Der weinende Frühling

Der Song Moja Wesna (Mein Frühling) von Renie Cares

Musikalische Sommerreis 2024/8

In ihrem Song Moja Wesna (Mein Frühling) thematisiert die junge ukrainische Singer-Songwriterin Renie Cares das Trauma des Krieges. Gleichzeitig vermittelt die wiegenliedartige Musik jedoch Trost und die Hoffnung auf eine friedlichere Welt.

Mein Frühling

Soll so etwa der Frühling sein?
Kugelhagel statt Sonnenschein und Blumen,
Angst vor Minen in den Feldern
statt zärtlicher Umarmungen?

Und statt Vogelgesang: Sirengeheul,
überall Sirenengeheul: „Alarm!“, „Alarm!“
Nein, das ist kein Frühling,
so sollte der Frühling nicht sein!

Mein Frühling ist zerstört,
gestohlen von Henkershorden,
zerschossen und zerbombt
von russischen Soldaten.

Mein Frühling weint,
und es ist nicht das stille Weinen eines Säuglings,
nicht der Tau auf frischen Äpfeln –
es ist das Heulen der Granaten.

Jeden Tag die Schreie der Schlagzeilen:
„Verluste, Tote, Verwundete!“
Jeden Tag die gleichen Meldungen und Zahlen!
Wenn ich mich nur nicht daran gewöhne!

Wie gerne würde ich entfliehen
in eine Welt der Illusionen,
wo ich mit meinen Freunden leben kann,
anstatt sie begraben zu müssen!

Doch dieser blutige Winter hört einfach nicht auf!
Er stiehlt den Frühling, er verschlingt die Jugend
und schlägt ein Loch in meine Seele,
das ich mit Wut und verzweifeltem Glauben fülle.

Mein Frühling ist zerstört …

Statt Vogelgesang …

Renie Cares: моя весна (Moja wesna)

Song (erschienen August 2022):

Renie Cares: Gesungene Tagebücher

Hinter „Renie Cares“ verbirgt sich die 23-jährige Іринa Панчук (Irina Pantschuk), die das Musikprojekt zusammen mit dem Musikproduzenten Олександр Мусевич (Oleksandr Mussewitsch) während ihres Studiums in Kiew auf den Weg gebracht hat. Ihre ersten, 2021 veröffentlichten Songs erreichten auf Spotify rund eine Million Klicks.

Das Debütalbum erschien 2023. Sein Titel – Нестерпна легкість буття (Nesterpna lechkist‘ bytja / Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins) – spielt auf den gleichnamigen Roman des tschechischen Schriftstellers Milan Kundera an. Dieser passt insofern zur aktuellen Situation in der Ukraine, als er vor dem Hintergrund des Prager Frühlings spielt und die unterschiedlichen Versuche der Menschen thematisiert, mit der Unterdrückung der Freiheitsbewegung durch russische Truppen und der nachfolgenden repressiven Politik umzugehen.

Ein programmatischer Name

Der Name, unter dem Irina Pantschuk auftritt, ist Programm. „Renie“ ist eine Kurzform von „Irina“, verweist aber gleichzeitig auf das französische Wort für „verleugnen“: renier. „Cares“ bezeichnet – als Ableitung von dem englischen „to care“ – das Gegenteil davon, das aktive „Sich-Sorgen“ und „Sich-Kümmern“ um andere.

Der Name ist demnach ein Widerspruch in sich. Er bezeichnet das Schwanken zwischen einem wegschauend-abgestumpften und einem empathisch-mitfühlenden Zugang zur Welt. Die Sängerin bekennt sich dabei zu der zweiten Herangehensweise an die Wirklichkeit – auch wenn sie sich bewusst ist, dass die erstere Variante im Alltag praktikabler und deshalb weiter verbreitet ist:

„Ich habe den Eindruck, dass es viel einfacher ist, als gefühllose Person durchs Leben zu gehen, weil man dann weniger verletzlich ist.“ [1]

Der Name „Renie Cares“ steht damit auch für die sehr persönliche Herangehensweise der Sängerin an ihre Songs. Er bezeichne, so sagt sie in einem Interview, sie selbst „ohne Masken“ [2].

Dementsprechend charakterisiert sie ihre Songs auch als eine Art gesungenes Tagebuch:

„Manche Leute notieren sich ihre Gedanken auf ihren Handys. Ich aber kann das, was mir widerfährt, am besten durch Lieder erfassen. Renie Cares ist daher mein Tagebuch der Selbstreflexion.“ [3]

Wenn der Frühling zum ewigen Winter erstarrt

Der Song моя весна (Moja wesna / Mein Frühling)  thematisiert die traumatisierende Erfahrung des Krieges. Im expressiven Bild des  „weinenden Frühlings“, in dem Kugelhagel und Sirenengeheul an die Stelle von Sonnenschein und Vogelgesang treten, wird die Unterdrückung aller Lebenskeime durch den Krieg zum Ausdruck gebracht.

Gleichzeitig spricht der Text auch von der Angst, angesichts der täglichen Katastrophenmeldungen und Todesnachrichten abzustumpfen. Die Flucht in eine „Welt der Illusionen“, in der das erreichbar wäre, was für junge Menschen anderswo auf der Welt normal ist – mit anderen sorglos zusammen zu sein, anstatt auf allen Freundschaften den Schatten des Todes zu spüren – verbietet sich daher von selbst. Denn wenn sie auch für den Moment Erleichterung bringen würde – langfristig würde die Flucht aus der Realität das Ringen um einen friedvollen Neuanfang gefährden.

Dennoch geht von dem Lied auch eine leise Hoffnung aus. Diese beruht auf der sanften Melodie und der eindringlichen Stimme der Sängerin, die sich wie ein Wiegenlied auf die seelischen Wunden legen.

Nachweise

[1]    Лавровський, Валерій(Lawrowskij, Walerij):Знайомимось: Renie Cares (Machen wir uns mit Renie Cares bekannt). Cлух (slukh.media), 4. Mai 2023 (bebildert).

[2]    Ebd.

[3]    Заблоцька, Оксанa (Zablotska, Oksana): „Мій щоденник саморефлексії“: Іра Панчук про дебютний альбом Renie Cares (Mein Tagebuch der Selbstreflexion: Ira Pantschuk über das Debütalbum von Renie Cares). Cуспілне Культура (Suspilne.media), 3. November 2023 (mit Fotos der Sängerin).

Bilder: Anonym: Stahlhelm (Pixabay); Renie Cares (Irina Pantschuk); Screenshot aus ihrem YouTube-Vidoe zu dem Song Moja wesna (Mein Frühling)

2 Kommentare

  1. Harte Erkenntnis, als meine Mutter und als ihre Mutter 5 Jahre alt waren, war Krieg! Wie frei waren sie als Kinder? Welches Glück haben wir als in den 60er Jahren Geborene erlebt! Andrea

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