Odyn w Kanoe: U mene nemaye domu (Ich habe kein Zuhause)
Musikalische Sommerreise 2024/2
Ein Lied der ukrainischen Band Odyn w Kanoe kreist um das Gefühl, kein wirkliches Zuhause im Leben zu haben. Angesichts der konkreten Bedrohung der eigenen Heimat hat die Band damit in der Ukraine einen Nerv getroffen.
Ich habe kein Zuhause
Ich weiß nicht, wo ich zu Hause bin,
ich weiß nicht, wo ich hingehöre.
Ich habe keinen Stamm,
ich habe keine Stadt,
ich habe keine Heimat.
Großmutter, sag mir, wer ich bin
und wo ich hingehöre!
Wo soll ich schreiben, wo soll ich singen,
wenn ich kein Zuhause habe?
Ziellos verkrieche ich mich
mit hunderten anderen
in den Betonbienenwaben der Stadt,
unserer einzigen Zuflucht.
Mit unseren Waben verwachsend,
suchen wir nach Sinn
im anschwellenden Herzschlag
der Etagenrhythmen.
Ich habe kein Zuhause,
ich weiß nicht, wo ich hingehöre.
Ich kann für nichts und niemanden etwas tun,
ich habe nichts zu geben.
Mit dir allein teile ich
den leeren Kreis meines Lebens.
Doch auch dies hebt die Leere nicht auf.
Wenn ich ein Zuhause hätte,
würde ich alle Menschen
und alle Katzen dorthin einladen.
Alle wären mit allen verbunden,
alle hätten ein Zuhause,
denn nur wenn alle glücklich wären,
wäre auch mein Glück vollkommen.
Один в каное (Odyn w Kanoe): У мене немає дому (U mene nemaye domu)
Videoclip:
Auf der Suche nach einem Zuhause
Der Song У мене немає дому (U mene nemaye domu / Ich habe kein Zuhause) von Один в каное (Odyn w Kanoe) erschien 2019 zunächst als Online-Veröffentlichung. Die Band produzierte dafür ihren ersten Videoclip, der millionenfach angeklickt wurde.
Das im Titel angesprochene Thema des Liedes – das fehlende Zuhause – lässt sich gut auf die aktuelle Lebenssituation vieler Menschen in der Ukraine beziehen. Denn eben dies – die Heimatlosigkeit – prägt derzeit ja das Leben vieler Menschen dort. Dabei handelt es sich bei manchen um eine reale Vertreibung aus ihrer Heimat, bei anderen um die Angst davor. Insofern „Beheimatung“ stets auch ein Gefühl von sicherer Zuflucht impliziert, kann sich in der Ukraine derzeit zudem niemand richtig „heimisch“ fühlen.
Natürlich spielt der Song darüber hinaus auch auf das Leben in der Großstadt an, wo das Wohnen in anonymen Häuserblocks für viele eben kein echtes Zuhause bietet. Der große Erfolg insbesondere des Videoclips scheint aber doch auch auf die unterschwelligen Bedrohungsgefühle zurückzuführen zu sein, die angesichts der Kämpfe in der Ostukraine und der Bedrohungsrhetorik des Kremls schon damals präsent waren.
Der Videoclip zu dem Song greift die im Text thematisierten Heimatlosigkeits- und Fremdheitsgefühle aus einer doppelten Perspektive auf: zum einen durch die dominierende Blickrichtung eines einsamen Kindes und zum anderen durch eine Art Alien. Dieser wird anfangs bekämpft, entwickelt sich später aber zu einem Begleiter der nach einem Zuhause suchenden Personen. Dies entspricht dem Schluss des Liedes, wo das friedliche Zusammenleben aller Menschen beschworen wird.
Один в каное (Odyn w Kanoe): eine echte Grassroots-Band
Die Band Один в каное (Odyn w Kanoe / Einer in einem Kanu) setzt sich heute aus Iryna Schwajdak (Gesang), Ustym Pochmurskyj (Gitarre) und Ihor Dsikowskyj (Schlagzeug und Percussions; früher: Olena Dawydenko) zusammen. Sie entstand – noch in anderer Besetzung – 2010 in Lwiw (Lemberg) als Initiative einer Gruppe von Menschen, die gerne Musik machten, ohne professionell im Musikgeschäft tätig zu sein.
Dementsprechend verzichtete die Gruppe anfangs auch auf die Zusammenarbeit mit Produktions- oder Promotion-Teams und organisierte ihre Auftritte selbst. Alle Mitglieder waren anfangs auch weiterhin in ihren bisherigen Berufen tätig.
Nichtsdestotrotz wurde die Band rasch populär in der Ukraine. Wie der Musikjournalist Witalij Pastuch 2015 feststellte, erschien dies angesichts der sonstigen durchgeplanten Musikkarrieren vielen im Musik-Business „paradox“:
„Die Band hat an keiner Talentshow teilgenommen, keine Musikvideos gedreht und wird nicht im Radio gespielt. Ihr Stil ist nicht klar festgelegt und wurde auch von den Musikern selbst noch nicht genau definiert. Sie spielen einfache philosophische Lieder mit minimaler Begleitung – und dennoch füllen sie in allen Städten der Ukraine die Säle.“
Grenzüberschreitende Erfolge
Ein Jahr nach diesem Porträt nahm die Band ihr erstes Album auf, ein zweites folgte 2021. Zugleich begann die Band nun auch Videoclips zu produzieren.
Einen ihrer ersten großen Erfolge feierte die Band 2012 in Moskau, wo sie bei einem russischen Musikwettbewerb den Siegerpreis davontrug – obwohl sie von Anfang hauptsächlich auf Ukrainisch sang. Dies zeigt, wie eng damals die russische und die ukrainische Musikkultur noch miteinander verbunden waren. Gleichzeitig ist die Gruppe auch ein Beispiel für den Bruch, der durch die russische Aggression gegen die Ukraine ausgelöst worden ist: Nach der russischen Annexion der Krim und dem Angriff auf die Ostukraine im Jahr 2014 ist sie nicht mehr in Russland aufgetreten.
Eigentümlicher Bandname
Der Bandname geht auf den Namen des Häuptlings einer Gruppe kanadischer Ureinwohner zurück: „Wickaninnish“. Wörtlich bedeutet dies „der, der im Kanu niemanden vor sich hat“. Auch das Logo der Band deutet die Herkunft ihres Namens an. Es stellt eine Blume mit sechs Blütenblättern dar, die gleichzeitig auf die Form der traditionellen ukrainischen Bandura – eines Instruments, das die Funktionen von Laute und Zither miteinander verbindet – und auf Kanus anspielen.
Zitat übersetzt aus:
Пастух, Віталій (Pastuch, Witalij): Слушать подано: новая украинская музыка (Zum Hören serviert: Neue ukrainische Musik); styler.rbc.ua, 26. September 2015.
Bild: Hung Quach: Floß im Lichtkegel eines Leuchtturms (Pixabay)