Das gute und das schlechte Mantra des Lebens

Ana Ćurčin und ihr Song Brinem

Musikalische Sommerreise 2025: Ein Trip nach Serbien/3

Die Belgrader Singer-Songwriterin Ana Ćurčin sieht in ihren Songs auch eine Möglichkeit, sich den eigenen Ängsten zu stellen. Gerade dies erscheint bei ihr und ihrer Band The Changes als Voraussetzung für eine Unterstützung der serbischen Protestbewegung.

Sorgen

Mein ganzes Leben lang starre ich
wie das Kaninchen auf die Schlange meiner Angst.
Es ist, als wäre ständig der Tod hinter mir her.
Immer spüre ich seinen kalten Atem im Nacken.

Im Tod liegt die Erlösung,
sagt meine innere Stimme.
Ich versuche, sie im Rausch
des Essens oder Trinkens zu ertränken.

Wahren Frieden aber finde ich nur
im entfesselten, endlosen Meer,
in der salzigen Sehnsucht der Lippen,
die erlösend auf deine treffen.

Doch manchmal lallt der Wahnsinn
im Fiebertanz mir seine Litanei ins Ohr
und lacht euphorisch von Gedanken,
von denen jeder eine Sünde ist:

"Der Tod bringt dir Erlösung …"

Mein ganzes Leben lang …

In der Stille lauert der Tod mir auf
und spannt den Pfeil meines Denkens
mit seiner Dunkelheit an
und mit der Leere seiner Worte.

Wahren Frieden finde ich nur …

Ana & The Changes: Brinem aus: Sabiranje (Sammlung; 2025) Text (unter Mitwirkung von Ivana Butigan) und Musik:  Ana Ćurčin

Das Schreiben von Songs als kreative Unruhe

Ana Ćurčin wurde 1985 in Bagdad geboren, wo ihr Vater als Ingenieur tätig war. Nachdem sie bis zu ihrem zehnten Lebensjahr in Belgrad aufgewachsen war, ist die Familie 1995 nach Moskau umgezogen, wo die Singer-Songwriterin auch studiert hat. Seit 2008 lebt sie wieder in Belgrad. Ihr erstes Album ist 2016 erschienen. Ihre Band The Changes hat sie 2018 anlässlich eines Festivals in den Niederlanden gegründet.

Ćurčin betrachtet ihre Musik als einen Raum, in dem sie sich „frei ausdrücken“ und sich „ausprobieren“ kann. So sei die Musik für sie gleichermaßen ein „Ort der Unruhe“ und des inneren „Kampfes“ wie ein Ort, an dem sie „inneren Frieden“ finden könne [1].

Diese musikalische Auseinandersetzung mit sich selbst bezieht sich für die Sängerin auch auf ihre Sprache. Da sie ihre Jugend nicht in Serbien verbracht hat, hat sie ihre Songs auf ihren ersten beiden Alben zunächst auf Englisch gesungen. Erst ihr drittes, im Mai 2025 erschienenes Album markiert, wie die Sängerin in einem Interview sagt, die „Rückkehr zu meiner Muttersprache“ [2].

Dies beschreibt sie als „Prozess“, der sie „nicht nur künstlerisch, sondern auch persönlich“ herausgefordert habe [3]. Musikalische und persönliche Entwicklung sind damit hier unmittelbar miteinander verbunden.

Ein Album als musikalische Selbstbefragung

Der Titel von Ćurčins neuestem Album – Sabiranje (Sammlung) – bezieht sich zum einen schlicht auf die Tatsache, dass darauf Songs aus mehreren Jahren versammelt sind. So enthält das Album etwa auch Songs, die zuvor bereits auf einem 2023 erschienenen Extended Player erschienen sind. Während der Corona-Pandemie entstanden, thematisieren sie u.a. die Isolation, die mit dieser einhergegangen war.

Ferner betont die Singer-Songwriterin auch den mit dem Begriff „Sammlung“ verknüpften Aspekt der Zusammenarbeit mehrerer Menschen als Voraussetzung für die Entstehung des Albums. Dieses sei das Resultat des Zusammenwirkens von über 20 Menschen [4]. Ćurčin stellt sich damit als Teil eines musikalischen Teams dar und weist so den üblichen Star-Kult von sich.

Der wichtigste Bedeutungsaspekt des Begriffs „Sammlung“ knüpft allerdings an die von Ćurčin beschriebene Funktion des Songschreibens als einer Art selbsttherapeutischer Innenschau an. Wie sie darin allgemein eine Möglichkeit sieht, das Erlebte zu ordnen und zu überdenken [5], charakterisiert sie ihr Album Sabiranje als eine tiefergehende „Betrachtung des Alltags“, durch die sie vergangene Ereignisse und Weichenstellungen in ihrem Leben Revue passieren lässt. Über allem stehe dabei die Frage, „ob wir durch das Leben lernen und uns weiterentwickeln oder nur ermüden und resignieren“ [6].

Der Song Brinem: ein alles durchdringender „Algorithmus im Kopf“

Außer in dem titelgebenden Song Sabiranje kommt diese Form der musikalischen Selbstbefragung besonders deutlich in dem Lied Brinem zum Ausdruck. Für Ana Ćurčin basiert der Song auf einem „Algorithmus im Kopf, der alles durchdringt – den Alltag und die innere Welt“ [7].

Gemeint ist damit die Sorge in einem umfassenden, Positives wie Negatives umfassenden Sinn. So spiegelt der Song die Sorge auch in einem „guten und einem schlechten Mantra“ wider [8].

Das „schlechte Mantra“ ist dabei die Angst, von den Problemen des Alltags und am Ende auch von dem Bewusstsein des unvermeidlichen eigenen Untergangs überwältigt zu werden, also vor den Anforderungen des Lebens zu kapitulieren. Das „gute Mantra“ bezieht sich dagegen auf das, was dieses „schlechte Mantra“ daran hindert, die Oberhand zu gewinnen: Solidarität, Empathie, Freundschaften. In diesem Sinne sieht Ćurčin ihren Song auch als  „eine Hymne auf die Liebe und die Kraft der Gemeinschaft“ [9].

Zu dieser ambivalenten Bedeutung des mantraähnlichen Gesangs in dem Song passt auch die Doppeldeutigkeit des Titels. Denn „Brinem“ kann sowohl im Sinne von „Besorgtsein“ („Ich mache mir Sorgen / bin besorgt“) als auch im Sinne von „für andere sorgen“ / „sich um andere kümmern“ verstanden werden.

Öffentliche Solidaritätsbekundung für die Protestbewegung

Mit dem Song Brinem war Ćurčin mit ihrer Band beim Vorentscheid zur Wahl des serbischen Beitrags für den diesjährigen Eurovision Song Contest angetreten. Dabei hatte sie ihre Unterstützung der aktuellen Protestbewegung bekundet, indem sie am Schluss ihre rot eingefärbte Handfläche in die Kamera hielt.

Mit der Aktion, die auch andere Bands zu Solidaritätsbekundungen bei dem Vorentscheid inspirierte, spielte die Sängerin auf den Beginn der Proteste im Anschluss an den Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad vom November 2024 an: Um auf das Blut an den Händen der Verantwortlichen hinzuweisen, hatten die Demonstrierenden damals ihre Hände rot eingefärbt.

Außerdem hatte die Sängerin bei ihrem Auftritt ihre Gitarre mit der Aufschrift „Pump up the jam!“ versehen. Der englische Ausdruck, der auf das Anheizen der Stimmung oder das Aufdrehen der Musik bezogen werden kann, greift das zentrale Schlagwort der Protestbewegung auf: „Pumpaj!“

Auch dieser Ausdruck bezieht sich auf das Verstärken von etwas. Als Imperativ lässt er sich als Appell verstehen, nicht nachzulassen, also das Feuer des Widerstands am Leben zu erhalten und weiter anzufachen.

Die produktive Kraft des Zweifels

Der Song Brinem scheint mit seiner selbstreflexiven, offen die Angst vor dem Scheitern an den Herausforderungen des Lebens thematisierenden Haltung das Gegenteil dessen darzustellen, was für ein entschlossenes Anfachen des Widerstands nötig ist. Schließlich klingt darin sogar die Möglichkeit an, ein Opfer der eigenen Angst vor dem Scheitern zu werden und den Tod als Erlösung anzusehen.

Vielleicht ist aber gerade dieses Eingeständnis der Schwäche, das offene Thematisieren von Zweifeln und Ängsten, die Voraussetzung dafür, die eigenen Ziele zu erreichen. Dies kann sich sowohl auf den privaten wie auf den öffentlichen Bereich beziehen. In beiden Fällen kann es hilfreich sein, sich der eigenen Schwächen bewusst zu sein, um im entscheidenden Moment nicht an ihnen zu scheitern.

Nachweise

Zur Biographie der Sängerin und zu ihrem Auftritt beim ESC-Vorentscheid:

Milosavljević, Filip: Kantautorka jedinstvenog glasa: Ko je Ana Ćurčin, koja je na takmičenju Pesma za Evroviziju pokazala crveni dlan? (Die Singer-Songwriterin mit der einzigartigen Stimme: Wer ist Ana Ćurčin, die beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest ihre rote Handfläche zeigte?). Danas.rs, 26. Februar 2025

Zitate entnommen aus:

[1][5]: Intervju Ana Ćurčin: Sabiram osećanja i procese: unutrašnje borbe, brige, ljubav, odnose i svet oko sebe (Ich sammle Gefühle und Prozesse: innere Kämpfe, Sorgen, Liebe, Beziehungen und die Welt um mich herum). Nova.rs, 14. Mai 2025 (ohne Angabe, wer das Interview geführt hat).

[6][9]: Miletić, Una: Ana Ćurčin: Važno je osvežiti veru u borbu za radna i ljudska prava (Es ist wichtig, den Glauben an den Kampf für Arbeits- und Menschenrechte wiederzubeleben). Danas.rs, 1. Mai 2025.

Bilder: Felix Nussbaum (1904 – 1944): Angst (1941); Wikimedia commons, zugeschnitten; Sergio Oren: Graffito in Belgrad mit der Bedeutung „An euren Händen klebt Blut“, als Verweis auf die Korruption, die von der Protestbewegung als Ursache für den Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad mit 16 Toten vermutet wird; 29. November 2024 (Wikimedia Commons)

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