Walthers von der Vogelweide (Diu werlt was gelf, rôt unde blâ), zu dem es eine schöne Vertonung der Gruppe Qntal (unter dem Titel Winter) gibt, der Schnee nur von den „Toren“ bestaunt, während die „arme[n] Leute“ auf den Einbruch des Winters mit Wehklagen reagieren.

Hierin spiegelt sich die Tatsache wider, dass der Winter für die Menschen früherer Jahrhunderte eine existenzielle Bedrohung darstellen konnte. Insbesondere auf dem Land, wo die Mehrzahl der Menschen lebte, wusste man nie, ob die Lebensmittelvorräte bis zum Frühling reichen und die ärmlichen Katen den Schneemassen standhalten würden. Die Verklärung der kalten Jahreszeit zu einem „winter wonderland“ ist eben nur jenen möglich, die es sich leisten können, sich vor der Tod bringenden Wirklichkeit des Winters zu schützen.

Eben dieser Aspekt des Winters – die Brutalität, mit der er die sozialen Unterschiede spürbar macht – wird in Björks Lied von der „Jólakötturinn“ thematisiert. Es handelt sich dabei um die Vertonung einer isländischen Sage, der zufolge in der Weihnachtszeit eine Raubkatze um die Häuser schleicht und jene Menschen – insbesondere Kinder – anfällt, die keine neuen Kleider bekommen haben. Deshalb bemühen sich die Frauen, jedem wenigstens eine neue Socke zu nähen.

Das Lied kann folglich zunächst allgemein auf die verzweifelte Lage bezogen werden, die sozialer Ausschluss gerade in der kalten Jahreszeit mit sich bringt. Insbesondere ist dabei wohl an die Situation von Obdachlosen zu denken. Angesichts der Tatsache, dass das Raubtier auch durch einen symbolischen Akt – das Geschenk eines einzelnen Strumpfes, der de facto gar keinen Schutz vor der Kälte bietet – in Schach gehalten werden kann, könnte man die „Unbehaustheit“ hier aber auch in einem existenziellen Sinn deuten. Sie ergäbe sich dann aus dem völligen Verlust sozialer Bindungen, aus dem Zerreißen des letzten dünnen Bandes, das einen noch mit der Gemeinschaft verknüpft. Das winterliche Raubtier wäre aus dieser Perspektive kein Bild für konkrete Kälte und materielle Not, sondern eine Metapher für einen Zustand totaler Isolation, die einen von innen heraus „auffrisst“.

Im übertragenen Sinn lässt sich die lebensfeindliche Welt des Winters auch auf die sozialen und ökologischen Zerstörungen beziehen, die der Mensch zu verantworten hat. Diesen Weg beschreitet die schwedische Singer-Songwriterin Jennie Abrahamson in ihrem Song Snowstorm. Das Lied verdeutlicht, wie die Entfremdung von der Natur (exemplifiziert u.a. in der Achtlosigkeit gegenüber Insekten und ihrer Bedeutung für den Kreislauf des Lebens) Umweltzerstörungen bewirkt, die ihrerseits wieder eine verstärkte Entfremdung von der Natur zur Folge haben und so einen Teufelskreis in Gang setzen, der ohne Innehalten in den Untergang der Zivilisation zu münden droht. Eben dieses Szenario evoziert der Song durch das Bild des Schneesturms, der die Welt der Menschen „hinwegfegt“ bzw. sie „auslöscht“, während sie vom Fenster aus tatenlos zusehen oder sich in ihren warmen Betten verkriechen.

Lieder mit Übersetzungen:

Qntal / Walther von der Vogelweide: Winter 

aus: Qntal V: Silver Swan (2006);
Lied umfasst die ersten drei Gedichtstrophen

Text (mittelhochdeutsches Original)

Übertragung ins Neuhochdeutsche*

Hell leuchtete die Welt, gelb, rot und blau,
der Wald trug ein grünes Kleid, wie vieles andere auch,
die kleinen Vögel sangen ihre Lieder.
Doch nun schreit nur die Nebelkrähe.
Hat nicht auch die Farbe sich verändert? Aber ja!
Die Welt ist bleich geworden, bleich und grau,
und malt uns Sorgenfalten auf die Stirn.

Ich saß auf einem grünen Hügel,
da sprossen Blumen und Klee
zwischen mir und einem See.
Das war so herrlich anzusehn.
Wo wir uns Blumenkränze gebunden haben,
da ist nun alles von Raureif und Schnee überzogen,
den kleinen Vögelchen zum Leid.

Die Toren rufen: „Lass es doch schneien!“
Arme Leute aber: „O weh! O weh!“
So drückt auch mich eine bleierne Schwermut nieder,
der Winterkummer lastet schwer auf mir.
Doch wie auch immer diese und andere Sorgen aussehen,
ich würde ihrer rasch ledig werden,
wenn es nur endlich wieder Sommer wär‘,

Um nicht länger so leben zu müssen,
wollt‘ ich schon rohe Krebse essen.
Sommer, mach uns wieder froh!
Du schmückst Wiese und Wald.
Dort spielt‘ ich mit den Blumen,
mein Herz schwebte hoch in der Sonne –
nun hat’s der Winter ins Stroh gejagt.

Vom vielen Liegen bin ich wund wie Esau**,
mein glattes Haar ist ganz struppig geworden.
Süßer Sommer, wo bist du nur hin?
Wie gerne säh‘ ich bei der Feldarbeit dir zu!
Wenn diese Schwermut mich noch lange
in ihren Fängen hält, möchte ich lieber
Mönch sein in Doberlug.***

*    Die besondere Musikalität des Gedichts drückt sich u.a. darin aus, dass die Reime jeder Strophe im mittelhochdeutschen Original jeweils auf einen anderen Vokal enden. Eine analoge Übertragung ins Neuhochdeutsche droht allerdings die poetische Kraft des Textes zu schmälern. Ich habe mich hierbei daher stärker auf die semantische Ebene konzentriert.
**     Esau: Esau bedeutet wörtlich „der Behaarte, der Struppige“. Laut Altem Testament war sein ganzer Leib „rötlich“ und wie ein einziger „härener Mantel“ – was gut zu der von Walther beschriebenen winterlichen Verwahrlosung passt (vgl. bibelkommentare.de)
***   Doberlug: Gemeint ist das 1165 gegründete Zisterzienserkloster Dobraluh (Dobrilugk), heute Doberlug-Kirchhain (Brandenburg). Indem die Abgeschiedenheit der Klostermauern – das Gegenteil des idealen Lebens für einen lebensfrohen Minnesänger – hier als möglicher Zufluchtsort erscheint, wird die empfundene Trostlosigkeit zusätzlich betont.

Björk (Guðmundsdóttir): Jólakötturinn

Text: Jóhannes úr Kötlum; Musik: Ingibjörg Porbergs;
aus: Hvít Er Borg Og Bær (Sampler mit isländischen Weihnachtsliedern; 1987)

Liedtext und Song
Englische Fassung

Übersetzung aus dem Englischen:

Die Weihnachtskatze

Du kennst die Weihnachtskatze –
es ist eine sehr große Katze.
Wir wissen nicht, woher sie gekommen ist
und auch nicht, wohin sie gegangen ist.

Weit öffnete sie ihre Augen,
die beide glühten.
Es war keine Sache für Feiglinge,
sie anzusehen.

Ihr Fell war stachlig wie Nadeln,
ihr Rücken hoch und bucklig,
und die Krallen an ihren haarigen Pfoten
waren kein schöner Anblick.

Deshalb überboten sich die Frauen darin,
[den Flachs] zu schütteln und zu säen und zu spinnen
und strickten bunte Kleider
oder eine kleine Socke.

Damit die Katze nicht kommen
und die kleinen Kinder holen konnte,
mussten sie neue Kleider erhalten
von den Erwachsenen.

Wenn der Weihnachtsabend in hellem Licht erstrahlte
und die Katze zum Fenster hereinsah,
standen die Kinder aufrecht da mit roten Wangen
und ihren Geschenken.

Sie wedelte mit ihrem mächtigen Schwanz,
sie sprang, kratzte und schnaufte,
und das geschah entweder im Tal
oder draußen auf der Landzunge.

Sie lief herum, hungrig und heimtückisch,
im schmerzhaft kalten Weihnachtsschnee
und entfachte Angst in den Herzen
in jeder Stadt.

Wenn man draußen ein schwaches „Miau“ hörte,
wussten alle, dass ein Unglück geschehen würde.
Denn allen war klar, dass sie Menschen jagte
und keine Mäuse wollte.

Sie folgte den ärmeren Leuten,
die keine neuen Kleider bekamen
an Weihnachten – und sich durchschlugen
unter ärmlichsten Bedingungen.

Denen raubte sie nicht nur
ihr ganzes Weihnachtsessen,
sondern verschlang auch sie selbst,
wenn sie konnte.

Deshalb überboten sich die Frauen darin,
[den Flachs] zu schütteln und zu säen und zu spinnen
und strickten bunte Kleider
oder eine kleine Socke.

Manche bekamen eine Schürze,
andere einen neuen Schuh,
oder irgendetwas anderes, das sie brauchten,
aber das reichte aus.

Denn die Katze konnte niemanden fressen,
der ein neues Kleidungsstück bekommen hatte.
Dann fauchte sie mit ihrer hässlichen Stimme
und rannte weg.

Ob es sie noch gibt, weiß ich nicht,
aber ihr Raubzug wäre vergebens,
wenn jeder an Weihnachten
auch nur einen Fetzen neuer Kleidung bekäme.

Vielleicht denkst du daran,
zu helfen, wo es nötig ist.
Denn irgendwo könnte es Kinder geben,
die überhaupt nichts bekommen.

Und womöglich beschert dir die Sorge für die,
die nicht im Glanz der Lichter stehen,
eine glückliche Winterzeit
und ein frohes Fest.

Jennie Abrahamson: Snowstorm

aus: Gemini Gemini (2014)

Song und Liedtext, mit einführenden Worten der Sängerin

Übersetzung:

Schneesturm

Ein Schneesturm zieht herauf,
zieht herauf, um uns auszulöschen,
eine kalte, weiße Decke,
und alles wird ruhig sein.

Und wir sehen vom Fenster aus zu,
wir verkriechen uns in unseren Betten,
während der kalte Wind
über unseren Köpfen bläst.

Und wir kennen all die Gebete,
und wir kennen all die Verse,
aber wenn es jemals wieder Morgen wird,
haben wir sie drei Mal verleugnet.

Wir haben uns nie um das Wasser geschert.
Wir haben uns nie um die Bienen geschert.
Wir haben uns nie um die Hungernden geschert.
Wir haben uns nie um die Bäume geschert.

Bring es alles raus, bring es raus zum Feuer,
damit wir es warm haben, ehe wir alle hinweggerafft werden.
Ich weiß, mir bleibt nichts als ein stumpfer Pfeil.

So still, still, mein Schatz,
das Ende ist da,
keine Ammenmärchen mehr,
wir brauchen uns nichts mehr vorzumachen.

Denn wenn dieser Schneesturm heraufzieht,
heraufzieht, um uns auszulöschen,
wird niemand uns hören
und unsere stummen Schreie.

Wir haben uns nie um das Wasser geschert …

Bildnachweis: Ernst Adolph Meissner (1837-1902). Hirte rettet seine Herde vor dem Schneesturm. Privatbesitz

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Weihnachten als politisches Ereignis

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Was hat der realsatirische Sondierungspoker in Berlin mit Weihnachten zu tun? Kann Heiligabend zur Versöhnung beitragen? Und was muss ich dafür Onkel Herbert schenken? Dies und was Ihr sonst schon immer über Weihnachten wissen wolltet, erfahrt Ihr hier:

Chirstmas politics

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Baumhöhlenkrippe. Figuren von den Phillipinen. (Copyright D. Hoffmann). Exponat der Krippenausstellung St. Wendel.

Manipulativer Journalismus

Wenn Journalisten zu Demiurgen werden

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„Eine Zeitung muß das Werk einer Gesellschaft von Gelehrten sein; sonst wird man in ihr auf jedem Gebiet die gröbsten Schnitzer feststellen.“

Denis Diderot (1713 – 1784), franzöšsischer Philosoph der Aufklärung

Angesichts der Bedrohungen, denen kritische JournalistInnen weltweit ausgesetzt sind, ist in letzter Zeit wieder verstärkt die Bedeutung der Medien für eine kritische Unterrichtung der Öffentlichkeit und die freie Meinungsbildung, ihr Charakter als „vierte Gewalt“ in der Demokratie, betont worden.

Dabei wird allerdings vielfach übersehen, dass freier Journalismus nicht nur durch direkte Gewalt, Verbote, Zensur oder die Übernahme kritischer Medien durch Oligarchenfreunde der betreffenden Autokraten bedroht ist. Vielmehr erfolgt die Bedrohung teilweise auch von innen heraus, durch eine manipulative Berichterstattung, welche die freie Meinungsbildung unmerklich untergräbt.

Ganzer Text als pdf:

Manipulativer Journalismus

 

Das Recht des Stärkeren

Der Konflikt in Katalonien ist keine innerspanische Angelegenheit

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Ich weiß nicht, was mich mehr erschreckt: die Unerbittlichkeit, mit der die spanische Zentralregierung jeden Gedanken an eine katalanische Eigenständigkeit zu ersticken versucht, oder die gleichgültige bis affirmative Haltung, mit der der bürgerliche Mainstream die Aktionen von spanischer Politik und Justiz begleitet.

Reicht es der spanischen Zentralgewalt denn nicht, die Katalanen durch die Aussetzung des Autonomiestatuts und die Unterstellung der katalanischen Behörden unter ihre Kontrolle zu demütigen? Muss sie auch noch die Protagonisten der Unabhängigkeitsbewegung vor Gericht stellen und ins Gefängnis bringen?

Plötzlich haben wir, mitten in der EU, in einem ihrer zentralen Staaten, politisch Verfolgte und politische Prozesse. Man würde einen Aufschrei erwarten, eine intensive Ursachenforschung, eine selbstkritische Infragestellung des demokratischen Selbstverständnisses der Mitgliedsstaaten. Stattdessen überwiegen: Zustimmung für die spanische Regierung, Häme über den Auftritt des katalanischen Regionalpräsidenten Carles Puigdemont in Brüssel und Schuldzuweisungen an die Katalanen, die in die nationalistische Ecke gestellt werden. Sollen sie sich nur nicht beschweren, was müssen sie auch die Verfassung brechen? Im Übrigen: Was geht’s uns an, das Ganze ist doch eine innerspanische Angelegenheit.

Angesichts der vorherrschenden Argumentationsmuster erscheint es mir notwendig, zunächst einmal zwischen Nationalismus, Separatismus und Unabhängigkeitsbestrebungen zu differenzieren. Idealtypisch lassen sie sich folgendermaßen voneinander abgrenzen:

 

  1. Nationalismus ist eine Haltung, bei der die eigene Nation in quasi-religiöser Weise glorifiziert wird. Ein Nationalist hat eine ideale Vorstellung des eigenen Volkes, die er leidenschaftlich gegen jede „Verunreinigung“ durch fremde Elemente verteidigt. Nationalismus kann zwar auch bei Völkern ohne eigenes Staatsgebiet auftreten, ist jedoch häufiger bei staatengebundenen Völkern anzutreffen, die sich an der vermeintlichen Größe und Überlegenheit des eigenen Staates berauschen.
  2. Separatismus bezeichnet den Wunsch, einen Teil eines Staatsgebietes von diesem abzutrennen. Das Ziel ist entweder die Unabhängigkeit des Teilgebiets oder der Anschluss an ein anderes Staatengebilde. Separatismus kann, muss aber nicht mit Nationalismus einhergehen. So fußen die separatistischen Tendenzen in Norditalien auf rein monetären Erwägungen.
  3. Unabhängigkeitsbestrebungen beziehen sich auf die Bemühungen eines Volkes, sich aus dem von einem anderen Volk dominierten Staat zu lösen und selbst über die eigenen Geschicke zu bestimmen. Zu unterscheiden ist dabei zwischen Unabhängigkeitsbestrebungen von Völkern, deren Sprache und Kultur bereits in anderen Staaten prägend sind (wie den Kosovaren oder den Flamen), und Unabhängigkeitsbestrebungen von Völkern, die über keinerlei Eigenstaatlichkeit verfügen (wie den Kurden und den Katalanen – den Sonderfall des katalanisch geprägten Zwergstaats Andorra lasse ich dabei außer Acht, zumal die Staatsoberhäupter hier ein spanischer Bischof und der französische Staatspräsident sind).

Die Verfechter einer katalanischen Unabhängigkeit sind Separatisten – Nationalisten aber sind sie nicht. Ihr Wunsch, sich von Spanien zu lösen, beruht vielmehr gerade auf der Abneigung gegenüber dem spanischen Nationalismus, der es den Katalanen verwehrt, sich als eigene Nation zu bezeichnen. Er ist eine Reaktion auf jahrzehntelange Bevormundungen und Demütigungen durch die kastilische Hegemonialkultur, die unter Franco im Verbot der katalanischen Sprache und Kultur gipfelten und erst vor Kurzem – im höchstrichterlichen Zurechtstutzen des von katalanischer Bevölkerung und spanischem Parlament mit großer Mehrheit beschlossenen erweiterten Autonomiestatuts – wieder aufgelebt sind.

Mit ihrer aggressiven, sich jedem Dialog und Kompromiss verweigernden Haltung nährt die spanische Zentralregierung die katalanischen Ängste und Vorbehalte und rührt an das Trauma der gewaltsamen Unterwerfung der Volksfront unter Franco. Diese hieß in Katalonien „Linksfront“ – und noch heute gehört die Linkspartei CUP (Candidatura d’Unitat Popular) zu den entschiedensten Befürwortern einer katalanischen Unabhängigkeit. Es geht hier also eher um Internationalismus als um Nationalismus, das Ziel ist eine weltoffene Republik statt einer noch immer vom franquistischen Erbe eingetrübten Monarchie.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht zielführend, auf den verfassungswidrigen Charakter des katalanischen Referendums hinzuweisen. Mit dieser legalistischen Argumentation hätte sich niemals in der Geschichte ein Volk aus einem Staat lösen können. Am Kern des Problems führt es auch vorbei, wenn man das Recht der Unabhängigkeitsbefürworter bestreitet, mit einer Mehrheit von knapp über 50 Prozent der Wahlberechtigten ihre Ziele umzusetzen. Nach der jahrhundertelangen Zurückdrängung des Katalanischen und der Ansiedlung von Nicht-Katalanen in der Region ist diese Zustimmungsrate in Wahrheit erstaunlich hoch.

Glaubt man etwa, die baltischen Staaten hätten 1990/1991 die Unabhängigkeit erlangt, wenn die Referenden mit der sowjetischen Zentralregierung abgestimmt und im gesamten Staatsgebiet der damaligen Sowjetunion abgehalten worden wären? Warum hat man seinerzeit die fraglos nicht verfassungskonformen Unabhängigkeitserklärungen dennoch akzeptiert? Wird hier etwa mit zweierlei Maß gemessen?

Gut, die Zeitenwende im ehemaligen Ostblock war eine besondere Situation. Dennoch bleibt der Eindruck, dass einigen Völkern selbstverständlich zugestanden wird, was anderen mit ebenso großer Selbstverständlichkeit verwehrt wird. Ich frage mich, wie wir in Deutschland reagieren würden, wenn man unsere Kultur auf ein bisschen Brüder-Grimm-Romantik und Goethe-Selbstgefälligkeit reduzieren, ansonsten aber sogar die Pflege unserer Sprache unter den Vorbehalt stellen würde, dass wir die Hegemonie einer anderen Nation, als deren Teil wir uns zu verstehen hätten, vorbehaltlos anerkennen. Wenn man sich die deutsche Geschichte anschaut, ist kaum zu erwarten, dass wir entsprechende Machtdemonstrationen der Hegemonialkultur so friedfertig hinnehmen würden, wie das jetzt in Katalonien der Fall ist.

Der eingeforderte Respekt vor der verfassungsmäßigen Ordnung bedeutet demnach, dass an dem Status der Sieger im großen Hauen und Stechen der europäischen Geschichte nicht gerüttelt werden darf. Wer sich damals andere Völker unterworfen hat, soll diese Beute behalten dürfen. Wer dagegen die Anerkennung als Nation und die Verwirklichung der eigenen Identität in einem entsprechenden Staatswesen einfordert, wird als Ewiggestriger verspottet, der die Entwicklung hin zu transnationalen Strukturen verschlafen hat. Dabei folgt allerdings die Verteidigung der alten nationalstaatlichen Strukturen derselben nationalistischen Logik, die man den zwangsweise dem eigenen Nationalstaat einverleibten Völkern vorwirft.

Damit lässt sich aber auch nicht sagen, dass es sich bei dem Konflikt um Katalonien um eine rein innerspanische Angelegenheit handelt. Er wirft vielmehr auch ein recht düsteres Licht auf die Verfasstheit der Europäischen Union.

Immerhin soll die Europäische Union der Idee nach ja eine Weiterentwicklung der einstigen Europäischen Gemeinschaft sein. Eine Staatengemeinschaft aber folgt im Kern denselben Gesetzen wie eine Gemeinschaft einzelner Menschen. Echte Gemeinschaft entsteht nur dort, wo sie sich organisch aus dem Dialog und Austausch sich frei entfaltender Individuen entwickelt. Geht man den umgekehrten Weg und setzt eine abstrakte Norm, an die sich die Individuen anzupassen haben, so wird aus Gemeinschaft Totalitarismus.

Eine solche abstrakte Norm aber ist der Nationalstaatsgedanke. Er ist nicht nur ein Konzept der Vergangenheit, sondern auch in sich unstimmig, da er auf dem Gedanken der Hegemonialkultur basiert, also in einem heterogenen Staatswesen jenen Völkern die nationale Führungsrolle zuschlägt, die sich andere Völker unterworfen haben.

Vor allem aber entspricht der Nationalstaatsgedanke nicht mehr der Vision eines modernen Europas. Dieses lässt sich nicht auf den Staatsformen von vorgestern aufbauen. Wenn irgendwann die Vision der Vereinigten Staaten von Europa Wirklichkeit werden soll, müssen aus den Nationalstaaten wieder Regionen werden, die sich frei miteinander assoziieren. Ein freies Europa verdient diesen Namen nur dann, wenn darin auch die Verlierer auf den Schlachtfeldern der Vergangenheit – die Katalanen, die Basken, die Bretonen, die Schotten … – ihre Kultur frei ausleben und auf dieser Basis den Austausch mit anderen Völkern pflegen können. Ansonsten verteidigen wir schlicht und ergreifend das Recht des Stärkeren.

 

Chansons magiques

Madame_la_mort_-_Paul_Gauguin

Hexen, Tod und Zauberer im französischen Chanson

Gastbeitrag von Baronesse rouge

Wer über Hexen redet, muss auch über die Kultur nachdenken, die sie – in unserer westlichen Form- hervorgebracht hat: Über eine Kultur der Technikgläubigkeit, der Unterwerfung der Natur und der Verdrängung von Krankheit und Tod.

Eine Betrachtung anhand von französischen Chansons:

Text als pdf: Sorcières Text

 

Bild: Paul Gauguin (1848-1903): Madame la mort (1890), Musée d‘Orsay

 

Die Gnade der Zensur

Mit einem geheimen Strategiepapier aus einer Zensorenschulung

LeserEiner der „Hingucker“ der diesjährigen Kasseler documenta war der von der argentinischen Künstlerin Marta Minujín gestaltete „Parthenon of books“, ein mit verbotenen Büchern behängter, nachts bunt angestrahlter Tempel, in dem wie in einer Arche Noah des Geistes zensierte Werke eine Heimstatt finden sollten. Die Aussage ist klar: Aller Verfolgung zum Trotz setzt sich die Freiheit des Geistes am Ende doch durch und überstrahlt mit ihrem inneren Leuchten alle Verblendungsattacken.

Wenn man sich vor Augen hält, welche geistigen, aber auch physischen Schäden die Zensur anrichten kann, wird man dem Kunstwerk sicher grundsätzlich mit Sympathie begegnen. Bei näherer Betrachtung erweist sich das Schwarz-Weiß-Bild, das es zeichnet, jedoch als unzureichend für das Verständnis der Wirkmechanismen, die für die Zensur charakteristisch sind. Dies wird deutlich, wenn man die einzelnen Ebenen, auf denen sich die Zensur manifestiert, genauer gegeneinander abgrenzt. Im Einzelnen lassen sich dabei unterscheiden:

1. der Akt der Zensur selbst, also die Ebene der Zensierenden. Hier steht klar die Intention der Destruktion und der Einschränkung der geistigen Freiheit im Vordergrund, indem dem Geist sowohl inhaltlich als auch strukturell – also hinsichtlich der Art des Denkens, der Paradigmen, die dem Verständnis der Welt zugrunde gelegt werden – Grenzen gesetzt werden.

2. die Ebene der Person, die das zensierte Werk in die Welt gesetzt hat. Zwar richtet sich der Akt der Zensur in der Regel zunächst gegen ein bestimmtes Geistesprodukt, doch trifft er zugleich immer auch den Urheber desselben, der für die Erzeugung und (geplante oder bereits erfolgte) „Freilassung“ des entsprechenden Werkes haftbar gemacht wird. Aus der geistigen wird daher hier eine physische Drangsalierung, aus der Einengung des Geistes die Beschränkung der physischen Freiheit, was nicht selten mit Folter und anderen lebensbedrohlichen körperlichen Übergriffen einhergeht.

3. die Ebene des zensierten Werkes. Hier geht es darum, die Verbreitung des auf den Index gesetzten Geistesproduktes zu verhindern. Die Wirkung ist dabei allerdings oft zweischneidig. Zwar gelingt es kurzfristig zumeist, die öffentliche Präsenz des betreffenden Werkes zu unterbinden. Gleichzeitig wirkt das Etikett „zensiert“ jedoch auch wie eine Auszeichnung. Denn mit diesem Etikett gestehen die Zensierenden dem zensierten Werk implizit eine potenzielle Wirkmächtigkeit zu – anders könnte es ihre Deutungshoheit ja nicht gefährden.Vor diesem Hintergrund beschwerte schon Oskar Maria Graf sich ironisch bei den nationalsozialistischen Zensoren, als diese ihm bei ihrem geistigen Kahlschlag den Ritterschlag des Zensierten verwehrten.

Die Folge ist dann nicht selten, dass das zensierte Geistesprodukt unter der Hand weitergereicht und im Geheimen diskutiert wird, also genau die Wirkung entfaltet, die durch die Zensur verhindert werden sollte. Auch dort, wohin der lange Arm der Zensurbehörde nicht reicht – im Ausland –, wirkt der Adelstitel „zensiert“ publikationsfördernd, da die Verlage sich hiervon eine gesteigerte Aufmerksamkeit und damit auch höhere Verkaufszahlen versprechen. Im Inland gilt dasselbe für den Fall, dass die Zensierenden ihre Macht einbüßen und eine neue, nicht oder anders zensierende Zeit anbricht.

4. die Ebene des zensierten Geistes. Wir alle kennen das Märchenmotiv von dem Schloss mit den hundert Türen, von denen eine einzige nicht geöffnet werden darf. Und wir alle wissen genau, was die Person, die das Verbot zu beachten hat, tun wird: Sie wird die verbotene Tür öffnen. So ähnlich ist es auch im Reich der Zensur: Gerade die Tür, die zu öffnen uns die Zensoren verbieten, möchten wir durchschreiten, gerade das, was sich dahinter verbirgt, zieht uns unwiderstehlich an.Mit anderen Worten: Der menschliche Geist wächst an seinen Widerständen. Wer ihm Grenzen setzt, reizt ihn dazu, diese zu überwinden, also eben jene Kräfte zu entwickeln, an deren Ausbildung man ihn durch die Zensur hindern möchte.

Angesichts dieser Komplexität des Zensurvorgangs hat sich auch die Praxis der Zensur weiterentwickelt. Um dies zu veranschaulichen, veröffentliche ich an dieser Stelle ein geheimes Strategiepapier aus einer Zensorenschulung, das unserer Redaktion zugespielt worden ist:

Checkliste für den erfolgreichen Zensor

Wege zur effektiven Ausübung der Zensur

  1. So gab es in den realsozialistischen Ländern des ehemaligen „Ostblocks“ eine reiche Samisdat-(Selbstdruck-)Szene. Verbotene Werke wurden unter der Ladentheke feilgeboten und in Hinterzimmern mit verschwörerischer Lust diskutiert. Heute dagegen, wo alles erlaubt ist, würde man die Lektüre derselben Werke womöglich als zu anstrengend empfinden und sich stattdessen lieber die neusten You-Tube-Videos anschauen.
    1. Verbiete nichts! Seit unserer Kindheit wissen wir, dass die verbotenen Früchte die süßesten sind. Mit Verboten erhöhst du daher nur den Reiz dessen, dem du die Aufmerksamkeit entziehen möchtest. Je mehr du verbietest, desto stärker regt sich auf Seiten der Lesenden zudem das Gefühl, bevormundet zu werden. Dies erzeugt Trotz und den Wunsch, gerade das zu lesen, was von dir auf den Index gesetzt worden ist. So fördern Verbote bei den Adressaten den Drang, ihre geistige Freiheit auszuleben.
    2. Verteile Lob, nicht Tadel! Als guter Pädagoge weißt du natürlich, dass du deine geistigen Schutzbefohlenen mit einem Lob eher in die gewünschte Richtung lenken kannst als mit einem Tadel. Deshalb solltest du jene Werke loben, deren Lektüre du für empfehlenswert hältst, anstatt diejenigen zu tadeln, deren Lektüre du verhindern möchtest. Diese erwähnst du am besten gar nicht – verschweige sie, dann wird auch niemand nach ihnen fragen.
    3. Dein Lob sollte allerdings auch nicht zu aufdringlich sein. Auf keinen Fall darf es wie eine zwingende Empfehlung wirken. Am erfolgversprechendsten ist es, wenn du die Lesenden die von dir ausgewählten Werke durch ihrem Alltag angepasste Präsentationsformen selbst entdecken lässt und sie dann für ihre Lektüre lobst, als hätten sie diese selbst ausgewählt.
    4. Verkleide dich als Anwalt des Publikums! Wenn einmal ein von dir abgelehntes Werk trotz aller Bemühungen, es zu verschweigen, doch zu den Lesenden vordringt, darfst du es nicht nachträglich durch eine differenzierte Betrachtung würdigen. Wenn du nicht umhinkommst, dich zu ihm zu äußern, so greif es da an, wo du beim Publikum am ehesten auf Zustimmung hoffen kannst – kritisiere es als langatmig und unverständlich, als akademisch und leserunfreundlich. Die Maßstäbe für deine Kritik brauchst du dabei nicht offenzulegen. Es reicht, wenn du das Lektüreerlebnis wie eine langweilige Schulstunde beschreibst.
    5. Erhöhe das Angebot! Je größer die Auswahl an Büchern ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Lesenden auf Werke stoßen, deren Verbreitung du deine Zustimmung verweigerst. Dein Ziel muss es deshalb sein, so viele Bücher veröffentlichen zu lassen, dass niemand mehr einen Überblick über die publizierten Werke hat. Dankbar wird man sich dann bei der Lektüreauswahl von deinem Lob für das Lesenswerte leiten lassen.
    6. Heroisiere deine Favoriten! Zwar wirst du – um nichts dem Zufall zu überlassen – für die Erstellung der dir genehmen Geistesprodukte ganze Abteilungen von Schreiberlingen beschäftigen. Hierüber aber darfst du in der Öffentlichkeit nicht reden. Such dir stattdessen Fackelträger aus, die dein Produkt gegenüber dem Publikum verkörpern. Diese müssen ein selbstsicheres Auftreten haben und dürfen durchaus auch eine gewisse geistige Überheblichkeit ausstrahlen. Dies erhöht die Bereitschaft der Lesenden, sie als geistige Führer anzuerkennen und ihnen ihre geistige Freiheit zu Füßen zu legen. 
    7. Verflüchtige dich! Auch wenn du den verständlichen Wunsch verspüren solltest, dich für deine erfolgreiche Arbeit zu rühmen – die größte Wirkung erzielst du, wenn du unsichtbar bleibst. Noch wirkungsvoller ist es, wenn du dich selbst überflüssig machst, indem du dich in den Mechanismen des von dir geschaffenen Marktes auflöst. Der erfolgreichste Zensor ist der, den man nicht mehr braucht, weil die Dynamik des Marktes nur noch die erwünschten Werke hervorbringt und die Lesenden eben diese Werke als den Inbegriff von Geisteskultur ansehen.

 

Gelangweilte Krieger

Zur Psychologie des aggressiven Populismus

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Wenn von den populistischen Rattenfängern die Rede ist, so wird deren Erfolg oft mit einem Verweis auf die soziale Lage ihrer Anhänger erklärt (Stichwort ‚Globalisierungsverlierer‘). Es gibt jedoch keineswegs einen Automatismus, durch den eine wirtschaftliche Mangelsituation zu einer fremdenfeindlichen Einstellung führen würde. So stellt sich die Frage nach dem „missing link“: Was genau muss in einem Menschen vor sich gehen, damit seine sozioökonomische Lage ihn für Rassismus und Intoleranz anfällig macht?

Essay lesen als pdf:

Die Psychologie des Populismus

 

Bild: Wütender Mob. Aus dem Fim „Frankenstein“, 1931

No pasarán!

Die Freiheit der Katalanen ist auch unsere Freiheit

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Als die Griechen sich in den 1820er Jahren gegen die osmanischen Herrscher erhoben, waren ihnen die Sympathien aller freiheitsliebenden Europäer gewiss. Dass der Unabhängigkeitskampf letztlich von Erfolg gekrönt war, hing zwar auch mit der Unterstützung anderer europäischer Großmächte zusammen, die sich von einer Schwächung des Osmanischen Reiches strategische Vorteile versprachen. Dennoch wirkte das glückliche Ende des Befreiungskampfes wie ein Fanal, das auch in anderen Ländern nationale Erhebungen befeuerte. Auch die Freiheitsbestrebungen des deutschen Vormärz waren hiervon beeinflusst. Mittelbar war der griechische Unabhängigkeitskampf damit auch ein Katalysator für das Frankfurter Paulskirchenparlament, die Wiege der deutschen Demokratie.

Individuelle Freiheitsrechte und das Recht auf nationale Selbstbestimmung – im 19. Jahrhundert waren sie untrennbar miteinander verbunden. Dies folgt auch einer inneren Logik. Denn was nützt einem die schönste Meinungsfreiheit, wenn man seine Meinung nicht in der eigenen Sprache äußern darf? Wozu dient das Recht auf Bildung, wenn die eigene Kultur und Geschichte davon ausgeschlossen sind? Was hat man von unternehmerischer Freiheit, wenn man damit einen Staat unterstützt, der das eigene Volk unterdrückt?

Vor diesem Hintergrund muss es nachdenklich stimmen, dass nationale Unabhängigkeitsbestrebungen schon seit geraumer Zeit weltweit verunglimpft und regelmäßig in die Nähe terroristischer Aktivitäten gerückt werden. Das Unabhängigkeitsreferendum der Kurden im Nordirak? Gefährlich – die Kurden werden einstweilen noch als Kanonenfutter für den Krieg gegen den IS benötigt. Die Unabhängigkeitsbestrebungen der Schotten? Egoistisch – die Briten haben schon genug Scherereien mit dem Brexit. Das Unabhängigkeitsreferendum der Katalanen? Verfassungswidrig – die Katalanen sollen sich mit ihren Autonomierechten begnügen.

Wer so argumentiert, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er damit auf einer Linie liegt mit der Minderheitenpolitik der meisten großen Hegemonialmächte der Geschichte. Diese hatten und haben nicht nur ein ökonomisches Interesse an der Unterdrückung nationaler Minderheiten. Vielmehr haben sie auch stets ein Gespür für den Zusammenhang zwischen dem Streben nach nationaler Selbstbestimmung und dem Ruf nach individuellen Freiheitsrechten – und halten die nationalen Minderheiten folglich auch aus Angst vor einer Ausbreitung des Freiheitsvirus klein.

Die Art und Weise des Umgangs mit den Minderheiten folgt dabei wiederkehrenden Mustern. So wird die Verweigerung kultureller Autonomie oft von der schlichten Leugnung der Existenz der nationalen Minderheit begleitet. Wie etwa die von Russland und Preußen im Zuge der polnischen Teilungen besetzten Gebiete als „Weichselland“ bzw. „Pommerellen“ fungierten und so der Gedanke an die dort lebenden Polen unterdrückt werden sollte, bezeichnete man in der Türkei die Kurden lange Zeit als „Bergtürken“. Und in Spanien gilt „Katalanisch“ zwar als „Nationalität“ – als eigenständige „Nation“ dürfen sich die Katalanen gemäß der spanischen Verfassung aber ausdrücklich nicht bezeichnen.

Flankiert wird diese Leugnung des Andersartigen in der Regel von gezielten Ansiedlungsprogrammen, durch die Angehörige des staatstragenden Volkes in den entsprechenden Gebieten die Oberhand gewinnen sollen. Dies war im Falle der Germanisierungs- bzw. Russifizierungspolitik im geteilten Polen nicht anders als heute in Tibet, wo die Zuwanderung von Han-Chinesen massiv gefördert wird.

Oft ist zu hören, dass in einer global und kontinental immer stärker zusammenwachsenden Welt Unabhängigkeitsbestrebungen einzelner Volksgruppen einen Anachronismus darstellen. Dabei ist das eine vielleicht gerade eine Folge des anderen. Je größer die transnationalen Verbünde sind, desto mehr wächst gerade bei kleineren Nationen und entlegenen Regionen die Sorge, dass ihre Interessen und kulturellen Besonderheiten darin nicht angemessen zur Geltung gebracht werden können. Dies gilt gerade dann, wenn es sich um Nationen handelt, die Teil eines anderen Staates sind und bei der Vertretung ihrer Interessen auf dessen Vermittlung angewiesen sind.

Im Falle Kataloniens gibt es seit dem Ende der Franco-Diktatur zwar ein Autonomiestatut, das den Katalanen weitreichende Selbstbestimmungsrechte einräumt. Man kann daher gewiss nicht sagen, dass die katalanische Sprache und Kultur unterdrückt sind. Ob man der Meinung ist, dass das eigene Volk sich als Teil eines Staates, der von einer anderen Nation dominiert wird, hinreichend entfalten kann, hängt jedoch noch von anderen Faktoren ab. So fühlen sich die Katalanen als Nettozahler durch ein Finanzsystem belastet, in dem sie das Zehnfache dessen an den Zentralstaat abzuführen haben, was ein vergleichbares deutsches Bundesland an den Bund überweisen muss.

Vor allem aber hat ein Großteil der Katalanen durch die Art und Weise, wie 2010 das erweiterte Autonomiestatut vom spanischen Verfassungsgericht zusammengestrichen worden ist, das Vertrauen in den spanischen Staat verloren – denn das Autonomiestatut war vier Jahre zuvor bereits vom spanischen Parlament ratifiziert, vom König unterzeichnet und von den Katalanen in einem Referendum mit großer Mehrheit angenommen worden. Erst der Einspruch der Volkspartei, des Partido Popular, vor dem Verfassungsgericht hat diesen historischen Kompromiss zwischen Zentralstaat und katalanischer Autonomiebewegung zu Fall gebracht.

Eben diese Volkspartei ist nun als Regierungspartei auch für das aggressive Vorgehen gegen das katalanische Unabhängigkeitsreferendum verantwortlich. Sie weckt damit in der katalanischen Bevölkerung Erinnerungen an die Zeit der Franco-Diktatur, die sich in Katalonien erst nach blutigen Kämpfen gegen die Volksfront sowie ihren anarchistischen Zweig in Barcelona durchgesetzt hat. Zwar war das 1932 beschlossene Autonomiestatut bereits 1934 – schon damals infolge katalanischer Unabhängigkeitsbestrebungen – außer Kraft gesetzt worden. Aber erst unter Franco kam es zu einer systematischen Unterdrückung der katalanischen Sprache und Kultur. Auch dies erklärt die rasche Eskalation der Auseinandersetzung: Sie hat Wunden aufgerissen, die aufgrund der zögerlichen Aufarbeitung der Franco Diktatur noch kaum verheilen konnten.

In einer derart verfahrenen Situation könnte die Europäische Union endlich einmal die Vorschusslorbeeren, die ihr durch die Verleihung des Friedensnobelpreises eingeräumt worden sind, rechtfertigen. Es könnte so einfach sein: Katalonien wird unabhängig, bleibt aber als Teil der EU unverändert in den europäischen Wirtschafts- und Kulturraum eingebunden und verliert dadurch auch nicht die Anbindung an den spanischen Staat, mit dem es personell, ökonomisch und kulturell eng verflochten ist. Spanien wird für den Verlust der Transferzahlungen aus Katalonien durch zusätzliche Mittel aus Brüssel entschädigt.

Aber was tut die Europäische Kommission? Sie schweigt! Allenfalls lässt sie durchblicken, dass Katalonien sich im Falle einer Unabhängigkeit erst erneut um eine Mitgliedschaft in der EU bewerben müsste – die dann, angesichts des Einstimmigkeitsprinzips und der zu erwartenden spanischen Blockadehaltung, wohl eine rein theoretische Option wäre. De facto unterstützt die EU damit den Status quo. Da nun aber das nationale Selbstbestimmungsrecht und individuelle Freiheitsrechte eng miteinander verbunden sind, büßt sie auf diese Weise allgemein ihre Glaubwürdigkeit ein, die auf ihrem Selbstverständnis als menschenrechtsbasierter Wertegemeinschaft beruht.

Von ihren Strukturen her böte die EU sehr wohl die Voraussetzungen für ein Europa der Regionen, in dem kulturelle Vielfalt und politischer Zusammenschluss in einem wegweisenden Friedensprojekt zusammenfinden. Sie könnte ein Vorbild für die Verständigung zwischen den Völkern sein, indem sie durch einen Abbau bürokratischer und ökonomischer Hürden die nötigen Freiräume für die Entfaltung kultureller Autonomie in den Regionen schaffen würde. Stattdessen unterstützt sie aber sowohl direkt – durch die Regulierungswut der Europäischen Kommission – als auch indirekt – durch die Subventionierung von Ländern wie Polen und Ungarn, die gerade in autoritäre Regime transformiert werden – Fremdbestimmung und hierarchische, unterdrückerische Strukturen.

Wo die Europäische Union dem Abbau von Konflikten dienen könnte, heizt sie diese demnach noch zusätzlich an. Die Erneuerung der EU, von der derzeit so viel die Rede ist, dürfte daher nicht in erster Linie auf einer Stärkung transnationaler Strukturen beruhen. Vielmehr müsste der Akzent zunächst auf dem Aufbau von Vermittlungsinstanzen liegen, durch welche die europäischen Regionen direkter an politischen Entscheidungsprozessen beteiligt werden könnten. Ein Konflikt wie der um das katalanische Unabhängigkeitsreferendum könnte dann bereits im Vorfeld entschärft werden.

Bild: General Franco bei der Siegesparade nach der Einnahme Barcelonas am 26. Januar 1939

 

Führer, wir folgen dir (ins Grab)!

Martin Schulz profiliert sich als Totengräber der SPD

Eurokraten-Napoleon

Natürlich – Angela Merkel ist schuld. Wenn sie Martin Schulz häufiger zum Spitzenkandidaten-Duett aufgefordert hätte, hätte jeder gemerkt, dass in Wahrheit der SPD-Platzhirsch der Führende bei diesem Tanzpaar ist.

Dass die SPD schon wieder einen Mensch gewordenen Leitzordner ins Rennen geschickt hat, der sich wie ein Gorilla in der Brunstzeit gebärdet, hatte natürlich keine Auswirkungen auf das Wahlergebnis. Dass der Putin-Büttel und Hartz-IV-Initiator Gerhard Schröder sich auf dem Parteitag als Garant für soziale Gerechtigkeit inszenieren durfte – geschenkt. Dass der vermeintliche Heilsbringer der SPD mit der populistischen (weil: unrealistischen) Forderung nach einem Abbruch der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei versucht hat, die CSU rechts zu überholen – wahrscheinlich eine taktische Meisterleistung.

Als Präsident des Europaparlaments hat Martin Schulz die Abgeordneten zu Abnickern für Beschlüsse degradiert, die er zuvor mit Europäischer Kommission und Europarat ausgekungelt hatte. So jemand sieht sich natürlich zum Dirigenten berufen und empfindet es als unerträgliche Fehlbesetzung, wenn er in einem Kabinett die zweite Geige zu spielen hat. Wenn er schon nicht der Führer aller Deutschen sein kann, will er wenigstens Oppositionsführer sein.

Und was sagt die SPD dazu? – Falsche Frage. Die Partei hat all das nicht zu interessieren. Sie benimmt sich wie eine Mannschaft, die soeben die Saison mit null Punkten beendet hat – und dann schweigt, wenn ihr Trainer, Tränen der Rührung über die eigene Treue und Opferbereitschaft in der Stimme, sich hinstellt und verkündet, er werde der Mannschaft selbstverständlich auch in der zweiten Liga erhalten bleiben.

Martin Schulz genügt es offenbar nicht, sich als Totengräber der SPD zu profilieren – er möchte auch noch die Gruft ausgestalten. Wenn man das als staatspolitische Verantwortung verkauft, stellt sich die Frage, wer da eigentlich spricht: Vielleicht der neoliberale Flügel von CDU und FDP, wo man froh ist, endlich die sozialdemokratische Gewissenspolizei abschütteln zu können? Oder vielleicht die Möchtegern-Kosmopoliten der FDP, die ohnehin der Meinung sind, dass das Auswärtige Amt ein Erbhof ihrer Partei ist? Die Grünen, die nur darauf warten, ihren Dosenpfand-Dschihadismus auf die Windkraft zu übertragen, um dieses Land endgültig in eine Betonwüste zu verwandeln?

Nein, von staatspolitischer Verantwortung würde es zeugen, wenn man, nachdem man der SPD ein Wahldesaster historischen Ausmaßes beschert hat, Demut zeigen und im offenen Dialog mit anderen Ursachenforschung betreiben würde. Wenn man nicht dem politischen Gegner die Schuld für das eigene Scheitern geben würde. Wenn man sich endlich für einen anderen politischen Stil, eine andere Politikkultur öffnen würde, die an die Stelle der Leitzordner-Monologe einen kritischen, demokratischen Diskurs setzen würde.

Wenn man genauer hinschaut, sind hinter den Rücken der Alphatiere in der SPD eine Reihe von Politikern und insbesondere Politikerinnen zu erkennen, die einen solchen Paradigmenwechsel ermöglichen könnten. Und es ist ihnen durchaus zuzutrauen, diesen im Rahmen von Regierungsverantwortung einzuleiten. Denn dann könnten sie unmittelbar beweisen, dass sie das Neue nicht nur herbeizureden, sondern es auch zu gestalten in der Lage sind.

Und die AfD? Ja, es ist ein Schandfleck für uns alle, dass sie sich nun derart im deutschen Bundestag breitmachen darf. Andererseits wird uns, die wir uns immer so gerne als Bewältigungsweltmeister feiern, so auch endlich mal ein Spiegel vorgehalten. Denn die AfD ist ja nur ein Symptom für den faschistoiden Bodensatz, den es noch immer in unserer Gesellschaft gibt. Brennende Asylbewerberheime hat es schon lange vor der AfD gegeben. Und das Asylrecht wird auch nicht erst immer weiter eingeschränkt, seit hierzulande wieder offen gegen Ausländer gehetzt wird.

Man kann die AfD demzufolge auch nicht bekämpfen, indem man ihre Positionen übernimmt. Man kann sie nicht bekämpfen, indem man ihr die Rolle der Oppositionsführerin streitig macht. Man bekämpft sie, indem man ganz dezidiert eine menschenrechtsbasierte Politik macht. Und dies ist nun einmal an den Schalthebeln der Regierung viel leichter möglich als von der Oppositionsbank aus.

 

Bild: Eurokraten-Napoleon Schulz

 

Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll …

Wahlprüfsteine des Rothen Barons

König von Deutschland(1)

Am nächsten Sonntag finden sie nun also statt, die Wahlen, bei denen man keine Wahl hat. O.K. – ich übertreibe mal wieder. Und wenn ihr’s genau wissen wollt: Ich habe sogar schon meine Stimme „abgegeben“. Für wen, weiß jeder, der mal in diesem Blog herumgestöbert hat. (Kleiner Tipp: Die AfD ist es nicht …)

Trotzdem bin ich mir sicher, dass ich mich nach der Wahl in diesem Land ebenso fremd fühlen werde wie vor der Wahl. Ich habe mir deshalb noch einmal genau überlegt, was die Kernelemente einer Veränderung sein müssten, durch die ich mich in Deutschland zu Hause fühlen könnte. Dabei ist natürlich nichts Neues herausgekommen. Die folgende Übersicht ist daher lediglich im Sinne einer Liste von Wahlprüfsteinen zu verstehen, an denen eine ideale „Rother-Baron-Partei“ sich ausrichten müsste. Detailliertere Argumente finden sich in den Essays, die jeweils im Anschluss an die einzelnen Punkte meines Wunschzettels verlinkt sind.

Bildung / Kinderrechte. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, wären die Schulen keine Kasernen mehr, in denen durch Notendruck die Konkurrenzmentalität der Ellbogengesellschaft eingeübt wird. Anstatt die Beurteilung geistiger Leistungen als Selektionsinstrument zu missbrauchen und Kinder, die nicht der Norm entsprechen, auf ins soziale Abseits führende Schulen abzuschieben, würde nur das geistige Wachstum jedes Einzelnen zählen. Indem dieses im Vordergrund stünde, würden die Heranwachsenden zugleich den Respekt vor der individuellen Würde des Anderen erlernen, anstatt schon früh die Aussortierung des Andersartigen als Norm zu erleben.

Eng mit dieser neuen Lern- und Bildungskultur verbunden wäre ein verändertes Bild von Kindern und Jugendlichen. Diese würden dann als eigenständige Subjekte geachtet, deren physisches und psychisches Wohlergehen im Zweifelsfall stets höher zu gewichten wäre als das vermeintliche Eigentumsrecht der Eltern an ihnen.

vgl. G 8? G 9? Plädoyer für G 0

Energie / Nachhaltigkeit. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, müsste ein Windrad zunächst einmal als das betrachtet werden, was es ist: als ein bis zu 300 Meter hoher Betonpfeiler mit Rotorblättern. Es müsste klar sein, dass man, wenn man einen solchen Betonpfeiler bedenkenlos in die Erde rammt, damit die eigene Entfremdung von der Natur dokumentiert und ein Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell am Leben erhält, aus dem genau jene Umweltzerstörungen resultieren, die man durch ein Energieprojekt wie die Windkraft zu überwinden vorgibt.

Stattdessen muss eben diese an ewigem Wachstum orientierte Lebensweise zugunsten eines an umfassender Nachhaltigkeit ausgerichteten Umgangs mit den natürlichen Ressourcen überwunden werden. Anstatt immer neue Naturzerstörungen in Kauf zu nehmen, um die Energie für den Erhalt der destruktiven Wachstumswirtschaft zu erzeugen, müsste zunächst das vorhandene Einsparpotenzial ausgeschöpft werden. Dabei ist nicht nur an umfassende Investitionen in konkrete Energiesparmaßnahmen zu denken. Ein wirklicher Paradigmenwechsel wäre vielmehr nur durch eine grundlegend andere, weniger materialistische Lebensweise zu erreichen, die sich mehr an geistigem Wachstum orientieren würde.

Bei Natur- und Klimaschutz würden wir dann nicht mehr an technische Verfahren denken, die für die menschliche Gesundheit halbwegs tolerable Umweltbedingungen gewährleisten sollen. Sie würden sich vielmehr organisch aus der Einsicht ergeben, selbst ein Teil der Natur zu sein und folglich nur in einem harmonischen Miteinander mit dieser ein erfülltes Leben führen zu können.

vgl. Inneres und äußeres Wachstum. Die Paradoxie eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums

Fairer Handel. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, dürfte „Fairtrade“ nicht bloß eine Option der Verbraucher sein. Es müsste vielmehr selbstverständlich sein, dass Unternehmen, die bei der Herstellung von Produkten oder dem Handel damit grundlegende soziale und ökologische Standards missachten, diese Produkte nicht verkaufen dürfen. Fairer Handel dürfte auch niemals als Synonym für einen vorgeblichen „freien Handel“ missbraucht werden, durch den nur die Interessen der großen Industrienationen und ihrer multinationalen Konzerne durchgesetzt werden. Stattdessen müsste „fairer Handel“ im globalen Maßstab auch immer das Ziel einer Annäherung der globalen Lebensverhältnisse an das in den Industrieländern geltende Niveau beinhalten.

vgl. Geistesgift Gier. Zur Genese und Bekämpfung ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse

Flüchtlingshilfe / globale Solidarität. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, müsste hier eine Kultur der Empathie herrschen. Der Anblick verzweifelter Flüchtlinge würde dann niemanden dazu veranlassen, Schutzwälle gegen diese zu errichten oder das Militär gegen sie in Stellung zu bringen. Stattdessen würden wir alle gemeinsam mögliche Hilfs- und Unterbringungsmaßnahmen diskutieren und uns dafür entsprechend engagieren.

Naturkatastrophen und Hungersnöte, die sich anderswo auf der Welt ereignen, würden nicht mehr dazu dienen, sich abends vor dem Fernseher einen Grusel-Kick in seinem weich gepolsterten Alltag zu verschaffen. Stattdessen müsste das Anschauen des Grauens unmittelbar in Hilfsmaßnahmen übergehen, und es wäre selbstverständlich, dass der Staat hierauf unmittelbar mit steuerfinanzierten Unterstützungsprogrammen reagiert (beispielsweise mit Hilfe einer zweckgebundenen Steuer auf Genussmittel ).

vgl. Freiheitsboten in Flüchtlingsbooten. Der Flüchtling als Retter des Abendlandes

vgl. Fome Zero! Zehn-Punkte-Utopie zur Überwindung des Hungers

Lärmschutz. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, müsste Lärm als das behandelt werden, was er ist: als Körperverletzung und als Hindernis für geistige Aktivität. Es wäre dann selbstverständlich, dass Baustellen nur dann betrieben werden dürfen, wenn zuvor entsprechende Lärmschutzmaßnahmen ergriffen worden sind. Gleiches würde für den Betrieb von Flughäfen sowie an Bahn- und Autobahntrassen gelten. Für Garten- und Heimwerkergeräte müssten die vorhandenen Möglichkeiten zur Lärmdämmung voll ausgeschöpft werden. Wo dies nicht oder nur eingeschränkt möglich ist, müsste ein enger Zeitkorridor für die Benutzung festgelegt werden.

vgl. Die Freiheit des Rasenmähenden. Lärm als verfassungsrechtliches ProblemDie Freiheit des Rasenmähenden. Lärm als verfassungsrechtliches Problem

Militär. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, müsste das Militär als das betrachtet werden, was es ist: als notwendiges Übel. In einer Welt der durchgeknallten Diktatoren und der hybriden Kriege würde Demilitarisierung am Ende nur in eine verstärkte Militarisierung und in die Tyrannei münden, da die Schlächter dieser Welt dies als Einladung verstehen könnten, sich das wehrlos gewordene Land zur Beute zu machen. Dies darf aber nicht dazu führen, dass man das Militär verherrlicht oder ihm gar ein Eigenleben zugesteht, eine Existenz als „Staat im Staate“. Denn dies hat zur Folge, dass man das fördert, was man durch eine Verteidigungsarmee eigentlich eindämmen möchte, dass man die Kriegsspirale also selbst weiter antreibt.

In einem Staat, der sich konsequent dem Ziel einer friedlichen Koexistenz der Völker verschreibt, dürfte es folglich keinen militärisch-industriellen Komplex geben, der sich von der Befeuerung kriegerischer Konflikte nährt, keine Truppenübungen, die das Volk jenem Terror aussetzen, vor dem sie es zu bewahren vorgeben, und keine Werbung für den Militärdienst, die diesen mit dem Weichzeichner der Lagerfeuerromantik verklärt.

vgl. Todessehnsucht und Tötungsauftrag. Über einige Besonderheiten des Tötens im KriegTodessehnsucht und Tötungsauftrag. Über einige Besonderheiten des Tötens im Krieg

Mitbestimmung. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, müsste hier eine Kultur des Dialogs Einzug halten. Die Herrschenden würden dem Volk dann nicht mehr mit den Mitteln moderner Propaganda ihre Entscheidungen „kommunizieren“, sondern regelmäßig in Bürgerforen über diese diskutieren. Die Diskussionen müssten dabei nach dem Prinzip der gleichberechtigten Teilhabe ablaufen, d.h. sie dürften nicht nur die Funktion eines Ventils für die Artikulation von Unzufriedenheit erfüllen, sondern müssten echte Einflussnahme auf politische Prozesse ermöglichen. Voraussetzung dafür wäre ein umfassender kultureller Wandel, der nicht mehr von den Endlosschleifen der Talkshow-Monologe, sondern von einer Kultur des Zuhörens, der Empathie und der Bereitschaft, voneinander zu lernen, geprägt wäre.

vgl. Neuanfang oder Untergang. Vorschläge für eine Reform der demokratischen Willensbildung

Soziale Grundsicherung / Gesundheitsschutz. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, müsste Schluss sein mit der Herabwürdigung des unterprivilegierten Teils der Bevölkerung zu Bettlern. Statt der demütigenden Pflicht zu behördlichen Bittgängen gäbe es ein am Prinzip der negativen Einkommensteuer orientiertes Grundeinkommen, dass allen eine würdevolle Existenz ermöglichen würde.

Gekoppelt wäre dies an einen kostenlosen, steuerfinanzierten Gesundheitsschutz. Dieser würde dabei nicht in der Hand privater Unternehmen liegen, sondern wäre – wie die Bildung – eine Kernaufgabe des Staates. Hierdurch sollte sichergestellt werden, dass in einem dem Ideal der Humanität verpflichteten Staatswesen der Gesundheitsschutz nicht zu einem Gegenstand eines inhumanen Denkens in Kategorien von Taktoptimierung, Fallzahlen und Gewinnmaximierung verkommen kann.

vgl. Arbeit und Mehrwert. Vorüberlegungen für eine menschenwürdigere Gestaltung des EntlohnungssystemsArbeit und Mehrwert. Vorüberlegungen für eine menschenwürdigere Gestaltung des Entlohnungssystems

Steuergesetze. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, müsste es selbstverständlich sein, dass Steuern in erster Linie dann gezahlt werden, wenn jemand einen finanziellen Gewinn zu verzeichnen hat – wenn er also mehr Lohn erhält, als er zum Leben braucht, Gewinne durch den Handel oder die Herstellung bestimmter Produkte erzielt, von Spekulationsgeschäften an der Börse profitiert, eine Erbschaft macht oder im Lotto gewinnt. Wenn dagegen die Waschmaschine kaputt ist und man eine neue kaufen muss, muss es sich von selbst verstehen, dass der Staat von diesem Pech nicht durch die Erhebung von Mehrwertsteuer profitieren darf.

Soweit Steuern eine Lenkungsfunktion haben oder als Entgelt für die Nutzung von Gemeineigentum zu verstehen sind, sollten sie nur zweckgebunden erhoben werden dürfen: Die Tabaksteuer sollte allein dem Gesundheitsschutz, die Kfz-Steuer nur der Ausbesserung von Straßen und dem Umweltschutz dienen. „Steuergerechtigkeit“ sollte zudem nicht einseitig auf das Verhältnis der BürgerInnen gegenüber dem Staat bezogen werden, sondern wechselseitig, also auch im Sinne einer Rechenschaftspflicht der staatlichen Akteure gegenüber den Steuerpflichtigen, gelten. Vom Bundesrechnungshof beanstandete Verfehlungen müssten mit derselben Schärfe geahndet werden, mit der säumige Steuerzahler verfolgt werden.

vgl. Der Gestank des Geldes. Zur Steuer(un)moral des Staates

Tierschutz. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, müsste es normal sein, dass jemand der in der Dunkelheit mit einem Nachtsichtgerät unschuldigen Tieren auflauert, um sie zu erschießen, als das verurteilt wird, was er ist: als heimtückischer Mörder. Es muss normal sein, dass man, wenn man an einer Autobahnraststätte zu Tode verängstigte Tiere hört, die in einem dunklen Viehtransporter eingepfercht sind, die Polizei ruft, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen zu lassen. Es muss selbstverständlich sein, dass ein Schlachthof ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist – im Sinne eines Bruchs mit dem Leitbild einer Humanität, die es ausschließt, Mitgeschöpfe als Produktionsmaterial zu verdinglichen.

vgl. Homo bestialis. Der Schlachthof als moralischer Offenbarungseid

Wohnrecht. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, müsste es selbstverständlich sein, dass jeder Mensch ein Grundrecht auf Wohnen hat. Demzufolge gäbe es eine strenge, am Durchschnittslohn orientierte Mietpreisbremse und eine Bringpflicht des Staates zur Verhinderung von Obdachlosigkeit bzw. bei der Versorgung von Obdachlosen. Anstelle immer neuer Wohnungsbauprojekte, die in erster Linie als Konjunkturprogramm für die Bauwirtschaft fungieren, müsste das Wohnen im ländlichen Raum gefördert werden, indem leer stehende Häuser saniert und Umzüge aufs Land durch eine Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs attraktiver gemacht würden.

 

Bild: Snapshot aus dem Video: Rio Reiser: König von Deutschland