Die Wunde Mariupol

Okean Elzys Song Misto Marii (Die Stadt Marias)

Musikalische Sommerreise 2024/9

Die Zerstörung Mariupols durch die russische Invasionsarmee ist für die Menschen in der Ukraine wie eine offene Wunde. Dies zeigt auch ein Song der ukrainischen Kult-Band Okean Elzy.

Die Stadt Marias (Mariupol)

Die Sonne blinzelt über dem Asowschen Meer,
der Wind streicht durch die Dünen.
Im kalten Morgen
duftet der Sand nach Frühling.

Meine Augen sind müde,
sie kennen es nicht anders,
es gibt zu viele Gründe
für ihre Müdigkeit.
Nur der Traum von dir
hält mich wach.

Niemals werden die Schiffskanonen
meinen Traum zerstören!
Niemals wird mein Herz
meinen Glauben verraten!

Niemals wird die Stadt Marias,
die Stadt der Gerechten, untergehen –
nicht, solange die Sonne aufgeht
über dem Asowschen Meer!

Kanonenschläge hallen durch den Himmel
über dem Asowschen Meer.
Bis in den dicksten Beton
gräbt sich der Geruch nach Krieg.

Ich kenne keine Zeit
und keine Gründe mehr.
Ich sehe längst kein Morgen mehr.
Zu sehr sind meine Hände und mein Herz
vom Handwerk des Tötens erfüllt.

Und doch werden niemals die Schiffskanonen …

Gehüllt in den Mantel der Nacht,
sind wir uns treu geblieben,
wenn auch der freie Mund
sich schmerzhaft in der Unfreiheit verkrampft.

Schon spüren wir in uns’ren Kehlen reifen
den freien Schrei einer neuen Zeit,
den Schrei, der uns wie auch die Stadt Marias
auferstehen lässt aus tiefer Nacht.

Niemals werden die Schiffskanonen …

Niemals wird die Stadt Marias,
die Stadt der Gerechten, untergehen –
nicht, solange die Sonne aufgeht
über dem stolzen Asowschen Meer,
über dem freien Asowschen Meer,
über unserem Asowschen Meer.

Океан Ельзи (Okean Elzy): Місто Марії (Misto Marii)

Song (erschienen 21. April 2022):

Der Traum von einer freien Stadt an einem freien Meer

Der Ende April 2022 veröffentlichte Song Місто Марії (Misto Marii / Die Stadt Marias) ist eine unmittelbare Reaktion auf die damaligen Kämpfe um Mariupol. Der Titel des Songs ist eine wörtliche Übersetzung des Namens der Stadt „Mariupol“. Der frevelhafte Charakter der russischen Vernichtungsschlacht gegen die Stadt wird auf diese Weise unmittelbar vor Augen geführt.

Der Song war vor allem dazu gedacht, den Verteidigern der Stadt Mut zu machen. Das Lied ist folglich auch aus der Perspektive eines dieser Verteidiger geschrieben. Es verschweigt nicht seine Erschöpfung angesichts der immer neuen Angriffswellen und Bombenteppiche, die Trostlosigkeit, die der überall präsente, allem seinen Stempel aufdrückende Krieg hinterlässt. Dennoch beschwört es eine durch keine Artillerie der Welt zu zerstörende Hoffnung.

Diese Hoffnung beruht auf dem Traum von einer freien Stadt an einem freien Meer – also von eben jener Stadt, die Mariupol vor dem russischen Angriff war. Ein Traum kann nicht zerbombt werden – er bleibt bestehen, selbst wenn die reale Stadt untergehen sollte.

Das Traurige an dem Lied ist, dass von Mariupol in der Tat nichts übrig geblieben ist als der Traum von ihrer blühenden Vergangenheit. Die Stadt hatte einmal ein südländisches Flair, es gab dort zahlreiche Kulturdenkmäler und ein pulsierendes Leben. Das flächendeckende russische Bombardement hat die Stadt jedoch in eine Trümmerlandschaft verwandelt, aus der am Ende nur noch wenige intakte Bauwerke herausragten.

Eben dieses Ergebnis des Angriffs nimmt der Song mit seiner Erinnerung an die Herkunft des Namens der Stadt vorweg: Wer die „Stadt Marias“ zerstört, nimmt ihr ihre Seele. Was bleibt, ist nichts als eine seelenlose Betonwüste.

Okean Elzy: Eine Band mit einem eigenen musikalischen Ozean

Die 1994 in Lwiw (Lemberg) um Frontmann Святослав Вакарчук (Swjatoslaw Wakartschuk) gegründete Band gehört zu den am längsten existierenden Musikgruppen der Ukraine und ist wohl die bekannteste Band des Landes.

Die Band wollte sich ursprünglich nach einem Platz in Lwiw benennen, entschied sich dann aber beim Ansehen eines Unterwasserfilms von Jacques Cousteau für den Namen „Okean“ (Ozean), der Wakartschuk zufolge das Irrationale mit dem Gedanken aufeinander abgestimmter Systeme verbindet und so gut zur Charakterisierung von Musik passt [1].

Um sich von anderen Gruppen mit einem ähnlichen Namen zu unterscheiden, gab man dem eigenen musikalischen Ozean dann den Namen „Elsa“, der nach Einschätzung der Bandmitglieder im Ukrainischen ebenso wie im Russischen und Englischen mit dem Wort „Okean/Ocean“harmoniert. Die korrekte Übersetzung für „Океан Ельзи“ (Океан Ельзи) wäre demnach nicht „Elsas Ozean“, sondern „Elsa-Ozean“.

Eine Band als Friedensbotschafterin

Die Band legte gleich nach ihrer Gründung einen kometenhaften Aufstieg hin. Bereits 1996 trat sie in Kiew als Vorgruppe von Deep Purple auf, ein Jahr später führten sie ihre Tourneen schon ins westliche Ausland, kurz darauf auch nach Russland. Sie traten im Fernsehen auf und gaben exklusive Konzerte in Paris und London.

Dies alles hatte zur Folge, dass die Band schon unmittelbar nach der Jahrtausendwende zu einer Art Markenbotschafter der Ukraine wurde. Auf wirtschaftlichem Gebiet manifestierte sich dies 2001 in einer Werbekampagne für Pepsi Cola, durch die sowohl die Getränkemarke als auch die Band ihre Popularität noch einmal steigern konnten [2].

Auf politischem Gebiet wurde Bandleader Swjatoslaw Wakartschuk 2003 zunächst zum Kulturbotschafter der Ukraine und 2005 zum UN-Friedensbotschafter ernannt. Letzteres verdankte sich dabei nicht zuletzt dem politischen Engagement der Band, die im Herbst 2004 bei der Orangenen Revolution die Forderungen nach einer Stärkung der Demokratie aktiv unterstützt hatte.

Wakartschuk entwickelte sich in der Folge immer mehr zu einer Art inoffiziellem Repräsentanten seines Landes. Er nahm an Friedenskonferenzen teil, unterstützte aber mit Okean Elzy auch die ukrainische Fußballnationalmannschaft mit einer eigenen Hymne. Die Band nutzte ihre Popularität nun auch für wohltätige Zwecke, indem sie einen Teil ihrer Einnahmen Hilfsorganisationen zur Verfügung stellte und bei Charity-Veranstaltungen auftrat.

Gleichzeitig wurde insbesondere Wakartschuk immer mehr zu einem Gesicht der ukrainischen Demokratiebewegung. Beim Euromaidan trat er Ende 2013 und Anfang 2014 mit Okean Elzy zur Unterstützung der Protestierenden auf, nach der russischen Annexion der Krim und den Angriffen auf den Donbas gab er keine Konzerte mehr in Russland.

Wakartschuks politisches Engagement manifestierte sich nach der Orangenen Revolution auch in der Annahme eines Mandats als unabhängiger Abgeordneter in der Werchowna Rada, dem ukrainischen Parlament. Die verkrusteten politischen Strukturen desillusionierten ihn jedoch schnell, so dass er sein Mandat bereits 2008, ein Jahr nach seinem Einzug ins Parlament, wieder niederlegte. Stattdessen beteiligte er sich  an der Gründung der Partei Голос (Golos/Cholos: Stimme), die 2019 in das ukrainische Parlament einzog.

Engagierter Einsatz für die Freiheit der Ukraine

Nach dem russischen Angriff auf die gesamte Ukraine im Februar 2022 reiste Wakartschuk an die Front und sang dort für die Soldaten. Mit Okean Elzy gibt er seitdem aber auch immer wieder im westlichen Ausland Unterstützungskonzerte für die Ukraine.

Wie er selbst sagt, fühlt sich für ihn die Zeit seit dem 24. Februar 2022 – dem Tag des russischen Großangriffs auf die Ukraine – wie ein einziger, nicht enden wollender Tag an. Er ist seitdem nicht mehr zur Ruhe gekommen und ganz in einer Rolle aufgegangen, die er nach eigenen Aussagen nie angestrebt hatte.

Eigentlich – so sagt er – habe er immer nur Liebeslieder singen wollen. Damit seien er und Okean Elzy jedoch so populär geworden, dass die Menschen von ihm erwarteten, öffentlich Verantwortung für sein Land zu übernehmen [3]. Dieser Verantwortung versucht er nun bereits seit etlichen Jahren gerecht zu werden.

Nachweise

[1]    Vgl. farfallia.at.ua.

[2]    Vgl. Mussuri, Evgenia: Pepsi, band benefit from ad campaign. Kyiv Post, 14. Februar 2002.

[3]    Vgl. Koch, Daniel: Okean Elzy kämpfen auf der Bühne für die Ukraine. Sunrise Starzone (Sunrise.ch), 3. April 2024.

Bilder: Pjotr Petrowitschew (1874 – 1947): Mariupol (1947); Gemäldegalerie Pensa (Wikimedia commons); Vetalis: Die Band Okean Elzy (ganz rechts: Swjatoslas Wakartschuk) bei einem Auftritt im zentralukrainischen Smila (2010); Wikimedia commons

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