Back mir einen Star!

Die geheimen Botschaften des Fernsehens, Teil 5

Sendeformate wie Deutschland sucht den Superstar oder Germany’s Next Topmodel täuschen eine Chancengleichheit vor, die sie durch die Orientierung am popkulturellen Mainstream selbst unterlaufen.

Von der Lust an der Erniedrigung anderer

Eine der demütigendsten Erfahrungen aus der Schulzeit: Die Sport-Cracks der Klasse wählen sich ihre beiden Mannschaften zusammen, während du selbst bis zuletzt auf der Bank sitzen bleibst. Am Ende bleibt einem der beiden nichts anderes übrig, als dich in sein Team aufzunehmen. Er verdreht genervt die Augen und kehrt dir den Rücken zu.

So ähnlich muss es auch jenen gehen, die bei einer der „Back-mir-einen-Star“-Shows des Fernsehens abgeschossen werden. Dass in diesem Fall nicht aus-, sondern abgewählt wird, macht die Sache sicher nicht besser.

So stellt sich die Frage, warum derartige Sendungen solche Quotenbringer sind. Reagiert das Publikum an den Ausgeschiedenen etwa den Frust darüber ab, selbst nicht im Wolkenkuckucksheim der Stars zu leben? Oder bereitet es uns einfach eine sadistische Lust, den Daumen zu heben oder zu senken, wie bei den Gladiatorenkämpfen im alten Rom?

Unterhaltungskultur in der Wettbewerbsgesellschaft

Die Macher der Sendungen werden auf solche Fragen wohl schlicht antworten: Es ist interessanter so. Einfach nur einen Nobody nach dem anderen sein Liedchen trällern zu lassen, ist doch langweilig. Das spielerische Drumherum macht erst den Reiz des Formats aus. Nur so bekommt das Ganze den nötigen Drive, nur so kommt ein gewisser Kitzel, ein Spannungsbogen in den kulturellen Wettstreit der Niemande.

Das mag ja sein. Es beantwortet aber noch lange nicht die Frage, weshalb wir selbst bei künstlerischen Darbietungen immer in den Kategorien von Wettbewerb und Ausstechen anderer denken müssen. Warum können wir die kreativen Fähigkeiten anderer nicht einfach so genießen? Wieso gönnen wir uns nicht wenigstens im Bereich der Kunst ein kleines Inselchen, auf dem die Gesetze der Wettbewerbsgesellschaft außer Kraft gesetzt sind?

Schließlich lastet auf jenen, die aus den entsprechenden Shows herausgewählt werden, ja keine kleine Bürde. Es ist eben nicht so, als würden sie auf dem Marktplatz irgendein Produkt feilbieten, das mit ihnen persönlich nichts zu tun hat. Nein, in den Star-Shows ist es immer die Person selbst, die im Schaufenster steht. Es geht stets um die Frage, wie sie sich am besten präsentieren und ihre Vorzüge in Szene setzen kann.

Eine Frankenstein-Show: Germany’s Next Topmodel

In besonderem Maße vom Zwang zur Zurschaustellung der eigenen Person betroffen ist das in verschiedenen Ländern adaptierte Next-Topmodel-Format. Denn hier wird ja ganz gezielt nicht nur das Auftreten, sondern auch der Körper der Kandidatinnen so modelliert, dass mit ihm die größtmögliche Wirkung erzielt werden kann. Insofern müsste man hier also fast schon von einer Art Frankenstein-Show sprechen.

Allerdings ist es eben so, dass die einzelnen Frankenstein-Damen sich mit dem Veränderungsprozess identifizieren, den sie durchlaufen. Sie wollen als diejenige gemocht werden, in die sie unter dem Zauberstab anderer verwandelt werden. Und sie wollen als diejenige, zu der sie modelliert werden, Erfolg haben.

Abgewählt zu werden, bedeutet deshalb in diesem Fall in erhöhtem Maß: als Person aussortiert zu werden, trotz aller Optimierungsversuche nicht wertvoll genug zu sein für die Vermarktung der eigenen Person und des eigenen Körpers.

Ein Anschlag auf das Ideal der Diversität

Während in anderen Ländern das Next-Topmodel-Format auch männliche Models kürt, ist es in Deutschland bislang noch auf Frauen beschränkt. So verstärkt die Sendung hier auch stereotype Vorstellungen vom idealen weiblichen Körper und allgemein vom Erscheinungsbild der Frau.

Die Behauptung, man fördere gerade Abweichungen von der Norm, ist dabei ein reiner Marketing-Gag. Schließlich bemühen sich auch Model-Agenturen stets darum, Mannequins mit leichten Abweichungen von der Norm zu finden. Dabei geht es aber keineswegs darum, die Normen an sich über Bord zu werfen. Ziel ist es vielmehr, ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb des vorgegebenen Normenkanons zu finden.

Mit ihrer Verstärkung von stereotypen Körperbildern und von Uniformierungstendenzen sind die Next-Topmodel-Sendungen ein einziger Anschlag auf den Diversitätsgedanken. Es ist erstaunlich, dass eine solches Format in Zeiten strengster Bemühungen um Gendergerechtigkeit überleben kann. Vielleicht sollte sich der Gender-Diskurs eben doch weniger auf den Bereich der Sprache beziehen als auf das, was Geschlechterrollenstereotypien konkret mit Menschen anrichten.

Feier des popkulturellen Mainstreams

Die Starbäcker-Shows beruhen auf dem Versprechen der Egalität: Jeder und jede kann zum Star werden! Jeder und jede kann andere zum Star küren!

Natürlich ist dieses Versprechen so nicht zutreffend. Schon die Jurys, in denen jeweils die Crème de la Crème des popkulturellen Mainstreams vertreten ist, sorgen dafür, dass der Pfad der ungeschriebenen Normen und Ideale nicht verlassen wird.

Daran ändert auch die Einbeziehung des Publikums in den Wertungsvorgang nichts. Zum einen bleibt das Public Voting natürlich nicht unbeeinflusst von den Einschätzungen der Jury. Und zum anderen sind diejenigen, die vor dem Fernseher hocken, ja keineswegs weniger von den Normen und Bildern der Bewusstseinsindustrie geprägt als jene, die aus der Mattscheibe heraus ihr Urteil verkünden.

Entlarvendes Zerrbild der Leistungsideologie

Der egalitäre Anspruch der Shows ist damit Wahrheit und Lüge zugleich. Er wird eingelöst, wenn damit gemeint ist, dass alle sich in den Frankenstein-Shows zu einem Abziehbild der popkulturellen Ideale formen lassen können. Ist damit jedoch gemeint, dass jeder Mensch als die Person, die er ist, zum Star werden kann, so bleibt das Versprechen unerfüllt.

Entscheidend ist in den Sendungen eben nicht die individuelle Person mit ihren spezifischen Möglichkeiten, sondern die jeweilige „Performance“. Die Shows unterstützen damit ein Bild des Erfolgs, bei dem dieser weniger von Kompetenz und Leistung abhängt als vom persönlichen Auftreten.

Implizit entlarven die Shows so den ideologischen Charakter der Leistungsgesellschaft. Denn auch hier sind „Leistung“ und „Kompetenz“ ja oft genug nur legitimatorische Masken für die wahren Gründe des sozialen Aufstiegs: geschicktes „Networking“, Konformität, Ellbogen und „blendendes“ Auftreten.

Bild: Mohd Zuber Saifi: Sänger (Pixabay; modifiziert)

2 Kommentare

  1. So habe ich das noch nie gesehen. Ich schaue recht gerne „Voice of Germany“ und fand bisher, dass die Juroren recht wertschätzend mit den KanditatInnen umgehen. DSDS ist tatsächlich ein furchtbares Format. Was mir an Ihrem Essay interessant war, ist die Verbindung zum Thme Diversität und Leistungsgesellschaft. Das regt auf alle Fälle zum Nachdenken an. Überhaupt finde ich es sehr anregend, sich mal kritisch mit dem Medium Fernsehen auseinanderzusetzen.

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