Stefanie Delfs‘ und Antonia Märzhäusers Feature über den „autoritären Mann“

Das Rothe Ohr 2024

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In ihrem Feature über den „autoritären Mann“ tauchen Stefanie Delfs in die frauenfeindliche Welt der Mannosphäre ein. Dabei zeichnen sie auch die Verbindungslinien zwischen männlichem Dominanzgebaren und rechtspopulistischem Autoritarismus nach.

Die Welt der Mannosphäre

Wenn wir uns eine beliebige westliche Vorabendserie im Fernsehen anschauen, tauchen wir in eine Welt ein, in der Männer und Frauen sich Haushalt und Kindererziehung untereinander aufteilen, in der mal der Mann, mal die Frau, am  häufigsten aber beide den Lebensunterhalt der Familie sichern, eine Welt, in der es offene und gleichgeschlechtliche Beziehungen gibt und in der die Grenzen zwischen den Geschlechtern verschwimmen.

Stefanie Delfs und Antonia Märzhäuser richten in ihrem Feature den Scheinwerfer auf eine Welt, die sich neben und hinter dieser politisch korrekten Welt befindet: die Welt der Manosphere (Mannosphäre). Diese ist von der Überzeugung durchdrungen, dass die Welt allein am männlichen Wesen genesen kann. Letzteres wird dabei mit Dominanz und Stärke assoziiert.

Emanzipatorisch eingestellte, selbstbewusste Frauen gelten in der Mannosphäre als entartet. Der wahren Frau wird eine natürliche Tendenz zur Unterordnung unter den Mann unterstellt. Deshalb floriert in der Mannosphäre auch das Geschäft mit Kursen, in denen Männer andere Männer in der Kunst der Selbstoptimierung unterweisen. Ziel ist es, jenem Bild des testosterontrunkenen Kraftprotzes zu entsprechen, von dem man in der Mannosphere annimmt, dass Frauen es unwiderstehlich finden.

Frauenfeindliche Phantasien in der „Incel“-Bewegung

Manche werden sich nun vielleicht denken: Lass doch den Machos ihre Spielwiese! Darüber wird die Zeit schon hinweggehen!

Die Autorinnen zeigen allerdings in ihrem Feature, dass es sich bei der Mannosphäre keineswegs um eine Randerscheinung handelt, die den Rest der Gesellschaft nicht tangiert. Dies veranschaulichen sie u.a. an einem Interview mit einem Mann, der sich selbst den „Incels“ zuordnet.

„Incel“ steht für „involuntary celibate man“, also einen unfreiwillig sexuell enthaltsam lebenden Mann. Der Interviewpartner der Autorinnen sucht die Schuld hierfür nicht bei sich selbst, sondern schiebt sie den Frauen zu, die ihm sexuelle Erfüllung verweigern würden.

Hieraus leitet er den Gedanken ab, Frauen mit „ex- oder internem Zwang“ zum Sex zu zwingen. Externer Zwang würde aus Geldstrafen bestehen, interner Zwang aus dem per Hypnose oder durch andere Mittel induzierten Wunsch, sich Männern für sexuelle Aktivitäten zur Verfügung zu stellen. Die Phantasien reichen hier also über die Unterwerfung und Gefügigmachung der Frau bis hin zur Legalisierung von Vorformen der Vergewaltigung.

Popularität machistischer Klischees unter jungen Männern

Auch hier würde man wohl auf Anhieb denken: Wo haben die Autorinnen denn diesen Spinner aufgetrieben? Leider handelt es sich bei dem jungen Mann aber nicht um jemanden, der bedauerlicherweise ohne Gehirn auf die Welt gekommen ist. Stattdessen haben wir es hier mit einem Philosophiestudenten zu tun, der seine kruden Ideen im schwurbeligen Jargon von Hochschulseminaren vorträgt.

Mit seinen Vorstellungen ist er zudem nicht allein. Das Feature führt vielmehr Statistiken an, die belegen, dass es sich dabei um Gedanken handelt, die gerade unter jungen Männern weit verbreitet sind. So befand sich der Ex-Kickboxing-Weltmeister Andrew Tate, eine der Leitfiguren der Manosphere-Szene, 2022 unter den Top Ten der weltweit am meisten gegoogelten Personen. 2023 outeten sich in einer Umfrage in Großbritannien 50 Prozent der 16- bis 17-jährigen männlichen Jugendlichen als Fans dieses Mannosphären-Gurus.

Dies ist nicht nur aufgrund der frauenverachtenden Klischees bedenklich, die in der Mannosphäre verbreitet werden. Speziell in der Incel-Szene gehen die Unterwerfungsvorstellungen auch immer wieder in offene Gewaltphantasien über. So existieren hier Hitlisten von Amokläufern, die dafür bewundert werden, ihrem Frust mit einem Gewaltausbruch Luft verschafft zu haben.

In dem Feature berichtet zudem eine jungen Britin von der Hetze, der sie ausgesetzt war, als sie kurze Erklärvideos zu den verschiedenen Strömungen der Emanzipation ins Netz gestellt hatte. Die mit zwanglosen Tänzen der Frau verbundenen Filmchen hatten rasch viele Zugriffe erhalten und deshalb wohl die wütenden Reaktionen aus der Mannosphäre provoziert.

Politische Brisanz des Features

Die besondere politische Brisanz des Features beruht darauf, dass darin auch die Verbindungen zwischen der Mannosphäre und dem Rechtspopulismus aufgezeigt werden. So werden in dem Feature Ausschnitte aus Reden und Videos von AfD-Politikern zitiert, die typische Versatzstücke aus der Ideenwelt der Mannosphäre aufgreifen.

Damit ergibt sich hier auch eine Verbindungslinie zwischen den männlichen Dominanzidealen der Manosphere und dem autoritären Führerkult, zu dem populistische Parteien tendieren. Beides beruht auf einem Bild männlicher Stärke, das sein politisches Ideal in den neuen autoritären Herrschern findet, die derzeit überall auf der Welt nach der Macht greifen oder sie schon in Händen halten.

Politisch brisant ist das Feature aber auch deshalb, weil es zeigt, dass männliche Gewaltphantasien sich nicht durch eine politisch korrekte Sprache und Bilderwelt überwinden lassen. Beides erreicht Männer, die sich in der Mannosphäre zu Hause fühlen, nicht. So ist die politisch korrekte Parallelwelt letztlich ein nicht ungefährliches Sedativum, weil es eine heile Welt vortäuscht, die so gar nicht existiert.

Die Frage, wie stattdessen gegen die für die Geschlechterbeziehungen und die politische Entwicklung toxischen Phantasien der Mannosphäre vorgegangen werden sollte, ist nicht leicht zu beantworten. Das Feature von Stefanie Delfs und Antonia Märzhäuser zeigt jedoch, dass die von diesem Teil der Netzwelt ausgehenden Gefahren nicht zu unterschätzen sind. Deshalb sollte man den Mannosphären-Code  in jedem Fall – wie es die Autorinnen in ihrem Feature vorführen – direkt und offensiv angehen, statt ihm nur mit realitätsfernen Gegenklischees zu begegnen.

Links zum Feature und zu den Autorinnen

Stefanie Delfs / Antonia Märzhäuser: Der autoritäre Mann. Doku über Frauenhass im Netz; Südwestrundfunk (SWR), Erstausstrahlung am 1. Dezember 2023; Produktion im Rahmen des ARD-Radiofeatures.

Interview mit den Autorinnen zu dem Feature (Interviewerin: Palina Milling)

Kurzinfos zu Stefanie Delfs und Antonia Märzhäuser auf torial.com, mit Links zu weiteren Beiträgen der Autorinnen

3 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag. Das Feature hat mich sehr aufgewühlt. Die Schilderungen über die „Mannosphäre“ und die Ansichten der meist jungen Männer machen mir richtig Angst. Wenn wir jetzt noch in die Politik und auf den Vormarsch von Diktatoren und Populisten in die Machtzentren schauen, dann verliert man jede Hoffnung auf eine gesellschaftliche und menschliche Weiterentwicklung. Alle Diktatoren pochen auf traditionellen Rollenverteilungen, verachten im Grunde Frauen und sind homophob. Wie die gescheiterten Gestalten der Mannosphäre ziehen sie ihre gesamte Stärke aus der Unterdrückung von Frauen und Andersdenkenden. Wie die „hässlichen“ und unattraktiven Männer der Mannosphäre haben sie keine Stärke aufgrund ihrer menschlichen Qualitäten. Auch die Taliban sind eigentlich schwache (seelisch kranke) Männer. Und das Schlimme ist, es gibt Frauen, die sich selber klein machen und solche Männer unterstützen. Vor Jahren habe ich das Buch „Mütter im Vaterland“ gelesen, in dem es um Frauen im Nationalsozialismus ging. Ich habe mich wieder daran erinnert als ich eine Sendung zur US-Präsidentsschaftwahl gesehen habe, in der eine Frau behauptet hat, Gott hätte die Männer zum Herrschen bestimmt. Sie kam aus dem klerikalen Dunstkreis. So langsam glaube ich: Nur wir Frauen können gemeinsam mit starken Männern, die Unterdrückung von Frauen und starre Rollenmuster nicht brauchen, um sich als Mann zu fühlen, die Welt vor dieser Fehlentwicklung retten. Für mich bedeutet Weiblichkeit die Utopie einer friedlicheren, inklusiveren Gesellschaft. Und dazu brauchen wir mehr weiblich konnotierte Eigenschaften bei Menschen in Machtpositionen.

    So oder so: Das Feature ist sehr eindrücklich, aufwühlend, mutig. Es hat den Award mehr als verdient!!!!!!!

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  2. Der Beitrag ist so wichtig!!!!!- Es sollten sich auch viele Männer anhören, um zu hören, wie es auf keinem Fall sein sollte. Leider ist das primitive Machotum weltweit auf dem Vormarsch. Die großen Diktatoren sind mental das Gleiche wie die „kleinen“ Männer der Mannosphäre. Unter der Ausbreitung dieser „Seuche“ leiden auch wir „richtigen“ Männer, die so nicht sein wollen, die ihre Partnerin gerne selbstständig und selbstbewusst sehen wollen, die von gleich zu gleich sprechen wollen und ihre Kinder miterziehen wollen, auch gerne für alle was Leckeres kochen und weder einen Jagdschein noch Gewalt gegen Frauen brauchen, um sich als Mann zu fühlen. Wir leiden auch unter der Gewalt und den Kriegen, die diese minderwertigen Machos anzetteln. Deshalb ohne selbstbewusste Männer kommen wir gegen diese Fehlentwicklung nicht an. Nur gemeinsam sind wir stark!

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