Kosmische Rock-Rebellen

Die Belgrader Band Nežni Dalibor

Musikalische Sommerreise 2025: Ein Trip nach Serbien/4

Die Band Nežni Dalibor verbindet gesellschaftskritische Songtexte mit kosmischen Träumen. Beides speist sich bei ihr aus der rebellischen Kraft des Rock ’n‘ Roll.

Erster Mai

Aus deinen zerstörten Träumen erwachend,
rennst du zu deiner zerstörenden Arbeit.
Du denkst nicht mehr ans Überwinden,
nur noch ans Überstehen dieses Tages.

Ein vergänglicher Mensch mit vergänglichen Träumen,
ein Gelegenheitsarbeiter mit Gelegenheitsträumen,
baust du am Palast der Anderen,
du, der Dünger auf dem Wohlstandsboden.

Was ist aus deinen Träumen geworden?
Willst du sie nicht zur Arbeit schicken
mit all den anderen verlorenen Träumen
für einen anderen Wohlstandspalast?

Aus deinen erweckten Träumen erwachend,
rennst du zu deiner zerstörenden Arbeit.
Du denkst nicht mehr ans Überwinden,
nur noch ans Überstehen dieses Tages.

Ein vergänglicher Mensch …

Nežni Dalibor: Prvomajska (Erster Mai / Maifeiertag; 2016) aus: U slojewima (In Schichten; 2017)

Live im Rahmen der monatlichen Konzerte von Radio Belgrad, 2016 (Song startet bei Minute 51):

Probleme mit dem stromlinienförmigen Musikbetrieb

Die 1995 als Schulband in Vranje im Südosten Serbiens gegründete Band Nežni Dalibor wirkt nach diversen Um- und Neuformierungen seit 2005 schwerpunktmäßig in Belgrad. Mit ihren zwischen 2008 und 2017 erschienenen vier Alben, ergänzt durch einen Extended Player aus dem Jahr 2021, hat sie sich eine feste Fanbasis erarbeitet und stößt auch bei der Musikkritik immer wieder auf positive Resonanz.

Dieser Anerkennung zum Trotz sieht sich die Band, wie Frontman Ivica Marković in einem Interview ausführt, in der serbischen Musikszene an den Rand gedrängt. Als alternative Rockband komme sie in den heimischen Medien kaum vor. Die Radiosender, „bei denen man noch auftreten kann und wo einheimischer Rock gespielt wird“, könne man „an den Fingern einer Hand abzählen“.

Den Grund dafür sieht Marković nicht nur in der Dominanz des Musikmarkts durch die großen, international operierenden Musiklabels, sondern auch im Wesen des Rock ’n‘ Roll, in dessen Tradition er sich mit seiner Band sieht. Denn dieser diene erklärtermaßen nicht nur der Unterhaltung, sondern fordere auch zu Reflexion und Engagement heraus. Er stehe für klare Standpunkte, während bei typischen Produkten der Unterhaltungsindustrie oft nicht erkennbar sei, „was die Botschaft ist und ob sie überhaupt eine Botschaft haben“.

Mit anderen Worten: Die Texte sind hier bewusst so unverbindlich gehalten, dass sie niemandem wehtun und alle sie ihren eigenen Präferenzen gemäß deuten können. Dies entspricht ganz der Logik des Marktes, bei der es stets darum geht, möglichst breite Bevölkerungsschichten anzusprechen und so den Verkaufserfolg zu optimieren.

Veränderungsträume eines „sanften Kriegers“

Marković hält diese Entwicklung auch deshalb für problematisch, weil sie die Menschen an tendenziell entfremdende, sozial ungerechte gesellschaftliche Strukturen bindet. Während der Rock ’n‘ Roll durch seinen wesensmäßig rebellischen Charakter zum Nachdenken über eingefahrene Gleise und zu gesellschaftsveränderndem Handeln anregen könne, fördere die Unterhaltungsindustrie in erster Linie eskapistisches Amüsement.

Aus Sicht von Marković ist die „heutige Gesellschaft (…) versklavt von Interessengruppen“, die aus „einer kleinen Anzahl von Individuen“ bestehen. Dass die Minderheit ihre Ausbeutung durch die Mehrheit weitgehend klaglos hinnimmt, führt er auf die Angst vor Veränderungen zurück. Die meisten Menschen würden „die Sicherheit, genauer gesagt, den Status quo“, vorziehen.

Zwar gebe es durchaus Menschen, die von Veränderungen träumen, doch fehle den meisten der Glaube, etwas bewirken zu können. Laut Marković ist dabei auch die „allgemeine Vernetzung“ durch die sozialen Medien keine Hilfe, weil dadurch Aktivität oft nur vorgetäuscht und so im realen Leben eher Passivität gefördert werde: „Wir sind Kommentatoren, nicht Akteure unseres eigenen Lebens.“

Als echter Rock ’n‘ Roller gibt Marković die Hoffnung auf Veränderung aber natürlich nicht auf. Dem entspricht auch der Name der Band, der auf ein langsames, aber beharrliches Hinarbeiten auf Veränderungen hindeutet. „Nežni Dalibor“ bedeutet „Sanfter ferner Krieger“. Dies lässt sich sowohl im Sinne einer gewissen Abseitsstellung des Kämpfers verstehen als auch auf den behutsamen Charakter von dessen Kampf für das Erreichen eines fernen Ziels beziehen.

Prvomajska und Atom: zwei Songs, die sich gegenseitig ergänzen

Bei alledem muss auch berücksichtigt werden, dass das Interview mit Marković aus dem Jahr 2019 stammt, also lange vor dem Beginn der aktuellen serbischen Protestbewegung entstanden ist. Seine darin geäußerte Hoffnung, dass die Zeit vielleicht doch irgendwann reif sein könne für die große Veränderung, scheint der Realität in Serbien heute bereits näherzukommen als damals.

Der Song Prvomajska spiegelt jene „Versklavung“ durch minoritäre Interessengruppen wider, die Marković auch in dem oben zitierten Interview anprangert. Die Menschen träumen hier nicht mehr von einer Überwindung der entfremdenden Arbeitsverhältnisse, sondern nur noch davon, sie irgendwie zu „überstehen“.

Zwar greift der Song im Refrain die typischen Erster-Mai-Appelle zu mehr Solidarität und gegenseitiger Unterstützung im Kampf für eine bessere Welt auf. Indem jedoch in der zweiten Songhälfte die ersten beiden Strophen fast wortgleich wiederholt werden, macht der Song deutlich: Erster-Mai-Parolen allein werden nicht zu einer humaneren Gesellschaft führen.

Der Song Atom, der von dem Verwobensein des Ichs in einen alles durchdringenden kosmischen Teilchenstrom handelt, erscheint vor diesem Hintergrund zunächst wie ein eskapistischer Ausflug in die Weiten des Alls. Bei näherem Hinsehen wird jedoch klar, dass der Song letztlich nichts anderes beschreibt als das grundlegende Bewegungsgesetz des Lebens, auf dem auch unsere Existenz beruht.

So lässt sich das Lied auch als eine Art von geistiger Bergbesteigung verstehen, die einen Blick auf das menschliche Dasein aus der Vogelperspektive ermöglicht. Die dadurch gewonnene Distanz zum eigenen Leben kann durchaus dabei helfen, dysfunktionale Alltagsstrukturen als solche zu erkennen.

Im Zusammenhang mit der in anderen Songs der Band geäußerten Kritik an den gesellschaftlichen Strukturen impliziert das Lied die Frage, warum wir an entfremdenden Arbeitsverhältnissen festhalten, die dazu dienen, einen materiellen Wohlstand zu sichern, der selbst wieder von geistiger Versenkung und damit einer Auseinandersetzung mit den Grundlagen unserer Existenz ablenkt. Verfehlen wir so nicht den eigentlichen Sinn unseres Daseins?

Der Song Atom

Atom

Irgendwo vor und nach unserer Zeit
zerlegt sich der Kosmos in seine Einzelteile.
Die ganze kunstvolle Komposition
zerfällt in einen Wirbel aus Atomen.

All die verirrten, einsamen Teilchen,
die sich im Unendlichen treffen …
Schlafend spüre ich ihre Bewegung
in meinem sich entgrenzenden Körper.

Grenzenlos, schwebe ich aus mir hinaus
in einen Raum jenseits des Raums,
in eine Zeit jenseits der Zeit,
in eine Welt jenseits aller Welten.

Nežni Dalibor: Atom aus: Normalan život (Ein normales Leben; 2011)

Videoclip:

Live im Rahmen der monatlichen Konzerte von Radio Belgrad, 2016

(Song startet bei 44:15):

Zitate von Ivica Marković entnommen aus:

Ivica Marković (Nežni Dalibor) – Volimo promenu i istraživanje (Wir lieben Veränderungen und Entdeckungen). Mulj.net (Podgorica/Montenegro), 21. März 2019 (Name der interviewenden Person nur mit Redaktionskürzel „di“ angegeben).

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