Geistertanz im Flockenwirbel

Zu dem Lied Wizard flurry home der kalifornischen Singer-Songwriterin Mariee Sioux

In ihrem Song Wizard flurry home verbindet die kalifornische Singer-Songwriterin die Eigenart des Winters, den Dingen ein anderes Aussehen zu geben, mit der Vision einer anderen Welt. Dabei knüpft sie auch an die Geistertanzbewegung der indigenen Paiute an.

Das Zauberschauerhaus

Tanze, Schnee, tanze
im Schneeschauerhaus!
Spinn uns Gold, Schneezauberer,
schwenke deinen Zauberstab,
zerstoß die Welt
mit deinem Trommelstab!

Spinn uns Gold, Schneezauberer,
schwenke deinen Zauberstab,
zerstoß die Welt
mit deinem Trommelstab und
tanze, tanze im Schnee,
im Schneeschauerhaus.

Und Winter, Liebeshöhle,
kröne, kröne, kröne deine Brüder.
Winter, Liebesschauer,
kröne, kröne, kröne deine Berge.
Winter, Liebeshöhle,
kröne, kröne, kröne deine Mütter.
Winter, Liebesschauer,
kröne, kröne, kröne deine Berge
und tanze, tanze im Schnee,
im Schneeschauerhaus.

Und im Kokon des Bettes
bitte ich dich um Vergebung,
im Kokon des Bettes
bitte ich dich um Vergebung,
im Flockenkokon, der bricht,
bricht durch das Dach.

Im Flockenkokon bricht,
bricht mein Herz entzwei
bricht und öffnet sich
für die erfüllende Fünf,
für das unnennbare Neue,
das war und ist und sein wird.

Weiße Flocken, funkelnde Bienen
sind fort und werden wiederkehren,
um sich in Honig zu verwandeln,
um sich in Morgen zu verwandeln,
um unseren Tanz zu verewigen
unter dem Eis.

Ja, friert unseren Tanz unter den Teichen ein
und verwandelt ihn in Morgenglanz.
Bewahrt ihn unter den Schnee-Engelkissen,
den schützenden Schnee-Engelkissen.

Mariee Sioux: Wizard flurry home. Aus: A Bundled Bundle of Bundles (2006) / Faces in the Rocks (2007)

Live-Aufnahme aus dem Jahr 2009:

Albumfassung

Der Winter als Verwandlungskünstler

Als Ruhepause und Schattenseite des Lebens ist der Winter immer auch der Ort des Todes. Gleichzeitig lässt sich seine Andersartigkeit aber auch im Sinne eines Gegenentwurfs verstehen, einer „Gegenwelt“, in der all das möglich erscheint, was im realen Leben undenkbar ist.

Hierzu lädt der Winter selbst ein, indem er zwar de facto für die totale Abwesenheit des Lebens steht, in seinem konkreten Erscheinungsbild aber das Leben nachzuahmen scheint: Schneeverwehungen türmen die Eismassen zu bizarren Landschaften auf, Eiszapfen tragen ihren Namen, weil sie an die Zapfen von Nadelbäumen erinnern, Raureif überzieht das Land wie mit einer Decke aus glitzernden Eisblüten.

Eben dadurch, dass der Winter das Leben nachzubilden scheint, es dabei aber gleichzeitig verfremdet, bietet er die Grundlage für Träume von einer anderen Welt. Dies gilt erst recht, wenn er die Welt mit einem Schleier aus Schneeflocken überzieht.

Durch die Verbergung, Verwandlung bzw. „Fragmentarisierung“ der gewöhnlichen Erscheinungen im Schneeflockentaumel ermöglicht der Winter dann eine Loslösung von Letzteren. Er lädt damit ein zu einem Zustand kontemplativer Versenkung, der die Grundvoraussetzung aller mystischen Erfahrung ist.

Schneeflockensätze

Auf dieser Verwandlungskraft des Winters und der durch ihn ermöglichten kontemplativen Versenkung beruht auch der Song Wizard flurry home. Dies kommt schon im Titel zum Ausdruck, der mit der lautlichen Nähe von „wizard“ (Zauberer) und „blizzard“ (Schneesturm) spielt.

In Verbindung mit der psychedelischen Musik vermittelt der assoziative Text eine Ahnung von eben jener durch den winterlichen Flockenwirbel bewirkten Verzauberung der Welt, auf die der Titel des Liedes verweist. Auch die sich auflösenden Sätze, durch welche die Klangqualität der Worte gegenüber der semantischen Ebene in den Vordergrund tritt, passen gut zu der beschriebenen Situation einer in das Mosaik tanzender Flocken zerfallenden Welt.

Inhaltlich verweist der Song insbesondere auf die kultischen Tänze der Paiute. Dabei versetzten sich die Tanzenden mit Hilfe ritueller Trommelklänge in einen Trancezustand.

Ende des 19. Jahrhunderts erhielt diese Form der Musik in der so genannten „Geistertanzbewegung“ auch einen politisch-revolutionären Sinn. Durch die Tänze sollten Visionen bewirkt werden, die den Tanzenden den Weg zur Befreiung von der weißen Besatzungsmacht weisen sollten.

Anklänge an indigene Geistertänze

Auf diese rituellen Tänze spielt der Song von Mariee Sioux insofern an, als er das „Zertanzen“ der Welt durch einen trommelnden Zauberer bzw. Medizinmann evoziert. Die hierdurch zu erlangende Befreiung ist allerdings nicht – wie von der Geistertanzbewegung angestrebt – eine äußere, sondern spielt sich auf der inneren Ebene ab, im Sinne einer individuellen Initiation in die mystische Welt der Vorfahren.

Deutlich wird dies etwa in der symbolischen Bedeutung der Zahl Fünf in dem Gedicht. Diese steht hier offenbar für Vervollkommnung bzw. Vervollständigung (im Sinne der fünf Finger einer Hand).

Damit ist auch das im Lied thematisierte „Entzweibrechen“ des Herzens nicht im Sinne eines zerstörerischen Auseinanderbrechens zu verstehen. Es verweist vielmehr auf die Entdeckung einer anderen, bislang unbekannten Seite des eigenen Daseins. Deren zentrales Kennzeichen wäre die Aufhebung der Vereinzelung und die Einstimmung in den einen, alles durchdringenden Atem des Seins, wie ihn der alles umfangende Schneeschauer andeutet.

Über Mariee Sioux/Siou

Die 1985 geborene kalifornische Singer-Songwriterin hat nach ihrer Schulzeit in Nevada City in Patagonien ehrenamtlich indigene Kinder unterrichtet. Damit gab sie ihrem Bekenntnis zu ihrer indigenen Herkunft einen produktiven Sinn: Ihre Mutter hat u.a. Wurzeln in der Kultur der Paiute.

Der Vater der Sängerin ist ein Mandolinenspieler polnisch-ungarischer Herkunft, der sie zeitweise auch musikalisch begleitet hat – u.a. auch auf ihrem Debütalbum A Bundled Bundle of Bundles und dem darauf aufbauenden Studioalbum Faces in the Rocks mit dem Song Wizard Flurry Home.

Auch musikalisch knüpft die Singer-Songwriterin an indigene Traditionen an. So wird sie auf Faces in the Rocks von der Flötistin Gentle Thunder (Pseudonym von Lisa Carpenter) begleitet, die sich auf indigenes Flötenspiel spezialisiert hat.

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