Schöpferische Bescheidenheit

Der Song Schelkoprjad (Die Seidenraupe) der ukrainischen Band Flëur

In ihrem Song Schelkoprjad (Die Seidenraupe) entwirft die ukrainische Band Flëur die Vision eines Sinnteppichs, an dem alle gemeinsam weben. Dies erscheint als Gegenbild zu der destruktiven Autokratie, von der die Ukraine derzeit bedroht ist.

Die Seidenraupe

Zwischen dem dichten Laub meines Baumes
bemerkst du mich kaum.
Meinen dünnen Faden spinnend,
fülle ich mein Leben mit Sinn.
Viele von uns sitzen nebeneinander,
und jede von uns findet ihre Bestimmung
im Spinnen ihres dünnen Lebensfadens.

Unendlich viele Tropfen füllen das Meer,
unendlich viele Sandkörner formen einen Stein,
unendlich viele Sekunden die Ewigkeit.
Ich habe nur einen Wimpernschlag lang zu leben –
und doch spinne ich mit meinem Faden
mit an der Unendlichkeit.

Manche verfangen sich
im Netz der Religion,
andere verlieren sich
in extraterrestrischen Welten.
Ich aber spinne meinen dünnen Faden.

Manche erträumen sich
den Schlüssel kosmischer Geheimnisse,
andere erschöpfen sich
im Kampf gegen unbezwingbares Gestein.
Ich aber spinne meinen dünnen Faden.

Unendlich viele Tropfen …

Unermüdlich spinne ich,
das dünne Würmchen,
meinen dünnen Faden
in der Raserei der Welt.

Dünne Fäden spinne ich
für dünne, schwerelose Stoffe,
mit denen du die Schönheit
und die Ewigkeit ertasten kannst.

Unendlich viele Tropfen …

Flëur: Шелкопряд (Schelkoprjad) aus: Всё вышло из-под контроля (Wsjo wyschlo is-pod kontrolja  / Alles ist außer Kontrolle geraten; 2006)

Song mit Video von Vlad Sirenco:

Live in Sewastopol (2011):

Flëur: Cardiowave – Musik, die zu Herzen geht

Die Musikgruppe Flëur wurde im Jahr 2000 von Ольга Пулатова (Olga Pulatowa) und Олена Войнаровська (Olena Woinarowska) in Odessa gegründet. Um die beiden Sängerinnen gruppierten sich später noch andere Musiker, doch blieb das Projekt wesentlich von den beiden Bandgründerinnen bestimmt, die weiterhin für die Texte und den Großteil der Musik verantwortlich zeichneten. Beide arbeiteten auch in anderen Musikprojekten mit und setzten nach der Auflösung der Band im Jahr 2017 ihre Solokarrieren fort.

Die Sängerinnen charakterisierten ihre Musik selbst als „Cardiowave“, wohl um die übliche Einsortierung in die Schubladen der Musikindustrie zu vermeiden. Dennoch wurden Parallelen zu anderen Musikprojekten gezogen. Nicht ganz ungerechtfertigt scheint dabei – angesichts der teilweise sphärischen Klänge und des engelhaften Gesangs – der Vergleich mit den Cocteau Twins zu sein.

Flëur war als Musikprojekt von Anfang international angelegt. Bereits das erste Album erschien 2002 nicht in der Ukraine, sondern bei dem in Frankreich ansässigen Label  Прикосновение (Prikosnovenije / russisch „Sanfte Berührung“). Der Titel des Albums war eine englischsprachige Übersetzung des Label-Namens: Touch.

Angesichts der damaligen Dominanz der russischen Sprache in Odessa waren auch die Bandleaderinnen von Flëur in dieser Sprache sozialisiert und sangen ihre Lieder auf Russisch. Dementsprechend populär war die Band auch bald in Russland, wo sie zahlreiche Auftritte absolvierte und Spitzenplätze in den Charts erreichte.

Die Seidenraupe: Gemeinschaftlich gewobener Lebenssinn

Der Song Шелкопряд (Schelkoprjad / Die Seidenraupe) ist einer der größten Erfolge der Band. Er hat nicht nur Ohrwurmqualität, sondern besticht auch durch seinen originellen Text. Die genügsam ihren Faden spinnende Seidenraupe dient dabei als Bild für ein Leben, das sich auf seine eigenen begrenzten Möglichkeiten konzentriert, anstatt sich im Streben nach weltverändernden Taten zu erschöpfen.

Daraus ergibt sich die Vision eines Lebenssinns, an dem alle Menschen zusammen wie an einem gemeinsamen Teppich weben: Indem alle das zu dessen Wachstum und Verschönerung beitragen, was sie ihrer spezifischen Biographie nach beitragen können, ergibt sich weit eher ein Abbild der Ewigkeit, als wenn Einzelne allein nach den Sternen greifen.

Das Lied führt so auch die Zerstörungskraft der russischen Aggression in der Ukraine vor Augen. Weil Einzelne den Gang der Ereignisse gottgleich allein bestimmen wollen, wird das fragile Geflecht einer gemeinschaftlich aufgebauten Lebensperspektive, das andere in Jahrzehnten gewoben haben, mutwillig auseinandergerissen.

Bilder: Lixi221: Seidentextur (Pixabay); Afisha: Olena Woinarowska und Olga Pulatowa, Gründerinnen der Band Flëur (Wikimedia commons)

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