Mundgerechte Gesellschaftskritik

Die Band S.A.R.S. und ihr Song Perspektiva

Musikalische Sommerreise 2025: Ein Trip nach Serbien/5

Die Belgrader Band S.A.R.S. – der Name hat nichts mit dem Coronavirus zu tun – hat sich von einer Underground-Band zu einem Teil des musikalischen Establishments gewandelt. Dies ist nicht ohne Auswirkungen auf ihre Songs geblieben.

Perspektiven

Junkfood und Gehirndope am Computer –
es gibt immer einen billigen Rausch für dich.
Doch wenn du wirklich vorankommen willst,
brauchst du ganz anderen Stoff.

Der Schlafplatz ist erschwinglich,
fast als wäre Sloba* wiederauferstanden.
Die EU heißt uns willkommen,
doch mein Kühlschrank weiß nichts davon.

Brot und Ketchup sind mein Ruhekissen,
die Markenjeans vom Markt ist ein Witz
wie meine Freiheit, dieses mythische Wesen
aus Sonntagsreden und Fernsehshows.

Wir haben unseren Obstgarten eingetauscht
gegen ein unfruchtbares Feld.
Wir stecken bis zum Hals in der Scheiße,
aber wir haben gelernt, darin zu schwimmen.

Wozu brauchen wir die Brosamen
von Rente und Gehalt – wir leben von der Musik!
Straßenmusiker sind wir und Straßenfußballer,
mit Steinen als Bällen und Laternen als Pfosten.

Ein Bier vom Discounter bringt dich in Stimmung,
beim gemeinsamen Schwofen verschwimmen
im Fluge all deine Probleme und lassen dich
von glorreichen Perspektiven träumen.

Perspektiven, Perspektiven …
Unsere Realität ist schwarz und weiß,
aber die Zukunft ist grau. Grau, grau,
nebelgrau sind unser aller Perspektiven.

Perspektiven, Perspektiven …
Eine Perspektive ist für uns
eine billige Zigarette
und ein Bier vom Discounter.

S.A.R.S.: Perspektiva aus dem gleichnamigen, 2011 erschienenen Album

*    Sloba: Slobodan Milošević (1941 – 2006); ehemaliger Vorsitzender der kommunistischen Partei Jugoslawiens (Bund der Kommunisten Jugoslawiens) und späteres Staatsoberhaupt Serbiens bzw. Serbien-Montenegros

Eigentümliche Namensgeschichte

S.A.R.S. – diese Buchstabenkombination weckt heute natürlich sofort Assoziationen an das Coronavirus SARS-CoV-2 und die von ihm ausgelöste Pandemie. Bei der Gründung der Band im Jahr 2006 dachte jedoch noch niemand an das Virus. Der Bandname hat daher nichts mit diesem zu tun, sondern geht auf eine der typischen Bar-Blödeleien zurück.

Demnach wurde bei einem Gespräch über das virtuose Gitarrenspiel des US-amerikanischen Musikers Joe Satriani die Frage aufgeworfen, ob dessen Kunst eher auf besonderen motorischen Fähigkeiten oder auf seiner Fähigkeit, die Handgriffe im Kopf zu koordinieren, beruhe. Daraus sei der Quatsch-Vorschlag entstanden, Satriani die Hand abzuhacken und sie dem Gitarristen der eigenen Band anzunähen, um zu sehen, ob der ganze Zauber von Satrianis Gitarrespiel in seiner Hand liege.

Dieses Gespräch war die Grundlage für den Bandnamen: S.A.R.S. ist ein Akronym für „Sveže amputirana ruka Satrianija“ (Satrianis frisch amputierte Hand).

Wie schimmliges Brot den Erfolg der Band begründete

Der Bandname S.A.R.S. hat also nichts mit dem Coronavirus zu tun. Dennoch wurde später, als der Bandname infolge der Pandemie von Außenstehenden zunehmend mit dem Virus assoziiert wurde, eine Verbindung zwischen beiden hergestellt. Diese beruht auf dem – mit der raschen Ausbreitung des Virus vergleichbaren – exponentiellen Anstieg der Klickzahlen im Netz für jenen Song, der die Erfolgsgeschichte der Band begründete. Dabei handelt es sich um das Lied Buđav lebac (Schimmliges Brot).

Der Song ist das sarkastische Selbstporträt eines Menschen, der darüber nachdenkt, mit was er die einzige ihm verbliebene Nahrung – verschimmeltes Brot – aufpeppen könnte. Das Lied stammt aus der Anfangszeit der Band und fand zunächst ebenso wenig Beachtung wie das übrige Repertoire, das die Gruppe bei ihren Gigs in Belgrader Clubs präsentierte.

2008, als die Auflösung der Band eigentlich bereits beschlossene Sache war, lud jedoch ein Fan den Song, verbunden mit einem selbst gedrehten Video, auf YouTube hoch. Dort traf das Lied offenbar einen Nerv. Es wurde so oft angeklickt, dass es nicht nur die serbischen, sondern auch die Charts der anderen ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens stürmte.

Wenn eine Underground-Band im Mainstream ankommt

Nach dem Überraschungserfolg im Netz war von einer Auflösung der Band natürlich keine Rede mehr. Stattdessen wurden neue Songs produziert, die Band erhielt einen Plattenvertrag, und für den Erfolgssong aus dem Internet wurde ein Video im Cartoon-Stil produziert, das den Song noch populärer machen sollte.

Allerdings hatte der Erfolg auch seinen Preis: S.A.R.S. war nun mit einem Schlag keine Band aus der Alternativ-Szene mehr, sondern gehörte zu den Arrivierten des Musikbusiness. Diesen Weg wollten nicht alle Bandmitglieder mitgehen. Einige verließen daher – freiwillig oder auf Druck von Bandleader Dragan Kovačević – die Band und gründeten eine neue Formation, die unter dem Kürzel VHS (für „Very Heavy SARS“) an den ursprünglichen anarchischen Charakter der Band anknüpfen wollte.

Dies änderte allerdings nichts an dem Erfolg des Produkts „S.A.R.S.“. Die  Songs der 2009 bzw. 2011 herausgebrachen Alben S.A.R.S. und Perspektiva wurden millionenfach angeklickt. Allein das Video zum Titelsong des letztgenannten Albums brachte es auf über 50 Millionen Klicks.

Perspektiva: Ein Song über die Perspektivlosigkeit der Jugend

Der Song Perspektiva knüpft sowohl inhaltlich als auch von der sarkastischen Ausdrucksweise her an den Erfolgssong Buđav lebac an. Auch in diesem Fall wird das „Abgehängtsein“ durch eine schlechte Ernährung symbolisiert, nur dass diese hier mit Junkfood und einer aus „Brot und Ketchup“ bestehenden Nahrung anstatt mit verschimmeltem Brot umschrieben wird.

Sarkasmus blitzt auf, wenn die billige Schlafstelle für die Nacht mit der Rundumversorgung in sozialistischer Zeit verglichen wird. Der verklärende Rückblick auf jene Jahre wird damit ebenso als haltlos entlarvt wie die Behauptung einer ausreichenden materiellen Grundversorgung in der Gegenwart. Mit nicht weniger bitterem Humor werden die Beitrittsversprechungen der Europäischen Union für Serbien aufgegriffen: Von Versprechungen allein kann man sich weder etwas zu essen kaufen, noch kommt man dadurch demokratischen Freiheiten näher.

Angedeutet wird zudem, dass die kapitalistische Wirtschaftsordnung der EU weniger zu Wohlstand als zu einer Ausbeutung des Landes und seiner Ressourcen führt. Die Folge entsprechender Wirtschaftsreformen ist eine scharfe Trennung in „schwarz und weiß“, also in Wohlhabende und sozial Benachteiligte. Suggeriert wird zudem, dass es kaum einen Weg aus dem Ghetto der Unterprivilegierten heraus gibt. Wer einmal darin gelandet ist, dessen Perspektiven sind „grau“ wie der Nebel, also praktisch inexistent.

Die Musik und der Videoclip zu dem Song unterstreichen dabei, was bereits der Text nahelegt: Es geht hier in erster Linie um junge Menschen, die in ihrem Land keinerlei Perspektiven mehr für sich sehen und auch jenseits der Grenzen nicht auf eine rosige Zukunft hoffen können.

Systemkritischer Inhalt, systemstabilisierende Wirkung

Trotz dieser klar gesellschaftskritischen Tendenzen ist der Song in seiner Wirkung – gerade in Verbindung mit dem Videoclip – eher affirmativ. Das liegt zunächst an seinem Schluss, wo sich der zuvor thematisierte Frust im Wohlgefallen von Straßenfußball und Kellerpartys auflöst. Dem entspricht auch der gegrölte Refrain, der sowohl an die Fangesänge in Fußballstadien als auch an das Mitsingen der Menge bei Rock-Konzerten erinnert.

Die Botschaft dahinter: Es ändert sich eh nichts, also musst du dich auch nicht mit Protesten abmühen. Zieh dir lieber ein paar Dosen Bier rein und mach Party mit uns, dann hast du wenigstens noch was vom Leben!

Paradoxerweise wirkt damit gerade die radikale Kritik in dem Song systemstabilisierend, da sie jede Hoffnung auf ein erfolgreiches gesellschaftskritisches Engagement abtötet.

Antikapitalistische Botschaft, marktkompatible Wirkung

Ebenso gegenläufig ist die Wirkung des Songs, was seine antikapitalistische Stoßrichtung anbelangt. Der Kritik an dem ausbeuterischen Charakter des kapitalistischen Systems widerspricht die durch den Song nahegelegte Haltung eines blinden Konsums von Rauschprodukten aller Art.

Der Videoclip verstärkt diese Wirkung noch, indem er das coole Rollenmodell einer jungen Frau vorführt, die sich erst dem Alkoholrausch und dann dem Tanzrausch auf einem Underground-Konzert hingibt. An einer Stelle ist sogar die Marke des von ihr konsumierten Whiskys zu erkennen. Das Etikett erscheint zwar nur für Sekundenbruchteile im Bild, doch gehört es gerade zu den zentralen Erkenntnissen der Werbepsychologie, dass insbesondere solche unterschwelligen Reize eine konsumfördernde Wirkung entfalten, da sie der Kontrolle des Bewusstseins entzogen sind.

So ist der Song Perspektiva ein Beispiel dafür, was passiert, wenn eine Underground-Band vom Mainstream aufgesogen wird: Die kritische Hülle bleibt zwar erhalten, doch wird sie nun von der Musik- und Werbeindustrie für eine zielgruppengerechte Ansprache der Fans genutzt.

Das Ganze hat damit etwas Unheimliches. Es erinnert an die Geschichten von den Aliens, die sich der Körper von Menschen bemächtigen, um sich ihre Opfer gefügig zu machen.

Band-Infos entnommen aus:

Bandname: Frontmen otkrio: Evo kako je nastalo ime grupe S.A.R.S. [Frontmann (Žarko Kovačević) enthüllt: So entstand der Name der Band S.A.R.S.] Bljesak.info, 2. September 2022 [ohne Autorenangabe].

Erfolgsgeschichte: Artuković, Marko / Marić, Nebojša: Na krilima Lepca [Auf den Flügeln des Songs Buđav lebac]. Interview mit den Brüdern Dragan und Žarko Kovačević, den Bandleadern von S.A.R.S. Popbooks.com, 20. April 2009.

Bild: Lechenie-narkomanii: Alkoholiker (Pixabay)

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