Der Fußball als Spiegel der Gesellschaft
Themen des Jahres/4
Der Fußball, heißt es immer wieder, sei „die schönste Nebensache der Welt“. Manchmal erscheint er aber eher als das – gar nicht so schöne – Abbild der Welt.
Säkularisierte Gottesdienste
Ich gehöre zu denen, die im Fußball einen Spiegel der Gesellschaft sehen. Bei einem Blick in die Stadien, die Woche für Woche bis in die 3. Liga hinunter Zehntausende anlocken, ist das vielleicht auch nicht allzu verwunderlich.
Über 80.000 Menschen kommen regelmäßig zu den Heimspielen von Borussia Dortmund. An solche Zahlen haben wir uns längst gewöhnt. Wie ungewöhnlich sie in Wahrheit sind, wird deutlich, wenn wir uns vorzustellen versuchen, es würden jeden Samstag 80.000 Menschen auf die Straße gehen, um für eine humanere Flüchtlingspolitik, mehr soziale Gerechtigkeit oder ein konsequenteres Vorgehen gegen den russischen Vernichtungskrieg in der Ukraine zu demonstrieren.
Ein unzulässiger Vergleich? Ja, richtig. Denn beim Fußball geht es eben – allen Imagekampagnen der FIFA zum Trotz – gerade nicht um Fragen der Gerechtigkeit oder der Humanität. Fußballspiele sind heute säkularisierte Gottesdienste, die Stadien Tempel, in denen mit sinnfreiem Gegröle das Bedürfnis nach Ritualen ausgelebt wird.
Eben weil der Fußballgott aber weit über dem Alltag schwebt und ihm sogar demonstrativ den Rücken zukehrt, spiegelt sich der Alltag in ihm wider. Überspitzt formuliert, könnte man sagen: Er reflektiert ihn, weil er ihn nicht reflektiert, ihn also unhinterfragt reproduziert, anstatt sich kritisch mit ihm auseinanderzusetzen.
Die Enthauptung des österreichischen Meisters
So ist der Fußball nur scheinbar eine Spielwiese der Götter, ein Ort alltagsferner Seligkeit. Nichts hat das in diesem Jahr so deutlich gezeigt wie – man kann es kaum anders ausdrücken – die Enthauptung des österreichischen Meisters Sturm Graz. Mitten in der Saison hat die TSG Heuschrecken-Hoffenheim dem Verein das gesamte Trainerteam weggekauft, nachdem zuvor schon der Sportgeschäftsführer und der Technische Direktor dem Ruf der Investormillionen aus dem Kraichgau gefolgt waren.
Die Kleinen dürfen im Fußball eben nur so groß werden, wie es die Großen erlauben. Es gilt das Recht des (finanziell) Stärkeren. Wo es im Reglement eine Lücke gibt – wie das Abwerben von Trainern während des laufenden Spielbetriebs – wird sie gnadenlos ausgenutzt.
Ein weiteres Beispiel für ein solches Haifischverhalten ist die Nutzung von Traditionsvereinen als Sparringspartner für die Zweitvertretungen wohlhabender Clubs in Regionalliga und 3. Liga. In diesem Jahr hat das dazu geführt, dass mit den Würzburger und den Stuttgarter Kickers gleich zwei Vereine den U23-Teams von Profivereinen den Vortritt beim Aufstieg in die 3. Liga lassen mussten. In Stuttgart stellt der VFB jetzt zwei Vereine in Liga 1 und 3, während die Kickers weiter im Fußballkeller vor sich hinvegetieren müssen.
Gerechtigkeit? Doch nicht im Fußball! Denn, wie gesagt: Der Fußball ist ein Spiegel der Gesellschaft.
Mehr zum Thema: Fußball-Regionalligen: Traditionsvereine als Sparringspartner; 30. April 2024