Zu dem Song Mother Russia der Band Renaissance
Der 1974 veröffentlichte Song Mother Russia der britischen Band Renaissance über die Verfolgung von Oppositionellen führt die Kontinuität politischer Repression in Russland vor Augen. Implizit verweist er aber auch auf die Unvereinbarkeit von Freiheit und Nationalismus.
Podcast:
Mütterchen Russland
Im Arbeitslager lässt du ihn bezahlen
jahrein, jahraus für seine Liebe zu dir.
Seine Finger sind vereist,
doch seine Seele brennt für dich.
Hörst nicht auch du, Mütterchen Russland,
seine Stimme?
In seiner Einsamkeit denkt er an dich,
lebt nur für dich, gibt dich nicht auf.
Hörst nicht auch du, Mütterchen Russland,
seine Stimme? Willst du nicht ihm
und dir die Freiheit schenken?
Warum bestrafst du ihn für seine Gedanken,
ihn, den blinden Seher, der hungert
für die Wahrhaftigkeit, ihn, der Stein auf Stein
schichtet für dich? Warum ist er nicht mehr
als eine Nummer für dich,
ein Tropfen Blut im Schnee?
Rotes Blut erfriert im weißen Schnee,
gefrorene Flüsse können nicht fließen.
Warum siehst du, Mütterchen Russland,
nicht in den Spiegel deiner Kälte?
Siehst du nicht, dass er weint um dich?
Renaissance: Mother Russia Text: Betty Thatcher-Newsinger; Musik: Michael Dunford us: Turn of the Cards (Das Wenden der Karten; 1974)
Live-Aufnahme aus dem Jahr 1977:
Wie man sieht, ist Mother Russia ein Song von bedrückender Aktualität.
Ein erschreckend aktueller Song
Mother Russia ist ein Song von bedrückender Aktualität. Er zeigt, dass in Russland seit Jahrzehnten gerade diejenigen unter politischer Unterdrückung zu leiden haben, die sich am meisten für das Land engagieren.
In dieser Hinsicht gibt es in Russland eine erschreckende Kontinuität. Ob in der Zarenzeit, in der Ära der kommunistischen Herrschaft oder im Geheimdienststaat Wladimir Putins und seiner Vasallen: Immer wurden und werden die Geschicke des Landes von Menschen bestimmt, für die Selbstbereicherung und der eigene Machterhalt an erster Stelle stehen.
„Russische Größe“ ist für diese Machthaber ein Synonym und Garant für ihre eigene angemaßte Größe und ihre Allmachtsphantasien. Wer ihren Machtanspruch in Frage stellt, stellt in dieser Logik auch das Vaterland selbst in Frage und macht sich demnach des Landesverrats schuldig.
Solange es den Herrschenden gelingt, diese pervertierte Logik mit den Mitteln der Propaganda als unantastbar hinzustellen, kann jeder Ansatz für politische und gesellschaftliche Erneuerung im Keim erstickt werden. Jeder Versuch, die Macht vom Kopf auf die Füße zu stellen und wenigstens ansatzweise eine Form von Volksherrschaft zu etablieren, erscheint so automatisch als Hochverrat.
Solschenizyn als ungenannter Held des Songs
Das Lied hält allerdings noch eine bittere Pointe parat. Denn es bezieht sich – wie Band und Songtexterin immer wieder betont haben – nicht allgemein auf russische Oppositionelle, sondern ist Alexander Solschenizyn gewidmet. Konkret ist es von dessen Roman Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch (1962) – einer Auseinandersetzung des 1970 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Schriftstellers mit seiner Lagerhaft – inspiriert.
Solschenizyn hatte zwar von 1945 bis 1953 aufgrund stalinkritischer Äußerungen eine Lagerhaft verbüßen müssen und war anschließend in ein Dorf in Kasachstan verbannt worden. 1957, in der Tauwetter-Periode unter Nikita Chruschtschow, war er jedoch begnadigt worden. Danach hatte er in Russland publizieren können und war auch in den Schriftstellerverband aufgenommen worden.
1969 wurde Solschenizyn wegen nicht autorisierter Auslandspublikationen wieder aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Aus demselben Grund wurde er fünf Jahre später – im Jahr des Erscheinens des Songs Mother Russia – auch des Landes verwiesen: Den ersten Teil seiner heute berühmtesten Schrift, des seine Lagerhaft verarbeitenden Werks Archipel Gulag, hatte er nach dem Druck in Frankreich in Russland verbreiten wollen – als so genannte „Tamisdat“-Ausgabe (von „tam“: „dort“, also im Ausland gedruckt). Dies wurde ihm nach sowjetischem Strafrecht als „Landesverrat“ ausgelegt.
Vom kritischen Intellektuellen zum Nationalisten
Solschenizyn stand zwar auch nach seiner Begnadigung aufgrund seiner kritischen Äußerungen unter besonderer Beobachtung der Behörden. 1971 unternahm der KGB sogar – auch dies eine erschreckende Parallele zu späteren Mordanschlägen russischer Geheimdienste auf Oppositionelle – einen Giftanschlag auf ihn, den der krebskranke Solschenizyn nur knapp überlebte.
Nach seiner Rehabilitierung im Zuge der Perestroika und der Wiedererlangung der sowjetischen bzw. russischen Staatsbürgerschaft im Jahr 1990 übernahm Solschenizyn allerdings genau jene Positionen, die später auch von Wladimir Putin und seinen Anhängern als Legitimation für ihre nach innen und außen gewalttätige Politik genutzt wurden. In Essays und Büchern mit bezeichnenden Titeln wie Russland im Absturz (1999) beklagte er den moralischen Niedergang und den Verlust der imperialen Größe Russlands, wofür er die Politik unter Gorbatschow und Jelzin verantwortlich machte.
Dementsprechend unterstützte Solschenizyn auch die brutale Niederschlagung des tschetschenischen Aufstands unter Wladimir Putin und traf sich mehrfach mit diesem, nachdem der ehemalige KGB-Offizier Präsident geworden war. Zum Glück für sein historisches Ansehen starb er im Jahr 2008 mit 89 Jahren, bevor die Angriffe gegen die Ukraine einsetzten. Als Befürworter einer Eingliederung der Ost- und Südukraine sowie der Krim in die Russische Föderation hätte er ansonsten wohl den Krieg gegen das Nachbarland unterstützt.
Problematische Assoziierung von Freiheit und Nationalismus
Das Problem an einer Haltung, wie sie von Intellektuellen wie Solschenizyn und allgemein von rechtsnationalen Politikern vertreten wird, besteht darin, dass sie zwar für die eigene Kultur einen unbedingten Schutzstatus einfordern, diesen aber anderen Ländern und Kulturen absprechen. Der Kampf für die eigene Kultur ist dadurch im Kern imperialistisch gefärbt. Er ist von dem missionarischen Gedanken beseelt, durch die vermeintliche Überlegenheit der eigenen Kultur anderen Völkern und Kulturen das Heil bringen zu können, indem man sie in den eigenen Machtbereich integriert.
Hinzu kommt, dass Eigenständigkeit und Zugehörigkeit hier stets national definiert werden. Der Gedanke, dass ein anderes Land zwar ähnliche kulturelle und sprachliche Wurzeln haben kann wie man selbst, aber einem anderen gesellschaftlichen und politischen Kurs folgt, kommt in diesem geistigen Kosmos nicht vor.
Auch hieraus ergibt sich eine imperialistische Haltung. Sie reicht von der Idee, alles tatsächlich oder vermeintlich Russische in das eigene Reich eingliedern zu müssen, bis zu dem panslawistischen Projekt eines alle slawischen Völker umfassenden Imperiums unter russischer Vorherrschaft.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Gestalt der „Mother Russia“ als Bezugspunkt für die russische Identitätsbildung nicht unproblematisch, da diese dadurch zwangsläufig nationalistisch gefärbt ist. Sinnvoller wäre es vielleicht, „Lady Liberty“ oder „Dame Democracy“ als identitätsstiftende Allegorien zu verwenden. So käme klarer zum Ausdruck, dass individuelle Freiheitsrechte und allgemeine Menschenrechte unabhängig von der nationalen Identität zur Geltung gebracht werden müssen.
Über die Band Renaissance
Die britische Band Renaissance wurde 1969 von Keith Reif und Jim McCarty gegründet, löste sich jedoch bereits kurz darauf wieder auf. Bei der Neugründung im Jahr 1972 bestand die Band aus ganz anderen Mitgliedern als in der Anfangsformation. Lediglich McCarty wirkte als Komponist weiter an Songs der Band mit. Die Liedtexte wurden vielfach von der Dichterin Betty Thatcher-Newsinger beigesteuert.
Während Renaissance sich in den 1980er Jahren stärker in Richtung Popmusik entwickelte, waren die Alben der 1970er Jahre vom Progressive Rock geprägt. Deutlich wird dies insbesondere an der Integration von Elementen und Instrumenten der klassischen Musik. Viele Lieder weisen längere Instrumentalpassagen auf und gleichen so eher kleinen Song-Opern als den radiokompatiblen Dreiminuten-Tracks.
Prägend für die Musik von Renaissance ist darüber hinaus der Gesang von Annie Haslam. Dies betrifft nicht nur deren am Operngesang geschulte, ausgesprochen variationsreiche Stimme, sondern auch die Tatsache, dass in den meisten anderen Progressive-Rock-Bands der Zeit Männer als Leadsänger fungierten.
Bild: Antônio Parreiras (1860 – 1937): Torturado (Gefoltert); Rio de Janeiro, Museu Antônio Parreiras (Wikimedia commons)