Zu dem Song Memorial Embers der australischen Band Chalice
Die Pflege der Erinnerung ist vielfach eine wichtige Voraussetzung für Frieden und inneres Gleichgewicht. Es gibt aber auch Fälle, in denen das Vergessen ein Segen ist. Hiervon handelt der Song Memorial Embers der australischen Band Chalice.
Die Glut des Gedenkens
Wo einst sich der Kokon des Lebens
drückend spann um das kindliche Herz,
führt nun zwischen dem herbstlichen Blätterballett
ein Aschepfad ins Land des seligen Vergessens.
Wo einst die Stacheln der Vergangenheit
schmerzhaft in das Herz des Kindes stachen,
fällt durch den roten Blätterreigen
nun ein Strahl der Gnade in mein Herz.
Auf diesem Pfad aus Asche soll verbrennen
die Erinnerung. Wie eine Schlange will ich gleiten
aus der Haut meiner Vergangenheit
in ein neues, unbeschwertes Leben.
Die Tränen einer sterbenden Kerze,
das Todesweinen einer verlöschenden Flamme,
die Trauer einer verwaisten Kammer –
alles versinkt im Rausch der Wiedergeburt.
Gehäutet ruhen heute die Schlangen
zwischen dem Blätterschmuck des Waldes.
Aufatmend wärmt sich meine Seele
im stillen Arm des Sonnenuntergangs.
Im Strahl der abendlichen Gnade
steigt die Asche der Erinnerung
verblassend auf zum Himmel
und lässt meine Seele befreit zurück.
Chalice (Kelch): Memorial Embers Aus: Chronicles of Dysphoria (2000)
Official Audio:
Fluch und Segen der Erinnerung
Wenn man den Song Memorial Embers kurz zusammenfassen wollte, müsste man wohl sagen: Er handelt von dem „Segen“ bzw. der „Gnade“ des Vergessens. Davon, dass man wieder befreit atmen und ein neues Leben beginnen kann, nachdem man bestimmte Dinge hinter sich gelassen hat.
Aus psychologischer und historischer Sicht klingt das zunächst fragwürdig. Denn ist es nicht gerade ein Ziel von Psychotherapie, verdrängte Inhalte wieder ans Licht zu bringen, also gerade gegen das Vergessen anzuarbeiten? Und heißt es nicht auch, dass diejenigen, die nicht aus der Geschichte lernen, sondern sie dem Vergessen anheimfallen lassen, dazu verdammt sind, die Geschichte zu wiederholen?
In beiden Fällen ist also die Wiederbelebung respektive Pflege der Erinnerung eine Voraussetzung für inneren und äußeren Frieden. Steht das nicht im Widerspruch zu der Aussage des Liedtextes?
Die Fesseln der Vergangenheit
Um die Frage zu beantworten, muss man sich vergegenwärtigen, dass es unterschiedliche Erinnerungen gibt – und dass nicht alle Erinnerungen dem Seelenheil förderlich sind.
Es gibt natürlich Fälle, in denen verdrängte Inhalte das Denken und Fühlen eines Menschen aus dem Unterbewusstsein heraus bedrängen und negativ beeinflussen. Dann ist es fraglos notwendig, sich diesen Inhalten zu stellen und sich bewusst mit ihnen auseinanderzusetzen.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass man dauerhaft auf das zuvor Verdrängte fixiert bleiben sollte. Das Ziel der geistigen Reise ins eigene Unterbewusste ist auch hier das Ablegen der oft traumatischen Erlebnisse in dem Regal der gewöhnlichen Erinnerungen – wo sie neben anderen bedeutungslos gewordenen Ereignissen verstauben können.
Daneben sind jedoch unzählige Situationen denkbar, in denen das Erlebte so traumatisch ist, dass es gar nicht verdrängt werden kann – sondern umgekehrt das bewusste Leben eines Menschen so sehr bedrängt, dass die Erinnerung das Gehirn wie in einem Schraubstock gefangen hält.
Ein völliges Vergessen des Erlebten ist zwar auch dann nicht möglich – und wohl auch nicht ratsam, weil es so erst recht eine unkontrollierbare Wirkung entfalten könnte. Das zeitweilige Ausschalten der Erinnerung ist in diesen Fällen aber durchaus erstrebenswert. Denn nur so lässt sich mit den traumatischen Ereignissen leben, nur so können sie unter Kontrolle gehalten werden.
Vergessen als Resultat des bewussten Blicks ins Gesicht der Vergangenheit
Es gibt zahlreiche Beispiele für derartige Bewusstseinsinhalte, die das gesamte Leben eines Menschen dauerhaft verdüstern können. Sie reichen von Trauerfällen über miterlebte Naturkatastrophen bis zu Gewalterfahrungen – sei es im privaten Umfeld, also etwa durch häusliche Gewalt, oder im öffentlichen Raum, also etwa durch Kriegstraumata oder Vergewaltigungen.
Diese Fälle sind es, auf die sich der Song Memorial Embers zu beziehen scheint. Hierfür sprechen auch die Anspielungen auf eine rituelle „Beerdigung“ der Erinnerung. Ein Beispiel dafür ist das Bild von deren zum Himmel aufsteigender Asche, aus der sich die Möglichkeit einer „Wiedergeburt“ ergibt.
All dies deutet darauf hin, dass der Song den Abschluss einer längeren Auseinandersetzung mit traumatischen Inhalten beschreibt. Es geht also nicht um ein schlichtes Lob des Vergessens oder gar der Verdrängung, sondern um den befreiten Umgang mit der Vergangenheit, der aus einer bewussten Konfrontation mit ihr resultiert.
Über die Band Chalice
Die Band Chalice (Kelch) ist ein Musikprojekt von Shiralee Morgan und Adrian Bickle, das 1996 im australischen Adelaide aus der Taufe gehoben wurde und bis 2007 bestand. Morgan übernahm in der Band Gesang und Keyboards, Bickle war am Schlagzeug aktiv. Er stieg schon ein Jahr vor dem Ende der Band aus dem Projekt aus.
Der Song Memorial Embers entstammt dem Debütalbum der Band, Chronicles of Dysphoria, das die Gruppe zunächst in Eigenregie aufgenommen und dann für die Übernahme in das Programm des Melbourner Labels Modern Invasion Music noch einmal neu eingespielt hatte. Dafür wurden auch neue Musiker engagiert.
Der Musikstil der Band ist immer wieder der Gothic-Szene zugeordnet worden. Durch die opulenten Arrangements, die sich in längeren Instrumentalpassagen, einem opernhaften Gesang und in der Neueinspielung von Memorial Embers etwa auch in der Hinzufügung von Violinenbegleitung äußern, weist die Musik jedoch auch eine Nähe zum Progressive Rock auf.
Diese Mischung verlieh der Band einen individuellen Sound. Gleichzeitig erschwerte der Cross-over-Ansatz jedoch die zielgruppenspezifische Vermarktung der Musik. Dies war mit ein Grund für die Auflösung der Band im Jahr 2007.