Mademoiselle chante …

Das junge französische Chanson auf den Spuren der Romantik

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Zum Abschluss des Musiksommers auf rotherbaron hier ein Beitrag über neuere Entwicklungen in der französischen Chansonszene – mit Hörbeispielen, ausführlichen Informationen über die einzelnen SängerInnen und Übersetzungen der Liedtexte.

Text lesen: Mademoiselle chante- Das junge französische Chanson

 

Bildnachweise: Lizzie Levee (mit Hut): womex ; Gemma: RFFiX.fr;  Zoé Malouvet: Barjac m’en chante; Alma Forrer: RTL.fr;  ; Clemence Savelli: La Lettre aux Z’Enchantées; ; Lise Martin: Photo © David Desreumaux. Hexagone; Baptiste W. Hamon: Snapshot aus Youtube-Video
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L’amour des femmes

Weibliche Widerständigkeit in neueren französischen Liebeslie­dern

Heinrich_Vogeler_Sehnsucht_(Träumerei)_c1900Hier der angekündigte erste Teil meiner Reise zu den französischen Chansonsängerinnen. Der zweite Teil folgt in einer Woche und wird sich schwerpunktmäßig mit neueren Entwicklungen in der Welt des französischen Chansons beschäftigen (aus weiblicher Perspektive).

Text als pdf: L’amour des femmes

 

 

 

Bildnachweis: Heinrich Vogler: Sehnsucht. Um 1900 © Künstlerkolonie Worpswede

 

 

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Musikalische Sommerreise 2017

Vollständige Fassung als pdf-Dokument

Hier noch mal die gesamte musikalische Sommerreise 2017 zum Nachhören und Nachlesen. Am kommenden Sonntag folgt dann Teil I meiner Reise zu den französischen Chansonsängerinnen (Thema: L’amour des femmes‘).

PDF: Musikalische Sommerreise 2017

 

Bilder: 1. Pietro Dàmbrosio: Castellanata (Apulien) über der Gravina Grande (‚großen Schlucht‘).  2. Snapshot aus dem Video Černej pasažér 3. Dersim. Foto einer Exkursion der San Francisco State University. 4. Novi Sad bei Regen.Quelle: http://sickstyle.tumblr.com/post/27278972787 5. Bank am Strand. Fotolia. 6. Pjotr Nalitch und Band

 

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Musikalische Sommerreise 2017: Teil 5

Achte bis zehnte Etappe: Spanien Italien und Griechenland

Sunset beach and bench

Eine musikalische Sommerreise, noch dazu im Sommer, ohne einen Abstecher ans Mittelmeer? – Unvorstellbar! Also habe ich mich als blinder Passagier in ein Road Movie der 1997 gegründeten katalanischen Band Sidonie eingeschmuggelt und mich so an jene „azurblaue Küste“ fahren lassen, die man im Spanischen „Costa Azul“ und im Französischen „Côte d’Azur“ nennt.

Während einer Pannenpause haben die Bandmitglieder (Marc Ros, Jesús Senra und Axel Pi) mir ihr Lied über die Costa Azul vorgesungen – und ich muss schon sagen: Dafür, wie cool die Jungs sich geben, war der Text ganz schön poetisch! Aber gut, man kennt das ja: harte Schale, weicher Kern …

Von Spanien aus bin ich dann weitergereist nach „Bella Napoli“, wo ich den 1955 geborenen Saxofonisten und „Cantautore“ Enzo Avitabile getroffen habe. Mit seinen zerzausten Haaren, seiner kuttenartigen Kleidung und dem Kreuz, das er als Ohrring trägt, hat er auf mich wie eine Mischung aus Mönch und Hippie gewirkt. Und ein bisschen ist er das wohl auch – jedenfalls, wenn man von der Botschaft, die von seiner Musik ausgeht, auf seinen Charakter schließen darf. „Love and peace“, das ist ganz klar die zentrale Message.

Das Entscheidende bei Enzo Avitabile, der als Jazz- und Soul-Musiker mit bedeutenden Black-Music-Vertretern wie James Brown und Richie Havens zusammengearbeitet hat, aber auch immer wieder folkloristische Elemente seiner neapolitanischen Heimat aufgreift, sind allerdings nicht die Texte. Im Vordergrund steht vielmehr die Musik selbst. Ich denke dabei vor allem an das Projekt, bei dem er Musiker aus verschiedenen Teilen der Welt in eine neapolitanische Barockkirche eingeladen hat, um dort mit ihnen in einer Art Jam Session zusammenzuwirken. Das von Jonathan Demme in dem Film Music Life (2012) dokumentierte Projekt ist in Teilen im Internet abrufbar.

Was mich an den einzelnen Darbietungen am meisten beeindruckt hat, ist die unmittelbare Erfahrung der völkerverbindenden Kraft der Musik, die sie ermöglichen. Die internationale Sprache der Musik bringt, so scheint mir, ein wenig von der Unbefangenheit und Unvoreingenommenheit zurück, mit denen Kinder aus unterschiedlichen Kulturen aufeinander zugehen und sich spielerisch miteinander verständigen. So fällt es zunächst auch gar nicht auf, dass Enzo Avitabile durchgehend in seinem neapolitanischen Dialekt singt, der wohl auch in Italien für Nicht-Neapolitaner nicht ohne weiteres verständlich ist.

Vielleicht, so habe ich mir beim Betrachten und Anhören der einzelnen Sessions gedacht, sollten Lothar de Maizière und die anderen deutschen Gefährder auch erst einmal mit den Flüchtlingen singen, die bei uns Hilfe suchen, anstatt sie immer gleich wegzusperren. Ich habe nämlich den Eindruck, dass man Menschen aus anderen Kulturen ganz anders wahrnimmt, wenn man sie über ihren Gesang kennenlernt. Anstatt sie als lästige Bettler zu sehen, die von den für sie verbotenen Früchten des Wohlstands naschen wollen, treten sie einem dann in der Würde ihrer je eigenen Kultur gegenüber, die sich in der Musik unmittelbar ausspricht.

Zum Abschluss meiner diesjährigen musikalischen Sommerreise habe ich mich nach Griechenland übersetzen lassen. Das Lied Ego den eimai [ime] poiitis [piitis] (‚Ich bin kein Dichter‘) des 1948 in Thessaloniki geborenen und leider schon 2011 verstorbenen Nikos Papazoglou, das ich dort entdeckt habe, ist musikalisch so ziemlich das Gegenteil der interkulturellen Songs von Enzo Avitabile. An die Stelle des die ganze Welt umarmenden World-Music-Enthusiasmus tritt hier eine resignative Melancholie. Ich denke allerdings, dass das ganz gut zum Ende einer Reise passt, zu der leichten Traurigkeit, die einen befällt, wenn all die schönen Abenteuer und Utopien eines anderen Lebens wieder im grauen Einerlei des Alltags versinken.

Hinzu kommt, dass ich eine Reise ans Mittelmeer für verlogen, ja fast schon für obszön halten würde, wenn es dabei nur ums Partymachen ginge. Mittelmeer und Adria stehen eben nicht nur für sorglosen Strandurlaub, azurblauen Himmel, ebenso schmackhafte wie bekömmliche Gerichte und Menschen, die nicht mit einem sprechen, als hätten sie einen ganzen Paragraphenwald verschluckt. Heute assoziiert man sie vielmehr auch mit dem Ertrinken tausender Menschen, die in Europa Schutz suchen, mit den Kriegen in den nordafrikanischen Anrainerstaaten sowie mit der ökonomischen Krise und der Perspektivlosigkeit unzähliger junger Menschen in den Ländern Südeuropas.

Gerade in Griechenland, dessen Bevölkerung nun schon seit Jahren für das Versagen einer korrupten Elite abgestraft wird, steht das sorglose Urlaubsglück der Touristen in krassem Gegensatz zu dem Kahlschlag im Sozialbereich und den immer neuen Gehalts- und Rentenkürzungen, unter denen weite Teile der Bevölkerung leiden. Dabei scheint die nicht nur sinnlose, sondern für eine Erholung der griechischen Wirtschaft sogar kontraproduktive Politik der Austeritätsdschihadisten um Wolfgang Schäuble längst zum Selbstzweck geworden zu sein.

Erklären lässt sich das wohl nur noch unter Zuhilfenahme tiefenpsychologischer Theorien. Wäre ich Sigmund Freud, würde ich sagen: Die fanatische Sparpolitik ist das Spiegelbild einer Charakterstruktur, bei der die Betreffenden auf der Stufe der analen Befriedigung stehen geblieben sind und Lust aus dem zwanghaften Zurückhalten bzw. Sich-Versagen jeder Form von spontaner Lebensfreude ziehen. Folglich richtet sich ihr Hass auf all jene, die ein unkomplizierteres Verhältnis zum „verschwenderischen“ Genießen des Lebens haben. Und tatsächlich haben die Ritter der Schwarzen Null in diesem Sinne ja auch ganze Arbeit geleistet, indem sie aus den lebensfrohen Griechen ein Volk von Selbstmordkandidaten gemacht haben.

Der Song von Nikos Papazoglou scheint mir hierzu nicht nur durch seine melancholische Grundstimmung zu passen. Auch das Gedicht von Lazaros Andreou, dessen Vertonung das Lied darstellt, lässt sich mit dem traurigen Alltag, den viele Menschen in Griechenland derzeit durchleben müssen, in Verbindung bringen. Schließlich beschwören die Verse die Situation eines Menschen, der sich überall ausgestoßen fühlt, der obdach- bzw. heimatlos ist, überall gegen Mauern rennt und sich wie Judas als Verfemter fühlt, als Paria, für den es nirgends auf der Welt einen Platz gibt.

Auf einer allgemeineren Ebene lässt sich das Gedicht sicher auch als Beschreibung der conditio humana deuten, als Bild für den aus dem Paradies vertriebenen Menschen, der sein „unbehaustes“ Dasein als Strafe erlebt. In Griechenland werden die Verse darüber hinaus vielleicht Assoziationen an die Zeit der Militärdiktatur wecken und an das „Verfemtsein“ der Opposition in jenen Jahren denken lassen. Aus heutiger Perspektive erinnert das Gedicht aber eben auch an den Paria-Status, der Griechenland von der EU, den großen Ratingagenturen und den internationalen Geldgeber-Institutionen zugewiesen worden ist. Und natürlich könnte man es auch auf die Situation der Flüchtlinge beziehen, für die das Leben ein einziges Gefängnis ist, die als Vertriebene, Ausgestoßene, Ausgegrenzte durch die Welt irren müssen und nirgends ein Zuhause finden.

8.Etappe: Spanien

Sidonie: Costa Azul aus: Costa Azul (2007)

Liedtext

Übersetzung:

Costa Azul (Côte d’Azur)

Deine Knochen sind
ein Felsen aus Kristall
in einem Meer
aus vollkommenem Fleisch.
Meine Augen schütten
flüssiges Gold in das Meer
und umkränzen dein Haupt
mit einer Krone aus Korallen.

Als der Wind umgeschlagen ist,
haben die Gezeiten mich mit sich fortgetragen,
und ich trieb dahin
in der blauen Umarmung des Meeres.
Ich dachte, dass deine [seine] Arme
[nur] das Salz meiner Nation wären.
[Sie trugen mich aber weiter bis in] das schöne Amerika
und nach Japan, wo ich kenterte.

An der Costa Azul –
ein Foto von uns im Gegenlicht,
ein Kuss für die Ewigkeit,
unsere Körper, die zu siamesischen Zwillingen verschmolzen sind.

Auch wenn mein Mund
aus einem zerbrochenen Glas
den Schatten des Herbstes getrunken hat
und den endgültigen Abschied,
werde ich doch alle Meere
in einen Krug schütten
und unseren Sommer
in meinem Wohnzimmer aufbewahren.

An der Costa Azul …

9. Etappe: Italien

Enzo Avitabile mit der Band I Bottari und dem mauretanischen Sänger Daby Touré: Mane e mane aus: Black Tarantella (2012); Ursprungsfassung von Enzo Avitabile und Mory Kanté (aus: O-Issa, 1999)

Live-Aufnahme aus dem Film Music Life (2012) von Jonathan Demme (mit eingeblendetem italienischen Text):

Liedtext

Freie Übertragung*:

Hand in Hand

Ein Stern wacht über die Welt.
Fallend verliert er sich darin,
und das Meer erhebt sich
als Sturm in der Nacht.
Das Wasser durchnässt die Kleider
und lässt die Kanonen rosten.
Schnee fällt in der Wüste,
Sand aus dem Vesuv.

Hand in Hand
schreiten wir durch die kalte Welt.
Der Wind kommt,
der Wind geht.
Hand in Hand
schreiten wir unter einem Zulu-Himmel.**
Der Wind weht für immer
oder niemals mehr.

Alle Welt weiß,
dass nur die Menschen sich die Hand reichen,
um sich zu versöhnen.
Alle Welt weiß,
dass nur die Menschen fähig sind,
sich zu versöhnen,
um gemeinsam auf der Straße des Friedens zu gehen.

Wer das Dunkel nicht kennt,
kann das Licht nicht verstehen.
Kein Mensch kennt den anderen,
jeder ist allein.

Ein Stern wacht über die Erde
und wandelt durch die Welt.
Silberblättrige Münzen***
verfangen sich in seinem Netz.
Das Wasser umspült die Schiffe,
es lässt die Ketten rosten
und die zugebundenen Koffer,****
die noch nach den Ängsten der Vergangenheit riechen.

Männer und Frauen, alle haben Hunger.
Der Krieg ist schuld,
er hat sie in die Armut getrieben.
Mein Volk ist krank und leidet,
weil es vertrieben worden ist.
Lasst uns innehalten und ihn beenden,
diesen zerstörerischen Krieg.

Hand in Hand …

Die Menschen wissen,
dass sie zusammenleben können,
Hand in Hand.

*   Kursiv gedruckte Passagen von Daby Touré gesungen.

**  Der Name des in Südafrika lebenden Bantu-Volks der Zulu leitet sich von „izulu“ (Himmel) ab. „Zulu-Himmel“ ist demnach eine Tautologie, die betont, dass alle Menschen unter dem gleichen Himmel leben und ihn nur jeweils anders bezeichnen.

***Das Silberblatt (ital. „erba d’argento“) gehört zu den Kreuzblütengewächsen. Wegen der durchsichtigen, runden Kapseln, in denen sich die Samen befinden, werden die Pflanzen in Italien auch als „Medaglioni del Papa“ (Papstmedaillons), „Moneta del Papa“ bzw. „Moneta Pontificia“ (Papstgeld/-münzen) bezeichnet. Aus dem gleichen Grund assoziiert man sie in Deutschland mit dem „Judaspfennig“ bzw. „-silberling“.

**** Das Original („le valige con lo spago“) ist hier doppeldeutig, da „spago“ sowohl „Bindfaden“ bedeuten kann als auch eine scherzhafte Bezeichnung für „Angst“ ist.

 

 10. Etappe Griechenland

Nikos Papazoglou: Ego den eimai [ime] poiitis [piitis] (Text: Lazaros Andreou) aus: Otan kidinevis paíkse tin puruda (1995)

Liedtext

Sinngemäße Übertragung:

Ich bin kein Dichter

Ich bin kein Dichter, ich bin ein Vers,
ein Vers im Vorübergehen,
auf eine Gefängnismauer geschrieben,
in eine Parkbank geritzt.

Die Verrückten singen mich und die Heimatlosen.
Ich bin der Vers der Verfluchten,
deren Seelen auf ferne Planeten verbannt worden sind.

Ich bin kein Dichter,
ich bin seine Klage.
Ich bin das letzte Abendmahl.
Judas, mein Bruder,
beugt sich weinend über mich.

 

Bild: Sonnenuntergang am Meer mit Bank. Quelle Fotolia
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Musikalische Sommerreise 2017: Teil 4

Sechste und  siebte Etappe: Serbien und Bulgarien

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1991 war fast ganz Europa in Feierlaune. Der Eiserne Vorhang war gefallen, überall blühten die Freiheitsträume. Freies Reisen, freies Denken, freies Handeln – der Freiheit sollten keinerlei Schranken mehr auferlegt werden, der Traum von der grenzenlosen Freiheit war in aller Munde.

Nur in Jugoslawien herrschte schon vor dem großen europäischen Freiheitsrausch Katerstimmung. Die staatlich verordnete Misswirtschaft hatte zu einer Hyperinflation geführt, durch welche die systemimmanenten Mängel einer Planwirtschaft sich zu einer manifesten sozialen Krise ausgeweitet hatten. Zusätzlich befeuert wurde diese dadurch, dass der ökonomische Bankrott die lange Zeit verdeckten nationalistischen Ressentiments in dem Vielvölkerstaat offen zutage treten ließ. So wurde die Forderung nach einer Neuberechnung des Finanzausgleichs, bei der sowohl die reicheren als auch die ärmeren Landesteile eine Erhöhung ihrer Zuwendungen aus dem Staatshaushalt verlangten, rasch von ethnischen Spannungen überlagert, die im Juni 1991, im letztlich erfolgreichen Unabhängigkeitskampf der Slowenen, in eine erste kriegerische Auseinandersetzung mündeten. Diese war der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Kriegen und brutalen ethnischen Säuberungen, die das freiheitstrunkene Europa schlagartig auf den archaischen Boden seiner Realität zurückholten.

In dieser trübselig-aufgeheizten Atmosphäre ist das Lied Ringišpil (‚Karussell‘) des serbischen Singer-Songwriters Đorđe (Djordje) Balašević entstanden, der 1953 als Sohn eines serbischen Vaters und einer kroatisch-ungarischen Mutter in Novi Sad geboren wurde. Es beschreibt die Melancholie eines Regentages, an dem nur die Reise in das blaue Land des Alkohols, den doppelsinnigen „Schwindel“, den der Rausch einem schenkt, Erleichterung verspricht.

Bezieht man den Song auf die historische Situation, in der er entstanden ist, so ergeben sich Parallelen zur Fin-de-Siècle- und Décadence-Literatur an der Wende zum 20. Jahrhundert. Diese erlebte in Wien, dem Zentrum des damaligen Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn, mit Autoren wie Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler oder auch Felix Dörmann eine besondere Blüte. Neben sozioökonomischen und sozialpsychologischen Deutungen (Zusammenbruch der bisherigen geistigen Fundamente sowie der sozialen und ökonomischen Ordnung durch die sich beschleunigende Industrialisierung) lässt sich dieses Phänomen auch auf die Vorahnung des Auseinanderbrechens der Donaumonarchie zurückführen, das von den Autoren als eine Art Metapher für den Verlust ihrer geistigen Heimat empfunden wurde.

Diese Deutung erklärt freilich noch nicht die ungebrochene Popularität von Balaševićs Lied, dessen verschiedene Varianten im Internet millionenfach angeclickt worden sind. Hierfür ist wohl eher die Nachkriegsdepression in Serbien verantwortlich, wo die materiellen und psychologischen Kriegsfolgen bis heute deutlich zu spüren sind. Als EU-Beitrittskandidat erhält das Land zwar finanzielle Hilfen aus Brüssel und wird auch von Weltbank und IWF regelmäßig mit Krediten unterstützt. Dafür muss es jedoch einem Sanierungskurs folgen, bei dem die abstrakten, positiven Wachstumsraten mit der Negativfolie einer bitteren sozialen Realität erkauft werden, die von hoher Arbeitslosigkeit und geringen Einkommen geprägt ist.

Hinzu kommt, dass auch in den übrigen Staaten des ehemaligen Ostblocks der einstige Freiheitsrausch rasch einem andauenden Kater gewichen ist. Schnell ist klar geworden, dass eine Freiheit, der keinerlei Schranken auferlegt werden, sich selbst aufhebt, indem sie etwa ökonomische Konzentrations- und Monopolisierungsprozesse ermöglicht, die den sozialen Frieden unterminieren und – wenn sie sich auf den Medienbereich ausdehnen – auch die geistige Freiheit in Frage stellen können.

Vor diesem Hintergrund ist vielerorts eine radikale Gegenbewegung entstanden, die den Traum von der schrankenlosen Freiheit unter einer neuen Abschottungspolitik begraben und die konkreten Freiheitsrechte (Pressefreiheit, freie Wahlen, Gewaltenteilung …) zugunsten einer neuen, nationalistisch gefärbten Führerstaatsideologie abschaffen möchte. Auch diese Entwicklung mag bei empfindlicheren Gemütern zu Anwandlungen von Verzweiflung führen, die manch einen der Verlockung einer Reise in den blauen Alkoholdunst erliegen lässt.

Allerdings braucht man vielleicht auch keine tiefer liegenden Gründe, um an einem langen, grauen Regentag in Depressionen zu verfallen – noch dazu, wenn dieser einen in einer jener gesichtslosen Trabantenstädte überfällt, den Schattenkränzen, von denen die leuchtenden Metropolen überall in Europa umgeben sind. Gerade jetzt, da wir mal wieder einen der typischen deutschen Regensommer durchleben, werden nicht wenige diese Empfindung teilen.

Zur Aufmunterung stelle ich dem melancholischen Lied von Balašević daher den bulgarischen Sommerhit 123 Irakli der Band Merudia* an die Seite. Der unbekümmerte Mix aus Kinderlied, Reggae, Rap und Balkan-Folk lässt die herunterhängenden Mundwinkel ganz von selbst nach oben schwingen. Dazu entführt der Videoclip einen an eine zauberhafte Schwarzmeerküste und lädt dort zu einer rauschenden Strandparty ein. Die eingestreuten Englischbrocken hätte ich zwar für verzichtbar gehalten – aber vielleicht melden sich darin ja die betrunkenen Piraten zu Wort, die in dem Lied besungen werden.

*   „Merudia“ ist zunächst das bulgarische Wort für „Petersilie“, kann je nach Region aber auch „Dill“, „Bockshornklee“ oder allgemein Würzkräuter bzw. eine bestimmte Gewürzmischung bezeichnen. Der Bandname deutet damit vielleicht schlicht auf die „musikalische Würze“ hin, welche die Band der „Lebenssuppe“ hinzufügen möchte.

6. Etappe: Serbien

Đorđe (Djordje) Balašević: Ringišpil aus: Marim ja (‚Ich passe auf‘); 1991

Live-Aufnahme von 2012:

Liedtext

Übersetzung:

Karussell

Es regnet schon den ganzen Tag,
der Himmel hat beschlossen, die Erde zu überfluten.
Tagelang hängt über der Stadt der Vorhang des Regens.

Der Regen fällt, das ist seine übliche Beschäftigung.
Mir aber ist das so einerlei wie das nördliche Banat.*
Das Leben ist mehr oder weniger dasselbe, ob mit oder ohne Regen.

Die Zeit zieht sich wie ein Güterzug.
Was soll ich nur anfangen heute Abend?
Na, wie immer: „Kellner, einen Latte macchiato!“ – „Sofort …“

Die Zeit verrinnt, das tut sie immer so,
und alles ist so seicht wie ein flacher Teller.
Ein teuflisches Bild – nicht ein einziges Segel am Horizont.

O lass es sich drehen, das Karussell in meinem Kopf,
niemand bringt das fertig außer dir.
Ohne dich erstarren die Holzpferdchen traurig in der Kälte.

Erscheine, tauch auf aus der blauen Flasche**,
erfüll mir wenigstens einen Wunsch
und gib der Welt ein wenig Farbe, mein kleines Wunder.

Die Nacht taumelt wie eine überreife Frucht.
Die Zeiten sind hart, aber ich bin härter als sie.
Bald wird die Erdanziehungskraft ihren Tribut fordern.

Ich verstehe mich schlecht auf die samstäglichen Spiele in der Menge.
Aber ein wenig begreife ich die Logik dieser alles in sich vermischenden Schwämme
Wenn man berauscht ist, fällt es leichter, die Strafe auf sich zu nehmen, die sich   „Leben“ nennt.

O lass es sich drehen …

Ich bin müde, ich gebe auf, das alles drückt mich nieder wie ein Bügeleisen.
Melde dich, erscheine, gib der Welt ein klein wenig Schwung!***
Du hast schon einmal das Wunder vollbracht, heute brauche ich dich mehr denn je.
Gib der Welt ein klein wenig Verrücktheit! Gib der Welt ein klein wenig Schwung!

O lass es sich drehen …

Erscheine, tauch auf …

Ich bin müde, ich gebe auf …

*   das nördliche Banat: Wortspiel mit ‚flach‘ und ‚gleichgültig‘, deren serbische Entsprechungen ähnlich klingen. – Der nördliche Teil des Banats ist eine Tiefebene und gehört im Westen (unweit von Novi Sad, der Heimatstadt von Balašević) zu Serbien. Der nordöstliche sowie der südliche Teil, das so genannte „Banater Gebirge“, gehören zu Rumänien, wo auch die deutschsprachige Minderheit des Banats (die „Banater Schwaben“) zu Hause ist.

**  blaue Flasche: eventuell eine Anspielung auf den Sliwowitz, den hochprozentigen Pflaumenschnaps, der in mehreren Ländern Osteuropas eine Art Nationalgetränk ist

***Das serbische Original spielt hier auf die Drehleier („vergli“) der Karussellmusik an, an die auch die Akkordeonklänge in dem Lied erinnern.

7. Etappe: Bulgarien

Merudia: Cto dvajs‘ tri Irakli (2014) aus: Merudia (2016)

Liedtext

Sinngemäße Übertragung

123 Irakli*

Wir bleiben hier vor Anker, wir bleiben im Bann des Meeres,
das als große Pfütze am Horizont zu sehen ist.

Alle Piraten sind schon da,
sie sind nass bis auf die Knochen und feiern gerade.
Morgen Abend werden wir sie treffen,
wir können an nichts anderes mehr denken.

Die Sonne brennt uns auf die Haut,
die Hitze sticht.
123, bald sind wir in Irakli.
Gleich wird es aufhören, in Strömen zu regnen.
123, spann den Schirm auf,
Mr. Sunshine is shining above me.

Ich drücke auf den Knopf, mach‘ die Musik für meinen Sonnentag
es sieht so aus, als würden wir hier bleiben,
einen weiteren Tag lang.
Lass das Stirnrunzeln und lach mit uns,
eine weitere Nacht an diesem Ort, lösch das Feuer aus und
alles wird gut sein!

Wir bleiben hier vor Anker, wir bleiben im Bann des Meeres,
das sich als große Pfütze vor uns ausbreitet.

Alle Piraten sind schon da,
auch mit dem letzten Pfennig feiern sie noch ein Fest.
Heute Abend werden wir sie treffen,
die Sonne brennt und die Hitze sticht.

Wir denken nicht daran, nach Hause zu gehen,
auch wenn es Zeit ist zu gehen.
123, bald sind wir in Irakli.
Gleich wird es aufhören, in Strömen zu regnen.
123, spann den Schirm auf,
Mr. Sunshine is shining above me.

Ich drücke auf den Knopf …

*Irakli: Bucht, Badeort und Naturschutzgebiet an der bulgarischen Schwarzmeerküste

 

Bild: Novi Sad bei Regen. Quelle: http://sickstyle.tumblr.com/post/27278972787
 
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Musikalische Sommerreise 2017: Teil 3

Vierte und fünfte Etappe: Kurdistan und Frankreich

Dersim

„Kurdistan“ … Wer das Wort hört, denkt wohl unwillkürlich an die PKK, den Terror, die Peschmerga, den Kampf gegen den IS – und neuerdings auch wieder verstärkt an überfüllte Zellen in türkischen Gefängnissen. Bei den Älteren unter uns werden sich darüber hinaus vielleicht noch Assoziationen zu Karl Mays „wildem Kurdistan“ einstellen.

Das alles ist natürlich nicht falsch, es ist ein Teil der Realität. Betrachtet man „Kurdistan“ aber allein durch die Brille von Terror, Gewalt und „wilden Kriegern“, so ergibt sich doch ein schiefes Bild.

Unvollständig ist dieses Bild zunächst deshalb, weil bei der Einstufung der PKK als „Terrororganisation“ die Sichtweise der türkischen Regierung unhinterfragt übernommen wird. Dabei wird außer Acht gelassen, dass die von der PKK verübten Gewalttaten nicht im luftleeren Raum entstanden sind. Es war vielmehr die türkische Armee unter Mustafa Kemal „Atatürk“, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs den 1920 geschlossenen Vertrag von Sèvres gebrochen hat. Wenn sich diese nationale Erhebung auch vor allem gegen Griechenland und die griechische Minderheit im eigenen Land gerichtet hat, so wurden damit doch auch die Selbstbestimmungsrechte hinfällig, die den Kurden in diesem Vertrag zugesichert worden waren. Die Türkei ist dafür von der internationalen Gemeinschaft 1923 im Vertrag von Lausanne mit der Anerkennung als Nationalstaat belohnt worden. In diesem sind die kurdische Sprache und Kultur lange Zeit systematisch unterdrückt worden, und die Kurden selbst durften nur als „Bergtürken“ tituliert werden – so dass de facto die Existenz als Kurde unter Strafe gestellt war. Der Terror der PKK ist eine Reaktion auf diese Form von Staatsterror, dem die Kurden in der Türkei jahrzehntelang ausgesetzt waren und heute wieder ausgesetzt sind.

Hinzu kommt, dass der Begriff „Kurdistan“ eine Einheitlichkeit suggeriert, die der Realität des Kurdischen in keiner Weise gerecht wird. Dies bezieht sich zum einen darauf, dass die Aufteilung der kurdischen Siedlungsgebiete auf vier Länder (Türkei, Iran, Irak und Syrien) zu kulturell und politisch divergierenden Entwicklungen geführt hat. Zum anderen ist aber die kurdische Kultur auch in sich selbst von großer Komplexität.

Besonders deutlich wird dies auf dem Gebiet der Sprache. So unterteilt sich zunächst das Kurdische selbst in drei teilweise stark voneinander abweichende Sprachgruppen: das Nordkurdische (Kurmandschi), das Zentralkurdische (Sorani) und das Südkurdische, die alle wiederum eigene Dialekte aufweisen. Daneben wird im kurdischen Siedlungsgebiet aber auch noch Zazaisch gesprochen, eine Sprache, die linguistisch als eigenständig gilt (allerdings wie das Kurdische zu den nordwestiranischen Sprachen zählt). Die Mehrzahl derer, die diese Sprache sprechen, definiert sich jedoch nichtsdestotrotz als „kurdisch“. Dahinter steht die Befürchtung, die sprachwissenschaftlichen Forschungen könnten – so wichtig sie auch für das Verständnis des Zazaischen sein mögen – einen Keil zwischen die einzelnen Bevölkerungsgruppen treiben.

Dadurch, dass alles Kurdische ständig mit „Terror“ und „Gewalt“ assoziiert wird, gerät schließlich auch die vielfältige, weit zurückreichende Tradition aus dem Blick, aus der die kurdische Kultur schöpfen kann. Damit aber bleibt auch unverstanden, worum es bei den kurdischen Autonomie- bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen im Kern geht. Deren Ziel ist eben nicht primär ein gegen andere Völker gerichteter Nationalstaat, der jede Form ethnischer Vielfalt beseitigen möchte. Das Hauptanliegen eines Volkes, dem die Selbstbestimmung über sein Schicksal verweigert wird, ist vielmehr stets, aus der Zusammenführung von Vergangenheit und Gegenwart die eigene Identität zu gewinnen, eins mit sich selbst zu werden und sich so, wie es Johann Gottfried Herder ausgedrückt hätte, als „geistige Idee“ entfalten zu können.

Eine Ahnung davon, wie diese Idee klingt, vermittelt Erdoğan Emir mit dem – auf Zazaisch gesungenen – Lied To şiya (‚Du bist fortgegangen‘). In Verbindung mit einem anrührenden Videoclip wird hier eine Liebe in der Sommerfrische einer atemberaubend schönen Bergwelt besungen – ein Alltag, der für viele Menschen normal ist, in Kurdistan aber allzu oft von der Fratze des Krieges überlagert wird. Hinzu kommt, dass die schöne Bergwelt mit ihren wild wachsenden Tulpen – obwohl eigentlich durch ihren Nationalparkstatus geschützt – durch gigantische Staudammprojekte bedroht ist, die nicht nur die Natur, sondern auch zahlreiche historische Stätten nachhaltig zu schädigen bzw. zu zerstören drohen (vgl. Ayboğa 2010). Bezeichnend hierfür ist der Namensstreit um die Provinz Dersim (kurdisch ’silbernes Tor‘), die im Türkischen Tunceli (‚eiserne Hand‘) heißt – abgeleitet von dem mit zehntausenden Toten verbundenen Feldzug, den die türkische Armee 1937/38 gegen die einheimische Bevölkerung geführt hat.

Dass Erdoğan Emir das Album, auf dem sich auch der hier vorgestellte Song findet, schlicht Tanık (‚Traurig‘) genannt hat, ist wohl auch auf diese niederdrückenden Alltagserfahrungen zurückzuführen.

Bleibt die Frage, was Charles Aznavour mit dem Ganzen zu tun hat. – Richtig: Charles Aznavour heißt eigentlich Schahnur Waghinak Asnawurjan und ist Sohn armenischer Eltern – und die Armenier haben unter dem türkischen Nationalismus mindestens genauso gelitten wie die Kurden. Dabei ist nicht nur an den Völkermord der Jahre 1915 bis 1917 zu denken, sondern auch an die Unterdrückung, der die in der Türkei verbliebene armenische Minderheit später ebenso ausgesetzt war wie die Kurden.

Aznavour ist zwar in und mit der französischen Sprache und Kultur zum Weltstar aufgestiegen. Seine armenischen Wurzeln hat er jedoch nie verleugnet. Stets hat er sich für die Sache der Armenier eingesetzt. 2009 ist er sogar zum Botschafter Armeniens in der Schweiz ernannt worden und wurde zudem Vertreter des Landes, dessen Staatsbürgerschaft ihm 2008 verliehen wurde, bei der UNICEF sowie bei der Genfer Niederlassung der Vereinten Nationen. Dabei ist es ihm gelungen, die einseitige Identifizierung der Armenier mit der Opferrolle zugunsten einer komplexeren Wahrnehmung der armenischen Kultur und Geschichte aufzubrechen. Ein schönes Beispiel dafür ist ein Witz, mit dem er, auf sein hohes Alter angesprochen, 2014 in einem Interview aus Anlass seines 90. Geburtstags die allgemein hohe Lebenserwartung in Armenien veranschaulicht hat:

Eine Frau sieht in einem armenischen Dorf einen weinenden Greis vor seinem Haus sitzen. Er schluchzt: „Mein Vater hat mich geschlagen!“
Staunend betritt die Frau das Haus und trifft dort einen noch älteren Greis. „Wieso schlägst du deinen Sohn?“ fragt sie. „Der ist doch ein alter Mann!“
Darauf der zweite Greis: „Was soll ich tun – er hat meinen Vater beleidigt.“
Tatsächlich sitzt auf der Ofenbank ein noch älterer Mann, mindestens 130 Jahre alt.
Die Frau läuft völlig baff aus dem Haus und trifft vor der Tür einen alten Priester, dem sie die Geschichte staunend erzählt. „Ach“, sagt der Priester, „die drei kenne ich gut – die habe ich alle getauft.“

(aus: Jens Mühling: [Interview mit] Charles Aznavour zum 90. Geburtstag: „Ich rede hier von Liebe, von tiefer Liebe“. In: Der Tagesspiegel, 22. Mai 2014.)

4. Etappe: Kurdistan

Erdoğan Emir: To Şiya aus: Tanık (‚Traurig‘); 2010

Text mit englischer Übertragung

Freie Übertragung aus dem Englischen:

Du bist fortgegangen

/ Es war Sommer, als du fortgegangen bist
und ich blutige Tränen geweint habe. /

/ Ich rufe nach dir wie ein Kuckuck,
nur die Sterne erhören meine Wünsche
und erzählen mir von dir. /

/ Wer, wenn nicht du, kann meine Seele verstehen?
Du bist die Lösung all meiner Probleme. /

In der Dämmerung scheint die Sonne hinter den Bergen.
Ich erinnere mich an dein Gesicht,
die Welt verdunkelt sich für mich.
Ich steige durch die Berge, ich steige auf in den Wind
und bitte die Vögel, meine Seele zu dir zu tragen.

/ Wer, wenn nicht du … /

Link zu Umweltzerstörungen in Dersim : Ayboğa, Ercan: Dersim – Wenn eine ganze Provinz überflutet wird. In: Nadir.org, 2010

5. Etappe: Frankreich

Charles Aznavour: Emmenez-moi* aus: Entre deux rêves (‚Zwischen zwei Träumen‘); 1967

Live 1968:

weiteres Video:

Liedtext

Übersetzung:

Nehmt mich mit

An den Docks, wo die Last und die Langeweile
meinen Rücken beugen,
kommen sie an, die Schiffe
die Bäuche voll mit reifen Früchten.

Sie kommen vom anderen Ende der Welt
und bringen ihre Vagabundenträume mit,
aus Himmeln,
die im blauen Glanz der Wunder schimmern.

Es umweht sie ein würziger Duft
aus unbekannten Ländern
und ewigen Sommern,
wo man fast ohne Kleider lebt
an den Stränden.

Ich, der ich mein ganzes Leben lang
nur den Himmel des Nordens gesehen habe –
wie gerne würde ich das Grau aus ihm herauswaschen
und zu neuen Ufern aufbrechen!

Nehmt mich mit ans Ende der Welt,
nehmt mich mit in das Land der Wunder!
Mir scheint, dass das Elend
weniger schmerzt, wenn die Sonne mich anlacht.

Bei Einbruch der Nacht, in den Kneipen,
wenn man, ein Glas in der Hand,
mit den Seeleuten
über die Mädchen und die Liebe plaudert,

verschwimmen die Dinge vor meinen Augen,
und plötzlich
entführen mich meine Gedanken
in einen wunderbaren Sommer
am Strand,

wo ich mit ausgestreckten Armen
der Liebe nachschaue, die wie von Sinnen
vor mir her läuft.
Und ich hänge mich meinem Traum
an den Hals.

Wenn die Kneipen schließen und die Seeleute
wieder an Bord gehen,
träume ich, am Hafen stehend,
noch bis zum Morgen weiter.

Nehmt mich mit …

Um fortzukommen, werde ich eines schönen Tages
auf einem klapprigen Kahn,
auf dem jede Planke ächzt,
als Heizer anheuern

und den Weg einschlagen,
der mich zu meinen Kindheitsträumen führt,
zu den fernen Inseln,
wo nichts wichtig ist
außer dem Leben;

wo schmachtende Mädchen
einem das Herz bezirzen
und dabei, wie ich gehört habe,
berauschende Blumenkränze flechten.

Ich werde fliehen und meine Vergangenheit hinter mir lassen
ohne eine Spur von Gewissensbissen,
ohne Gepäck und mit befreitem Herzen,
aus dem ich singen werde mit ganzer Kraft.

Nehmt mich mit …

*   Da es zu dem Text schon einige Übersetzungen gibt, habe ich mir bei der Übertragung ins Deutsche etwas mehr Freiheit gegönnt, um der poetischen Qualität des Originals näher zu kommen.

Bild: Dersim. Quelle: Fotos San Francisco State University
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Musikalische Sommerreise 2017: Teil 2

 Zweite und dritte Etappe: Tschechien und Russland

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Heute geht es auf die zweite und dritte Etappe meiner musikalischen Sommerreise. Die weiteren Etappen folgen im Drei-Tage-Rhythmus bis Ende nächster Woche. Danach werde ich zwei längere Abstecher nach Frankreich unternehmen, wo ich den modernen Bardinnen lauschen werde.

Unbenannt (2)Die beiden heutigen Etappen meines Musiktrips führen mich nach Tschechien und nach Russland. In Tschechien habe ich die Gruppe Traband getroffen, eine Gründung des 1966 in Kolín geborenen Songschreibers und Sängers Jarda (Jaroslav) Svoboda, der sich auch als bildender Künstler betätigt. Der Name „Traband“ leitet sich ab aus der Anfangszeit der Band (1995/96), als diese als Trio auftrat. Aus „Trio-Band“ wurde dann, in Anlehnung an den ostdeutschen „Trabi“, „Traband“.

Aus Russland sind uns anschließend Pjotr Nalitsch und sein „Musikalnyj Kollektiv Pjotra Nalitscha“ zugeschaltet. Nalitsch ist vielen durch seine herrliche Macho-Parodie GitarPeter-Nalitch-3 aus dem Jahr 2007 sowie durch seine Teilnahme am Eurovision Song Contest in Oslo 2010 (mit dem Song Lost and forgotten) bekannt. Als Sohn eines erfolgreichen Architekten hat er selbst Architektur studiert, verfügt jedoch auch über eine professionelle Musikausbildung.

Die beiden hier vorgestellten Songs verbinden jeweils einen eher melancholischen Text mit einem humorvollen Videoclip, durch den auch manche sprachliche Nuancen der Texte und einige Aspekte der Musik in ihrem selbstironischen Gehalt hervortreten. So karikiert bei Nalitsch das übersteigerte Pathos des Gesangs das Selbstmitleid des Ichs in dem Text, während bei Svoboda und seiner Band die leitmotivartig eingesetzten Trompetenklänge eine Lebenslust ausstrahlen, die den Fatalismus des Textes konterkariert.

In beiden Fällen werden zentrale Menschheitsthemen angesprochen: hier die Liebe (und ihr Scheitern), dort die Halt- und Rastlosigkeit des aus dem Paradies der Kindheit vertriebenen Menschen. Die Nonchalance, mit der die Themen jeweils angegangen werden, nimmt ihnen jedoch ihre Schwere. Aus Tragik wird Tragikomik.

Ermöglicht wird dies durch eine spielerisch-selbstironische Distanz, die nach meiner Erfahrung eher in Ost- als in Westeuropa zu Hause zu sein scheint. Bei manchen deutschen Diskursen würde ich mir jedenfalls wünschen, dass sich die Bedenkenträgermienen ab und an durch einen vergleichbaren Abstand zu der eigenen Selbstgefälligkeit aufhellen würden. Das Problem ist nämlich, dass das menschliche Dasein sich gerade dann am deutlichsten in seiner grundsätzlichen Lächerlichkeit offenbart, wenn es sich in den Talar der Bedeutungsschwere kleidet.

  1. Etappe: Tschechien: Traband: Černej pasažér

 

 

aus: Hyjé! (‚Hü!‘); 2004

Liedtext

Übersetzung:

Der blinde Passagier

Ich habe einen Koffer voll überflüssigem Krempel
und eine in Tücher eingewickelte Mappe.
Mein Zug fährt jedoch in die verkehrte Richtung,
und meine Fahrkarte ist schon lange ungültig.

Irgendwo in meiner Erinnerung gibt es ein Haus,
ich sehe noch den Rauch, der aus dem Schornstein aufsteigt.
In diesem Haus ist der Tisch für mich gedeckt,
dort ist meine Heimat.

Meine Vergangenheit wendet mir ihre Fratze zu,
und das Herz tut mir weh, wenn die Erinnerung sich regt.
Denn der Baum, der sich immer nach dem Himmel streckte,
liegt nun mit abgeschlagenen Wurzeln am Boden.

Ich bin ein blinder Passagier,
ich reise ohne Ziel und Richtung,
ich fahre schwarz und weiß nicht, wohin.*
Ich bin ein blinder Passagier,
ich reise ohne Ziel und Richtung,
von nirgendwoher fahre ich nirgendwohin, und ich weiß nicht, wo es enden wird.

Ich habe lauter bunte Fotos
von irgendwann aus dem vergangenen Jahrhundert.
Aber ich fühle mich nur noch heimatloser,
wenn ich mir die Bilder ständig in Erinnerung rufe.

Ich bin ein blinder Passagier …

* wörtlich: und weiß nicht, mit welchem Leben.

 

  1. Etappe: Russland

Pjotr Nalitsch (engl. Nalitch/Nalich): Morje

 

Liedtext

Übersetzung:

Das Meer

Über der endlosen Weite des Meeres
blinken die Leuchttürme mit den Sternen.
Mit einem leisen Lied auf den Lippen stechen wir in See.
Singt mit, meine Matrosenfreunde!

Ein warmer Wind wiegt unser Boot,
über dem Wasser schwebt der Nebel.
Nie vergesse ich deinen Gang,
genauso wenig wie deinen Betrug.

Du hast heute die ganze Nacht mit Wahrsagungen zugebracht,
mein Schatz, mit wem wirst du wohl zusammen sein?
Du hast die Karten auf dem Feld verteilt
und meine Träume in Stücke gehauen.

Die Wellen türmen sich höher und höher,
aber mir ist das längst einerlei –
mich hört ohnehin keiner mehr.
Mit einem leisen Lied auf den Lippen sinken wir auf den Grund.

Dort, auf dem Grund des Meeres, werde ich liegen,
in einer Welt der lautlosen Schönheit,
und über mich werden die Kapitäne hinweggleiten,
mit denen du dich vielleicht gerade amüsierst.

Du hast heute die ganze Nacht
am Heck auf die Wellen geschaut.
Dort, in der Tiefe, hast du einen Körper gesehen.
Ja, das bin ich, ich werde immer bei dir sein.

 

 

Bilder: 1. Auszug aus dem Videoclip Morje von Pjotr Nalitch. 2. Auszug aus dem Videoclip “ Černej pasažér“ von Traband. 3. Pjotr Nalitch Quelle: http://beautifulrus.com/peter-nalitch-russian-singer/
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Musikalische Sommerreise 2017: Teil 1

Das Unerwartete erwarten

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Eines meiner schönsten Reiseerlebnisse hatte ich vor Jahren in Süditalien. Ich hatte mir damals eines dieser „All-you-can-travel“-Tickets gekauft, freie Fahrt auf allen Schienen Italiens für zwei Wochen. Da ich damit fast mein gesamtes Reisebudget aufgebraucht hatte, bedeutete das: nachts im Zug schlafen, morgens irgendwo ankommen.

Natürlich ergab sich so ein recht kaleidoskopartiges Bild von Italien: Fresken aus umbrischen Kirchen vermischten sich mit Kaugummi kauenden Halbstarken auf einer Fähre nach Messina, der kräftige Wein in einer Florentiner Studentenkneipe schmeckte noch nach dem kärglichen Mahl einer albanisch sprechenden Familie in der kalabrischen Hochebene. Andererseits habe ich auf diese Weise Dinge entdeckt, die ich, hätte ich nach ihnen gesucht, wohl nie gefunden hätte.

Am tiefsten hat sich meiner Erinnerung die Begegnung mit einem apulischen Bauern eingeprägt. Ich war morgens in Gioa del Colle ausgestiegen – warum, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war mein Blick vom Zug aus auf das sagenumwobene Castel del Monte gefallen, jene geheimnisvolle Burg, die einst Friedrich II., genannt ‚Stupor Mundi‘ (‚das Staunen der Welt‘), dort hatte errichten lassen. Vielleicht war das aber auch einfach nur der Moment, in dem mein Kaffeedurst nicht mehr zu unterdrücken war oder die Pendler den Zug zu okkupieren begannen.

Gioa del Colle selbst scheint mich nicht sehr beeindruckt zu haben. Jedenfalls sehe ich mich schon bald aus der Stadt herauswandern und über Feldwege schlendern, an denen etliche Olivenbäume ihre knorrigen Gebete verrichteten. Irgendwann muss mich dann die Müdigkeit übermannt haben, so dass ich mich neben einem der Olivenbäume ins Gras fallen ließ.0000002547

Nachdem ich kurz weggenickt war, stand auf einmal der Besitzer des Olivenhains vor mir. Ich erinnere mich nicht mehr an sein Aussehen, aber natürlich stelle ich mir vor, dass sein Gesicht dunkel und faltig war wie die Rinde seiner Olivenbäume.

Sofort fühlte ich mich ertappt – in Deutschland hatte ich schon einige Begegnungen der unangenehmeren Art mit Bauern gehabt, die lagerndes Volk auf ihrem Land am liebsten wie Ungeziefer entsorgt hätten. Aber der apulische Landmann lächelte mir nur freundlich zu und sprach mich an, als wäre es das Normalste von der Welt, ermattete Bahnreisende unter seinen Olivenbäumen anzutreffen. Am Ende lud er mich zu sich nach Hause ein – guarda, da vorne steht es, nicht weit von hier.

Ich fühlte mich etwas unwohl in meiner Haut, ich, der Fremde, der Eindringling, der Passant in einer Welt, die ich nur streifte wie ein Zeitreisender. Im Haus meines spontanen Gastgebers fiel jedoch alle Scheu rasch von mir ab. Die Familie versammelte sich um den großen Küchentisch, es gab – Überraschung! – eingelegte Oliven mit Weißbrot und Olivenöl, dazu einen feurigen vino rosso, der mir die Zunge auf Anhieb löste. So bezahlte ich die unerwartete Gastfreundschaft bereitwillig mit Erzählungen von dem, was dem fest in seiner Erde verwurzelten contadino als pure Exotik erschien: dem Irrsinn des rastlosen Reisens.

castel-del-monte-1-bigIrgendwann dann die wohl unvermeidliche Frage: Ob ich das Castel del Monte schon besichtigt hätte? Als ich verneinte, griff mein Gastgeber zum Telefon und rief einen Bekannten an, der die Schlüsselgewalt über das castello hatte – denn dieses war ausgerechnet an dem Tag, an dem ich mich in dem Ort aufhielt, geschlossen. Mein Gönner meinte jedoch, dass man unmöglich nach Gioa del Colle kommen könne, ohne den Palast von „Barbarossa“ zu besichtigen. Ja, für ihn war es das castello von „Barbarossa“ – was ja auch viel schöner klingt als „Federico due“.

Tatsächlich kam ich so in den Genuss einer Privataudienz beim Geist des großen Imperators. Es wurde zwar nur ein Kurzbesuch, da der Verwalter recht mürrisch war und die Ruhe des Herrschers nicht allzu lange von einem abgerissenen Herumtreiber stören lassen wollte. Dennoch ist mir die von keinem Klicken und Blitzen eines Fotoapparats gestörte Atmosphäre bis heute in Erinnerung. Ganz kurz hat es mich angeweht, das Staunen des mächtigen Kaisers, der schon zu seiner Zeit nicht von dieser Welt zu sein schien.

Zum Abschied bekam ich noch ein großes Glas Oliven und eine Flasche Rotwein in die Hand gedrückt – nicht gerade eine praktische Gabe für einen Wandersmann, aber doch etwas, das ich nach den Erlebnissen des Tages weder ablehnen konnte noch wollte.

Am Abend hatte ich keine Lust zum Weiterreisen. Der Reisestaub verklebte meine Poren und benebelte meine Sinne, ich hatte plötzlich das unbezwingbare Bedürfnis nach Ruhe und Halt. So suchte ich mir ein bezahlbares Hotel, naschte noch ein wenig von den Oliven und dem Wein und ließ mich bald darauf von den winkenden Armen der Olivenbäume, die mich auf einmal aus tausend dunkelgütigen Augen anstarrten, in den Schlaf wiegen.

Früh am Morgen weckte mich ein Klopfen an der Tür – es war mein Gastgeber. Jetzt habe ich doch irgendetwas falsch gemacht, schoss es mir, aus dem Schlaf hochschreckend, durch den Kopf. Aber mein Olivenspender fragte mich nur freundlich, ob ich schon von dem Proviant, den er mir mitgegeben hatte, genascht hätte. Als ich ihm von dem köstlichen Geschmack seiner Erzeugnisse vorschwärmte, lächelte er zufrieden und verabschiedete sich dann. Er müsse jetzt zur Arbeit, in die Fabrik – von dem Olivenanbau allein könne er seine Familie leider nicht ernähren.

Nach dem „Frühstück“ (Espresso und Weißbrot – „colazione“ hatte hier offenbar eine solco-gravina-2andere Konnotation als in Deutschland) wanderte ich auf der anderen Seite des Ortes in die Felder hinaus. Ich weiß noch, dass die Landschaft mit ihren versprengten „trulli“, den zipfelmützigen Zwergenhäuschen, mir ausgesprochen eintönig vorkam. Fast bereute ich es schon, nicht gleich weitergereist zu sein. Dann jedoch tat sich auf einmal die Erde vor mir auf. Ich blickte hinab in eine tief eingeschnittene Schlucht, eine der so genannten „gravine“, die sich hier, in der Hochebene der „Murgia“, im Lauf der Jahrtausende in das Kalkgestein hineingegraben hatten. Eidechsen flohen aufgeschreckt, als ich an den Rand der Schlucht trat, Ziegen hoben kauend die Köpfe, Schlangen verzogen sich gelangweilt in ihren Felsspalten.

Ich ließ mich nieder und sog tief den Geruch von warmen Kräutern ein, der mich aus der Schlucht anwehte. Als ich den Rotwein öffnete, war es, als strömte ein freundlicher Geist aus der Flasche, der mir den Duft der Wildnis in Worte übersetzte, die kein Mensch buchstabieren kann. So habe ich für ein paar wenige Augenblicke die Seele Apuliens eingeatmet.

Diese Erlebnisse sind es, die für mich den Kern des Reisens ausmachen. Das, was ich dabei suche, ist immer das Unerwartete, das, womit ich nicht gerechnet habe, das, was mir einen völlig anderen Blick auf die Welt ermöglicht. Reisen bedeutet für mich in diesem Sinn auch immer: Urlaub von mir selbst machen, ein anderer werden, wenigstens für kurze Zeit.

Ein Stück weit ist eine solche Reise auch schlicht durch eine fremde Sprache möglich. Eine andere Sprache ist immer auch eine andere Welt, sie eröffnet einen ganz neuen Sinnhorizont, die Möglichkeit einer ganz anderen Art, die Dinge zu deuten und einzuordnen. Das wird selbst bei dem vergleichsweise harmlosen Liedchen, das die erste Etappe meiner diesjährigen musikalischen Sommerreise darstellt – dem Song Aventurera (‚Abenteurerin‘) der mexikanischen Sängerin Natalia Lafourcade –, deutlich.

Wer das Lied hierzulande hört und vor allem den sehr humorvollen Videoclip dazu sieht,Aventurera wird wohl an die Überwindung sozialer Konventionen denken, an verdrängte Träume und Wünsche, die sich plötzlich Bahn brechen und die Betreffenden dazu veranlassen, die Mauern der Normen und sozialen Rollen, in denen sie gefangen sind, zu durchbrechen. Bei einer Mexikanerin wird das Lied jedoch noch ganz andere, viel komplexere Assoziationen auslösen. Denn Aventurera war auch der Titel eines sehr bekannten Films unter der Regie von Alberto Gout, der 1950 in die Kinos kam und als Schlüsselwerk des „cine de rumberas“ gilt. Der Name dieses Filmgenres leitet sich ab von den Tanzeinlagen der „rumberas“, Tanzenden, die sich zu afro-karibischen Rhythmen bewegen. Auf eben diese spielt der Song durch die Ukulele an, auf der die Sängerin sich selbst begleitet.

Aber auch der launige Videoclip wird von einer Mexikanerin anders wahrgenommen werden als von einer Deutschen. Denn die darin angedeutete Befreiung der Frau aus dem bürgerlich-katholischen Normenkorsett findet eine Entsprechung in den Inhalten der Rumberas-Filme, für die ebenfalls die Thematisierung von weiblichen Ausbrüchen aus der Enge ihres kleinbürgerlichen Alltags charakteristisch ist. Angesichts der Zeitumstände enden diese Ausbrüche allerdings häufig tragisch – nämlich, wie etwa in dem Film Aventurera, in Bordellen und Nachtclubs, wo die Frauen den Schritt in die Freiheit mit Exhibition und Prostitution bezahlen müssen.

Hierzu passt schließlich auch, dass es sich bei dem Song Aventurera um das Cover eines Liedes von Agustín Lara (1897 – 1970) handelt. Dieser gilt heute als einer der wichtigsten Komponisten von Liedern im Bolero-Stil, musste sich zu Lebzeiten jedoch lange als Bordellpianist durchschlagen. Eben dies spiegelt sich auch in dem Lied wider, das im Kern die Aufmunterung einer in einem Bordell gestrandeten „Abenteurerin“ darstellt. Der Videoclip zu dem Song greift diese aufmunternde Geste auf, blendet allerdings das soziale Elend aus, mit dem die emanzipatorischen Impulse noch bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein erkauft werden mussten. Darin ist das Remake ganz ein Kind der heutigen Zeit, in der der Weg zu körperlicher und seelischer Freiheit zuweilen nur deshalb „holprig“ ist, weil die Betreffenden sich selbst im Wege stehen.

HuddelexMeine musikalische Sommerreise wird in diesem Jahr, wie bereits angedeutet, in Etappen verlaufen – das heißt, ich werde die musikalischen Kurztrips nicht alle auf einmal, sondern peu à peu freischalten. Eigentlich wollte ich zum Einstieg ja selbst ein Ständchen zum Besten geben. Ich hatte dabei an die Capri-Fischer gedacht: „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt …“ – das hätte schön zum Sommer gepasst und wäre irgendwie auch näher dran gewesen an Apulien. Ich hatte auch schon fleißig geübt, für meine Begriffe war ich gar nicht so schlecht, aber dann ist zu meinem Befremden plötzlich meine Katze in Ekstase geraten. Das hat mich stutzig gemacht, denn „Katzenmusik“ gilt nach menschlichen Maßstäben ja nicht gerade als Gütesiegel. Also habe ich umdisponiert – und es stimmt ja auch: An Rudi Schurickes Gesangskunst kommt sowieso keiner ran.

Videos:

Natalia Lafourcade: Aventurera (aus: Mujer Divina. Homenaje a Agustín Lara – ‚Die göttliche Frau. Eine Hommage an Agustín Lara‘; 2012).

Original von Agustín Lara:

Aventurera

Vende caro tu amor, aventurera!
Dale el precio del dolor, a tu pasado!
Aquél, que de tus labios la miel quiera,
/ que pague con diamantes su pecado! /

Vende caro tu amor, aventurera!
Dale el precio del dolor, a tu pasado!

Ya que la infamia de tu cruel destino
marchitó tu admirable primavera,
haz menos escabroso tu camino!
Vende caro tu amor, aventurera!

Ya que …
Que pague …

Übersetzung:

Abenteurerin

Verkauf deine Liebe teuer, Abenteurerin!
Lass dir das Leid, das du erdulden musstest, teuer bezahlen!
Derjenige, der um den Honig deiner Lippen bittet,
/ soll seine Sünde mit Diamanten bezahlen. /

Verkauf deine Liebe teuer, Abenteurerin!
Lass dir das Leid, das du erdulden musstest, teuer bezahlen!

Sieh zu, dass dein weiterer Weg weniger holprig ist,
nachdem die Schande deines grausamen Schicksals
deinen herrlichen Frühling hat welken lassen!
Verkauf deine Liebe teuer, Abenteuerin

Rudi Schuricke: Capri-Fischer:

Bilder: 1. Pietro Dàmbrosio: Castellanata- Borgo antico a stropiombo sulla Gravina Grande. Dez. 2015.,  2. alter Olivenbaum, 3. Castel del Monte; 4. Gravina della Murgia; 5. Filmplakat Aventurera; 6. Katze in Ekstase
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Haudrauf-Politik

Die SPD pflegt beim G20-Gipfel mal wieder ihr Bluthund-Image

Scholz mit Pickelhaube

Ja, ich bin auch froh, dass ich letzte Nacht kein Auto im Hamburger Schanzenviertel stehen hatte. Gewaltanwendung erscheint mir generell nicht sonderlich zielführend. Und wenn jemand mal einfach so seine Aggressionen ausleben möchte, um „Dampf abzulassen“, frage ich mich, warum er dafür nicht ins Fitness-Studio geht oder sich einen Punchingball in die Wohnung hängt.

Allerdings muss immer auch gefragt werden, wie es zu solchen Gewaltausbrüchen kommen kann. Es war von vornherein klar, dass die selbst ernannte Weltregierung, die sich da in Hamburg versammelt hat, kritische Menschen aus aller Welt anziehen würde; Menschen, die sich eine solche Regierung anders vorstellen, die nicht mit deren Politik einverstanden sind und auch mehr an der Ausgestaltung dieser Politik beteiligt werden möchten.

Auf diese Kritiker hätte man zugehen können. Man hätte auf offenen Veranstaltungen mit ihnen diskutieren und ihnen so signalisieren können, dass man ihre Anliegen ernst nimmt. Stattdessen hat man den G20-Gipfel von Anfang an als geschlossene Gesellschaft organisiert. Man hat das Oligopol der Mächtigen von den Kritikern abgeschottet, um ja keinen Schatten auf die vorbereiteten Hochglanzfotos fallen zu lassen. In würdeloser Prozesshanselei ist im Vorfeld versucht worden, jeden Anschein von Kritik aus dem Umfeld der Weltenlenker zu verdrängen und Protestcamps ebenso wie Demonstrationen von diesen fernzuhalten.

Mich hat diese Vorgehensweise an Putins Russland erinnert, wo das Demonstrations- und Versammlungsrecht in letzter Zeit vollends zur Realsatire verkommen ist und Demonstrationen – wenn überhaupt – nur noch fernab der Innenstädte genehmigt werden, dort, wo der Protest niemanden stört, weil niemand ihn hört. (Sollte hier etwa Putin-Freund Schröder seinen ehemaligen Mitstreiter Olaf Scholz beraten haben?)

Damit nicht genug, hat man bei der Polizei auch noch einen Mann zum Einsatzleiter ernannt, der bislang – vorsichtig ausgedrückt – nicht gerade durch eine Vorliebe für deeskalierende Strategien aufgefallen ist. Die Folgen sind bekannt: Friedliche Demonstrierende wurden mit Schlagstöcken, Pfefferspray und Wasserwerfern traktiert, während man Randalierer gewähren ließ. Wer eine solche Einsatzstrategie wählt, der will offenbar die Eskalation. Das Ziel: Jede Form der Kritik soll im Keim erstickt werden, indem sie als Wutgebell „linker Chaoten“ und gewaltbereiter Marodeure hingestellt wird.

Wenn Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz das Verhalten der Polizei nun als „heldenhaft“ lobt, so entspricht dies de facto einem doppelten Missbrauch der Einsatzkräfte: Erst werden sie einem inadäquaten Kommando unterstellt, das in einer konfrontativen Strategie ihre Gesundheit aufs Spiel setzt. Und dann verklärt man diese Form fahrlässiger Körperverletzung auch noch als Beleg für eine angeblich märtyrerhafte Opferbereitschaft der Einsatzkräfte.

Auffallend ist, dass unter den Verteidigern des Vaterlandes, die das Vorgehen der Polizei ausdrücklich gutheißen, besonders viele Sozialdemokraten sind. Steinmeier hat sich mit Scholz bei verletzten Polizisten im Krankenhaus ablichten lassen, Schulz hat von „marodierenden Banden“ gesprochen, Heiko Maas harte Strafen angekündigt. Offenbar meinen hier manche, sich im Vorfeld der Bundestagswahl mal wieder als wahre Patrioten zeigen zu müssen. Schon der Parteitag der SPD, auf dem Gerhard Schröder, der Totengräber des deutschen Sozialstaats, sich als Garant für „mehr Gerechtigkeit“ – das zentrale Wahlversprechen der Schulz-SPD – inszenieren durfte, hatte ja in diese Richtung gewiesen: bloß nicht zu links erscheinen, bloß nicht nach Revolution riechen, alles Sozialdemokratische weichspülen, nur nicht das Wahlvolk verschrecken …

Offenbar macht sich hier mal wieder das Uralt-Trauma der SPD bemerkbar: die Angst, als „vaterlandslose Gesellen“ zu erscheinen. In einer Art Überkompensation dieses Vorwurfs – mit dem die Sozialdemokraten schon im Kaiserreich konfrontiert waren und der auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs lange dazu beigetragen hat, sie von der Regierungsmacht fernzuhalten – neigt die Partei immer wieder dazu, besonders vaterlandsliebend und staatstragend aufzutreten. So hat 1919 „Bluthund“ Noske den Spartakusaufstand zusammenschießen lassen, so hat Willy Brandt den Radikalenerlass mit durchgesetzt, so hat Gerhard Schröder Kriegseinsätze der Bundeswehr im Ausland befürwortet und die Arbeiterklasse prekarisiert.

Klar: Die Unternehmerlobby applaudiert bei solchen Aktionen, altgediente Militärs nicken anerkennend. Das Problem ist nur: Eine solche SPD braucht niemand. Zwar macht sie sich so bei den Kretschmann-Grünen beliebt, doch fühlen die sich auch bei der CDU zu Hause. Ein Regierungswechsel, wie der Eurokraten-Napoleon Martin Schulz ihn sich erträumt, wird auf diese Weise nur noch unwahrscheinlicher. Denn dafür müsste die SPD sich endlich zu ihrem linken Flügel bekennen und so eine Koalition mit der Linkspartei ermöglichen.

Ehrlicherweise müssten all die Sozi-Patrioten ihre Partei daher verlassen, um den Weg für einen echten Richtungswechsel in der deutschen Politik freizumachen. Ich wüsste da sogar eine Partei, die solche Hurra-Patrioten mit Kusshand aufnehmen würde …

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Cantiamo la crisi!

Jugend und Gesellschaftskritik in der italienischen Gegenwartsmusik

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In zahlreichen italienischen Songs der letzten Jahre ist von der „Krise“ die Rede. Gemeint ist damit zum einen die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise, zum anderen aber auch die Systemkrise, unter der Italien schon seit Jahrzehnten leidet. Die meisten Lieder legen den Schwerpunkt dabei auf die Perspektivlosigkeit, die sich aus der krisenhaften Situation im Land insbesondere für die Jugend ergibt.

ganzen Text lesen:

Jugend und Gesellschaftskritik in der italienischen Gegenwartsmusik

 

Bild: Die Band España Circo Este vor dem Titel ihres neuen Albums Scienze della maleducazione – ‚Wissenschaft der Ungezogenheit‘. Quelle: www.rockon.it

 

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