Der Frieden als Friedhofsruhe

Kann Frieden durch Verknechtung erreicht werden?

Themen des Jahres/3

Bei den Diskussionen um ein mögliches Ende des Krieges in der Ukraine wird immer wieder „Frieden“ mit „Friedhofsruhe“ verwechselt. Letztere würde aber das Ende echter Friedenshoffnungen bedeuten.

Der Landesvergewaltiger

Man stelle sich vor: Jemand legt deine Stadt in Schutt und Asche. Er raubt dich aus und stiehlt sogar ein ganzes Atomkraftwerk. Er plündert dein Haus. Er vergewaltigt deine Schwester.

Nun steht er vor dir und sagt: „Sprich meine Sprache, spiel nach meinen Regeln, vergiss deine Vergangenheit, vergiss deine Kultur – dann wirst du überleben. Beugst du dich aber nicht unter mein Joch, so giltst du ab sofort als Staatsfeind für mich – mit allen Konsequenzen, die mein Regelwerk für solche Menschen vorsieht.“

Sprachlos starrst du den Fremden an. Da mischt sich aus dem Hintergrund jemand anderes ein – eine Frau aus dem fernen, sorglosen Deutschland. Sie sagt: „Gib dem anderen doch die Hand! Was wehrst du dich denn gegen seine Avancen? In Wahrheit gehörst du doch zu ihm! Hättest du dich nicht gewehrt, so hätte er dein Land auch nicht vergewaltigen müssen!“

Preisgabe der Utopie einer humanen Weltordnung

So ungefähr müssen sich in der Ukraine die Worte des deutschen Putin-Papageis anhören, der Frau mit dem passenden Namen. „Knechtisch“ beugt sie sich unter das Putin-Joch, nachdem sie sich wieder auf ihre stalinistischen Anfänge in der Kommunistischen Plattformen besonnen hat.

„Frieden“ bedeutet in der Knecht-Logik: sich dem Willen eines Stärkeren fügen; Massenmorde als gerechte Strafe akzeptieren, wenn man sich seinem Willen widersetzt; Friedhofsruhe als Frieden zu preisen.

Wenn wir Frieden so buchstabieren, geben wir die Utopie eines friedlichen Zusammenlebens der Völker auf. Auf eben dieser Utopie beruht all das, was im 20. Jahrhundert mühsam aufgebaut worden ist: das Völkerrecht ebenso wie die Institutionen internationaler Zusammenarbeit.

Den Frieden zu einer Friedhofsruhe umzudefinieren, bedeutet daher nicht nur, die Ukraine dem Totengräber des Friedens auszuliefern. Es hieße auch, das Kartenhaus einer auf wirklichen Frieden abzielenden Weltordnung einzureißen. Dann wäre die Devise wieder: Wer die größte Keule hat, bekommt das größte Stück vom Mammut.

Angesichts der zunehmenden Anfälligkeit für russische Propaganda sei an dieser Stelle noch einmal auf das „antipropagandistische Mini-Glossar“ verwiesen: Faktencheck zur russischen Invasion der Ukraine (PDF); 22. März 2023

Bild: KI genereiert

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