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Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll …

Wahlprüfsteine des Rothen Barons

König von Deutschland(1)

Am nächsten Sonntag finden sie nun also statt, die Wahlen, bei denen man keine Wahl hat. O.K. – ich übertreibe mal wieder. Und wenn ihr’s genau wissen wollt: Ich habe sogar schon meine Stimme „abgegeben“. Für wen, weiß jeder, der mal in diesem Blog herumgestöbert hat. (Kleiner Tipp: Die AfD ist es nicht …)

Trotzdem bin ich mir sicher, dass ich mich nach der Wahl in diesem Land ebenso fremd fühlen werde wie vor der Wahl. Ich habe mir deshalb noch einmal genau überlegt, was die Kernelemente einer Veränderung sein müssten, durch die ich mich in Deutschland zu Hause fühlen könnte. Dabei ist natürlich nichts Neues herausgekommen. Die folgende Übersicht ist daher lediglich im Sinne einer Liste von Wahlprüfsteinen zu verstehen, an denen eine ideale „Rother-Baron-Partei“ sich ausrichten müsste. Detailliertere Argumente finden sich in den Essays, die jeweils im Anschluss an die einzelnen Punkte meines Wunschzettels verlinkt sind.

Bildung / Kinderrechte. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, wären die Schulen keine Kasernen mehr, in denen durch Notendruck die Konkurrenzmentalität der Ellbogengesellschaft eingeübt wird. Anstatt die Beurteilung geistiger Leistungen als Selektionsinstrument zu missbrauchen und Kinder, die nicht der Norm entsprechen, auf ins soziale Abseits führende Schulen abzuschieben, würde nur das geistige Wachstum jedes Einzelnen zählen. Indem dieses im Vordergrund stünde, würden die Heranwachsenden zugleich den Respekt vor der individuellen Würde des Anderen erlernen, anstatt schon früh die Aussortierung des Andersartigen als Norm zu erleben.

Eng mit dieser neuen Lern- und Bildungskultur verbunden wäre ein verändertes Bild von Kindern und Jugendlichen. Diese würden dann als eigenständige Subjekte geachtet, deren physisches und psychisches Wohlergehen im Zweifelsfall stets höher zu gewichten wäre als das vermeintliche Eigentumsrecht der Eltern an ihnen.

vgl. G 8? G 9? Plädoyer für G 0

Energie / Nachhaltigkeit. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, müsste ein Windrad zunächst einmal als das betrachtet werden, was es ist: als ein bis zu 300 Meter hoher Betonpfeiler mit Rotorblättern. Es müsste klar sein, dass man, wenn man einen solchen Betonpfeiler bedenkenlos in die Erde rammt, damit die eigene Entfremdung von der Natur dokumentiert und ein Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell am Leben erhält, aus dem genau jene Umweltzerstörungen resultieren, die man durch ein Energieprojekt wie die Windkraft zu überwinden vorgibt.

Stattdessen muss eben diese an ewigem Wachstum orientierte Lebensweise zugunsten eines an umfassender Nachhaltigkeit ausgerichteten Umgangs mit den natürlichen Ressourcen überwunden werden. Anstatt immer neue Naturzerstörungen in Kauf zu nehmen, um die Energie für den Erhalt der destruktiven Wachstumswirtschaft zu erzeugen, müsste zunächst das vorhandene Einsparpotenzial ausgeschöpft werden. Dabei ist nicht nur an umfassende Investitionen in konkrete Energiesparmaßnahmen zu denken. Ein wirklicher Paradigmenwechsel wäre vielmehr nur durch eine grundlegend andere, weniger materialistische Lebensweise zu erreichen, die sich mehr an geistigem Wachstum orientieren würde.

Bei Natur- und Klimaschutz würden wir dann nicht mehr an technische Verfahren denken, die für die menschliche Gesundheit halbwegs tolerable Umweltbedingungen gewährleisten sollen. Sie würden sich vielmehr organisch aus der Einsicht ergeben, selbst ein Teil der Natur zu sein und folglich nur in einem harmonischen Miteinander mit dieser ein erfülltes Leben führen zu können.

vgl. Inneres und äußeres Wachstum. Die Paradoxie eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums

Fairer Handel. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, dürfte „Fairtrade“ nicht bloß eine Option der Verbraucher sein. Es müsste vielmehr selbstverständlich sein, dass Unternehmen, die bei der Herstellung von Produkten oder dem Handel damit grundlegende soziale und ökologische Standards missachten, diese Produkte nicht verkaufen dürfen. Fairer Handel dürfte auch niemals als Synonym für einen vorgeblichen „freien Handel“ missbraucht werden, durch den nur die Interessen der großen Industrienationen und ihrer multinationalen Konzerne durchgesetzt werden. Stattdessen müsste „fairer Handel“ im globalen Maßstab auch immer das Ziel einer Annäherung der globalen Lebensverhältnisse an das in den Industrieländern geltende Niveau beinhalten.

vgl. Geistesgift Gier. Zur Genese und Bekämpfung ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse

Flüchtlingshilfe / globale Solidarität. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, müsste hier eine Kultur der Empathie herrschen. Der Anblick verzweifelter Flüchtlinge würde dann niemanden dazu veranlassen, Schutzwälle gegen diese zu errichten oder das Militär gegen sie in Stellung zu bringen. Stattdessen würden wir alle gemeinsam mögliche Hilfs- und Unterbringungsmaßnahmen diskutieren und uns dafür entsprechend engagieren.

Naturkatastrophen und Hungersnöte, die sich anderswo auf der Welt ereignen, würden nicht mehr dazu dienen, sich abends vor dem Fernseher einen Grusel-Kick in seinem weich gepolsterten Alltag zu verschaffen. Stattdessen müsste das Anschauen des Grauens unmittelbar in Hilfsmaßnahmen übergehen, und es wäre selbstverständlich, dass der Staat hierauf unmittelbar mit steuerfinanzierten Unterstützungsprogrammen reagiert (beispielsweise mit Hilfe einer zweckgebundenen Steuer auf Genussmittel ).

vgl. Freiheitsboten in Flüchtlingsbooten. Der Flüchtling als Retter des Abendlandes

vgl. Fome Zero! Zehn-Punkte-Utopie zur Überwindung des Hungers

Lärmschutz. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, müsste Lärm als das behandelt werden, was er ist: als Körperverletzung und als Hindernis für geistige Aktivität. Es wäre dann selbstverständlich, dass Baustellen nur dann betrieben werden dürfen, wenn zuvor entsprechende Lärmschutzmaßnahmen ergriffen worden sind. Gleiches würde für den Betrieb von Flughäfen sowie an Bahn- und Autobahntrassen gelten. Für Garten- und Heimwerkergeräte müssten die vorhandenen Möglichkeiten zur Lärmdämmung voll ausgeschöpft werden. Wo dies nicht oder nur eingeschränkt möglich ist, müsste ein enger Zeitkorridor für die Benutzung festgelegt werden.

vgl. Die Freiheit des Rasenmähenden. Lärm als verfassungsrechtliches ProblemDie Freiheit des Rasenmähenden. Lärm als verfassungsrechtliches Problem

Militär. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, müsste das Militär als das betrachtet werden, was es ist: als notwendiges Übel. In einer Welt der durchgeknallten Diktatoren und der hybriden Kriege würde Demilitarisierung am Ende nur in eine verstärkte Militarisierung und in die Tyrannei münden, da die Schlächter dieser Welt dies als Einladung verstehen könnten, sich das wehrlos gewordene Land zur Beute zu machen. Dies darf aber nicht dazu führen, dass man das Militär verherrlicht oder ihm gar ein Eigenleben zugesteht, eine Existenz als „Staat im Staate“. Denn dies hat zur Folge, dass man das fördert, was man durch eine Verteidigungsarmee eigentlich eindämmen möchte, dass man die Kriegsspirale also selbst weiter antreibt.

In einem Staat, der sich konsequent dem Ziel einer friedlichen Koexistenz der Völker verschreibt, dürfte es folglich keinen militärisch-industriellen Komplex geben, der sich von der Befeuerung kriegerischer Konflikte nährt, keine Truppenübungen, die das Volk jenem Terror aussetzen, vor dem sie es zu bewahren vorgeben, und keine Werbung für den Militärdienst, die diesen mit dem Weichzeichner der Lagerfeuerromantik verklärt.

vgl. Todessehnsucht und Tötungsauftrag. Über einige Besonderheiten des Tötens im KriegTodessehnsucht und Tötungsauftrag. Über einige Besonderheiten des Tötens im Krieg

Mitbestimmung. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, müsste hier eine Kultur des Dialogs Einzug halten. Die Herrschenden würden dem Volk dann nicht mehr mit den Mitteln moderner Propaganda ihre Entscheidungen „kommunizieren“, sondern regelmäßig in Bürgerforen über diese diskutieren. Die Diskussionen müssten dabei nach dem Prinzip der gleichberechtigten Teilhabe ablaufen, d.h. sie dürften nicht nur die Funktion eines Ventils für die Artikulation von Unzufriedenheit erfüllen, sondern müssten echte Einflussnahme auf politische Prozesse ermöglichen. Voraussetzung dafür wäre ein umfassender kultureller Wandel, der nicht mehr von den Endlosschleifen der Talkshow-Monologe, sondern von einer Kultur des Zuhörens, der Empathie und der Bereitschaft, voneinander zu lernen, geprägt wäre.

vgl. Neuanfang oder Untergang. Vorschläge für eine Reform der demokratischen Willensbildung

Soziale Grundsicherung / Gesundheitsschutz. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, müsste Schluss sein mit der Herabwürdigung des unterprivilegierten Teils der Bevölkerung zu Bettlern. Statt der demütigenden Pflicht zu behördlichen Bittgängen gäbe es ein am Prinzip der negativen Einkommensteuer orientiertes Grundeinkommen, dass allen eine würdevolle Existenz ermöglichen würde.

Gekoppelt wäre dies an einen kostenlosen, steuerfinanzierten Gesundheitsschutz. Dieser würde dabei nicht in der Hand privater Unternehmen liegen, sondern wäre – wie die Bildung – eine Kernaufgabe des Staates. Hierdurch sollte sichergestellt werden, dass in einem dem Ideal der Humanität verpflichteten Staatswesen der Gesundheitsschutz nicht zu einem Gegenstand eines inhumanen Denkens in Kategorien von Taktoptimierung, Fallzahlen und Gewinnmaximierung verkommen kann.

vgl. Arbeit und Mehrwert. Vorüberlegungen für eine menschenwürdigere Gestaltung des EntlohnungssystemsArbeit und Mehrwert. Vorüberlegungen für eine menschenwürdigere Gestaltung des Entlohnungssystems

Steuergesetze. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, müsste es selbstverständlich sein, dass Steuern in erster Linie dann gezahlt werden, wenn jemand einen finanziellen Gewinn zu verzeichnen hat – wenn er also mehr Lohn erhält, als er zum Leben braucht, Gewinne durch den Handel oder die Herstellung bestimmter Produkte erzielt, von Spekulationsgeschäften an der Börse profitiert, eine Erbschaft macht oder im Lotto gewinnt. Wenn dagegen die Waschmaschine kaputt ist und man eine neue kaufen muss, muss es sich von selbst verstehen, dass der Staat von diesem Pech nicht durch die Erhebung von Mehrwertsteuer profitieren darf.

Soweit Steuern eine Lenkungsfunktion haben oder als Entgelt für die Nutzung von Gemeineigentum zu verstehen sind, sollten sie nur zweckgebunden erhoben werden dürfen: Die Tabaksteuer sollte allein dem Gesundheitsschutz, die Kfz-Steuer nur der Ausbesserung von Straßen und dem Umweltschutz dienen. „Steuergerechtigkeit“ sollte zudem nicht einseitig auf das Verhältnis der BürgerInnen gegenüber dem Staat bezogen werden, sondern wechselseitig, also auch im Sinne einer Rechenschaftspflicht der staatlichen Akteure gegenüber den Steuerpflichtigen, gelten. Vom Bundesrechnungshof beanstandete Verfehlungen müssten mit derselben Schärfe geahndet werden, mit der säumige Steuerzahler verfolgt werden.

vgl. Der Gestank des Geldes. Zur Steuer(un)moral des Staates

Tierschutz. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, müsste es normal sein, dass jemand der in der Dunkelheit mit einem Nachtsichtgerät unschuldigen Tieren auflauert, um sie zu erschießen, als das verurteilt wird, was er ist: als heimtückischer Mörder. Es muss normal sein, dass man, wenn man an einer Autobahnraststätte zu Tode verängstigte Tiere hört, die in einem dunklen Viehtransporter eingepfercht sind, die Polizei ruft, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen zu lassen. Es muss selbstverständlich sein, dass ein Schlachthof ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist – im Sinne eines Bruchs mit dem Leitbild einer Humanität, die es ausschließt, Mitgeschöpfe als Produktionsmaterial zu verdinglichen.

vgl. Homo bestialis. Der Schlachthof als moralischer Offenbarungseid

Wohnrecht. Wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühlen soll, müsste es selbstverständlich sein, dass jeder Mensch ein Grundrecht auf Wohnen hat. Demzufolge gäbe es eine strenge, am Durchschnittslohn orientierte Mietpreisbremse und eine Bringpflicht des Staates zur Verhinderung von Obdachlosigkeit bzw. bei der Versorgung von Obdachlosen. Anstelle immer neuer Wohnungsbauprojekte, die in erster Linie als Konjunkturprogramm für die Bauwirtschaft fungieren, müsste das Wohnen im ländlichen Raum gefördert werden, indem leer stehende Häuser saniert und Umzüge aufs Land durch eine Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs attraktiver gemacht würden.

 

Bild: Snapshot aus dem Video: Rio Reiser: König von Deutschland

Musikalische Sommerreise 2017: Teil 1

Das Unerwartete erwarten

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Eines meiner schönsten Reiseerlebnisse hatte ich vor Jahren in Süditalien. Ich hatte mir damals eines dieser „All-you-can-travel“-Tickets gekauft, freie Fahrt auf allen Schienen Italiens für zwei Wochen. Da ich damit fast mein gesamtes Reisebudget aufgebraucht hatte, bedeutete das: nachts im Zug schlafen, morgens irgendwo ankommen.

Natürlich ergab sich so ein recht kaleidoskopartiges Bild von Italien: Fresken aus umbrischen Kirchen vermischten sich mit Kaugummi kauenden Halbstarken auf einer Fähre nach Messina, der kräftige Wein in einer Florentiner Studentenkneipe schmeckte noch nach dem kärglichen Mahl einer albanisch sprechenden Familie in der kalabrischen Hochebene. Andererseits habe ich auf diese Weise Dinge entdeckt, die ich, hätte ich nach ihnen gesucht, wohl nie gefunden hätte.

Am tiefsten hat sich meiner Erinnerung die Begegnung mit einem apulischen Bauern eingeprägt. Ich war morgens in Gioa del Colle ausgestiegen – warum, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war mein Blick vom Zug aus auf das sagenumwobene Castel del Monte gefallen, jene geheimnisvolle Burg, die einst Friedrich II., genannt ‚Stupor Mundi‘ (‚das Staunen der Welt‘), dort hatte errichten lassen. Vielleicht war das aber auch einfach nur der Moment, in dem mein Kaffeedurst nicht mehr zu unterdrücken war oder die Pendler den Zug zu okkupieren begannen.

Gioa del Colle selbst scheint mich nicht sehr beeindruckt zu haben. Jedenfalls sehe ich mich schon bald aus der Stadt herauswandern und über Feldwege schlendern, an denen etliche Olivenbäume ihre knorrigen Gebete verrichteten. Irgendwann muss mich dann die Müdigkeit übermannt haben, so dass ich mich neben einem der Olivenbäume ins Gras fallen ließ.0000002547

Nachdem ich kurz weggenickt war, stand auf einmal der Besitzer des Olivenhains vor mir. Ich erinnere mich nicht mehr an sein Aussehen, aber natürlich stelle ich mir vor, dass sein Gesicht dunkel und faltig war wie die Rinde seiner Olivenbäume.

Sofort fühlte ich mich ertappt – in Deutschland hatte ich schon einige Begegnungen der unangenehmeren Art mit Bauern gehabt, die lagerndes Volk auf ihrem Land am liebsten wie Ungeziefer entsorgt hätten. Aber der apulische Landmann lächelte mir nur freundlich zu und sprach mich an, als wäre es das Normalste von der Welt, ermattete Bahnreisende unter seinen Olivenbäumen anzutreffen. Am Ende lud er mich zu sich nach Hause ein – guarda, da vorne steht es, nicht weit von hier.

Ich fühlte mich etwas unwohl in meiner Haut, ich, der Fremde, der Eindringling, der Passant in einer Welt, die ich nur streifte wie ein Zeitreisender. Im Haus meines spontanen Gastgebers fiel jedoch alle Scheu rasch von mir ab. Die Familie versammelte sich um den großen Küchentisch, es gab – Überraschung! – eingelegte Oliven mit Weißbrot und Olivenöl, dazu einen feurigen vino rosso, der mir die Zunge auf Anhieb löste. So bezahlte ich die unerwartete Gastfreundschaft bereitwillig mit Erzählungen von dem, was dem fest in seiner Erde verwurzelten contadino als pure Exotik erschien: dem Irrsinn des rastlosen Reisens.

castel-del-monte-1-bigIrgendwann dann die wohl unvermeidliche Frage: Ob ich das Castel del Monte schon besichtigt hätte? Als ich verneinte, griff mein Gastgeber zum Telefon und rief einen Bekannten an, der die Schlüsselgewalt über das castello hatte – denn dieses war ausgerechnet an dem Tag, an dem ich mich in dem Ort aufhielt, geschlossen. Mein Gönner meinte jedoch, dass man unmöglich nach Gioa del Colle kommen könne, ohne den Palast von „Barbarossa“ zu besichtigen. Ja, für ihn war es das castello von „Barbarossa“ – was ja auch viel schöner klingt als „Federico due“.

Tatsächlich kam ich so in den Genuss einer Privataudienz beim Geist des großen Imperators. Es wurde zwar nur ein Kurzbesuch, da der Verwalter recht mürrisch war und die Ruhe des Herrschers nicht allzu lange von einem abgerissenen Herumtreiber stören lassen wollte. Dennoch ist mir die von keinem Klicken und Blitzen eines Fotoapparats gestörte Atmosphäre bis heute in Erinnerung. Ganz kurz hat es mich angeweht, das Staunen des mächtigen Kaisers, der schon zu seiner Zeit nicht von dieser Welt zu sein schien.

Zum Abschied bekam ich noch ein großes Glas Oliven und eine Flasche Rotwein in die Hand gedrückt – nicht gerade eine praktische Gabe für einen Wandersmann, aber doch etwas, das ich nach den Erlebnissen des Tages weder ablehnen konnte noch wollte.

Am Abend hatte ich keine Lust zum Weiterreisen. Der Reisestaub verklebte meine Poren und benebelte meine Sinne, ich hatte plötzlich das unbezwingbare Bedürfnis nach Ruhe und Halt. So suchte ich mir ein bezahlbares Hotel, naschte noch ein wenig von den Oliven und dem Wein und ließ mich bald darauf von den winkenden Armen der Olivenbäume, die mich auf einmal aus tausend dunkelgütigen Augen anstarrten, in den Schlaf wiegen.

Früh am Morgen weckte mich ein Klopfen an der Tür – es war mein Gastgeber. Jetzt habe ich doch irgendetwas falsch gemacht, schoss es mir, aus dem Schlaf hochschreckend, durch den Kopf. Aber mein Olivenspender fragte mich nur freundlich, ob ich schon von dem Proviant, den er mir mitgegeben hatte, genascht hätte. Als ich ihm von dem köstlichen Geschmack seiner Erzeugnisse vorschwärmte, lächelte er zufrieden und verabschiedete sich dann. Er müsse jetzt zur Arbeit, in die Fabrik – von dem Olivenanbau allein könne er seine Familie leider nicht ernähren.

Nach dem „Frühstück“ (Espresso und Weißbrot – „colazione“ hatte hier offenbar eine solco-gravina-2andere Konnotation als in Deutschland) wanderte ich auf der anderen Seite des Ortes in die Felder hinaus. Ich weiß noch, dass die Landschaft mit ihren versprengten „trulli“, den zipfelmützigen Zwergenhäuschen, mir ausgesprochen eintönig vorkam. Fast bereute ich es schon, nicht gleich weitergereist zu sein. Dann jedoch tat sich auf einmal die Erde vor mir auf. Ich blickte hinab in eine tief eingeschnittene Schlucht, eine der so genannten „gravine“, die sich hier, in der Hochebene der „Murgia“, im Lauf der Jahrtausende in das Kalkgestein hineingegraben hatten. Eidechsen flohen aufgeschreckt, als ich an den Rand der Schlucht trat, Ziegen hoben kauend die Köpfe, Schlangen verzogen sich gelangweilt in ihren Felsspalten.

Ich ließ mich nieder und sog tief den Geruch von warmen Kräutern ein, der mich aus der Schlucht anwehte. Als ich den Rotwein öffnete, war es, als strömte ein freundlicher Geist aus der Flasche, der mir den Duft der Wildnis in Worte übersetzte, die kein Mensch buchstabieren kann. So habe ich für ein paar wenige Augenblicke die Seele Apuliens eingeatmet.

Diese Erlebnisse sind es, die für mich den Kern des Reisens ausmachen. Das, was ich dabei suche, ist immer das Unerwartete, das, womit ich nicht gerechnet habe, das, was mir einen völlig anderen Blick auf die Welt ermöglicht. Reisen bedeutet für mich in diesem Sinn auch immer: Urlaub von mir selbst machen, ein anderer werden, wenigstens für kurze Zeit.

Ein Stück weit ist eine solche Reise auch schlicht durch eine fremde Sprache möglich. Eine andere Sprache ist immer auch eine andere Welt, sie eröffnet einen ganz neuen Sinnhorizont, die Möglichkeit einer ganz anderen Art, die Dinge zu deuten und einzuordnen. Das wird selbst bei dem vergleichsweise harmlosen Liedchen, das die erste Etappe meiner diesjährigen musikalischen Sommerreise darstellt – dem Song Aventurera (‚Abenteurerin‘) der mexikanischen Sängerin Natalia Lafourcade –, deutlich.

Wer das Lied hierzulande hört und vor allem den sehr humorvollen Videoclip dazu sieht,Aventurera wird wohl an die Überwindung sozialer Konventionen denken, an verdrängte Träume und Wünsche, die sich plötzlich Bahn brechen und die Betreffenden dazu veranlassen, die Mauern der Normen und sozialen Rollen, in denen sie gefangen sind, zu durchbrechen. Bei einer Mexikanerin wird das Lied jedoch noch ganz andere, viel komplexere Assoziationen auslösen. Denn Aventurera war auch der Titel eines sehr bekannten Films unter der Regie von Alberto Gout, der 1950 in die Kinos kam und als Schlüsselwerk des „cine de rumberas“ gilt. Der Name dieses Filmgenres leitet sich ab von den Tanzeinlagen der „rumberas“, Tanzenden, die sich zu afro-karibischen Rhythmen bewegen. Auf eben diese spielt der Song durch die Ukulele an, auf der die Sängerin sich selbst begleitet.

Aber auch der launige Videoclip wird von einer Mexikanerin anders wahrgenommen werden als von einer Deutschen. Denn die darin angedeutete Befreiung der Frau aus dem bürgerlich-katholischen Normenkorsett findet eine Entsprechung in den Inhalten der Rumberas-Filme, für die ebenfalls die Thematisierung von weiblichen Ausbrüchen aus der Enge ihres kleinbürgerlichen Alltags charakteristisch ist. Angesichts der Zeitumstände enden diese Ausbrüche allerdings häufig tragisch – nämlich, wie etwa in dem Film Aventurera, in Bordellen und Nachtclubs, wo die Frauen den Schritt in die Freiheit mit Exhibition und Prostitution bezahlen müssen.

Hierzu passt schließlich auch, dass es sich bei dem Song Aventurera um das Cover eines Liedes von Agustín Lara (1897 – 1970) handelt. Dieser gilt heute als einer der wichtigsten Komponisten von Liedern im Bolero-Stil, musste sich zu Lebzeiten jedoch lange als Bordellpianist durchschlagen. Eben dies spiegelt sich auch in dem Lied wider, das im Kern die Aufmunterung einer in einem Bordell gestrandeten „Abenteurerin“ darstellt. Der Videoclip zu dem Song greift diese aufmunternde Geste auf, blendet allerdings das soziale Elend aus, mit dem die emanzipatorischen Impulse noch bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein erkauft werden mussten. Darin ist das Remake ganz ein Kind der heutigen Zeit, in der der Weg zu körperlicher und seelischer Freiheit zuweilen nur deshalb „holprig“ ist, weil die Betreffenden sich selbst im Wege stehen.

HuddelexMeine musikalische Sommerreise wird in diesem Jahr, wie bereits angedeutet, in Etappen verlaufen – das heißt, ich werde die musikalischen Kurztrips nicht alle auf einmal, sondern peu à peu freischalten. Eigentlich wollte ich zum Einstieg ja selbst ein Ständchen zum Besten geben. Ich hatte dabei an die Capri-Fischer gedacht: „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt …“ – das hätte schön zum Sommer gepasst und wäre irgendwie auch näher dran gewesen an Apulien. Ich hatte auch schon fleißig geübt, für meine Begriffe war ich gar nicht so schlecht, aber dann ist zu meinem Befremden plötzlich meine Katze in Ekstase geraten. Das hat mich stutzig gemacht, denn „Katzenmusik“ gilt nach menschlichen Maßstäben ja nicht gerade als Gütesiegel. Also habe ich umdisponiert – und es stimmt ja auch: An Rudi Schurickes Gesangskunst kommt sowieso keiner ran.

Videos:

Natalia Lafourcade: Aventurera (aus: Mujer Divina. Homenaje a Agustín Lara – ‚Die göttliche Frau. Eine Hommage an Agustín Lara‘; 2012).

Original von Agustín Lara:

Aventurera

Vende caro tu amor, aventurera!
Dale el precio del dolor, a tu pasado!
Aquél, que de tus labios la miel quiera,
/ que pague con diamantes su pecado! /

Vende caro tu amor, aventurera!
Dale el precio del dolor, a tu pasado!

Ya que la infamia de tu cruel destino
marchitó tu admirable primavera,
haz menos escabroso tu camino!
Vende caro tu amor, aventurera!

Ya que …
Que pague …

Übersetzung:

Abenteurerin

Verkauf deine Liebe teuer, Abenteurerin!
Lass dir das Leid, das du erdulden musstest, teuer bezahlen!
Derjenige, der um den Honig deiner Lippen bittet,
/ soll seine Sünde mit Diamanten bezahlen. /

Verkauf deine Liebe teuer, Abenteurerin!
Lass dir das Leid, das du erdulden musstest, teuer bezahlen!

Sieh zu, dass dein weiterer Weg weniger holprig ist,
nachdem die Schande deines grausamen Schicksals
deinen herrlichen Frühling hat welken lassen!
Verkauf deine Liebe teuer, Abenteuerin

Rudi Schuricke: Capri-Fischer:

Bilder: 1. Pietro Dàmbrosio: Castellanata- Borgo antico a stropiombo sulla Gravina Grande. Dez. 2015.,  2. alter Olivenbaum, 3. Castel del Monte; 4. Gravina della Murgia; 5. Filmplakat Aventurera; 6. Katze in Ekstase

Einladung ins Haus Kröll

Ein „kleines Haus am Ende der Welt“ … Ja, auch mir ist dieser Traum nicht fremd.
Vor zehn Jahren verführte mich eine Erbschaft dazu, diesen Traum einmal in der Wirklichkeit zu suchen. Ich war damals viel in der Steiermark unterwegs und hatte mich in die dortige Bergwelt verliebt. Also suchte ich vor Ort nach einem Häuschen für Mußestunden und unverfälschte Naturbegegnungen. Allerdings: hielten die meisten Angebote nicht das, was die realitätsfremde Maklerpoesie versprach.
Dies änderte sich erst, als ich ein kleines Haus im Johnsbachtal besichtigte. In diesem Tal schien mir das Prädikat „wildromantisch“ nicht bloß ein leeres Werbeprospektversprechen zu sein. Die schroffen Berge des Gesäuses, zwischen denen sich die einzige Straße, die in das abgelegene Tal führt, irgendwo verliert, eignen sich einfach nicht für den Massentourismus.
Wirklich unwiderstehlich wurde das Häuschen für mich allerdings erst durch die alte Frau, die es anbot. Sie war damals schon recht krank und wollte deshalb lieber nach Admont, ins nächstgelegene Städtchen, umziehen, wo ärztliche Versorgung und häusliche Hilfe sich leichter organisieren ließen.
Die Begegnung mit dieser Frau hat mich tief beeindruckt. Hermine (ich durfte sie später beim Vornamen nennen) war in jeder Hinsicht eine bemerkenswerte Frau. Einerseits strahlte sie eine Vornehmheit und Höflichkeit aus, die mich an die alten K.u.k.-Zeiten erinnerte. Wenn man sie besuchte, war ihre größte Sorge, ob auch etwas zum „Aufwarten“ im Haus wäre. Im Gespräch war sie stets den anderen zugewandt und aufmerksam, nie kam es vor, dass sie sich desinteressiert oder gleichgültig zeigte.
Gleichzeitig war Hermine jedoch von einem urtümlichen sozialdemokratischen Bewusstsein geprägt, das im jahrzehntelangen Sich-Behaupten gegen die ÖVP-Mehrheit im Dorf gestählt worden war. Denn in diesem bildete Hermine, die Gattin eines Forstarbeiters, zusammen mit zwei anderen Nachbarn eine winzige Arbeiterinsel im Meer der Großbauernfamilien.
Diese interessante Mischung aus aristokratisch wirkenden Umgangsformen und sozialdemokratischem Bewusstsein war in zahlreichen Lebensäußerungen Hermines erkennbar. So war ihr die feine Ironie ebenso wenig fremd wie die Lust am derben Schabernack, die geistreiche Unterhaltung wusste sie ebenso zu schätzen wie die durchfeierte Nacht im „Partystüberl“, einem liebevoll dekorierten Schuppen hinter ihrem Häuschen.
Vor allem aber bewunderte ich Hermine für die Art, wie sie die Liebe zu ihrem Garten zelebrierte. Sie offenbarte dabei ein ausgesprochen inniges Verhältnis zur Natur, das sich in einem sehr feinen Gespür für das Ineinandergleiten der Jahreszeiten, aber auch in einem künstlerischen Sinn für das vielfarbige Mosaik der Blüten manifestierte. Im Laufe der Zeit hatte sie sich zudem fast schon wissenschaftliche Kenntnisse über das Wachstum der einzelnen Pflanzen angeeignet, die sie in der Aufzucht seltener Orchideenarten auch praktisch zu nutzen verstand.
Leider ist Hermine schon drei Jahre nach dem Auszug aus ihrem Häuschen verstorben. Bis heute bedaure ich es, dass ich diese außergewöhnliche Frau nicht früher kennengelernt habe. Immerhin habe ich mich bemüht, Haus und Garten so zu erhalten, wie sie sie hinterlassen hat. Natürlich habe ich hier und da etwas dazugepflanzt und neu tapeziert. Auch gibt es in dem Haus jetzt eine Geschirrspülmaschine und einen Flachbildfernseher. Aber das sind alles Dinge, die Hermine wohl auch selbst mit der Zeit verändert hätte. Sie war dem Neuen gegenüber durchaus aufgeschlossen – den ultramodernen Herd in der Küche hat sich noch selbst angeschafft.
So habe ich bis heute das Gefühl, Hermine zu besuchen, wenn ich nach Johnsbach fahre. Leider habe ich dazu viel zu selten Gelegenheit. Deshalb lade ich auch immer Freunde und Verwandte in das Häuschen ein. Es gefällt mir nicht, wenn es unbewohnt ist. Immer ist es mir dann, als würde ich Hermine, die so ein geselliger, gastfreundlicher Mensch war und deren Geist doch noch immer in dem Haus wohnt, selbst im Stich lassen, wenn ich ihr Häuschen allein lasse.
So ist mir der Gedanke gekommen, auch den Freunden des Rothen Barons einen Aufenthalt im „Haus Kröll“ anzubieten. Ich verbinde damit zugleich die Hoffnung, all den virtuellen „Freundschaften“ ein klein bisschen echtes Leben einzuhauchen. Denn wenn ihr das Haus Kröll besucht, ist es doch ein bisschen, als würden wir alle in Hermines „Partystüberl“ zusammenkommen und uns dort über Gott und die Welt austauschen.
Im Idealfall könnte so eine Art geistige Kommune entstehen, ein kreatives Kraftzentrum, über das wir alle miteinander verbunden wären. Eine Community-Website, zum Hochladen von Fotos und Kommentaren, habe ich, als ersten Schritt, schon einmal eingerichtet. Dort findet ihr auch nähere Informationen zu Haus, Umgebung und Kontaktaufnahme: Link: Haus Kröll
Das Angebot ist, wie alles am Rothen Baron, selbstverständlich nicht-kommerziell.

Das Russlandbild in der deutschsprachigen Literatur

babuschka-2Durch die mehrbändigen West-östlichen Spiegelungen liegen sowohl für das Deutschlandbild in der russischen Literatur als auch für das Russlandbild in der deutschsprachigen Literatur detailreiche Untersuchungen vor. Was fehlt, sind kürzere Überblicksdarstellungen, die eine erste Orientierung über Kontinuitäten und Diskontinuitäten des Russlandbildes in der deutschsprachigen Literatur bieten.Dies hat mich dazu bewogen, an dieser Stelle zwei Arbeiten zu veröffentlichen, die dazu beitragen können, diese Lücke zu schließen. Im einen Fall handelt es sich um eine Studie zum Russlandbild in der deutschsprachigen Literatur von 1900 bis 1930 – eine Zeit, die für den Untersuchungsgegenstand besonders er­giebig ist, da sie die verschiedenen Facetten des Russlandbildes wie in einem Brennglas bündelt. Im anderen Fall werden die Entwicklungstendenzen des Russlandbildes exemplarisch anhand einzelner Autoren diskutiert und durch längere Leseproben veranschaulicht.

Das Russlandbild in der deutschsprachigen Literatur 1900 – 1930:das-russlandbild-in-der-deutschsprachigen-literatur-1900-bis-1930

Überblick über die Geschichte des Russlandbildes in der deutschen Litera­tur in Einzeldarstellungen: geschichte-des-russlandbildes-in-der-deutschen-literatur-in-einzeldarstellungen

Populismus und Autoritarismus

Der PDF-Text wurde um Links zu den USA unter Donald Trump erweitert.

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Handlungsmuster und rhetorische Mittel des neuen Autoritarismus

hogocomicHinter uns liegt ein Jahr (rechts-)populistischer Triumphe. Diese könnten sich bei den 2017 anstehenden Wahlen wiederholen. Das Problem dabei ist: Wer den Populismus wählt, holt sich auch seinen Zwilling, den Autoritarismus, ins Haus. Zur Abschreckung gibt es deshalb hier ein kleines Autokraten-ABC: einen Einblick in die Folterkammer autoritärer Regime.

Text lesen: autoritarismus

Weitere Essays zum Thema:

Die desinformierte Demokratie

Der mündige Bürger als Feiertagskonstrukt

Volks- oder Parteienherrschaft

Aus: Gespräche mit Paula. Gespräch über das Wahlrecht

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Die desinformierte Demokratie

Kann man die Demokratie vor der Demokratie schützen?

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Wenn es eine Stellenausschreibung für das Amt des US-amerikanischen Präsidenten gäbe, könnte man wohl sicher sein, dass Donald Trump dem Bewerbungsprofil nicht entsprochen hätte. Dass er trotzdem die Wahl gewonnen hat, verweist auf strukturelle Mängel des demokratischen Systems.

Wenn es eine Stellenausschreibung für das Amt des US-amerikanischen Präsidenten gäbe, könnte man wohl sicher sein, dass Donald Trump dem Bewerbungsprofil nicht entsprochen hätte. Seine geopolitischen Kenntnisse sind rudimentär, er verfügt kaum über politische Erfahrung, er zeichnet sich weder durch besondere Teamfähigkeit noch durch Dialogbereitschaft aus, er tritt diplomatische Gepflogenheiten mit Füßen, und anstatt das Land zu einen, vertieft er die Spaltung mit rassistischen und sexistischen Äußerungen. Als Präsident der Vereinigten Staaten gefährdet er nicht nur die wirtschaftliche und politische Stabilität des eigenen Landes, sondern ist eine veritable Gefahr für den Weltfrieden.

Wenn so jemand im Mutterland der Demokratie Präsident werden kann, muss die Frage daher nicht nur lauten: Wie konnte das passieren? Vielmehr muss auch gefragt werden, wie eine solche Entwicklung in Zukunft verhindert werden kann. Mit anderen Worten: Wie kann verhindert werden, dass die Demokratie sich durch ihre Eigendynamik selbst zerstört? Welche Reformen können die Demokratie vor sich selbst schützen?

Zunächst einmal erscheint es wohl notwendig, die erforderlichen Qualifikationen für höchste Staatsämter genauer zu benennen. Dass Donald Trump den Top-Job bekommen hat, obwohl er dem Anforderungsprofil nicht entspricht, stellt ja keine Ausnahme oder neue Entwicklung dar. Vielmehr profitiert er lediglich von einer Praxis, die in der Politik seit Jahren gang und gäbe ist: Während man für jedes Praktikum umfangreiche Bewerbungsmappen vorlegen muss, kann man ein Ministeramt bekleiden, ohne grundlegende Kenntnisse oder gar formale Qualifikationen in dem entsprechenden Bereich nachweisen zu müssen.

Dahinter steht der Gedanke, dass Expertenwissen nur dadurch in praktisches Handeln umgesetzt werden kann, dass es von der Aura des großen „Machers“ affiziert wird. Dadurch aber wird die Aufmerksamkeit von der inhaltlichen auf die personelle Ebene verlagert, was Führerkult und Populismus fördert. Denn die Person, die sich zur Wahl stellt, muss so nicht durch fachliche Kompetenz überzeugen, sondern wird an ihrer Ausstrahlung und ihren „Führungsqualitäten“ gemessen. Letztere erscheinen umso stärker, je weniger der Kandidat die Komplexität anstehender Entscheidungen in seiner Argumentation berücksichtigt, je weniger er also abwägt und vielleicht auch einmal Zweifel und Nichtwissen erkennen lässt, anstatt die Wählenden mit platten, einfachen Parolen zu umgarnen.

Nun könnte man natürlich argumentieren, dass es in den USA ja bereits einen Vorwahlkampf gibt, der eine gründliche Vorauswahl und Begutachtung der Kandidatenriege sicherstellen soll. Das Problem ist nur, dass dieser Vorwahlkampf nach denselben Regeln abläuft wie der spätere Hauptwahlkampf. Was ich mir vorstelle, wäre stattdessen eine Kommission, die eingehend die formale Eignung und die Qualifikationen der Bewerber unter die Lupe nimmt. Im Rahmen von öffentlichen Anhörungen müsste geprüft werden, ob die Kandidaten die nötigen Fähigkeiten und Kenntnisse für die Ausübung des betreffenden Amtes mitbringen.

Im Falle von Trump wäre eine Kandidatur allerdings schon vor einer solchen Anhörung gescheitert, da er entscheidende Voraussetzungen für die Bewerbung nicht erfüllt hätte. Sowohl durch sein moralisch frag- und teilweise sogar strafwürdiges Verhalten als auch durch seine mangelnde politische Erfahrung hätte er sich bereits im Vorfeld disqualifiziert.

Natürlich birgt eine solche Vorauswahl die Gefahr politischer Inzucht in sich: Es könnte sich hierdurch gerade jenes politische Establishment reproduzieren, das in seiner Selbstgefälligkeit und Selbstbedienungsmentalität zahlreiche Wähler in den USA offenbar dazu bewogen hat, für Trump zu votieren. Politische Erfahrung als Voraussetzung für die Bewerbung um hohe Staatsämter einzufordern, darf daher nicht dazu führen, dass nur die Parteien ihre Parteisoldaten in Stellung bringen können. Vielmehr muss dabei gerade auch ein Engagement in NGO’s und in der außerparlamentarischen Opposition als Qualifikationsnachweis anerkannt werden. Um sicherzustellen, dass bei der Vorauswahl ein solcher weiter Politikbegriff zugrunde gelegt wird, muss die Kommission, die über die Zulassung der Kandidaten entscheidet, mit Vertretern einer Vielzahl von gesellschaftlichen Gruppen besetzt sein. Keineswegs darf sie sich ausschließlich aus Parlamentariern rekrutieren.

Nun ist Donald Trump ja leider kein singuläres Phänomen. Populistische Bewegungen sind auch in Europa allerorten auf dem Vormarsch. Demokratische Entscheidungsprozesse dienen dabei in vielen Fällen als Vehikel für die Etablierung diktatorischer Strukturen. So missachtet die polnische Regierung ostentativ Entscheidungen des Verfassungsgerichts, und in Ungarn werden kritische Medien von regierungstreuen Unternehmern aufgekauft. In der Türkei ist man mittlerweile schon so weit, dass bereits die leiseste Kritik an Sultan Erdoğan als Majestätsbeleidigung gewertet werden und für die Betroffenen im Gefängnis enden kann.

Gerade im Fall Erdoğans ist es dabei wichtig zu sehen, dass er zu Beginn seiner Regierungszeit keineswegs der Diktator war, als der er sich mittlerweile entpuppt hat. Vielmehr ist er seinerzeit sogar auf religiöse und kulturelle Minderheiten zugegangen und hat deren Rechte teilweise gestärkt. Eine funktionierende Demokratie muss daher auch über Mechanismen verfügen, die der diktatorischen Entwicklung anfänglich demokratisch agierender Politiker einen Riegel vorschieben.

Richtig: Dafür haben wir eigentlich das System der Gewaltenteilung. Leider funktioniert diese aber nun einmal nicht in befriedigender Weise. Eine Lehre aus den jüngsten diktatorischen Tendenzen in formal demokratischen Staaten muss es daher sein, dass das System der „checks and balances“ massiv gestärkt wird. Konkret bedeutet das etwa, dass die Besetzung der höchsten Gerichte durch politisch unabhängige Kommissionen erfolgen muss. Eine Blockade wie in den USA, wo der Senat die Besetzung der frei gewordenen Richterstelle am Supreme Court absichtlich hinausschiebt, um sie nach den Präsidentschaftswahlen mit einem republikanischen Kandidaten besetzen zu können, wäre damit ebenso ausgeschlossen wie die polnische Herabwürdigung des Verfassungsgerichts zu einem reinen Erfüllungsgehilfen der Regierung.

Auch die Unabhängigkeit der Medien müsste viel entschiedener verteidigt werden, als es heute der Fall ist. Dafür könnte etwa analog zum Kartellamt eine Behörde eingerichtet werden, die Verflechtungen zwischen Medienholdings und Parteien unterbindet. Auch müsste schon der geringste Versuch einer Einschüchterung von Medien seitens der politischen Elite oder der Einflussnahme auf die Berichterstattung öffentlich gerügt und nötigenfalls entsprechend geahndet werden.

Ein entscheidender Punkt in diesem Selbstertüchtigungsprogramm der Demokratie fehlt allerdings noch. Bislang war nur die Rede von den Anforderungen, die an Kandidaten für politische Ämter und an Regierende zu stellen sind. In einer Demokratie sind politische Entscheidungsträger jedoch abhängig vom Volk, als dem eigentlichen Souverän, der seine Macht auf durch Wahlen legitimierte Repräsentanten überträgt. Dies bedeutet, dass auch die Wählenden gewissen Grundanforderungen genügen müssen: Sie müssen die Programme der einzelnen Kandidaten kennen, und sie müssen beurteilen können, wie und ob diese in der Lage sind, ihr jeweiliges Programm umzusetzen.

Ob die Wählenden diese Anforderungen erfüllen, ist in der Vergangenheit nie überprüft worden. Stillschweigend hat man darauf vertraut, dass der „Souverän“ seine Entscheidungen schon auf rationaler Grundlage treffen würde. Gleichzeitig haben die politischen Akteure sich jedoch immer wieder nach Kräften bemüht, eben diese rationale Grundlage des demokratischen Entscheidungsprozesses durch populistische Agitation zu zerstören.

In der Folge ist es nicht nur im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf, sondern auch schon beim Brexit zu einem krassen Missverhältnis zwischen gefühlter und real getroffener Entscheidung der Wählenden gekommen. Das, worüber man abzustimmen meinte, stimmte in vielen Fällen gar nicht mit den realen Konsequenzen der getroffenen Entscheidung überein. Nicht selten haben dabei gerade jene Menschen, die sich vom Staat vergessen und vom wirtschaftlichen Fortschritt abgehängt fühlen, für eine Politik gestimmt, die ihre Misere mit hoher Wahrscheinlichkeit noch verstärken wird.

Die Konsequenz hieraus kann nur sein, dass sich künftig nicht nur die Kandidaten für politische Ämter, sondern auch die Wählenden einem Kompetenz-Check unterziehen müssen. Das heißt: Es werden allgemein verständliche, von einer neutralen Kommission erarbeitete Informationen zu den Programmen der Kandidaten bzw. der Parteien zusammengestellt, zu denen alle formal Wahlberechtigten einfache Fragen beantworten müssen. Dies ist dann die Eintrittskarte in die Wahlkabine. Eine Überprüfung der Antworten, wie in der Schule, wäre dabei wohl gar nicht notwendig. Allein schon der Hinweis auf die Notwendigkeit, die eigene Entscheidung zu reflektieren und sinnvoll zu begründen, könnte sich im Sinne einer Zurückdrängung irrationaler Wahlmotive auswirken.

Ich weiß: Das klingt zunächst einmal nach den alten Vorurteilen gegenüber dem „gemeinen Volk“, nach der Verachtung der Eliten gegenüber dem „Mann von der Straße“. Aber gerade dieses „gemeine Volk“ ist es doch, das am meisten unter den skrupellosen Populisten leidet, indem es von diesen für ihre Zwecke instrumentalisiert wird. Dies gilt umso mehr nach dem Siegeszug der sozialen Medien, der es politischen (Ver-)Führern noch leichter macht, Menschen für etwas zu mobilisieren, das ihren Interessen in Wahrheit widerspricht. Außerdem kann ich das Volk ja wohl kaum noch als „Souverän“ ansprechen, wenn dessen Fähigkeit, souveräne Entscheidungen zu treffen, systematisch unterminiert wird.

Wetere Essays zum Thema:

Der mündige Bürger als Feiertagsprodukt

Volks- oder Parteienherrschaft

In den Wind geblasen

Little boy playing guitar on a sofa at home

Der künfige Literaturnobelpreisträger?

Zur Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan

Die   Verleihung   des   Literaturnobelpreises   an   Bob   Dylan   ist   für   zahlreiche Menschen, die sich lesend und/oder schreibend mit Literatur beschäftigen, ein
Schlag ins Gesicht. Dabei geht es gar nicht darum, ob und in welchem Ausmaß
man den Liedtexten Bob Dylans literarische Qualität zugesteht. Entscheidend ist vielmehr die Frage, welche Art von Literatur auf diese Weise gefördert wird.

Aus diesem Blickwinkel ist die Wahl der Jury zunächst einmal eine Ohrfeige für
die bedeutenden US-amerikanischen Romanciers der Gegenwart. Da vor dem Hintergrund des Proporzdenkens der Jury nicht davon auszugehen ist, dass der
Preis in absehbarer Zeit erneut in die USA geht, wird ihnen damit zu verstehen
gegeben,   dass   ihre   Bemühungen,   die   Entwicklungstendenzen   der   modernen Gesellschaft   auf   komplexe   Weise   literarisch   zu   reflektieren,   angesichts   der Liedkunst eines Bob Dylans verblassen. Schmerzhaft ist die Preisvergabe aber auch für all jene, die in der Literatur ein Gegengewicht   und   ein   Korrektiv   zur   Main-Stream-Kultur   sehen.   Denn unabhängig vom gesellschaftskritischen Potenzial der Texte Bob Dylans wird man von einem Sänger, der seit Jahren die Konzertsäle dieser Welt füllt, kaum behaupten können,   dass   er   und   sein   Werk   quer   zum   marktkonformen Verwertungsdenken   der   Kulturindustrie   stehen.   Vielmehr   ist   Bob   Dylan   mit seinen Liedern längst von der Unterhaltungsindustrie aufgesogen worden. Seine Musik ist der passende Sound zum Che-Guevara-Poster an der Wand, mit dem man sich ja auch längst nicht mehr als Befreiungskämpfer outet, sondern sich lediglich   zu   einer   diffusen,   zu   nichts   verpflichtenden   Solidarität   mit   den Unterdrückten dieser Erde bekennt.
Die   Vergabe   des   Literaturnobelpreises   an   Bob   Dylan   zementiert   damit   eine Entwicklung,   die   der   Literatur   den   radikal   gesellschaftskritischen   Stachel nimmt, der sich aus ihrer prinzipiellen Fremdartigkeit und dem Eigen-Sinn ihrer sprachlichen und geistigen Strukturen ergibt. Stattdessen wird die Literatur mehr und   mehr   als   Teil   der   Unterhaltungsindustrie   wahrgenommen   und   deren Gesetzen unterworfen. Entscheidend sind dabei leichte Konsumierbarkeit und eine   Optimierung   der   Verwertungskette,   also   die   möglichst   vielfältige Nutzbarkeit   des   produzierten   Sprachmaterials   (über   Verfilmungen,   Hörspiele
oder eben die Möglichkeit, die Texte gewinnträchtig als Lieder zu vermarkten).
Eine   Beleidigung   ist   die   Preisvergabe   an   Bob   Dylan   schließlich   auch   für zahlreiche   andere   Singer-songwriter   auf   dieser   Welt.   Denn   natürlich   ist   es unbestritten, dass   deren Texte   oft   von   literarischer Qualität   sind.   Wenn   man dieses   Faktum   aber   schon   zum   ersten   Mal   in   der   Geschichte   des
Literaturnobelpreises   anerkennt,   zeugt   es   nicht   gerade   von   besonderer Originalität,   dies   ausgerechnet   an   dem   wohl   bekanntesten   und   weltweit anerkanntesten Singer-songwriter zu exemplifizieren.
In   der   Samisdat-Literatur   der   Sowjetunion   etwa   war   das   Komponieren   von Liedern bei vielen Autoren eine List, durch die sie ihre Texte an der Zensurverbreiten konnten. Daraus ist eine dezidiert literarische Lied-Tradition entstanden, die zu würdigen dem Literaturnobelpreis weit eher zur Ehre gereicht hätte als die Selbstfeier der westlichen Pop- und Rock-Tradition, wie sie in der Ehrung Bob Dylans zum Ausdruck kommt. Auch die romanische Sprachenwelt hat eine Reihe von explizit literarischen Liedermachern zu bieten, die zu ehren von weit mehr Fachkompetenz   gezeugt hätte als die hundertste   Lobpreisung einer   westlichen   Pop-Ikone   (vgl.   die   entsprechenden   Essays   in   der   Rubrik ‚Musikalische Streifzüge‘).
So macht die Entscheidung des Nobelpreiskomitees – und das ist vielleicht das
einzig   Gute   an   ihr   –   implizit   auf   strukturelle   Mängel   der   Preisvergabe aufmerksam. Zu erwähnen sind dabei insbesondere die folgenden Punkte:

  1. Die   Preisvergabe   erfolgt   nach   streng   kapitalistischen   Richtlinien.   Sie funktioniert nach dem „Winner-takes-it-all“-Prinzip. Außerdem gilt: Wer hat, dem wird gegeben.
  2. Da der Preis nur an lebende Autoren vergeben werden kann, steht er immer in   der   Gefahr,   dem   Zeitgeist   zu   folgen   und   für   die   Literaturgeschichte zentrale   Autoren   –   wie   in   der   Vergangenheit   etwa   James   Joyce   –   zu übergehen.
  3. Der Preis erhebt den Anspruch, die Literatur der ganzen Welt in den Blick zu nehmen, wird jedoch von einem Komitee vergeben, in dem Vertreter eines
    bestimmten Kulturkreises dominieren.

Hieraus ergeben sich die folgenden Reformvorschläge.

  1. Die Ehrung durch die Jury sollte von der Vergabe des Preisgeldes getrennt werden. Letzteres sollte stattdessen für die Förderung von Literaturprojekten (Aufbau von   Lieraturhäusern,   literarische   Workshops,   Unterstützung   von Autorennetzwerken oder unterdrückter Autoren etc.) genutzt werden.
  2. Der Preis sollte in Zukunft auch posthum vergeben werden können, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass die Bedeutung mancher Autoren erst nach ihrem Tod offenbar wird.
  3. Wer die Literatur der ganzen Welt zu beurteilen beansprucht, muss auch das mit der Entscheidung befasst Komitee entsprechend besetzen. Dies würde bedeuten, dass einzelne Länder nicht mehr nur Vorschläge einreichen dürfen, sondern   zumindest   jeder   Kulturkreis   mit   eigenen   Entscheidungsträgern   in dem Komitee vertreten sein sollte.
  4. Angesichts der ungeheuren Vielfalt literarischer Veröffentlichungen sollte die Praxis, pro Jahr nur einen Preisträger auszurufen, zugunsten der Ehrung nach Kategorien abgeschafft werden. Wenn man den Preis schon an einen Singer-Songwriter vergibt, kann man sich ja auch an den sonst in der Kulturwelt –etwa   bei   den   Oscar-   und   Grammy-Verleihungen   –   üblichen Preisvergabemodalitäten   orientieren.   Dann   würde   es   jedes   Jahr   eigene Würdigungen in den Kategorien Lyrik, Drama, Prosa (mit evtl. Unterkategorien)und vielleicht auch –warum nicht – in der Kategorie „literarisches Lied“ geben, daneben eventuell auch Ehrungen für das Lebenswerk eines Autors, spezielle Publikumspreise sowie   Sonderpreise   für   besondere   sprachliche   Leistungen   (etwa   bei literarischen   Texten   in   vom   Aussterben   bedrohten   Sprachen)   oder   die Verknüpfung   von   literarischem   und   politischem   Engagement.   (Analoge Reformen   ließen   sich   natürlich   auch   bei   den   anderen   Nobelpreisen einführen.)

Natürlich wird man jetzt einwenden, dass der Reiz des Literaturnobelpreises ja
gerade darin besteht, dass der eine, alles überstrahlende Autor geehrt wird und dass dieser Ehrung auch mit einem entsprechenden Preisgeld Gewicht verliehen werden muss. Aber gerade diesen kapitalistisch unterfütterten Genie-Kult gilt es meines Erachtens zu überwinden, wenn wir eine demokratische Literatur haben wollen, die in der Vielfalt ihrer Ausdrucksmöglichkeiten zum Widerstand gegen die Deutungshoheit der Herrschenden ermuntert.

Mein Freund

rotheralt

Mein Freund wäre ein unbedingter Freund der Natur. Bei allem, was er täte, würde er versuchen, der Natur möglichst nahe zu sein, da sie ihm Heimat und Ungebundenheit zugleich bedeuten würde: Heimat, weil er in ihrem Schoß stets zu sich selbst zurückfände, und Ungebundenheit, weil hier ganz von selbst der Panzer der Zivilisation von ihm abfiele.

Wo immer der lebendige Atem der Erde unter Grabplatten aus Stahl und Beton erstickt würde, litte auch er unter Beklemmungsgefühlen. Und wenn er das Kriegsgeheul der Motorsägen vernähme, die das knorrige Erzählwerk eines alten Baumes zerfleddern, wäre es ihm, als fräßen sich die kreischenden Zacken durch seinen eigenen Leib.

Nie könnte mein Freund verstehen, wie jemand aus dem Kinderblick eines erschreckten Rehs Mordlust saugen kann. Er wäre zutiefst überzeugt, dass ein solcher Mensch nicht nur für ihn selbst ein natürlicher Feind ist, sondern sich durch sein Verhalten ganz allgemein als Feind des Lebendigen und damit auch aller anderen Menschen demaskiert.

Überhaupt wäre mein Freund ein großer Bewunderer all jener Lebewesen, die ihr Sein nur dadurch fortzeugen, dass sie das schmerzunempfindliche Haar auf dem Bauch der Erde vertilgen. Stundenlang könnte er sich in die buddhagleiche Sanftmut der Rinderherden oder in die selbstgenügsame Ekstase herumtollender Pferde versenken.

Ein Gespräch wäre für meinen Freund niemals ein Mittel, um anderen die eigene Überlegenheit zu beweisen, sie mit spitzfindiger Logik bloßzustellen und so die eigene Position gegen sie zu behaupten. Vielmehr würde er das Miteinander-Reden stets auch als gemeinsames Denken, als ein Symposion des Geistes begreifen, bei dem dieser wie ein immaterieller Teppich wäre, an dem alle gemeinsam webten. Er würde verstehen wollen, anstatt zu erklären, nachfragen, anstatt zu belehren, Annäherung suchen statt Entzweiung. Am Ende des Gesprächs erhöbe sich dann eine neue Insel aus dem Meer des Geistes, auf der alle gemeinsam leben könnten.

Die Revolution wäre für meinen Freund ein langsamer, aber stetiger Prozess. All sein Tun und Denken wäre getragen von der Überzeugung, dass eine Veränderung der Welt nur im Wechselspiel mit einem entsprechenden Wandel von deren Abbild in den Köpfen der Menschen gelingen kann.

Ironie würde mein Freund mögen, hintergründigen Humor und vielleicht auch derbe Späße unter guten Kumpeln. Schadenfreude und Zynismus wären ihm dagegen zuwider. In ihnen sähe er ein Mittel zur Herabwürdigung anderer und zu einer überheblichen Verweigerungshaltung gegenüber ihren Problemen.

Mein Freund wäre nicht unbedingt besitzlos, doch wäre Besitz für ihn stets nur ein Mittel zum Zweck und nie Selbstzweck. Stets hätte er Angst vor dem Trennenden, dass ein Zuviel an Besitz automatisch mit sich bringt. Außerdem würde er sich davor fürchten, vor lauter Sorge um seinen Besitz den Garten des Geistes zu vernachlässigen, dessen Pflege ihm stets das Wichtigste wäre.

Ja, so wäre er, mein Freund. Vielleicht käme er euch am Anfang ein wenig verschlossen vor, etwas einsilbig und womöglich auch zu grüblerisch. Aber ich bin mir sicher: Je mehr ihr ihn kennenlernen würdet, desto mehr würdet ihr ihn mögen. Es würde euch mit ihm ergehen wie mit einem alten Wein, den man erst dann richtig schätzen lernt, wenn er atmend eine Symbiose mit seiner Umgebung eingegangen ist.