Zhanulkas Song Portrety (Porträts)
Musikaliische Sommerreise 2024/5
In ihrem Song Portrety (Porträts) beschreibt die junge ukrainische Singer-Songwriterin Zhanulka das Lebensgefühl einer Jugend im Krieg. Ihr Leben auf der Flucht ist für sie als russische Muttersprachlerin dabei auch mit einer inneren Zerrissenheit verbunden.
Porträts
Ich habe Angst um meine Mutter,
ich bin so furchtbar müde,
ich habe so furchtbares Heimweh.
Mit meinen achtzehn Jahren frage ich mich:
Nach wem soll ich um Hilfe rufen,
wenn doch niemand da ist?
Lösch das Licht und mach die Kerzen aus,
wenn die Raketen kommen.
Nur ein Feuerzeug soll uns beleuchten.
Ich bin schon so lange auf der Flucht,
dass ich nicht mehr weiß, wovor.
Mit meinen achtzehn Jahren fühle ich
nichts als Ekel vor mir und der Welt.
Komm, gib mir einen Kuss zum Abschied
und versprich mir:
Wir sehen uns zu Hause wieder,
in Kiew, im Mai!
Vielleicht sollte ich
Porträts malen,
für jemanden da sein,
so leben, dass ich weiß,
wo ich morgen aufwache,
anstatt ständig vor etwas zu fliehen.
Vielleicht sollte ich
meine Zigaretten mit anderen teilen,
aufrichtig irgendeinen Dummkopf lieben,
ruhig schlafen, ohne Angst,
anstatt ständig auf das Ende
dieser Wegstrecke zu warten.
Ich vermisse dich schon jetzt,
doch wenn wir uns wiedersehen,
wird es warm und sonnig sein.
Also sei nicht traurig!
Mein ganzes Leben passt in einen Rucksack,
ich habe kein Zuhause mehr,
seit so vielen Jahren schon.
Meine Heimatstadt liegt in Trümmern,
ich schreie in die Leere,
ich singe für die Tauben.
Ich bin schon so lange auf der Flucht,
dass ich nicht mehr weiß, wovor.
Es gibt keine Zuflucht für mich
außer in der Liebe,
der launischen Liebe,
die ich mit meinem Gesang beschwöre.
Vergiss die Kilometer, die uns trennen!
Ich weiß genau:
Wir treffen uns zu Hause,
in Kiew, im Mai!
Vielleicht sollte ich …
Жанулька (Zhanulka): Портреты (Portrety / Porträts)
Song (erschienen 30. Juni 2022):
Ein Leben auf der Flucht
Жанна Шаталова (Zhanna Schatalowa; Name als Künstlerin: Жанулька/Zhanulka) wurde 2004 in Donezk geboren, wo sie mit ihrer Familie bis zur russischen Invasion der Ostukraine lebte. 2014 zog die Familie nach Kyiv/Kiew um und emigrierte 2018 nach Spanien.
Wie Schatalowa in einem Interview erzählt, hat sie sich jedoch in Spanien nie zu Hause gefühlt und ihren Ausschluss aus der Schule provoziert, um die Eltern zur Rückkehr in die Ukraine zu bewegen. So reiste die Familie zurück nach Kiew, wo sie im Februar 2022 den Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die gesamte Ukraine erlebten. Die Folge war eine erneute Flucht, dieses Mal in den Westen der Ukraine, von wo Schatalowa mit ihren Eltern und ihrem Freund einen Monat darauf, nach dem Abebben der Kämpfe um die Hauptstadt, nach Kiew zurückkehrte.
Heimatlosigkeit – auch in der Sprache

Von diesem Leben auf der Flucht erzählt die Sängerin in ihrem im März 2022 während des Aufenthalts in der Westukraine entstandenen Song Портреты (Portrety/Porträts). Es ist ein Leben, das keinen Fixpunkt mehr hat, das von Trennungen und Verlust geprägt ist und deshalb auch keine klare Perspektive und keinen über den Augenblick hinausweisenden Sinn aufweist.
Das Gefühl der Heimatlosigkeit wiegt für Schatalowa dabei umso schwerer, als auch ihre sprachliche Heimat fragwürdig geworden ist – denn sie ist in einer überwiegend russischsprachigen Region aufgewachsen und singt demzufolge auch auf Russisch. Dafür wurde sie angesichts der Gewalterfahrungen, die man derzeit in der Ukraine mit allem Russischen verbindet, laut eigener Aussage im Netz angefeindet, nachdem sie den Song – wie zuvor schon andere Lieder – auf TikTok veröffentlicht hatte.
Dies zeigt einmal mehr, dass das russische Regime mit dem Krieg gerade das zerstört, was es zu schützen vorgibt. Das Russische, früher ein selbstverständlicher Teil des Alltags in der Ukraine, wird heute mit unsäglichen Verbrechen verbunden und folglich mehr und mehr geächtet.
Für Menschen, die ihre Heimat in der Ostukraine verloren haben, ergibt sich dadurch eine doppelte Heimatlosigkeit, weil sie sich in ihrer eigenen Sprache nicht mehr zu Hause fühlen können.
Ein Alltag im Schatten des Todes
Was Schatalowa („zhanulka“) anbelangt, so geht diese mit dieser Situation allerdings durchaus selbstbewusst um. Sie verurteilt natürlich den Krieg, der sie mehrfach vertrieben hat, und tritt derzeit auch nicht in Russland auf, bekennt sich aber auch zu ihrer Identität als Ukrainerin mit russischsprachiger Sozialisation. Entscheidend ist für sie nicht, in welcher Sprache jemand spricht und singt, sondern was der Krieg mit den Menschen macht und wie man sich trotz des Krieges sein Zuhause bewahren kann.
Schatalowa hat dabei außer an der inneren auch an der ganz konkreten äußeren Zerrissenheit ihrer Familie zu leiden. Ein großer Teil ihrer Familie lebt noch immer in Donezk, das derzeit wegen der Kämpfe kaum zu erreichen ist. In dem oben erwähnten Interview berichtet die junge Sängerin davon, wie sehr sie dies belastet. Eine Passage, in der sie von einem Videotelefonat mit einer ihrer Großmütter berichtet, führt dies besonders anschaulich vor Augen:
„Einmal, als ich abends mit meiner Großmutter telefoniere, höre ich, wie etwas vor ihrem Fenster vorbeifliegt. Meine Großmutter meint aber: ‚Ich habe gerade Rosen gepflanzt, komm, ich zeige sie dir.‘ Sie zeigt sie mir, aber dann rennt sie plötzlich ins Haus, weil von irgendwo der Beschuss losgeht. Ich denke mir: Wozu das Ganze? Warum sind meine Verwandten von solchen Gefahren bedroht?‘ Das hat ja in den ganzen letzten Jahren nicht aufgehört. Die Lage hatte sich ein wenig beruhigt, aber nach dem 24. [Februar 2022] ist es ganz unmöglich geworden, nicht ständig daran zu denken, die Augen davor zu verschließen oder sich damit abzufinden.“
Zitat übersetzt aus:
Сивцова, Саша (Siwtsowa, Sascha): Интервью певицы Жанульки (Interview mit der Sängerin Zhanulka; mit Fotos). Meduza.io, 30. Juli 2022; daraus auch die übrigen Informationen zu Schatalowa.
Bilder: Nirita Haroni: Müdes Mädchen (Pixabay); Zhanulka (Porträtfoto aus dem YouTube-Kanal der Sängerin)