Zu dem Lied Venerdì santo des italienischen Cantautore Francesco Guccini
Die ursprüngliche Bedeutung des Karfreitags mag in unserer heutigen säkularen Gesellschaft längst verblasst sein. Als Teil unserer kulturellen DNA entfaltet sie dennoch – wie auch ein Lied des italienischen Cantautore Francesco Guccini zeigt – bis heute ihre Wirkung.
Podcast:
Karfreitag
Karfreitag …
In der Abenddämmerung
weht ein Hauch von Frühling.
Karfreitag …
Die geöffneten Kirchen künden
mit violetten Farben
vom Tod Christi.
Karfreitag …
Weihrauchschwaden ziehen
durch die alten Straßen des Zentrums –
aber vielleicht ist es auch nur Staub,
der im Frühling wie Wachs zu brennen scheint.
Karfreitag …
Der Gesellschaft anderer überdrüssig,
leben wir in einer Dunkelheit,
die dem Nichts entwächst.
Karfreitag …
Selbst die Liebe
scheint von Reue ermattet zu sein.
Karfreitag …
Gott stirbt, und du,
amore,
stirbst in meinen Armen.
Und dann, am Abend,
bleibt nur eine sanfte Erinnerung zurück
an den Karfreitag.
Karfreitag, in der Abenddämmerung …
Karfreitag, der Gesellschaft anderer überdrüssig …
Francesco Guccini: Venerdì santo Aus: Folk beat n. 1 (1967)
Official Audio:
Karfreitag: Moralischer Offenbarungseid …
Für Menschen christlichen Glaubens ist der Karfreitag der traurigste Tag des Jahres. Genau genommen ist es auch nicht einfach nur ein sehr trauriger Tag. Der Karfreitag steht für den ultimativen moralischen Offenbarungseid der Menschheit: Der Mensch, der sich am meisten für sie eingesetzt hat, der ihr Glück am meisten gewollt hat, ist von seinen Mitmenschen auf bestialische Weise zu Tode gefoltert worden. Derjenige, der Gewaltlosigkeit vorgelebt hat, ist auf besonders gewalttätige Weise getötet worden.
Insofern erscheint der Karfreitag als die endgültige Beerdigung aller Hoffnungen, das Wort „human“ irgendwann mit jener Bedeutung anfüllen zu können, den es seinem Klang nach haben sollte.
… und absolutes Hoffnungszeichen
Nun ist der Karfreitag allerdings ein wenig wie ein Vexierbild. Wir können die Perspektive auch umdrehen und sagen: Ein Mensch – wenigstens ein einziger – hat es geschafft, alle Selbstsucht zu besiegen. Zumindest einmal in der Geschichte der Menschheit ist es jemandem gelungen, das eigene Glücksstreben ganz mit dem Streben nach einer allgemeinen Harmonie zu verbinden, nach einem Glück, das alle anderen mit einschließt.
Dies wiederum ist ein absolutes Hoffnungszeichen: Wenn ein Mensch hierzu fähig ist, sind potenziell auch alle anderen dazu fähig. Sie müssen nur dem Vorbild desjenigen folgen, der ihnen den Weg dorthin gewiesen hat.
Der Karfreitag als Teil unserer kulturellen DNA
In unserem heutigen Alltag spielen derartige Karfreitagsgedanken natürlich kaum noch eine Rolle. Die christlichen Feiertage bestimmen wohl noch hier und da den Rhythmus unseres Lebens – ihrer ursprünglichen Bedeutung aber sind sie längst entkleidet. Selbst Weihnachten ist ja heutzutage vor allem ein Fest der Familie und der Geschenke. Das Christliche ist hier oftmals nur noch schmückendes Beiwerk.
Dennoch sind in Ländern mit einer katholisch geprägten Geschichte christliche Traditionen bis heute ein Teil der kulturellen DNA. Auch wenn man sich über einen Tag wie den Karfreitag keine tieferen Gedanken macht, prägt er dann doch in spezifischer Weise die Stimmung.
In besonderem Maße gilt das in einem Land wie Italien, das wohl in mancherlei Hinsicht als eine Art Heimat des Katholizismus angesehen werden kann. Was Karfreitagsstimmung dort bedeutet, zeigt sich exemplarisch an einem Lied des berühmten italienischen Cantautore Francesco Guccini.
Das Lied thematisiert durchaus auch die Seelenfinsternis, die sich aus dem Kreuzigungstod Christi ergibt. Sie manifestiert sich in dem Gefühl, in einer „Dunkelheit“ zu leben, „die dem Nichts entwächst“. Dies geht hier auch mit einem Überdruss an der „Gesellschaft anderer“ einher: Die existenzielle Verlassenheit, für die der einsame Tod des Erlösers steht, ist durch keinerlei menschliche Gemeinschaft zu heilen.
Wiederauferstehung und Frühlingserwachen
Insgesamt ist die Grundstimmung des Liedes jedoch nicht von düsterer Trauer gekennzeichnet. Es ist eher eine sanfte Melancholie, die von ihm ausgeht. Der Grund dafür ist wohl nicht zuletzt das Bewusstsein des nahen Wiederauferstehungsfestes, die Gewissheit also, dass der Tod hier nur als Etappe auf dem Weg zu einer umfassenden Erlösung erscheint.
Dementsprechend verknüpft Guccini die Karfreitagsatmosphäre auch mit der Stimmung des beginnenden Frühlings, dessen Duft sich in den engen Gassen mit den aus den Kirchen dringenden Weihrauchschwaden vermischt. Denn auch der Frühling ist ja mit der neu aufkeimenden Vegetation eine Form von Wiedergeburt.
Kreuzigungstod und Liebestod
Zusammengebunden werden Karfreitagsstimmung und Wiederauferstehungshoffnung in einer persönlichen Liebeserfahrung. Der Tod des Erlösers wird dabei unmittelbar zu dem „Tod“ der Geliebten in den Armen des Ichs in Beziehung gesetzt.
Der Liebestod ist nun aber ebenso zweideutig wie die Karfreitagssymbolik: Er steht einerseits für eine Form äußerster Hingabe in der Liebesekstase, andererseits aber auch für den Tod der Liebe, also eben jene Verfinsterung des Daseins, wie sie auch der Karfreitag symbolisiert.
Sittenstrenge Naturen werden eine solche Vermischung von erotischer und religiöser Sphäre wohl als blasphemisch zurückweisen. Allerdings gibt es hierfür auch in der Bibel ein sehr bekanntes Beispiel: das Hohelied Salomos. Und auch die spätmittelalterliche Mystik hat immer wieder die religiöse in der erotischen Ekstase gespiegelt.
So mag Guccinis Karfreitagslied sich zwar nicht sklavisch an die christliche Dogmatik halten. Gerade dadurch zeigt es allerdings, wie bestimmte religiöse Erfahrungen auch dann noch in der Kultur eines Landes weiterleben können, wenn die dahinterstehenden Glaubenssätze längst verblasst sind.
Über Francesco Guccini

Der 1940 in Modena geborene Francesco Guccini zählt zu den bedeutendsten italienischen Cantautori. Er war zunächst als Lehrer und Journalist tätig, hat sich jedoch bereits in den frühen 1960er Jahren verstärkt der Musik gewidmet.
Guccinis musikalische Anfänge waren einerseits von Beat und Rock ’n‘ Roll geprägt, dem vorherrschenden Musikstil der Gruppe I Gatti (Die Katzen), in der er als Gitarrist und Sänger mitwirkte. Andererseits orientierte er sich aber auch an dem stärker von der Folkmusik beeinflussten Singer-Songwriter-Stil Bob Dylans.
In den 1970er Jahren avancierte er zu einem anerkannten Cantautore, dessen Alben auch kommerziell erfolgreich waren und Spitzenplätze in den Charts eroberten. Neben massentauglichen Liebesliedern hat Guccini auch immer wieder Songs zu kontroversen oder für die italienische Gesellschaft schmerzhaften Themen geschrieben. So hat er sich etwa in La locomotiva mit politisch motivierter Gewalt und in dem Song Auschwitz mit Judenverfolgungen auseinandergesetzt.
Guccini hat auch Soundtracks für Filme geschrieben und sich überdies als Romanautor betätigt. So hat er etwa in einer autobiographisch geprägten Romantrilogie seine Kindheit und Jugend verarbeitet. Als wichtige Figur der italienischen Kulturszene hat er sich auch immer wieder mit kritischen Wortbeiträgen und Essays in den gesellschaftlichen Diskurs eingebracht.
Bilder: Darío de Regoyos (1857 – 1913): Karfreitagsmorgen in Orduña (1903); Museu Nacional d’Art de Catalunya (Wikimedia commons); Marcello Salustri: Francesco Guccini beim Kartenspielen in einer Bar (1972); Wikimedia commons