Verhängnisvoller Reichtum

Der Fluch des plötzlichen Erdölsegens in Guyana

Zu einem Feature von Fabian Federl

Das Rothe Ohr 2025/2

2015 wurden in Guyana im Nordosten Lateinamerikas große Ölvorkommen entdeckt. Dies hat das Wirtschaftswachstum angetrieben, im Alltag der Bevölkerung aber zu etlichen Problemen geführt.

Erdölsegen in Zeiten der Klimakrise

Sprudelnde Ölquellen – in Zeiten des Klimanotstands würde man als Reaktion darauf wohl ein angewidertes „Pfui, Teufel!“ erwarten. Dies gilt aber nur, solange das Öl nicht im eigenen Vorgarten sprudelt. Dann erscheint es einem eher wie eine unerwartete Erbschaft – die man auch dann nicht ablehnt, wenn es sich bei dem teuren Verblichenen um einen veritablen Fiesling gehandelt hat.

Genau so ist es auch dem im Nordosten Lateinamerikas gelegenen Guyana ergangen – das mit einer Fläche von 215.000 Quadratkilometern mehr als halb so groß ist wie Deutschland, mit seinen rund 800.000 Menschen aber nur ein Prozent der deutschen Bevölkerung ausmacht. Diese fanden sich in Bezug auf Lebensstandard und Pro-Kopf-Einkommen jahrzehntelang am unteren Ende der globalen Ranglisten wieder.

Als in Guyana 2015 größere Erdölvorkommen entdeckt wurden, legte man bei der Erschließung des Rohstoffs nicht nur deshalb besondere Eile an den Tag. Vielmehr wollte man damit auch den durch die Funde im benachbarten Venezuela geweckten Begehrlichkeiten den Wind aus den Segeln nehmen. Das einst selbst durch Erdölfunde reich gewordene, mittlerweile aber heruntergewirtschaftete Nachbarland hatte nach der Entdeckung der Rohstoffvorkommen alte Forderungen nach einer Neuverhandlung der Grenzen zwischen den beiden Ländern wieder aufgegriffen und sogar mit Krieg gedroht.

Vor allem aber wollte man in Guyana den unerwarteten Reichtum nutzen, bevor die Welt im Interesse des Klimaschutzes ganz vom Erdöl abrücken würde. Schließlich war damals noch nicht absehbar, dass im Zuge der russischen Großinvasion in die Ukraine einmal ein erhöhter Bedarf an nicht kriegsbeflecktem Öl entstehen würde.

Die Folge war, dass das Land überhastet einen Vertrag mit dem US-amerikanischen Erdöl-Multi ExxonMobil abschloss. Der Vertrag sieht zwar eine Fifty-fifty-Verteilung der Einkünfte aus der Erdölförderung vor. Allerdings wird dem Ölkonzern dabei zugestanden, seine Aufwendungen für die Rohstofferschließung zuvor von dem Gesamtgewinn abzuziehen – und zwar nach seinen eigenen Berechnungen. So beläuft sich der Netto-Anteil Guyanas an den Gewinnen letztlich auf unter 15 Prozent.

Die Dutch Disease: der Fluch des Öls

Dies ist allerdings nicht der einzige Grund dafür, dass das Erdöl dem Land zwar phantastische Wachstumsraten beschert, im Alltag der Menschen aber kaum positiven Veränderungen zeitigt. Für viele ist sogar eher das Gegenteil der Fall.

Schuld daran ist ein wirtschaftliches Paradox, das unter dem Namen „Dutch disease“ in die Ökonomie-Lehrbücher Eingang gefunden hat. Die Namensgebung beruht darauf, dass das Phänomen erstmals am Beispiel der niederländischen Erdölerschließung nach dem Zweiten Weltkrieg näher untersucht wurde.

Der dabei beobachtete wirtschaftliche Mechanismus sieht wie folgt aus: Durch die Gewinne aus der Rohstofferschließung und das damit einhergehende Wirtschaftswachstum kommt es zu einer Aufwertung der Währung. In der Folge verbilligen sich die Importe, die dadurch konkurrenzfähiger werden und so die Gewinnspannen für die einheimische Produktion verringern. Diese wird folglich unrentabler, was insbesondere für kleinere Betriebe existenzbedrohend sein kann.

Parallel dazu wechseln viele Beschäftigte, die zuvor in diesen Betrieben angestellt waren, in die Erdölförderung oder die erdölverarbeitende Industrie, weil dort durch den erhöhten Arbeitskräftebedarf die Löhne höher sind. Das verstärkt den Druck auf die anderen einheimischen Wirtschaftszweige zusätzlich. Betroffene Betriebe müssen entweder schließen oder ebenfalls höhere Löhne zahlen – was sich dann natürlich in steigenden Preisen für die entsprechenden Produkte niederschlägt.

Dies alles führt am Ende dazu, dass die Preisvorteile, die sich theoretisch aus der verstärkten Konkurrenz durch die Importwaren ergeben sollten, zunichtegemacht werden. Stattdessen kommt es zu einer verstärkten Inflation, durch die sich ein Bumerang-Effekt einstellt: Der erhoffte Wohlstandszuwachs löst sich dann für den Großteil derer, die nicht direkt von der Rohstoffgewinnung profitieren, in Luft auf.

Erdölförderung als Preistreiber

Es sind genau solche Entwicklungen, die derzeit auch in Guyana zu beobachten sind. Die Regierung versucht dem zwar entgegenzuwirken, indem sie den Kurs der einheimischen Währung künstlich stabil zu halten versucht. Dennoch ziehen die Preise an und erschweren es vielen Menschen, Grundnahrungsmittel zu kaufen oder auch das Schulgeld für ihre Kinder zu bezahlen.

Dies liegt zum einen daran, dass die Sogwirkung des neuen Arbeitsmarkts rund um die Erdölförderung durch die Maßnahme der Regierung ja unangetastet bleibt. Das Problem des Arbeitskräftemangels in schlechten bezahlenden Wirtschaftszweigen kann auf diese Weise folglich nicht behoben werden.

Überdies tolerieren die für die Erdölförderung angeworbenen ausländischen Fachleute ein höheres Preisniveau als die einheimische Bevölkerung. So steigen auch die Mieten, und in den Bars der Hauptstadt Georgetown müssen für einfache Getränke zuweilen schon Preise wie in New York oder London bezahlt werden.

Das Einmalgeschenk von 400 Dollar, das die Regierung unter den Menschen des Landes verteilt hat, hilft jenen, die nicht direkt von dem neuen Geldsegen profitieren, da auch nicht weiter. Es ist eher ein Indiz dafür, dass die Gewinne aus der Erdölförderung von den politischen Verantwortlichen weniger für Investitionen in die Zukunft des Landes als für den kurzfristigen Machterhalt genutzt werden.

Heuchlerischer Umgang der Industriestaaten mit dem guyanischen Ölboom

Auch unter dem Aspekt des „Whitewashings“ ist der guyanische Ölboom ein interessantes Lehrstück. Er zeigt, wie heuchlerisch der Umgang mit klimaschädlichen Rohstoffen in den westlichen Ländern noch immer ist.

Vor dem Hintergrund immer neuer Klima-Hiobsbotschaften müsste die Welt eigentlich alles tun, um die Erschließung neuer Ölquellen zu verhindern. Wenn ein armes Land wie Guyana dadurch auf einen möglichen Geldsegen verzichten soll, müsste es Ausgleichsmaßnahmen geben, wie sie einst von dem damaligen Präsidenten Ecuadors, Rafael Correa, im Gegenzug für den Verzicht auf die Erschließung entdeckter Ölvorkommen angeboten worden waren.

Die ecuadorianische Initiative ist jedoch an der mangelnden Bereitschaft der Weltgemeinschaft, sich an der Finanzierung des Kompensationsfonds für das Land zu beteiligen, gescheitert. So sind derartige Gedankenspiele im Falle Guyanas erst gar nicht angestellt worden. Stattdessen hieß es: Guyana ist größtenteils von Wald bedeckt, es gibt kaum nennenswerte Abholzungen, also ist die Klimabilanz auch dann noch positiv, wenn dort Erdöl gefördert wird.

Diese Argumentation lässt jedoch außer Acht, dass das Erdöl zwar in Guyana gewonnen, aber in Ländern klimaschädlich genutzt wird, die alles andere als eine klimaneutrale Bilanz aufweisen. Zudem spielt es für die globale Bilanz keine Rolle, wo die klimaschädlichen Gase emittiert werden.

So haben wir es hier mit einem jener Taschenspielertricks zu tun, wie sie auch sonst gerne angewendet werden, um von einer umwelt- und klimaschädlichen Wirtschaftsweise oder Energieerzeugung abzulenken. Als Deckmantel dient dabei das plötzlich entdeckte Mitgefühl mit einem armen Land, dessen Entwicklung einem zuvor so gleichgültig war wie die Krater auf der Rückseite des Mondes.

Zum Feature von Fabian Federl

Das Feature von Fabian Federl beruht auf einer dreiwöchigen Recherchereise des Autors durch Guyana. Durch Gespräche mit den Menschen vor Ort und die plastische Schilderung der gewonnenen Eindrücke zeichnet es ein lebendiges (Hör-)Bild von den oben skizzierten Entwicklungen.

In dem Feature kommen sowohl Profiteure des Ölrauschs zu Wort als auch diejenigen, deren Alltag durch ihn erschwert wird. Zudem werden die politisch Verantwortlichen interviewt, wobei auch unterschiedliche Sichtweisen des Umgangs mit dem Ölboom zutage treten.

Dies wirft zugleich ein Schlaglicht auf Bevölkerungsstruktur und Geschichte Guyanas: Nach der Abschaffung der Sklaverei und der dafür üblichen Zwangsverschleppung von Menschen aus Afrika im Jahr 1834 hatte Großbritannien, das die Kolonialherrschaft in Guyana 1814 von den Niederlanden übernommen hatte, vermehrt Arbeitskräfte aus den indischen Kolonialgebieten für die Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen angeworben. Dies spiegelt sich bis heute in der Bevölkerungsstruktur Guyanas wider: Mehr als 43 Prozent der Menschen sind indischer Abstammung.

Die beiden großen Parteien bringen die unterschiedlichen Herkunftslinien der Bevölkerung ebenfalls zum Ausdruck: Die People’s Progressive Party (PPP) vertritt hauptsächlich die Interessen der indischstämmigen Bevölkerungsgruppe. Die zweite große Partei des Landes – die unter dem Namen People’s National Congress Reform (PNCR) firmiert – gilt dagegen eher als Sprachrohr von Menschen mit afrikanischen Wurzeln. Diese machen etwa 30 Prozent der Bevölkerung aus, wobei durch zahlreiche Mischehen die Grenzen zu Menschen indigener Abstammung oder mit europäischen Wurzeln allerdings fließend sind.

Interessant ist im Übrigen auch, wen der Autor nicht zu einer Stellungnahme bewegen konnte: Der Ölkonzern ExxonMobil hat jede Beteiligung an dem Feature abgelehnt. Fragen zu dem verschachtelten System von Briefkastenfirmen und Subunternehmen, mit dem die Gewinne dem Zugriff der Steuerbehörden entzogen werden sollen, waren dem Unternehmen offenbar ebenso unangenehm wie Nachfragen zu dem unfairen Vertrag, mit dem es bei der Erdölförderung in Guyana die Tradition ausbeuterischer Praktiken von Großunternehmen in Lateinamerika fortführt.

Musik und Hintergrundgeräusche sorgen dafür, dass in dem Feature neben den Informationen auch etwas von der karibischen Lebenskultur in Guyana vermittelt wird. Neben der geistigen Nahrung bietet es daher auch insgesamt einen unbedingt empfehlenswerten Hörgenuss.

Link zum Feature:

Fabian Federl: Guyanas Ölrausch. Wie der plötzliche Reichtum das Land verändert. Deutschlandfunk, 19. August 2025.

Gesprochen vom Autor, Maximilian Held, Max Urlacher, Talin Lopez, Anika Mauer, Robert Frank und Florens Schmidt; Regie: Friederike Wigger; Ton und Technik: Hermann Leppich; Redaktion: Lisa Steck und Christiane Habermalz.

Homepage von Fabian Federl (in englischer Sprache) mit Infos über seine Person (am Ende der Seite) und Links zu weiteren Reportagen und Features: fabianfederl.com

Zur Idee eines Kompensationsfonds für den Verzicht auf Erdölförderung in Ecuador vgl.

Wallace Scott: Ecuador: Erdöl oder Regenwald? In: National Geographic, 9. November 2017.

Obwohl die Initiative gescheitert ist, bleibt die Erdölförderung in Ecuador selbst hoch umstritten, zumal sie neben dem Regenwald auch die Siedlungsgebiete von Indigenen bedroht. Trotz eines ablehnenden Votums der Bevölkerung in einem Referendum aus dem Jahr 2023 wird jedoch weiterhin Erdöl gefördert; vgl.

Basantes, Ana Cristina: Rohstoffgewinnung in Ecuador: Das Öl soll im Boden bleiben. In: taz, 13. September 2025.

Bild: Dan Lundberg: Blick auf den Essequibo, den mit tausend Kilometern längsten Fluss Guyanas, 2019 (Wikimedia commons)

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