Zur unreflektierten Digitalstrategie der Saar-SPD in der Bildung
Saarländische SPD-Regierung mit CDU-Gesicht, Teil 6
„Digitalisierung“ klingt nach Modernität und Fortschritt. Unreflektiert umgesetzt, kann sie im Bildungsbereich jedoch auch zu Rückschritten führen.
Digitalisierung der Bildung als Kernprojekt der CDU
„Wir wollen das beste Schulsystem deutschlandweit schaffen!“ Dieser Anflug von Größenwahn leitet die bildungspolitischen Vorstellungen der CDU in ihrem Programm zu den saarländischen Landtagswahlen 2022 ein [1].
Ein zentraler Aspekt des bildungspolitischen Programms ist dabei die Digitalisierung. Unter Verweis auf den „Digitalpakt Schule“, ein milliardenschweres Förderprogramm des Bundes zur Unterstützung von Bildung in der digitalen Welt, spricht sich die CDU „für eine bessere Ausstattung der Schulen mit digitaler Technik und einer angemessenen Bildungsinfrastruktur“ aus [2].
„Riesen-Schritte“ bei Digitalisierung der Bildung unter der SPD
Auf einer Linie hiermit liegt das Lob, das sich die saarländische Bildungsministerin, Christine Streichert-Clivot, für die „Riesen-Schritte“ zollt, die das Saarland unter ihrer Führung beim Ausbau der digitalen Bildung gemacht habe. 50 Millionen Euro habe das Land bereits in diesen Bereich investiert [3].
Mit einer ähnlichen Hybris wie die CDU sieht auch die Ministerin das Saarland in einer Vorreiterrolle: Nicht nur seien alle Lernende der Klassenstufen 5 bis 8 mit Tablets ausgestattet worden. Als erstes Bundesland biete das Saarland auch den Umstieg auf digitale Schulbücher an [4].
Problematische Überbetonung von Digitalisierung in der Bildung
In einem Kommentar zur Digitalstrategie des saarländischen Bildungsministeriums bezeichnen Klaus Zierer und Thomas Gottfried, zwei Bildungsforscher vom Lehrstuhl für Schulpädagogik der Universität Augsburg, diese Strategie allerdings als „digitale[n] Holzweg“ [5]. Sie verweisen dabei auf mehrere Untersuchungen, aus denen die Überlegenheit des analogen gegenüber dem digitalen Schulbuch hervorgeht. Im Einzelnen führen sie die folgenden Argumente an:
Abnahme der Konzentrationsfähigkeit
Bei digitalen Geräten neigen Kinder dazu, schwierige Inhalte „wegzuwischen“. Für eine konzentrierte Lektüre sind analoge Medien daher besser geeignet. Dies gilt analog auch für das Schreiben: Auch hier zeigen Studien, dass analoges Schreiben der Konzentration förderlicher ist als die digitale Variante.
Einschränkung des Wortschatzes
Laut einer Untersuchung der TU Dortmund ist der Wortschatz von Grundschulkindern umso höher, je mehr Bücher sie lesen. Dagegen korreliert der Umfang des Wortschatzes negativ mit der Häufigkeit der Nutzung digitaler Endgeräte.
Verstärkung sozialer Benachteiligung
Digitale Medien führen eher zu einer Verstärkung als zu einer Abschmelzung der sozialen Schieflage der Gesellschaft. Der Grund dafür ist, dass es zwar bei der Affinität zu digitalen Medien und der Nutzungshäufigkeit keine schichtspezifischen Unterschiede gibt, wohl aber bei der Nutzungskompetenz.
Kinder und Jugendliche aus privilegierten Haushalten können digitale Medien weit effektiver für die Beschaffung von Informationen und als Ergänzung zum schulischen Lernangebot nutzen. Ein kompensatorischer Unterricht müsste deshalb nicht in erster Linie an der Ausstattungsebene, sondern bei der Medienkompetenz ansetzen.
Bildungspolitische Digitalstrategie der SPD als digitaler Holzweg
Vor diesem Hintergrund kommen die beiden Wissenschaftler zu dem Schluss:
„Die flächendeckende Einführung von Tabletklassen ab der dritten Jahrgangsstufe im Saarland läuft Gefahr, den Kindern mehr zu schaden als zu nutzen – gerade weil das Saarland, wie der IQB-Bildungstrend für die Grundschule zeigt, im Lesen nur Mittelmaß ist.“ [6]
Nachweise
[1] Programm der CDU Saar für die Landtagswahl 2022: Der Mensch im Mittelpunkt (PDF), S. 39.
[2] Ebd.
[3] Zit. nach Dpa:Saarland setzt auf Digitalisierung an Schulen. Welt.de, 20. Mai 2022.
[4] Ebd.
[5] Zierer, Klaus / Gottfried, Thomas: Schulbildung im Saarland: Digitaler Holzweg. Zeit.de, 8. Januar 2023.
[6] Zierer/Gottfried, ebd.
Bild: Nadine Doerle: Kind mit Tablet (Pixabay)
Ich sehe es so: In der Digitalisierung liegen auch Chancen. Und die Online Schule Saarland ist noch nicht mal so schlecht aufgestellt von ihren Potentialen her. Also „Holzweg“ ist etwas hart. Was aber wirklich stimmt, ist: Die ungeheuren Erwartungen an die Digitalisierung der Bildung, der übertriebene Hype. Da bleibt gerade im Saarland einiges – wie z.B. Inklusion – einfach liegen. Und da tut die SPD eben auch nicht mehr für die Weiterentwicklung der Pädagogik wie es die CDU getan hätte. Und: Kinder brauchen Menschen und keine Maschinen.
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