Beamten-Fußball

Der VAR als Sinnbild für die Entdemokratisierung des Fußballs

Der Videoschiedsrichter sollte einmal dazu dienen, offensichtliche Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern zu verhindern. Mittlerweile ist er jedoch zu einem Sinnbild für die zunehmende Intransparenz von Regelauslegungen und -veränderungen im Weltfußball geworden.

Der heilige Gral der „kalibrierten Linie“

Wie oft der VAR an diesem Wochenende wohl wieder als Euphoriekiller gewirkt hat? – Ich weiß es nicht. Gefühlt ist es aber alle fünf Minuten passiert, dass Torhymne und -jubel unter dem gestrengen Blick eines Computerauges in sich zusammengefallen sind.

Regelmäßig kommt es dabei zu der absurden Situation, dass Zehntausende gebannt auf einen Mann schauen, der sich eine Hand ans Ohr hält, um unter dem anschwellenden Pfeifkonzert zu verstehen, was ihm aus einem sagenumwobenen „Keller“ mitgeteilt wird.

Spannung? Ja, natürlich, die gibt es dabei auch. Sie ist jedoch in etwa so, als würde ein ganzes Stadion gebannt einem Beamten dabei zusehen, wie er in einer Akte ein Komma setzt: Wird er es einen Millimeter weiter nach rechts setzen? Oder es doch direkt neben dem Wort platzieren?

Längst geht es bei Abseits nicht mehr darum, ob ein Spieler sich beim Zuspielen des Balles durch das zu frühe Vordringen hinter die gegnerische Linie einen Vorteil verschafft. Die viel zitierte „kalibrierte Linie“ ist mittlerweile vielmehr zu einer Art heiligem Gral der Regelhüter geworden, die mit dem ursprünglichen Sinn der Abseitsregel so viel zu tun hat wie ein Aktenvermerk mit einem Torjubel.

Du hast dir vor dem Spiel die Fingernägel nicht geschnitten? – Pech gehabt: Nun ragt ein Millimeter deines rechten Zeigefingers in die „verbotene Zone“.

Du hast Spaß an langen Haaren? – Das solltest du dir besser abgewöhnen. Denn nun hat der Wind die Spitze eines Haares über die heilige Linie geweht.

Mehr Gerechtigkeit durch den Videoschiedsrichter?

Ja, ich weiß: Der Videoschiedsrichter ist nicht nur für Abseitsentscheidungen zuständig. Sein hauptsächlicher Sinn besteht darin, „offensichtliche Fehlentscheidungen“ des Schiedsrichters verhindern zu helfen.

Klassisches Beispiel: Das „Phantomtor“ von Thomas Helmer vom 23. April 1994, bei dem der Ball in einem Spiel von Bayern München gegen den 1. FC Nürnberg durch ein Loch im Netz den Weg ins Tor gefunden hatte, ohne dass dies dem Schiedsrichter aufgefallen wäre.

Niemand wird etwas dagegen haben, dass solche Tore im Zeitalter des VAR nicht mehr möglich sind. Auf der anderen Seite ist es aber fraglich, ob die Entscheidungen der Schiedsrichter durch den VAR wirklich gerechter geworden sind.

Insbesondere bei Elfmeterentscheidungen stellt sich oft der Eindruck ein, dass der Ermessensspielraum sich lediglich auf eine andere Ebene verlagert hat. Manchmal schreitet der Videoschiedsrichter ein, manchmal auch nicht.

Ob ein „strafbares Handspiel“ vorliegt oder nicht, ist eben noch immer nicht in jedem Fall zweifelsfrei zu entscheiden. Gleiches gilt für die Frage, ab wann ein Körperkontakt als Foul zu werten ist.

Unklare Entscheidungen wegen unklarer Regeln

Auch hier gilt: Wird ein klares Foul oder ein klares Handspiel übersehen, ist das unterstützende Eingreifen des Videoschiedsrichters natürlich wünschenswert.

Das Problem ist nur: Es gibt hier leider keine eindeutige Klarheit. Es ist viel zu oft Auslegungssache, ob eine Berührung des Balles mit Arm bzw. Hand oder ein Körperkontakt mit einem gegnerischen Spieler einen Elfmeter rechtfertigt oder nicht.

Dabei wäre es durchaus möglich, hier für mehr Klarheit zu sorgen. Beim Handspiel könnten etwa die absichtliche Bewegung von Hand oder Arm zum Ball und die dadurch verursachte Richtungsänderung des Balles stärker berücksichtigt werden. Denn genau darum ging es ja einmal, als die Regelung eingeführt wurde: Nur der Torwart sollte das Recht haben, im Strafraum mit der Hand zum Ball zu gehen und so ein Tor zu verhindern.

Mittlerweile ist jedoch das Handspiel an sich ein Sakrileg. Es wird geahndet wie ein Rülpser vor dem Altar, unabhängig davon, ob es dem Übeltäter einen Vorteil hätte bringen können.

Gleiches gilt für das Foulspiel. Auch hier lassen manche Schiedsrichter „Gnade vor Recht“ ergehen, während andere schon das leichte Touchieren des Gegners als strafwürdig einstufen. Stattdessen müsste man einfach klarstellen: Jede nicht ballzentrierte Berührung des Gegners, die in der Absicht erfolgt, diesem im Strafraum einen Vorteil bei der Torerzielung zu nehmen, hat einen Strafstoß zur Folge. Dies würde normale Zweikämpfe unangetastet lassen, aber etwa das übliche Umklammern des Gegners bei Eckstößen wirksam unterbinden.

Ein ketzerischer Vorschlag: Lasst uns die Abseitsregel reformieren!

Und die Abseitsregel? – Am einfachsten wäre es wohl, sie ganz abzuschaffen. Wäre es nicht lustig, mitanzusehen, wie sich ein Asterix-Stürmer klammheimlich hinter die gegnerische Abwehrkette schleicht, um plötzlich als „Jack in the box“ vor dem Torwart aufzutauchen und den Ball ins Tor zu spitzeln?

Klar, das wird nicht passieren. Denn: Die Abseitsregel ist der Kern des Expertenwissens aller Fußballbegeisterten. Sie unterscheidet den Kenner vom Laien, den Stammtischphilosophen vom Gelegenheitskickergucker.

Aber könnte man die Abseitsregel nicht in einem entscheidenden Punkt umdrehen? Wie wäre es, wenn wir sie an die „Ball-im-Aus“-Regel anpassen würden? Strafbar wäre das Vordringen hinter die gegnerische Abwehrkette dann nicht mehr, wenn diese mit einer Fußspitze überragt wird, sondern wenn der Körper des Spielers „in vollem Umfang“ über sie hinausragt.

Ja, auch das hätte wieder beamtenmäßiges Nachmessen zur Folge. Deshalb könnte man die Reform ergänzen durch einen ausdrücklichen Ermessensspielraum des Schiedsrichters. Verschätzt er sich bei seiner Entscheidung um ein paar Millimeter, so wäre das folglich keine klare Fehlentscheidung.

Demokratie? Nicht bei Regeländerungen im Weltfußball!

Die Kommentare von Fans, Spielern und Reportern zu VAR-Entscheidungen lassen mich vermuten, dass meine Reformvorschläge nicht gerade auf taube Ohren stoßen würden. Zumindest ist es wohl nicht aus der Luft gegriffen, wenn ich behaupte, dass hier Redebedarf besteht.

Und genau an diesem Punkt wird aus dem Ärgernis ein Skandal: Denn eben dieser Redebedarf läuft ins Leere. Es gibt keine Stelle, bei der man ihn zur Geltung bringen könnte, keine Fußball-Ombudsmänner, die vermittelnd eingreifen könnten.

Aber gehört der Fußball nicht uns allen? Ist er nicht das letzte demokratische Großprojekt der Welt? Müsste es also nicht möglich sein, Regeländerungen, die von einer überwältigenden Mehrheit der Fans befürwortet werden, durchzusetzen?

Nein, keineswegs. Über das Regelwerk des Weltfußballs wacht ein exklusives Gremium: das International Football Association Board (IFAB). Mit Demokratie und Transparenz hat es in etwa so viel zu tun wie ein abolutistischer Monarch mit dem Volkswillen.

Kurioserweise wird das Gremium noch nicht einmal allein von der FIFA beschickt, die sonst mit diktatorischer Macht über die Geschicke des Weltfußballs bestimmt. Stattdessen gehen von den acht Stimmen, mit denen hier über Regeländerungen entschieden wird, nur vier an die FIFA. Die anderen Stimmen werden nicht etwa per demokratischer Wahl an Fachleute vergeben, sondern von den vier Fußballverbänden Großbritanniens beansprucht. Da Regeländerungen nur mit Dreiviertelmehrheit beschlossen werden können, verfügen sie über eine Sperrminorität: Ohne ihre Zustimmung gibt es keine Reform.

Wenn das Spiel zu einem Spielball der Regeln wird

Die Begründung für diese undemokratische Vorgehensweise lautet schlicht: Großbritanniens Fußballverbände dürfen über die Zukunft des Fußballs entscheiden, weil das Land die Heimat des Fußballs ist. Das mag ja sein. Griechenland ist aber auch das Mutterland der Demokratie – und dennoch bestimmen Griechen nicht darüber, nach welchen demokratischen Spielregeln andernorts gespielt wird.

Der Skandal besteht dabei nicht nur in der Tatsache an sich, dass die Entscheidungen über Reformen im Weltfußball hinter verschlossenen Türen getroffen werden. Die undemokratische, intransparente Praxis, die Spielregeln von den Gralshütern der Tradition bestimmen zu lassen, hat vielmehr zunehmend zur Folge, dass die Regeln sich von der lebendigen Realität des Spiels entfernen.

Mit anderen Worten: Der Fußball entfremdet sich von selbst. Er verliert das, was ihn so faszinierend macht: seine Spontaneität, seine Leidenschaft, seine Unvorhersehbarkeit. Stattdessen wird er mehr und mehr zu einem Objekt strenger Regelhüter, die jede Spielhandlung mit oberlehrerhafter Strenge be- oder verurteilen.

Die Regeln sind dann nicht mehr dazu da, das Spiel zu unterstützen, sondern das Spiel wird selbst zu einem Spielball der Regeln. So verkommt die „schönste Nebensache der Welt“ zu einem absurden Staatsakt.

Bild: Ih: Der Fußballbeamte-AI

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