Zu dem Lied Geramafon (Plattenspier) des iranischen Singer-Songwriters Reza Yazdani
Mit der Freiheit ist es ähnlich wie mit der Stromversorgung: Erst wenn sie einem abgedreht wird, weiß man sie richtig zu schätzen. – Über einen Song des iranischen Singer-Songwriters Reza Yazdani.
Podcast
Der Plattenspieler
Der Mond tanzt auf dem Plattenspieler
in der Sinfonie der Nacht, während meine Traumbitten
mich in eine unbekannte Gasse entführen.
Dort vorne ist das Meer
in ungetrübter Schönheit,
sogar Gott hat sich eingefunden.
Wir tanzen Walzer mit den Lichtwellen des Mondes,
der Wind trägt uns hinaus
über die Grenzen des Schlafzimmers,
wir lösen uns im Nebel auf
und entschwinden in eine ferne Vergangenheit,
in der wir vagabundierend fliegen
von Tajrisch nach Darband.*
Eine Schneebar in Bame Tehran**
nimmt uns in sich auf,
Worte schwirren durch die Luft,
Regen zieht auf
am Horizont.
Wir tanzen Walzer …
Der Mond tanzt auf dem Plattenspieler,
du tanzt allein auf dem Balkon
und gleitest fort nach Tajrisch.
Du siehst die Zukunft, bevor sie beginnt.
Dann aber endet dieses Traumkapitel,
und Regen setzt ein, Regen setzt ein …
Reza Yazdani: Geramafon aus: Khaterat-e-Mobham (Unbestimmte Erinnerungen, 2013)
* Tayrisch, Darband: Stadtteile von Teheran
** Bame Tehran: Wander- und Skigebiet in den Bergen oberhalb von Teheran
Official Audio:
Wie man die Freiheitspflanze zum Blühen bringen kann
Wenn Gärtner eine Pflanze rascher zum Blühen bringen wollen, wenden sie oft Trick 17 an: Sie entziehen ihr Licht. Durch die Verknappung dieses Lebenselixiers strengt sich die Pflanze an, ihr Lebensziel – die Ausbreitung ihrer Art – schneller zu erreichen. Ihr Leben wird dadurch beschwerlicher, gleichzeitig aber auch intensiver.
Dieser Mechanismus erinnert mich immer wieder an den menschlichen Geist. Lässt man ihm seine Freiheit oder bemisst man seine Freiräume zumindest so großzügig, dass die Gitterstäbe seines Käfigs nicht zu sehen sind, so neigt er zur Trägheit. Legt man ihm aber Fesseln an, so schlägt er trotzig mit den Flügeln, wie ein Vogel, den man an den Füßen festhält.
Analog hierzu wird die relative geistige Freiheit in westlichen Gesellschaften nicht selten dazu genutzt, sich von Netflix-Serien und dem Endlosgeraune der Talkshows berieseln zu lassen. Und die politischen Freiheiten dienen lediglich dazu, alle vier Jahre die Stimme an der Wahlurne „abzugeben“ – anstatt sie für die aktive Einmischung in den politischen Diskurs zu nutzen.
Lebendiger Freiheitswille im Iran
In autoritären Staaten wird dagegen jeder Krümel, der vom Kuchen des Geistes zu erhaschen ist, andächtig genossen. Verbotene Bücher werden von Hand kopiert und im Geheimen weitergereicht. Gedichte und Lieder, die die Zensur nicht passiert haben, werden auswendig gelernt und in gut getarnten kulturellen Nischen vorgetragen. Und natürlich gedeihen unter diesen Bedingungen auch die Träume von einer Gesellschaft, in der dem Geist keine Ketten angelegt werden und politische Entscheidungen nicht dekretiert, sondern breit diskutiert werden.
Eine solche Situation herrscht gegenwärtig im Iran. Das Gebot, an die Stelle der Feier des Lebens die Anbetung der Mullahs zu setzen, hat dazu geführt, dass das Leben dort, wohin der gestrenge Blick der Mullahs nicht reicht, nur umso intensiver gefeiert wird. Im Bemühen, die Zensur zu umgehen, entwickelt die Kunst – begleitet von einer entsprechenden künstlerischen Sensibilität des Publikums – immer raffiniertere Ausdrucksformen. Und schließlich können auch die immer neuen Repressionswellen nicht verhindern, dass es im Land eine lebendige politische Opposition gibt, die Pläne für eine Gesellschaft jenseits der derzeitigen Theokratie entwickelt.
Natürlich muss man bei all dem äußerst behutsam vorgehen. Konspirative Treffen müssen an geheimen Orten stattfinden, und es müssen sprachliche Codes entwickelt werden, die der Zensurbehörde unverfänglich erscheinen.
Der Traum von der Überschreitung der Grenzen
Beides ist in dem Lied Geramafon (Der Plattenspieler) des persischen Singer-Songwriters Reza Yazdani (Jahrgang 1973) deutlich zu erkennen. Scheinbar handelt es sich bei dem Song lediglich um eine harmlose Träumerei: Jemand hört Musik und lässt sich dabei im Geiste „in eine unbekannte Gasse entführen“. Im Traum tanzt er mit irgendjemandem Walzer auf „den Lichtwellen des Mondes“, dann endet der Traum so plötzlich, wie er begonnen hat.
Oberflächlich betrachtet, könnte man den Song für ein Liebeslied halten, bei dem jemand sich nachts in die Arme einer fernen Geliebten träumt. Bei genauerem Hinsehen enthält das Lied jedoch unverkennbar Andeutungen einer die repressive Gegenwart überschreitenden Utopie. So ist von den „Grenzen“ die Rede, die im Traum überwunden werden, von einer „ferne[n] Vergangenheit“, in der ein Leben in Freiheit möglich ist, und von einer Zukunft, die sichtbar wird, „bevor sie beginnt“.
Hinzu kommt, dass der Text auch klar identifizierbare Orte außerhalb der Hauptstadt benennt, in denen die Überwachung weniger lückenlos ist. Damit wird hier auch auf den Widerstandswillen der Bevölkerung angespielt, die im Privaten jene Freiheiten auszuleben versucht, die ihr in der Öffentlichkeit verwehrt werden.
Dass der utopische Tanz im Mondschein sich am Ende in grauen Regenschleiern auflöst, entspricht der Realität, in der die Menschen im Iran leben müssen. Gleichzeitig macht das Lied jedoch klar, dass die Utopie hiervon unberührt bleibt: Sie lebt in einer Zeit außerhalb der Zeit, in einer Vergangenheit, die zugleich Zukunft ist und von keiner noch so harten Repression ausgelöscht werden kann.
„King Reza“: ein iranisches Idol
Die Musik von Yazdani, der auch Gedichte des persischen Mystikers Dschalal ad-Din ar-Rumi vertont hat, weist zwar Anklänge an orientalische Traditionen auf, öffnet sich jedoch gleichzeitig für die befreiende Kraft der Rock-Musik. Auf diese Weise ist es dem Künstler gelungen, im Iran zu einem Idol zu werden, ohne dass das Regime in ihm einen Gegner sehen würde.
Yazdanis Konzerte sind stets ausverkauft, und seine Fans nennen ihn ehrerbietig „King Reza“. Für sie ist er ein lebendiger Gegenentwurf zu der unterdrückerischen Herrschaft der Mullahs.