Der seelische Tod als Strafe für den Kriegsverbrecher

Das Antikriegslied Kolybjélnaja (Колыбельная: Wiegenlied) der russischen Band BI-2

Die russische Band BI-2 musste aufgrund ihrer Kritik am Angriffskrieg gegen die Ukraine ins Exil gehen. Ihr Song Kolybjélnaja (Wiegenlied) beschreibt den Krieg als Raubzug von besonderer Grausamkeit, der anderen den physischen und dem eigenen Volk den seelischen Tod bringt.

Podcast-Fassung

Wiegenlied

Müde schließe ich meine Augen
und rufe aus tiefer Nacht den Kosmos,
meinen Kosmos herbei.

Zu einer Totenfeier wurde dieses Fest,
das Meer hat sich geteilt
in ein Davor und ein Danach.

Wie nur soll ich damit leben?
Nichts kann es mich vergessen lassen.
Komm, sing mit einem Schlaflied
diesen Alptraum entzwei!

Antworte mir, ich muss es wissen: Für was
soll ich es hergeben, das Füllhorn meiner Seele?
Welche Stunde schlägt mir, wenn ich ihn verliere,
meinen Anteil an der Unendlichkeit?

Erwacht ist, lange geleugnet, das Böse,
gierend nach den Gütern anderer.
Doch niemals kann mit fremdem Gut
das eig'ne Glück sich nähren.

Ja, grausam ist die Welt der Tiere
seit Anbeginn der Zeiten.
Doch nicht die Tiere sind es,
die den Abzug drücken.

Es sind die Menschen, die Menschen …

Би-2 (BI-2): Колыбельная (Kolybjelnaja; Juni 2022). Aus: Аллилуйя (Allilúija: Halleluja; 2022)

Videoclip:

https://vk.com/video-84440824_456256817

Live-Aufnahme

Ein Blick auf die Bandgeschichte

Die Band BI-2 wurde 1985 in Belarus von Igor Bortnik, genannt „Ljowa“, und Aleksandr Uman, genannt „Schura“, gegründet. Der Name „BI-2“ leitet sich von dem zweiten Namen ab, den die beiden Musiker ihrem Projekt gaben: Берег Истины (Bjéreg Ístiny: Ufer der Wahrheit). Gleichzeitig ist er eine Anspielung auf den Tarnkappenbomber B-2 (in englischer Aussprache).

In den 1990er Jahren lebten die beiden Bandleader überwiegend in Israel und Australien, arbeiteten auf elektronischem Weg aber weiter an ihren musikalischen Projekten. Erst 1999 startete die Band ihre Karriere in Russland. Populär wurde sie vor allem durch ihre Mitwirkung an dem Blockbuster-Kriminalfilm  Брат 2 (Brat dva: Bruder 2), zu dem Bi-2 auch den Soundtrack beisteuerte.

In der Folge nahm die Band immer wieder an großen Festivals teil und tourte durch Russland und andere Länder der ehemaligen Sowjetunion. Dabei trat sie auch immer wieder gemeinsam mit anderen Größen der russischen Musikszene auf. Außerdem bekamen die Bandleader eine eigene Radiosendung mit dem Namen Биология (Biológija: Biologie), in der sie neue Trends in der Musikszene präsentierten.

Ein weiteres Merkmal der Band sind die Bemühungen um einen Bruch mit den gängigen Marketingformen. So gab BI-2 immer wieder kostenlose Konzerte oder ersetzte die übliche Journalistenparty für ein neues Album durch eine Albumpräsentation im Rahmen der Abschlussfeier einer Schule.

Gefährliche Kritik am kriegerischen Kreml-Kurs

Für den 28. April 2022 war ein Auftritt der Band in einem Stadion im sibirischen Omsk geplant. Dort hätte sie jedoch vor einem der berüchtigten „Z“-Plakate auftreten müssen, das für „za“ („dafür“) steht, also für den Krieg und den Kurs des Präsidenten wirbt. Daraufhin sagte die Band das Konzert ab.

Am 27. Juni 2022 veröffentlichte die Band das offen kriegskritische Video zu dem Song  Kolybjélnaja. Daraufhininszenierte der Kreml bei einem Auftritt der Band anlässlich des russischen Supercups ein Pfeifkonzert gegen BI-2. Da die Bandmitglieder vorher davon erfahren hatten, band sich Leadsänger Igor „Ljowa“ Bortnik einen Schal einer der teilnehmenden Mannschaften um. So konnte er den Eindruck erwecken, die Buhrufe würden sich nicht gegen die politische Haltung der Band, sondern gegen die vermeintliche Unterstützung für einen der beiden Vereine richten.

Dennoch war nun klar, dass die Lage der Band in Russland untragbar geworden war. Wollte man weiter ungehindert Musik machen, war die Emigration unvermeidlich. Der Schritt ins Ausland wirkte sich jedoch eher wie eine Befreiung aus, da man nun offen gegen die Kriegspolitik des Kreml Stellung nehmen konnte. So  schrieb Bortnik zum „Tag des Sieges“ am 9. Mai 2023 auf Instagram in einer Diskussion mit seinen Followern:

„Putin und sein ganzer geistig zurückgebliebener Abschaum haben euer Land zerstört. (…) Putins Russland erregt zur Zeit nur Abscheu und Ekel.“ [1]

Wie gefährlich solche Aussagen mittlerweile selbst außerhalb Russlands sind, zeigte sich im Januar 2024. Als die Bandmitglieder im Zuge einer Asien-Tour in Thailand wegen angeblich fehlerhafter Einreisepapiere festgehalten wurden, forderte die russische Botschaft ihre Auslieferung. Erst nach internationalen Protesten und langwierigen Verhandlungen konnten sie schließlich nach Israel ausreisen – was nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken war, dass Bandleader Bortnik auch über einen israelischen Pass verfügt.

Grundsätzliche Infragestellung der Berechtigung von Angriffskriegen

Der Song ist keine direkte Auseinandersetzung mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Text und Videoclip könnten auch auf Krieg und Militarismus im Allgemeinen und auf davon bestimmte Entwicklungen in anderen Ländern bezogen werden. Im Zusammenhang mit der Vorgeschichte der Band und den oben zitierten Äußerungen Bortniks ergibt sich aber dennoch ein klarer Bezug zur putinschen Kriegsagenda.

Allerdings trifft gerade die grundsätzliche Ablehnung des Krieges den Kreml an einem wunden Punkt. Denn dessen Propaganda fußt ja nicht zuletzt auf der Behauptung, dass die gewalttätige Lösung von Konflikten gewissermaßen in der DNA aller Geschöpfe verankert sei und so auch in der Natur des Menschen liege. Dem widerspricht der Text, indem er zwischen dem natürlichen Überlebenskampf in der Tierwelt und dem technisierten Töten der Menschen unterscheidet.

Zusätzlich richtet sich der Text gegen die religiöse Überhöhung des Krieges durch den Bund des Kremls mit der russisch-orthodoxen Kirche. Die Darstellung des Sterbens auf dem Schlachtfeld als Märtyrertod für das Vaterland wird explizit hinterfragt. Besonders schmerzhaft für den Kreml und seinen Unterstützer Kyrill I., den Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, dürfte dabei sein, dass dies unter Verweis auf die höchste Autorität der Kirche geschieht: die Bibel. So spielt der Text auf das Buch der Sprüche an, wo es in Spr 1,19 heißt:

„So enden alle, die sich durch Raub bereichern: / Wer das fremde Gut an sich nimmt, dem raubt es das Leben.“ [2]

Doppeldeutige Wiegenliedsehnsucht

Erst dies macht die Frage nach dem Wozu des Sterbens auf dem Schlachtfeld so brisant: Die Bibel selbst legt nahe, dass ein solcher Tod zum Verlust des Seelenheils führt, wenn das Kriegsziel nicht auf Verteidigung, sondern auf die Aneignung fremder Güter ausgerichtet ist.

Der Videoclip zu dem Song unterstreicht diese Aussage durch eine Reihe kahlgeschorener Menschen, denen jede Individualität genommen ist. Sie sind nur noch Werkzeuge in einem verbrecherischen Krieg – und haben dadurch ihr Seelenheil verwirkt.

Der Ruf nach einem „Wiegenlied“ ist vor diesem Hintergrund doppeldeutig. Er kann der Verzweiflung dessen entspringen, der die fatalen Entwicklungen von außen beobachtet. Er kann sich aber auch auf die Haltung derer beziehen, die vor der Wahrheit des Vernichtungskrieges und vor dessen Folgen die Augen verschließen und wie Schlafwandler dem eigenen Untergang entgegenschreiten.

Nachweise

[1]    Der Instagram-Post von Igor „Ljowa“ Bortnik lässt sich nachlesen auf Meduza: „Путинская Россия вызывает только омерзение и брезгливость“. Лева Би-2 заявил, что не вернется в РФ („Das Russland Putins erregt nur noch Abscheu und Ekel.“ Ljowa von BI-2 kündigt an, dass der nicht nach Russland zurückkehren werde). Meduza.io, 11. Mai 2023.

[2]    Das Bibel-Zitat lehnt sich an die Einheitsübersetzung an, die sich u.a. auf den Seiten der Universität Innsbruck findet: Das Buch der Sprichwörter, Kapitel 1.

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