Die Belgrader Band Jarboli und ihr Song
Musikalische Sommerreise 2025: Ein Trip nach Serbien/2
Die Belgrader Band Jarboli war schon in den 1990er Jahren ein fester Bestandteil der serbischen Protestbewegung. Ihr Song Zabluda (Irrtum/Täuschung) ist ein Appell, sich von der Angst vor Repressionen nicht von der Verwirklichung der eigenen Träume abhalten zu lassen.
Irrtümer
Das beste Mittel, dich zu kontrollieren,
ist die Angst. Denn Angst tut nicht weh.
Sie erniedrigt und erstickt dich nur.
Doch wenn du wegschaust,
während alles um dich her zusammenbricht,
wirst du selbst zum Täter.
Also verwandle deine Trauer in Wut
und brich die Kette deines Schweigens entzwei!
Tautropfen werden dann deine Tränen sein,
ein belebender Glanz für dich und alle,
die an der Angst zu ersticken drohen.
Noch ist mein Tag nicht gekommen.
Noch verharre ich in der Grotte des Schweigens.
Aber unsere Niederlagen
haben uns reifer gemacht.
Wir sind keine Kinder mehr,
die sich das Träumen verbieten lassen.
Ich wünschte, kein Traum würde verdorren
im Garten unserer Visionen.
Und auch wenn ich vergeblich mich bemühe,
sie alle am Leben zu erhalten –
ich pflanze dennoch täglich neue Träume.
Denn ich weiß: Ich bin aus Irrtümern geschaffen.
Meine Enttäuschung ist nur der Dünger
für neue Träume.
Jarboli: Zabluda (2013) aus: Probaj golog muškarca (Probier den nackten Mann aus; 2024)
Aktiver Teil der Protestbewegung seit den 1990er Jahren
Die 1991 von Daniel Kovač, Boris Mladenović (jeweils Gitarre und Gesang), dem Bassgitarristen Žolt Kovač und dem Schlagzeuger Nemanja Aćimović (Schlagzeug) gegründete Band Jarboli („Die Masten“) war bereits vor der Jahrtausendwende ein aktiver Teil der serbischen Jugend- und Protestbewegung. Diese richtete sich damals gegen das autoritäre und nationalistische Regime von Slobodan Milošević, das mit Repressionen und Wahlmanipulationen einherging und das Land in Kriege mit den anderen ehemaligen Teilstaaten Jugoslawiens verwickelte.
Die Auftritte der Band waren von phantasievollen Bühnenarrangements und Kostümen geprägt und signalisierten so zusätzlich den Wunsch, die Musikszene durch neue Farben zu bereichern. Ihre Musik hatte einen festen Platz im Jugendsender B92 und in Belgrader Underground-Clubs.
Eigene Alben zu veröffentlichen, war allerdings unter den Bedingungen des repressiven Milošević-Regimes für eine Band aus der alternativen Szene so gut wie unmöglich. Ihr erstes Album – eine Mischung aus Studioaufnahmen und Mitschnitten von Auftritten beim Radiosender B92 – konnten Jarboli daher 1996 nur als selbstgebrannte CD in einer Auflage von 50 Stück veröffentlichen.
Auch mit ihrem ersten reinen Studioalbum hatte die Band kein Glück. Es sollte am 24. März 1999 erscheinen, konnte jedoch aufgrund des am selben Tag im Zuge des Kosovokrieges einsetzenden NATO-Bombardements nicht ausgeliefert werden. Die durch den Krieg verschärften Repressionen hatten schließlich sogar die Beschlagnahmung des Albums durch die Behörden zur Folge.
So konnte die Band erst im Jahr 2000 eine erste, selbst produzierte kleine Songsammlung und im Jahr darauf schließlich ihr erstes reguläres Studioalbum herausbringen. Darauf folgten bis 2011 zwei weitere Alben und schließlich 2024 – nachdem die Bandmitglieder längere Zeit eigene Wege gegangen waren – ein viertes Album. Dessen Titel – Probaj golog muškarca (Probier den nackten Mann aus) – erklären die Bandmitglieder selbstironisch damit, dass sich hier vier in die Jahre gekommene Männer in ihren Songs „entblößen“.
Schweigemarathons und tanzende Reflexion
Der aktuellen Protestbewegung schreibt die Band eine besondere Bedeutung zu. Sie sei „wahrscheinlich die letzte Chance für diese Gesellschaft, nicht zu sterben, nicht zu einem Gulag zu werden“.
Hoffnung für einen erfolgreichen Ausgang der Demonstrationen schöpfen die Bandmitglieder dabei aus den neuartigen Formen des Protests. Als Beispiel führen sie die Praxis an, für jeden Menschen, der beim Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad am 1. November 2024 ums Leben gekommen ist, eine eigene Schweigeminute abzuhalten.
Bei insgesamt 16 Opfern der Katastrophe, die durch die in dem Zusammenhang erhobenen Korruptionsvorwürfe zum Auslöser der aktuellen Proteste wurde, ergibt das einen 16-minütigen Schweigemarathon. Dessen Wirkung sei, so die Bandmitglieder in einem Interview, „eindringlicher als jeder Song“.
Gleichwohl möchte die Band die Protestbewegung natürlich auch mit ihrer Musik unterstützen. Ihre Songs lassen sich dabei als eine Art „tanzende Reflexion“ verstehen: Viele der Melodien regen zum Tanzen an, die Texte zum Nachdenken. Die Verbindung von beidem kann das Denken flüssiger und das Tanzen lebendiger machen.
Veränderungseuphorie vs. Angst vor Repressionen
Der Song Zaluda (Irrtum/Täuschung) ist bereits 2013 erschienen. Er sollte damals als Appetizer für das geplante neue Album dienen, das dann aber wegen der Entscheidung der Bandmitglieder, eine Zeit lang eigene Wege zu gehen, erst 2024 erschien. Die meisten Songs des neuen Albums waren allerdings bereits damals fertiggestellt.
Mit noch nicht einmal zwei Minuten Länge ist Zabluda ein ausgesprochen kurzer Song. Genau darauf beruht allerdings nach Einschätzung der Bandmitglieder seine Wirkung: Er enthalte nichts Überflüssiges und rege eben deshalb unmittelbar zum Nachdenken an.
Diese Einschätzung ist in der Tat nachvollziehbar. Denn der Song thematisiert ein Kernproblem aller Protestbewegungen: die Frage, ob die Veränderungseuphorie die Angst vor den Repressionen, die für die Teilnahme an den Protesten drohen, besiegen kann.
Die Kontrollfunktion der Angst – auch in nicht-autoritären Staaten
Die gleich zu Beginn des Songs thematisierte Kontrollfunktion der Angst lässt sich darüber hinaus allerdings auch ganz allgemein auf die Wirkmechanismen autoritärer Regime beziehen. Die Angst ist dabei ein prägendes Element des Lebens, das alle Bereiche des Alltags durchdringt. Ihr wesentliches Kennzeichen ist das ständige Gefühl, in eine der unzähligen Verbotsfallen, wie sie für eine autoritäre Herrschaft typisch sind, tappen zu können.
Unbeschwerte Smalltalks sind dadurch ebenso unmöglich wie das Liken oder Teilen von Posts in den sozialen Medien. Immer muss man befürchten, dass die allgegenwärtigen Big-Brother-Augen der Behörden einem über die Schulter schauen.
Der Song Zabluda ist dennoch ein unzweideutiger Appell, sich von der Angst nicht an der Einforderung grundlegender Menschenrechte abhalten zu lassen. Begründet wird dies auch damit, dass der Mut, sich zu den eigenen Träumen zu bekennen, am Ende nicht nur einem selbst, sondern der ganzen Gesellschaft dient.
Dies lässt sich im Übrigen auch auf nicht-repressive Regime beziehen. Auch in Gesellschaften, an deren rechtsstaatlicher Grundlage es keinen Zweifel gibt, kann am Arbeitsplatz, in Organisationen oder in Bezug auf bestimmte soziale Einstellungen ein Konformitätsdruck entstehen, dem man sich zuweilen nur schwer entziehen kann . Auch hier gilt es, die Angst, nicht dazuzugehören, gegen eine mögliche stillschweigende Zustimmung zu inhumanen Tendenzen abzuwägen.
Infos über die Band und Zitate entnommen aus:
Dašić, Miloš: Intervju Jarboli: 16 minuta tišine je snažnije od bilo koje pesme (16 Minuten Stille sind wirkungsvoller als jedes Lied). Danas.rs, 9. Juni 2025.
Bild: Gerd Altmann: Vom Nachdenken zur Freude (Pixabay)