Krieg zum Schnäppchenpreis

Die Entfesselung des Krieges durch den Drohneneinsatz

Zu einem Feature von Fritz Espenlaub und Christian Schiffer

Das Rothe Ohr 2025/4

Drohnen lasen sich mit geringem Aufwand herstellen und sind nicht schwer zu bedienen. Dies senkt die Hemmschwelle für kriegerische Angriffe und könnte langfristig zu einer völligen Entfesselung des Krieges führen.

Angriffsdrohnen, Abfangdrohnen, Kamikazedrohnen, Überwachungsdrohnen … Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat unser Bewusstsein für die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten von Drohnen zweifellos geschärft. Vor allem sehen wir in ihnen nun nicht mehr – wie vor 2022 – in erster Linie ein harmloses Spielzeug oder Transportmittel, sondern eine potenziell tödliche Waffe.
Für die Ukraine sind die Drohnen dabei in ihrem Abwehrkampf gegen die russische Kriegsmaschinerie Fluch und Segen zugleich. Ein Fluch sind sie, weil die Drohnen dem Gegner auch bei einer zunehmenden Leere in den Raketenarsenalen die Fortführung der Angriffe ermöglichen. Und sie sind eine Segen, weil das Land mit den Drohnen die schleppenden Unterstützungsleistungen westlicher Länder kompensieren kann.
Drohnen bieten den Vorteil, sich ohne Spitzentechnologie und teure, schwer zu beschaffende Bauteile rasch zusammenbasteln zu lassen. In der Ukraine ist daraus fast schon eine Art Volkssport im Abwehrkampf gegen einen übermächtigen Gegner geworden.
Das gemeinsame Basteln stärkt dabei nicht nur das Gemeinschaftsgefühl und den Widerstandsgeist. Es ermöglicht auch immer wieder Innovationen, die wie nebenbei neue Techniken des Abwehrkampfes entstehen lassen.
Gleiches gilt freilich für die Angriffe, mit denen das russische Militär die ukrainische Zivilbevölkerung terrorisiert. Auch hierfür lassen sich durch die Drohnen rasch neue und perfidere Taktiken entwickeln, etwa durch den Masseneinsatz der – gar nicht mehr so kleinen – Flugobjekte oder die Erschöpfung der Flugabwehr durch nicht mit Sprengsätzen bestückte Drohnen.

Drohnen als wirksame Abwehrwaffe – und als Kriegstreiber

Der Krieg vor unserer Haustür vermittelt uns eine Ahnung von der Revolutionierung, die der Drohneneinsatz für die Kriegsführung bedeutet. Ein zentraler Aspekt ist dabei die Verbilligung des Kriegsmaterials.
Dies senkt die Hemmschwelle für kriegerische Aktivitäten und ermöglicht es zugleich, diese in die Länge zu ziehen. Eine Beendigung des Krieges aufgrund der Erschöpfung des Materials ist in Zukunft nicht mehr zu erwarten.
Eben dies zeigt der aktuelle Krieg in Europa: Drohnen lassen sich für eine Effektivierung des Abwehrkampfes nutzen, aber auch für die Perfektionierung und Ausweitung der Angriffe. Sie sind damit für beide Seiten ein Argument für die Fortführung des Krieges.

Hybridisierung des Krieges

Eine weitere Veränderung des Krieges durch den Einsatz von Drohnen betrifft die Hybridisierung. Eben dies zeigt uns das zunehmende Auftauchen von Drohnen im Luftraum von NATO-Ländern.
Kampfflugzeuge lassen sich eindeutig einem bestimmten Land zuordnen. Auch bei Raketen lässt sich die Flugbahn zu den Abschussrampen zurückverfolgen. Überdies kann eine Rakete nicht abgeschossen werden, ohne dass sie irgendwo einschlägt. Ihr Einsatz ist damit untrennbar und eindeutig mit einer kriegerischen Handlung verbunden.
Bei Drohnen aber lässt sich weit besser verschleiern, wer ihren Einsatz befohlen hat. Sie müssen nicht vom eigenen Territorium aus gestartet werden. Stattdessen können damit auch Personen im Zielland des Drohnenflugs beauftragt werden. So kann der Flugverkehr in einem anderen Land massiv behindert werden, ohne dass der Urheber der Störung eindeutig zu identifizieren ist.
Drohnen erscheinen so als eine Art Äquivalent zum Handelskrieg: Sie ermöglichen feindliche Handlungen gegen andere Länder, die unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges liegen, aber nichtsdestotrotz Wirtschaft und Alltagsleben eines anderen Landes stark in Mitleidenschaft ziehen und so zu Verunsicherung in der Bevölkerung beitragen.
Die einzig wirksame Vorbeugung gegen derartige Attacken wäre ein komplettes Verbot von Drohnen. Dem steht allerdings der geplante vermehrte Einsatz von Drohnen – etwa für Warentransport und Paketversendung – entgegen. Gerade dies wäre ein hervorragendes Einfallstor für hybride Angriffe.

Gläserne Schlachtfelder

Ein wichtiges Merkmal des modernen Drohnenkrieges ist die totale Transparenz der Schlachtfelder. Der massenhafte Einsatz von Spähdrohnen macht es an der Front nahezu unmöglich, sich unbeobachtet zu bewegen.
Der Drohneneinsatz erfolgt dementsprechend von geschützten Unterständen, Keller- oder Bunkerplätzen aus. Selbst dies bietet jedoch keinen vollständigen Schutz, da die Kommandostellen über die Nachverfolgung des Funkverkehrs vom Gegner lokalisiert werden können.
Der Geräuschteppich an der Front ist so nicht mehr nur von Kanonendonner und Artilleriefeuer, vom Wutgeheul und den Todesschreien der Soldaten bestimmt. Er ist vielmehr auch vom Surren der Drohnen durchdrungen. Da dieses allerdings im Kampfgetümmel oft untergeht, ist es oft tödlicher als jede Granate – denn wer sich nicht rechtzeitig vor einer anfliegenden Drohne in Sicherheit bringt, wird punktgenau von ihr eliminiert.

Gezielte Tötungen

„Punktgenau“ ist auch das Stichwort für eine andere Tendenz, die der Drohneneinsatz mit sich bringt: die gezielte Tötung von Personen, die man als Feinde des eigenen Staates identifiziert.
Auch in diesem Fall bewegt sich der Drohneneinsatz unterhalb der Schwelle einer regulären Kriegsführung. Begonnen hat diese Form der Drohnenverwendung bereits im Zuge des von George Bush nach den Anschlägen auf das World Trade Center ausgerufenen „War on Terror“. Unter der Präsidentschaft Barack Obamas ausgeweitet, sind unter diesem Label zahlreiche Personen per Geheimdiensterlass zu Feinden gestempelt und bei Drohneneinsätzen gezielt getötet worden.
Dabei sind allerdings auch immer wieder unbeteiligte Personen als „Kollateralschäden“ getötet worden. Dies war auch bei den gezielten Tötungen der Fall, mit denen Israel in jüngerer Zeit vermehrt gegnerische Politiker sowie militärische oder religiöse Führer ausgeschaltet hat.
In all diesen Fällen lässt sich nicht von einem regulären Krieg sprechen. Denn die Anschläge verletzen zwar die Hoheitsrechte anderer Länder, richten sich aber stets nur gegen einzelne Personen. Gleichzeitig werden kriegerische Handlungen auf diese Weise jedoch zu etwas Alltäglichem, so dass es im Grunde gar keine echten Friedenszeiten mehr gibt: Alle können jederzeit irgendwo auf der Welt in das Visier einer Drohne geraten – ob als Terrorverdächtige oder als „Kollateralschaden“.
Eben darin liegt auch die Hauptgefahr dieser Form des Drohneneinsatzes: Bestimmte Institutionen einzelner Länder nehmen für sich in Anspruch, gleichzeitig Ankläger, Richter und Henker zu sein. Wen sie schuldig sprechen und gegen wen sie die Todesstrafe verhängen, der wird zu dem Schuldspruch weder angehört, noch hat er die Möglichkeit, sich zu verteidigen. Das Recht ist außer Kraft gesetzt, die Hinrichtung wird am Rechtsstaat vorbei vollzogen.

Automatisierung des Krieges: der Völkermord als Normalfall

In Kombination mit Satellitenbildern ermöglichen Drohnen eine lückenlose Beobachtung gegnerischer Truppenbewegungen. Drohnen können dies darüber hinaus unmittelbar in Angriffshandlungen umsetzen.
Denkt man diese Entwicklung weiter, so wird die klassische Kriegsführung ab einem bestimmten Punkt verunmöglicht. Wenn beide Parteien sicher davon ausgehen müssen, dass ihre Soldaten getötet werden, sobald sie auf dem Schlachtfeld gesichtet werden, ergeben klassische Schlachten keinen Sinn mehr.
Haben Drohnen also ein so hohes Abschreckungspotenzial, dass sie den Krieg langfristig ganz aus der menschlichen (Un-)Kultur verdrängen? – Das wäre zwar schön – entspricht aber wohl leider nicht der menschlichen Natur.
Wahrscheinlicher ist, dass die Kriege der Zukunft sich von Anfang an gegen die Zivilbevölkerung des jeweiligen Gegners richten werden. Von Bunkern im eigenen Land aus werden Drohnenschwärme die Städte des anderen Landes angreifen und dabei so viel Schaden wie möglich anrichten. Die Kontrollzentren dienen dabei nur noch der Überwachung der Drohnen – die so programmiert sind, dass sie vollautonom alles vernichten, was sich bewegt.
Den Krieg gewinnt man dann nicht mehr, indem man in Entscheidungsschlachten die Oberhand behält. Sieger wird vielmehr diejenige Partei sein, die zuerst den Großteil der anderen Bevölkerung ausgelöscht hat. Diese Auslöschung muss dabei einem vollständigen Völkermord nahekommen, da selbst eine kleine Restgruppe noch imstande wäre, den Drohneneinsatz aufrechtzuerhalten.
Der Drohnenkrieg bringt damit genau das in den Bereich des Vorstellbaren, was bei Atomkriegsszenarien unwahrscheinlich erschien. Denn hier war die vollständige Auslöschung des Gegners stets mit der Erwartung verbunden, bei einem Gegenschlag selbst ausgelöscht zu werden.
Freilich könnten die Drohnenkriegen der Zukunft genau hierfür die Hemmschwelle senken: Die eigene Auslöschung vor Augen, könnte die unterlegene Partei versucht sein, den Gegner mit dem Einsatz einer Atombombe mit in den Abgrund zu ziehen.

Zu dem Feature von Fritz Espenlaub und Christian Schiffer

Das Feature von Fritz Espenlaub und Christian Schiffer informiert über die jüngsten Tendenzen in Drohnenentwicklung und -einsatz. Vor allem aber macht es durch Gespräche mit Menschen, die selbst Drohnen im Krieg eingesetzt oder ihren Einsatz mitverfolgt haben, die Realität des Drohnenkrieges nachvollziehbar.
So erzählt das Feature davon, wie sich die Wahrnehmungsgewohnheiten von Menschen, die den Drohneneinsatz im Krieg miterlebt haben, verändern. Sie müssen etwa genau unterscheiden können, ob das Geräusch einer anfliegenden Drohne auf einen Angriff oder lediglich auf einen Überflug hindeutet.
Besonders eindrucksvoll ist der Bericht eines Soldaten aus der Schweiz, der die Ukraine erst als Sanitäter und dann auch als Drohnenpilot unterstützt hat. Die abschnittweise in das Feature eingefügte Erzählung kreist um einen verletzten Soldaten, den der Drohnenpilot hinter der Frontlinie entdeckt hatte.
Der Bericht führt das Dilemma, in das der Drohnenkrieg die Beteiligten in solchen Situationen stürzt, hautnah vor Augen: Wie sollen sie mit der Situation umgehen? Dem Verletzten zu Hilfe eilen, auch wenn dies angesichts der überall kreisenden gegnerischen Drohnen den sicheren Tod bedeuten kann? Ihm Verbandsmaterial schicken und hoffen, dass er sich aus eigener Kraft zu seiner Einheit durchschlagen kann? Ihn dem Gegner in die Hände fallen lassen und auf eine anständige Behandlung des Kriegsgefangenen hoffen?
Gerade an solchen Beispielen zeigt sich, wie abstrakt die Diskussionen über den Drohneneinsatz im Krieg häufig sind. In der konkreten Situation an der Front geht es eben nicht um Rechenspiele, um ein paar Meter gewonnenes oder verlorenes Territorium. Dort sind die Drohnen Richter über Leben und Tod.

Link zum Feature:

Fritz Espenlaub und Christian Schiffer: Der Krieg von morgen – Wie Drohnen den Kampf um die Ukraine verändern. Bayerischer Rundfunk, 11. Juli 2025.

Gesprochen von Verena Fiebiger; Regie: Rainer Schaller; Ton und Technik: Stefan Oberle; Redaktion: Johannes Berthoud Infos zu Fritz Espenlaub und Christian Schiffer finden sich auf Wikipedia.

Bild: SnapShot: Drohne (Pixabay)

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