Eine Meditation zur Adventszeit
In der Adventszeit werden wir auf rotherbaron wieder ein paar Mal Bruder Norabus das Wort erteilen. Den Anfang macht heute seine Meditation zur Adventszeit – dieses Mal auch als Audio-Angebot.
Hörfassung:
Hoffnung auf Erneuerung
Wenn ich nicht wüsste, dass die Adventszeit angebrochen ist, würde ich es hier im Kloster wohl gar nicht merken. Abt Ägidius ist kein Freund übermäßigen Schmucks. Tannenzweiggestecke, Adventskalender oder gar Fensterbilder hält er für überflüssigen Tand. Das Einzige, was wir Mönche ihm haben abringen können, ist ein einfacher Adventskranz, den wir vor dem Altar aufgestellt haben.
Weiteren Adventsschmuck pflegt Bruder Ägidius mit dem Hinweis darauf abzulehnen, dass dies den Geist nur von der Öffnung für das Weihnachtswunder ablenken würde. Vielleicht hat er damit ja noch nicht einmal Unrecht. Denn auch ohne das Feuerwerk der Weihnachtsdekoration, wie es vor den Toren des Klosters entzündet wird, befällt mich jedes Jahr in der Adventszeit aufs Neue ein unbestimmtes Gefühl der Erwartung.
Es ist nicht unbedingt ein Gefühl, als würden sich plötzlich alle Probleme, die auf unserer Welt lasten, in Luft auflösen – aber doch die stille Hoffnung, alles in einem anderen Licht sehen und so zumindest Ansätze für eine Lösung der Probleme entdecken zu können; die Hoffnung auf ein verborgenes Tor, hinter dem einen der Palast einer neuen Welt umfängt.
Ich weiß natürlich, dass dieses Gefühl ganz irrational ist, eine Mischung aus naiver Heilserwartung und den Resten kindlicher Vorweihnachtsfreude. Dennoch blüht diese Erwartung jedes Jahr so zuverlässig in mir auf wie im März die Krokusse. Deshalb denke ich, dass ich diesem Gefühl einmal etwas genauer auf den Grund gehen sollte.
Warten und Erwartung
Zunächst einmal ist die Erwartung ja etwas anderes als das Warten. Das Warten führt regelmäßig dazu, dass sich die vergehende Zeit meinem Bewusstsein in unangenehmer Weise aufdrängt. Dies kann sich – wie an der Bushaltestelle oder bei einem verspäteten Gast – schlicht in Langeweile oder Missmut manifestieren. Es kann jedoch – wie beim Zahnarzt oder im Fall der Liebenden, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt verabredet haben – auch mit Gefühlen der Sorge oder der ungeduldigen Vorfreude verbunden sein.
Im Unterschied zum Warten enthält die Erwartung stets ein Element der Unbestimmtheit. Zwar kann sie – wenn etwa irgendeine Autorität von mir ein bestimmtes Verhalten erwartet – sich durchaus auch auf das Eintreffen eines genau umrissenen Ereignismusters beziehen. Auch in diesem Fall bleibt sie jedoch notwendig mit Ungewissheit assoziiert – denn es entspricht ja dem Wesen der geäußerten Erwartung, dass es keine hundertprozentige Sicherheit darüber gibt, ob ich den Erwartungen entsprechen werde.
Diese Unbestimmtheit der Erwartung ist auch für die Adventszeit charakteristisch. Schließlich richtet sich die Erwartung hier ja nicht konkret auf die Geburt Christi. Was man sich unbewusst erhofft, ist doch wohl eher, dass einen die Ahnung des Wunderbaren, ein Schauer des geheimnisvollen, ungeheuerlichen Ereignisses, wie es die Menschwerdung Gottes bedeutet, streift.
Die Adventszeit als Spiegel des Glaubens
So verhilft mir die Adventszeit auch dazu, meinen Glauben besser zu verstehen. Er gründet auf der Überzeugung, dass sich die Existenz Gottes weder beweisen noch ausschließen lässt. Zum Wesen des Göttlichen gehört für mich notwendigerweise, dass es die Grenzen meines Geistes transzendiert, es für mich also stets ein Mysterium bleibt. An dieses kann ich glauben oder nicht –Gewissheit über seine Existenz lässt sich jedoch mit den begrenzten Mitteln des menschlichen Verstandes nicht erlangen.
Analog hierzu ist auch die Erwartung in der Adventszeit eine Erwartung des Glaubens, nicht des Wissens. Eben dadurch grenzt sich die Erwartung hier auch von dem bloßen Warten ab.
Als Teil der arbeitenden Bevölkerung oder als Familienmitglied mag ich wohl auf den Weihnachtsabend warten – sei es mit einem Gefühl der Vorfreude auf freie Tage und feines Essen, sei es mit einem Gefühl der Bangigkeit beim Gedanken an die Zwistigkeiten, die Jahr für Jahr im Gefolge der freigesetzten Emotionen hochkochen. Als religiöser Mensch erwarte ich dagegen jedes Jahr aufs Neue etwas Unbestimmtes, etwas, das ich gedanklich nie ganz fassen und in Worte kleiden kann, etwas, an das zu glauben und auf das zu hoffen meinem vernunftbegabten Geist widerstrebt, das ich mir aber nichtsdestotrotz immer wieder neu erträume.
Glaube und Utopie

So betrachtet, ist die Erwartung, die mich in der Adventszeit erfüllt, auch eine Variante des Glaubens an die Kraft des Utopischen – daran also, dass Hoffnung und Realität zu jener harmonischen Deckung gebracht werden können, die, im Lichte der Vernunft betrachtet, unmöglich erscheint.
Und wie die Utopie zwar nie Wirklichkeit werden kann – weil sie dann eben keine Utopie mehr wäre –, mir aber durch meinen Glauben hieran die Kraft zum Handeln gibt, ist auch der religiöse Glaube ein Paradoxon, das trotz oder gerade wegen der Unmöglichkeit, sich seines Ziels zu vergewissern, zu einem inneren Kraftquell wird.
Umgekehrt gilt das, was Sören Kierkegaard über den Glauben gesagt hat – dass er sich nicht als Resultat eines vernünftigen Abwägens und logischen Deduzierens einstellt, sondern nur als „Sprung“ ins Ungewisse erlangt werden kann – auch für das Wesen des Utopischen: Hoffnung gibt die Utopie nur jenen, die sie nicht an der Realität eines Alltags messen, der sie mit seinen ewig unzureichenden Strukturen und hemmenden Handlungszwängen nur entmutigen kann.
Dies heißt nicht, dass die Utopie nicht konkret werden kann. Vielmehr gilt gerade umgekehrt, dass ihr Wert sich – ebenso wie im Falle des Glaubens – im Umgang mit einem konkreten Alltag bewähren muss. Nur werden die Maßstäbe des Handelns dabei eben nicht aus den Normen und Deutungsmustern dieses Alltags abgeleitet, sondern aus jenem anderen, erträumten Reich, auf das wir erwartungsvoll zusteuern, ohne es je erreichen zu können.
Zu dem Zitat des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard vgl. dessen Schrift Der Begriff Angst (1844). In: Ders.: Werke in fünf Bänden, herausgegeben von Liselotte Richter, Bd. I (1960), S. 57. Reinbek 1961: Rowohlt.
Bilder: Thomas Cole (1801 – 1848): Der Engel erscheint den Hirten (1833/34); Chrysler Museum of Art, Norfolk/Virginia ( Detail); Caroline F. Williams (1836 – 1921): Winterabend (Ausschnitt)
Danke für diese schönen Worte zum Advent. Habe mir die Hörfassung angehört und konnte mich gut darauf einlassen. Ich bin nicht sehr religiös, aber die Worte von Bruder Norabus haben mich sehr angesprochen. Seltsamerweise ist es bei mir auch so, dass ich den Advent als eine Zeit des „Wartens auf etwas“ verbringe. Das eigentliche Weihnachtsfest ist dann oft eher enttäuschend, so dass ich die Erwartung auch höher einschätze als das Ziel.
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