Marie Brand und die Bedrohung durch geistige Tiefflieger

Über indoktrinäre Tendenzen des deutschen Fernsehens am Beispiel des Kriminalfilms Marie Brand und die Bedrohung vom anderen Stern

Die Tendenzen zu einer unterschwelligen Beeinflussung des Publikums nehmen im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen immer mehr zu – was dessen aufklärerischem Auftrag widerspricht. Ein Beispiel dafür ist der ZDF-Krimi Marie Brand und die Bedrohung vom anderen Stern.

Der Fernsehkrimi als Bühne für gesellschaftliche Probleme

Seit der Geburt des Fernseh-Tatorts im Jahr 1970 werden Krimis im deutschen Fernsehen gerne für die Thematisierung aktueller gesellschaftlicher Themen und Probleme genutzt. Die Idee klingt einleuchtend: Die Leute hängen abends vor dem Fernseher ab, also holt man sie eben genau da ab, wo sie sitzen, und gibt ihnen vor dem Wegdösen noch ein paar Gedanken mit auf den Weg durch die Nacht.

Die Vorgehensweise hat allerdings auch ihre Schattenseiten. Zunächst einmal sind manche Themen einfach zu komplex, als dass sie sich im Rahmen eines Fernsehkrimis sinnvoll behandeln ließen. Dabei besteht immer die Gefahr von Oberflächlichkeit und einer Verfälschung der Zusammenhänge durch allzu große Vereinfachung.

Darüber hinaus ist es aber auch grundsätzlich nicht unproblematisch, sensible Themen in einem Unterhaltungsformat darzustellen. Wer selbst einmal Opfer eines Terroranschlags, einer Vergewaltigung oder eines Raubüberfalls geworden ist, wird es kaum amüsant finden, das eigene Leid zu einem Gegenstand der Zerstreuung herabgewürdigt zu sehen.

Indoktrinierung statt Sensibilisierung

Für die Vermittlung gesellschaftlicher Problemlagen im Rahmen eines Krimiformats bedarf es folglich eines Höchstmaßes an Sensibilität. Die Darstellung darf nicht reißerisch sein, sie muss von glaubwürdigem Mitgefühl für die Opfer statt von Schau- und Sensationslust getragen sein, und sie darf stets nur für die Probleme sensibilisieren, nicht aber den Anschein erwecken, einfache Antworten auf komplexe Fragen zu liefern.

Diesen Anforderungen werden viele Fernsehkrimis in den vergangenen Jahren nicht mehr gerecht. Immer häufiger wird aus Sensibilisierung Indoktrinierung. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die Krimis auch unabhängig von der jeweils behandelten Thematik für die Vermittlung bestimmter Botschaften genutzt werden.

Ein Beispiel dafür ist die unterschwellige Propagierung eines neuen Zugangs zur Natur. Dies hängt eng mit dem Paradigmenwechsel vom Natur- zum Klimaschutz zusammen. Daraus hat sich eine Rückkehr zum technologielastigen Blick auf die Natur entwickelt, wie er vor dem Einsetzen der Umweltschutzbewegung üblich war.

Dabei ist zwar der Schutz der Natur weiterhin erwünscht. Ein allzu enger Bezug zur Natur wird jedoch abgelehnt. Der Grund dafür ist, dass man eine gewisse emotionale Distanz zur Natur benötigt, um die flächendeckende industrielle Überformung der Landschaft mit Windkraftanlagen ertragen und aus theoretischen Erwägungen befürworten zu können.

Ist romantisches Naturempfinden faschistoid?

Ein Beispiel für die Verquickung dieser unterschwelligen Botschaft mit dem eigentlichen Thema eines Films ist der Krimi Marie Brand und die Bedrohung vom anderen Stern (Erstsendung am 19. November 2025 im ZDF, abrufbar in der Mediathek des Senders).

Vordergründig geht es in dem Krimi um links- und rechtsextreme Gewalt. Diese wird zunächst am Beispiel der Ablehnung der Bundesrepublik durch die rechtsnationalen Reichsbürger illustriert. Dabei wird deren politische Ausrichtung mit einem bestimmten Umgang mit der Natur assoziiert: In einer Reichsbürger-Kolonie wird Autarkie angestrebt, also werden auch Nahrungsmittel selbst angebaut.

Der direkte Bezug zur Natur wird so an sich schon diskreditiert, indem er mit einer faschistoiden Gruppierung in Verbindung gebracht wird. Verstärkt wird diese Darstellungstendenz durch die im Hintergrund laufende Musik. Dabei handelt es sich um Versatzstücke aus den Liedern Kein schöner Land in dieser Zeit und Am Brunnen vor dem Tore. 1840 bzw. 1827/23 (Musik/Text) entstanden, haben beide Lieder ihre Wurzeln in der Romantik. Mit ihrer Thematisierung von Gemeinschaft und Wandern sind sie später ein fester Bestandteil von Wandervogelbewegung und bürgerlichen Wandergruppen geworden.

Am Brunnen vor dem Tore: Das kalte Ende der Lebensreise

Die Assoziierung der Lieder mit einem rechtsnationalen Kontext ist vor allem deshalb problematisch, weil diese dabei einseitig von der Rezeptionsebene aus betrachtet werden und ihr eigentlicher Bedeutungsgehalt unberücksichtigt bleibt.

Das Lied Am Brunnen vor dem Tore etwa entstammt dem 1823 erschienenen Gedichtzyklus Die Winterreise von Wilhelm Müller, den Franz Schubert 1827 vertont hat [1]. Die Reise durch den Winter ist dabei ein Bild für eine Wanderung durch die Kälte der Welt: für eine Lebensreise, bei der man das Glück sucht, am Ende aber nur den Tod findet.

Der Lindenbaum ist dabei das äußere Äquivalent zur Todessehnsucht des Verzweifelten: Das Rauschen seiner Zweige lädt den lebensmüden Wanderer zur letzten Ruhe ein. Dahinter steht die Melancholie und geistige Orientierungslosigkeit einer ganzen Generation, die im beginnenden Industriezeitalter ihre Zuflucht in der Natur suchte. Mit Faschismus und nationalem Pathos hat das herzlich wenig zu tun.  

Kein schöner Land in dieser Zeit: eine wertneutrale Feier der Gemeinschaft

Das 1840 von Anton Wilhelm von Zuccalmaglio als „Abendlied“ veröffentlichte „Kein schöner Land in dieser Zeit“ [2] lädt mit seiner Feier der Gemeinschaft und seiner getragenen Melodie schon eher zu einer Vereinnahmung durch faschistoide und nationalistisch gesinnte Kreise ein. In der Tat war es auch ein fester Bestandteil nationalsozialistischer Liederbücher.

Der Text selbst lässt sich jedoch nicht mit einem entsprechenden Gedankengut in Verbindung bringen. Er handelt schlicht von Menschen, die sich nach einem gemeinsam verbrachten Tag versammeln und ihrer Hoffnung Ausdruck geben, noch einmal in ähnlicher Weise zusammenzukommen.

Die titelgebende Anfangszeile ließe sich daher auch im Sinne einer inneren, geistigen Landschaft verstehen, in der sich diese besondere Begegnung vollzieht. Die äußere Landschaft wird dabei zum Spiegel der inneren Landschaft, zu einem Sinnbild für die empfundene Harmonie. Um den Stolz auf das eigene Land geht es dabei nicht.

Der ursprüngliche Sinn des Liedes, dem Zusammenhalt und der Solidarität einen musikalischen Ausdruck zu verleihen, hat in der Weimarer Republik auch zu einer Adaption des Liedes in sozialistischen Kreisen geführt. Der neu gedichtete Text ist dabei – wie der veränderte Liedanfang zeigt – durchaus mit dem Geist des ursprünglichen Liedes vereinbar:

Kein schöner Land in dieser Zeit,
als wo die Menschen sind bereit,
sich zu verbinden
und sich zu finden
in Menschlichkeit.

Die Welt in Elend und in Not,
sie schaut ein neues Morgenrot.
Sie wird befreien
und wird erneuern,
was tief in Not. [3]

Die Romantik und ihre unterschiedlichen Kinder

Eine geistige Entwicklungslinie von der Romantik über die deutsche Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts bis hin zu Nationalsozialismus und heutigen rechtsnationalen Verschwörergruppen zu ziehen, ist sicher möglich.

So kann man etwa darüber nachdenken, wie und warum die nationalkulturelle Selbstbesinnung der Gebrüder Grimm in das germanische Pathos eines Richard Wagner münden konnte. Ebenso lässt sich darüber sinnieren, wie sich die Natur von einem romantischen Zufluchtsort zu einem Abbild nationaler Größe in den Bergfilmen der nationalsozialistischen Ära und zu einem Inbegriff rückwärtsgewandter Moralvorstellungen in den Heimatfilmen der Nachkriegszeit entwickeln konnte.

Dabei muss man jedoch aufpassen, dass man nicht von späteren problematischen Entwicklungen auf den ursprünglichen geistigen Kontext zurückschließt. So dürfen weder der Naturbezug noch die kulturelle Selbstbesinnung in der Romantik mit den späteren Entwicklungen vermengt werden. Stattdessen muss beides von seinen eigenen Voraussetzungen her beurteilt werden.

Hinzu kommt, dass von der Romantik nicht nur eine einzige Entwicklungslinie ausgeht. So ist der emphatische Naturbezug später über die Wandervogelbewegung der Jahrhundertwende einerseits in die Bündische Jugend des Nationalsozialismus, andererseits aber auch in die spätere Umweltschutzbewegung eingegangen. Auch für diese war der in der Romantik angelegte emotionale Bezug zur Natur eine wichtige Inspirationsquelle für den Kampf gegen einen ausbeuterisch-technokratischen Umgang mit der Natur.

In diesem Sinne kann die Romantik auch heute noch lehrreich sein. Schließlich rollt mit der Jagd nach Rohstoffen für die Energiewende gerade die nächste Ausbeutungswelle auf die Natur zu. Eine implizite Gleichsetzung von romantischem Naturbezug und faschistoider Einstellung, wie sie der Marie-Brand-Film durch die musikalische Untermalung unterstellt, ist daher alles andere als zukunftsweisend.

Totalitäre Kritik am Totalitarismus

Problematisch ist der Film darüber hinaus auch wegen seiner Verquickung von links- und rechtsextremer Gewalt. Beide sind zwar gleichermaßen abzulehnen, haben aber jeweils unterschiedliche Wurzeln. Werden diese nicht berücksichtigt, so bleiben auch die Ursachen für die Entstehung der Gewalt im Dunkeln – wodurch auch keine zielführenden Maßnahmen dagegen ergriffen werden können.

Ein falsches Bild ergibt sich überdies durch die einseitige Darstellung der Polizei als Opfer von Gewalt. Dies ist gerade bei einer Anspielung auf die Proteste gegen den Hamburger G20-Gipfel aus dem Jahr 2017 problematisch, der für den unverhältnismäßigen Einsatz von Polizeigewalt in der Kritik stand [4].

Der Film versäumt es damit, für die Komplexität der Thematik zu sensibilisieren. Hinzu kommt – wie oben ausgeführt – die unhistorische und dadurch verfälschende Rezeption kultureller Inhalte.

Bei einem Film, der sich mit antidemokratischen Tendenzen beschäftigt, wiegt zudem die Bereitschaft, über Musik und Schnitt-Technik Botschaften an der Schranke des Bewusstseins vorbei in die Gehirne einzubrennen, besonders schwer. Denn dies erinnert in fataler Weise an die Indoktrinierungspraxis in totalitären Kulturen.

Da der Film sich damit ähnlicher Mittel bedient wie die von ihm kritisierten antidemokratischen Gruppen, führt er sich selbst ad absurdum und wirkt so am Ende unglaubwürdig.

Nachweise

[1]    Zu Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von Am Brunnen vor dem Tore gibt es einen ausführlichen Wikipedia-Eintrag, in dem auch der Text mit aufgeführt ist.

[2]    Der Originaltext des Liedes findet sich u.a. auf deutschlandlese.de. Die dort mit aufgeführte fünfte Strophe ist erst später 1924 von Eva Öhlke neu hinzugedichtet worden (vgl. Faksimile des Erstdrucks des Liedes).

[3]    Die sozialistische Variante des Liedes wurde 1927 von dem Pädagogen und Bühnenautor Ernst Heinrich Bethge unter dem Pseudonym Lobo Frank als Teil seines Stücks Das rote Herz. Ein Spiel von siegendem Licht veröffentlicht. Populär wurde es durch den Abdruck in dem von August Albrecht 1929 herausgegebenen Jugendliederbuch (vgl. volksliederarchiv.de). Der Autor des Liedes ist 1944 nach dem Attentat auf Adolf Hitler ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert worden und dort an den Folgen der erlittenen Folter gestorben.

[4]    Zu der Thematik gibt es ein eindrucksvolles Feature von Marie von Kuck: Polizeigewalt in Deutschland – Täter in Uniform. Deutschlandfunk, WDR, SWR, 24. Juli 2018.

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für diese fundierte Fernsehkritik. Die romantischen Kunstlieder als Hintergrundmusik für Reichsbürgertum haben mich auch mehr als unangenehm berührt. Das zeugt von Ignoranz und fehlender Sensibilität. Aber auch die übrige Kritik teile ich!

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