Tierfilme: Die Natur als Kampfplatz

Die geheimen Botschaften des Fernsehens, Teil 7

Tierfilme erheben den Anspruch, ein unverfälschtes Bild der Natur zu zeichnen. Die Art und Weise, wie die Natur in ihnen präsentiert wird, beruht jedoch auf Deutungsmustern, die eine bestimmte Sicht des naturhaften Geschehens nahelegen.

Gegenseitige Auslöschung oder gegenseitige Hilfe?

Dass viele Tiere nur überleben können, indem sie andere Tiere töten und fressen, ist zwar ein beklagenswerter Mangel der Schöpfung – es ist aber leider die Realität.

Wahr ist allerdings auch: Sowohl viele Pflanzen als auch viele Tiere können nur überleben oder erleichtern sich das Überleben, indem sie sich symbiotisch mit anderen Spezies verbinden. Dies gilt für die speziellen biochemischen Kommunikations- und Kooperationswege zwischen Bäumen und Pilzen ebenso wie beispielsweise für die Lebensgemeinschaften von Seeanemone und Einsiedlerkrebs oder von Alligatoren und manchen Wasservögeln.

Schon Pjotr Kropotkin wandte sich 1902 mit seiner Schrift über Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschwelt gegen die einseitige Betrachtung der Natur durch die sozialdarwinistische Brille eines Kampfs aller gegen alle. Anhand zahlreicher Beispiele stellt er darin den Wert von Kooperation und Solidarität gegenüber der Fixierung auf das Überleben auf Kosten anderer heraus.

Patriarchalisch geprägte Sicht der Natur

Aus feministischer Perspektive hat später die US-amerikanische Naturwissenschaftlerin und Philosophin Evelyn Fox Keller die Betrachtung von Aggression und Antagonismen als zentralen Triebkräften des naturhaften Geschehens kritisiert. In ihren Augen verbirgt sich dahinter ein patriarchalisch geprägter Blick auf die Natur, der in dieser einen Spiegel für das eigene, auf männliche Dominanz und Unterordnung ausgerichtete Weltbild sieht.

In Tierfilmen steht aber bis heute eine von Kampf und Überwältigung der Schwächeren gekennzeichnete Sicht der Natur im Vordergrund. Bei der Dokumentation einer Gazellengeburt kann man sich sicher sein, dass im nächsten Augenblick ein Löwe aus dem Gebüsch schleicht und dem Jungtier die Kehle durchbeißt.

Erziehung zur Teilnahmslosigkeit

Zugegeben: So etwas kann durchaus passieren. Es ist aber etwas anderes, ob sich ein solcher Tötungsakt einfach irgendwo auf der Welt ereignet oder ob wir dabei zuschauen. Indem die Kamera den Blick voyeuristisch auf das blutige Geschehen richtet, erzieht sie uns zum Zuschauen, zur Passivität angesichts des Leids einer unterlegenen Kreatur.

Der erzieherische Effekt von Tierfilmen reicht dabei über das naturhafte Geschehen hinaus. So zeigen Fabeln, Märchen und nicht zuletzt unser Verhalten zu unseren Haustieren, wie stark wir dazu neigen, Tiere zu vermenschlichen, uns also mit ihrem Verhalten zu identifizieren oder unsere eigenen Verhaltensmuster auf sie zu projizieren.

Der natürliche Impuls, dem Schwächeren zu Hilfe zu eilen, wird so durch die Erziehung zur Passivität grundsätzlich in Frage gestellt. Indem wir zuschauend der Haltung des Kamerateams folgen und der Tötung tatenlos folgen, lernen wir ganz allgemein: Das Leben ist ein Kampf. Der Stärkere tötet den Schwächeren. So ist das nun mal, da kann man nichts machen. Dieser Fatalismus überträgt sich dann auch auf unser Verhalten in der Gesellschaft.

Tierische Brutalität als Legitimation menschlicher Rücksichtslosigkeit

Die passive Dokumentation von Tötungen in Tierfilmen offenbart darüber hinaus auch einen interessanten Widerspruch. Einerseits heißt es: Der Mensch ist die Krone der Schöpfung, er darf und muss die Natur für sich nutzen, ohne ihn würde sie aus dem Gleichgewicht geraten. Andererseits folgt das tatenlose Mitansehen von Tötungsakten im Tierreich aber dem Gedanken einer selbstregulatorischen Natur, in deren Abläufe der Mensch unter keinen Umständen eingreifen darf.

Der Widerspruch löst sich auf, wenn man sich die Art und Weise vor Augen führt, in der Menschen auf die Natur einwirken. Schon die abstrakte Zahlenarithmetik, aus der Jäger ihre Abschussraten ableiten, ist sehr weit von der Achtung und Wertschätzung für das einzelne Leben entfernt. Noch stärker gilt dies für die Industrialisierung des Tötens in der Massentierhaltung.

Indem das Töten in der Natur in Großaufnahme gezeigt wird, wird suggeriert, dass die Vernichtung anderen Lebens etwas ganz Natürliches sei, dass also auch die menschliche Rücksichtslosigkeit gegenüber den Tieren quasi naturgewollt sei. Außer Acht gelassen wird dabei, dass Menschen – anders als der Löwe, der dem Gazellenjungen den Weg ins Leben verwehrt – eine Wahl haben in ihrem Tun.

Links

Fox Keller, Evelyn: Das Leben neu denken: Metaphern der Biologie im 20. Jahrhundert (engl. Refiguring Life: Metaphors of Twentieth-century Biology, 1995). München 1998: Kunstmann;

im Internet abrufbar: Kurzbeschreibung des Buches und Artikel von Fox Keller zu dem Thema: Cognitive functions of metaphor in the natural sciences  (philing III, 1-2015, S. 113 – 132;

https://www.philinq.it/index.php/philinq/article/view/117/64).

Kropotkin, Pjotr: Gegenseitige Hilfe in der Entwicklung (in der Tier- und Menschwelt; zuerst 1890 – 1896 in mehreren Einzelartikeln erschienen), übersetzt von Gustav Landauer. Leipzig 1904: Thomas; Internet Archive (archive.org); auch abrufbar auf mirror.anarhija.net (PDF).

Salzmann, Niklaus: Zusammen geht es besser – Symbiosen im Tierreich. Tierwelt.ch, 20. Mai 2016.

Bilder: Frans Snyders (1579 – 1657): Zwei junge Löwen, ein Reh jagend; München, Alte Pinakothek (Wikimedia commons); Nadar (Gaspard-Félix Tournachon, 1820 – 1910): Pjotr Kropotkin; New York Public Library Archives (Wikimedia commons); Gustavus Adolphus College: Evelyn Fox Keller 1999 bei einem Vortrag (youtube-Screenshot, Wikimedia)

Ein Kommentar

  1. Die Gedanken finde ich hochspannend. Mein Unbehagen an „klassischen“ Tierfilmen findet hier eine schlüssige Erklärung! 😉 Danke für die Gedanken und Lesetipps!- Rotherbaron ist mein absoluter Lieblingsblog, da er über das Übliche hinausgeht, keine Scheu hat „zwischen den Stühlen“ zu denken und auszudrücken und nie in Polemik und S/W-Denken verfällt.

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