Die Tötung des Eigenen im Spiegel des Fremden

Zu dem Song Království (Königreiche) der tschechischen Band Zrní

MUSIKALISCHE SOMMERREISE 2023: Tschechien

In ihrem Song Království (Königreiche) stellt die tschechische Band Zrní Zwietracht und Entzweiung der gemeinsamen Wurzel gegenüber, die alle Menschen miteinander verbindet. Bekämpfen wir in anderen womöglich nur unser eigenes Spiegelbild?

Königreiche

Aus heiligem Lehm sind unsere Glieder,
über unseren geneigten Häuptern
kreisen am blauen Himmel die Raben.

Hier, im Schlund des Abgrunds,
stehen wir einander gegenüber,
während über uns die Rabenwächter
mit den blauen Flügeln schlagen.

Dein Messer ist ein Spiegel meines Messers.
Deine Lippen sind ein Spiegel meiner Lippen.
Wessen Worte spiegeln sich darin?

Dein Gott ist ein Spiegel meines Gottes.
Mein Gott ist ein Spiegel deines Gottes.
Vielleicht sehen sie herab auf uns

aus einem einzigen Gesicht,
in dem zwei Augen auf uns schielen,
eines braun und eines schwarz,
erschlafft von den Jahrtausenden des Wachens.

Wie heiß werden sie sein, unsere Herzen,
wenn wir uns gegenseitig verbrennen?
Sag, werden wir uns selbst versengen
in ihren wütenden Flammen?

Ich bin der Spiegel deiner Augen,
du bist der Spiegel meiner Augen.
Derselbe dunkle Faden
verbindet mein Schicksal mit deinem.

All deine Toten sind darin verwoben,
du lebst in mir, ich lebe in dir,
und doch haben wir uns einst
selbst gegeneinander ausgesandt.

Wie heiß werden sie sein, unsere Herzen,
wenn wir uns gegenseitig verbrennen?
Sag, werden wir uns selbst versengen
in ihren wütenden Flammen?

Zrní: Království aus: Následuj kojota (Folge dem Kojoten; 2014)

Albumfassung:

Live im Studio (2015):

Gewaltanwendung im Namen Gottes?

In einem Interview aus dem Jahr 2012 führt Honza (Jan) Unger, Frontmann von Zrní („Die Saatkörner“), die Musik der Band auf den Eindruck eines fundamentalen geistigen Wandels zurück. Der entscheidende Punkt ist dabei die Überzeugung, dass der Materialismus als Leitidee der gesellschaftlichen Entwicklung ausgedient habe.

Viele Menschen, so Unger, hätten das Gefühl, „dass die Art und Weise, wie wir derzeit leben, uns nicht glücklich macht“. Daraus entstehe das Bedürfnis, sich verstärkt „weniger materiellen Werten“ bzw. „spirituellen Dingen“ zuzuwenden.

Diesen Aussagen scheint das Lied Království (Königreiche) zunächst zu widersprechen. Denn der bedrohliche Riss, der die Menschen hier voneinander trennt, wurzelt ja offenbar gerade in ihren voneinander abweichenden religiösen Überzeugungen. Sind damit in diesem Fall nicht gerade die „spirituellen Dinge“ Anlass für eine tödliche Auseinandersetzung?

Erstickung der Spiritualität im Namen des Glaubens

Allerdings stellt sich die Frage, inwieweit eine religiöse Praxis, in der die Befolgung vermeintlich göttlicher Gebote und kirchlicher Regeln den eigentlichen Glauben überdeckt, überhaupt noch etwas mit Spiritualität zu tun hat. Müsste eine tief empfundene Spiritualität nicht gerade die in dem Lied herausgestellte Einsicht befördern, dass alle Menschen durch ein gemeinsames geistiges Band miteinander verbunden sind?

Würde dies nicht Hass und Gewalt radikal ausschließen? Und schließt Spiritualität damit nicht auch die Erkenntnis mit ein, dass unterschiedliche Wege zum Göttlichen führen, dieses also den Menschen immer wieder andere Gesichter zuwenden mag, sich im Kern jedoch immer gleich bleibt?

Daneben muss der Gottesbegriff in dem Lied aber auch nicht wörtlich genommen werden. Er ließe sich auch symbolisch verstehen, also etwa auf den „Gott Mammon“ oder auf unterschiedliche Ideologien beziehen.

Habgier im Gewand höherer Ziele

In beiden Fällen wäre der Glaube – religiös oder säkular verstanden – damit etwas, das die Menschen gerade von der Entfaltung ihrer Spiritualität abhält. Im Vordergrund stehen jeweils nicht geistige Prozesse, sondern das Sich-Versammeln hinter der Fahne eines Dogmenkanons.

Die Ideologie kann dabei – wie im Falle der Kreuzzüge – auf religiösen Dogmen fußen, aber auch – wie im Krieg – nationalistisch aufgeladen sein. In jedem Fall dient sie dazu, die geistige Energie der Menschen für fremde Zwecke zu missbrauchen. Anstatt sich mit sich selbst und ihrer Existenz auseinanderzusetzen, werden sie zu Schachfiguren in den Machtspielen kirchlicher oder nationalistischer Hassprediger.

Die vorgeblich geistigen Ziele der Kriege und Kreuzzüge haben demnach vor allem den Zweck, die damit verfolgten materiellen Interessen zu verschleiern. So ist die scheinbare Spiritualität in diesem Fall in Wahrheit eine Maske des Materialismus, der so besonders effektiv umgesetzt werden kann.

Zitate entnommen aus:

Interview mit Antonín Kocábek in Tyden.cz, 21. Dezember 2012: Zrní: Konce světa se nebojíme, jen se nám o něm zdá (Zrní: Wir haben keine Angst vor dem Ende der Welt, wir träumen nur davon)

Interview mit Ondřej Leinert in deník.cz, 14. März 2013: Kapela Zrní: Něco se láme a mění, čím dál víc lidí inklinuje k duchovnu (Zrní: Etwas zerbricht und verändert sich, immer mehr Menschen wenden sich dem Spirituellen zu);

Mehr zu Entstehung und Musik der Band in:

Musikalische Selbstfindung in einer Berghütte. Zur tschechischen Band Zrní und ihrem Lied Jabloně (Apfelbäume); darin auch Nachweis der Zitate

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