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Musikalische Sommerreise 2017: Teil 3

Vierte und fünfte Etappe: Kurdistan und Frankreich

Dersim

„Kurdistan“ … Wer das Wort hört, denkt wohl unwillkürlich an die PKK, den Terror, die Peschmerga, den Kampf gegen den IS – und neuerdings auch wieder verstärkt an überfüllte Zellen in türkischen Gefängnissen. Bei den Älteren unter uns werden sich darüber hinaus vielleicht noch Assoziationen zu Karl Mays „wildem Kurdistan“ einstellen.

Das alles ist natürlich nicht falsch, es ist ein Teil der Realität. Betrachtet man „Kurdistan“ aber allein durch die Brille von Terror, Gewalt und „wilden Kriegern“, so ergibt sich doch ein schiefes Bild.

Unvollständig ist dieses Bild zunächst deshalb, weil bei der Einstufung der PKK als „Terrororganisation“ die Sichtweise der türkischen Regierung unhinterfragt übernommen wird. Dabei wird außer Acht gelassen, dass die von der PKK verübten Gewalttaten nicht im luftleeren Raum entstanden sind. Es war vielmehr die türkische Armee unter Mustafa Kemal „Atatürk“, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs den 1920 geschlossenen Vertrag von Sèvres gebrochen hat. Wenn sich diese nationale Erhebung auch vor allem gegen Griechenland und die griechische Minderheit im eigenen Land gerichtet hat, so wurden damit doch auch die Selbstbestimmungsrechte hinfällig, die den Kurden in diesem Vertrag zugesichert worden waren. Die Türkei ist dafür von der internationalen Gemeinschaft 1923 im Vertrag von Lausanne mit der Anerkennung als Nationalstaat belohnt worden. In diesem sind die kurdische Sprache und Kultur lange Zeit systematisch unterdrückt worden, und die Kurden selbst durften nur als „Bergtürken“ tituliert werden – so dass de facto die Existenz als Kurde unter Strafe gestellt war. Der Terror der PKK ist eine Reaktion auf diese Form von Staatsterror, dem die Kurden in der Türkei jahrzehntelang ausgesetzt waren und heute wieder ausgesetzt sind.

Hinzu kommt, dass der Begriff „Kurdistan“ eine Einheitlichkeit suggeriert, die der Realität des Kurdischen in keiner Weise gerecht wird. Dies bezieht sich zum einen darauf, dass die Aufteilung der kurdischen Siedlungsgebiete auf vier Länder (Türkei, Iran, Irak und Syrien) zu kulturell und politisch divergierenden Entwicklungen geführt hat. Zum anderen ist aber die kurdische Kultur auch in sich selbst von großer Komplexität.

Besonders deutlich wird dies auf dem Gebiet der Sprache. So unterteilt sich zunächst das Kurdische selbst in drei teilweise stark voneinander abweichende Sprachgruppen: das Nordkurdische (Kurmandschi), das Zentralkurdische (Sorani) und das Südkurdische, die alle wiederum eigene Dialekte aufweisen. Daneben wird im kurdischen Siedlungsgebiet aber auch noch Zazaisch gesprochen, eine Sprache, die linguistisch als eigenständig gilt (allerdings wie das Kurdische zu den nordwestiranischen Sprachen zählt). Die Mehrzahl derer, die diese Sprache sprechen, definiert sich jedoch nichtsdestotrotz als „kurdisch“. Dahinter steht die Befürchtung, die sprachwissenschaftlichen Forschungen könnten – so wichtig sie auch für das Verständnis des Zazaischen sein mögen – einen Keil zwischen die einzelnen Bevölkerungsgruppen treiben.

Dadurch, dass alles Kurdische ständig mit „Terror“ und „Gewalt“ assoziiert wird, gerät schließlich auch die vielfältige, weit zurückreichende Tradition aus dem Blick, aus der die kurdische Kultur schöpfen kann. Damit aber bleibt auch unverstanden, worum es bei den kurdischen Autonomie- bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen im Kern geht. Deren Ziel ist eben nicht primär ein gegen andere Völker gerichteter Nationalstaat, der jede Form ethnischer Vielfalt beseitigen möchte. Das Hauptanliegen eines Volkes, dem die Selbstbestimmung über sein Schicksal verweigert wird, ist vielmehr stets, aus der Zusammenführung von Vergangenheit und Gegenwart die eigene Identität zu gewinnen, eins mit sich selbst zu werden und sich so, wie es Johann Gottfried Herder ausgedrückt hätte, als „geistige Idee“ entfalten zu können.

Eine Ahnung davon, wie diese Idee klingt, vermittelt Erdoğan Emir mit dem – auf Zazaisch gesungenen – Lied To şiya (‚Du bist fortgegangen‘). In Verbindung mit einem anrührenden Videoclip wird hier eine Liebe in der Sommerfrische einer atemberaubend schönen Bergwelt besungen – ein Alltag, der für viele Menschen normal ist, in Kurdistan aber allzu oft von der Fratze des Krieges überlagert wird. Hinzu kommt, dass die schöne Bergwelt mit ihren wild wachsenden Tulpen – obwohl eigentlich durch ihren Nationalparkstatus geschützt – durch gigantische Staudammprojekte bedroht ist, die nicht nur die Natur, sondern auch zahlreiche historische Stätten nachhaltig zu schädigen bzw. zu zerstören drohen (vgl. Ayboğa 2010). Bezeichnend hierfür ist der Namensstreit um die Provinz Dersim (kurdisch ’silbernes Tor‘), die im Türkischen Tunceli (‚eiserne Hand‘) heißt – abgeleitet von dem mit zehntausenden Toten verbundenen Feldzug, den die türkische Armee 1937/38 gegen die einheimische Bevölkerung geführt hat.

Dass Erdoğan Emir das Album, auf dem sich auch der hier vorgestellte Song findet, schlicht Tanık (‚Traurig‘) genannt hat, ist wohl auch auf diese niederdrückenden Alltagserfahrungen zurückzuführen.

Bleibt die Frage, was Charles Aznavour mit dem Ganzen zu tun hat. – Richtig: Charles Aznavour heißt eigentlich Schahnur Waghinak Asnawurjan und ist Sohn armenischer Eltern – und die Armenier haben unter dem türkischen Nationalismus mindestens genauso gelitten wie die Kurden. Dabei ist nicht nur an den Völkermord der Jahre 1915 bis 1917 zu denken, sondern auch an die Unterdrückung, der die in der Türkei verbliebene armenische Minderheit später ebenso ausgesetzt war wie die Kurden.

Aznavour ist zwar in und mit der französischen Sprache und Kultur zum Weltstar aufgestiegen. Seine armenischen Wurzeln hat er jedoch nie verleugnet. Stets hat er sich für die Sache der Armenier eingesetzt. 2009 ist er sogar zum Botschafter Armeniens in der Schweiz ernannt worden und wurde zudem Vertreter des Landes, dessen Staatsbürgerschaft ihm 2008 verliehen wurde, bei der UNICEF sowie bei der Genfer Niederlassung der Vereinten Nationen. Dabei ist es ihm gelungen, die einseitige Identifizierung der Armenier mit der Opferrolle zugunsten einer komplexeren Wahrnehmung der armenischen Kultur und Geschichte aufzubrechen. Ein schönes Beispiel dafür ist ein Witz, mit dem er, auf sein hohes Alter angesprochen, 2014 in einem Interview aus Anlass seines 90. Geburtstags die allgemein hohe Lebenserwartung in Armenien veranschaulicht hat:

Eine Frau sieht in einem armenischen Dorf einen weinenden Greis vor seinem Haus sitzen. Er schluchzt: „Mein Vater hat mich geschlagen!“
Staunend betritt die Frau das Haus und trifft dort einen noch älteren Greis. „Wieso schlägst du deinen Sohn?“ fragt sie. „Der ist doch ein alter Mann!“
Darauf der zweite Greis: „Was soll ich tun – er hat meinen Vater beleidigt.“
Tatsächlich sitzt auf der Ofenbank ein noch älterer Mann, mindestens 130 Jahre alt.
Die Frau läuft völlig baff aus dem Haus und trifft vor der Tür einen alten Priester, dem sie die Geschichte staunend erzählt. „Ach“, sagt der Priester, „die drei kenne ich gut – die habe ich alle getauft.“

(aus: Jens Mühling: [Interview mit] Charles Aznavour zum 90. Geburtstag: „Ich rede hier von Liebe, von tiefer Liebe“. In: Der Tagesspiegel, 22. Mai 2014.)

4. Etappe: Kurdistan

Erdoğan Emir: To Şiya aus: Tanık (‚Traurig‘); 2010

Text mit englischer Übertragung

Freie Übertragung aus dem Englischen:

Du bist fortgegangen

/ Es war Sommer, als du fortgegangen bist
und ich blutige Tränen geweint habe. /

/ Ich rufe nach dir wie ein Kuckuck,
nur die Sterne erhören meine Wünsche
und erzählen mir von dir. /

/ Wer, wenn nicht du, kann meine Seele verstehen?
Du bist die Lösung all meiner Probleme. /

In der Dämmerung scheint die Sonne hinter den Bergen.
Ich erinnere mich an dein Gesicht,
die Welt verdunkelt sich für mich.
Ich steige durch die Berge, ich steige auf in den Wind
und bitte die Vögel, meine Seele zu dir zu tragen.

/ Wer, wenn nicht du … /

Link zu Umweltzerstörungen in Dersim : Ayboğa, Ercan: Dersim – Wenn eine ganze Provinz überflutet wird. In: Nadir.org, 2010

5. Etappe: Frankreich

Charles Aznavour: Emmenez-moi* aus: Entre deux rêves (‚Zwischen zwei Träumen‘); 1967

Live 1968:

weiteres Video:

Liedtext

Übersetzung:

Nehmt mich mit

An den Docks, wo die Last und die Langeweile
meinen Rücken beugen,
kommen sie an, die Schiffe
die Bäuche voll mit reifen Früchten.

Sie kommen vom anderen Ende der Welt
und bringen ihre Vagabundenträume mit,
aus Himmeln,
die im blauen Glanz der Wunder schimmern.

Es umweht sie ein würziger Duft
aus unbekannten Ländern
und ewigen Sommern,
wo man fast ohne Kleider lebt
an den Stränden.

Ich, der ich mein ganzes Leben lang
nur den Himmel des Nordens gesehen habe –
wie gerne würde ich das Grau aus ihm herauswaschen
und zu neuen Ufern aufbrechen!

Nehmt mich mit ans Ende der Welt,
nehmt mich mit in das Land der Wunder!
Mir scheint, dass das Elend
weniger schmerzt, wenn die Sonne mich anlacht.

Bei Einbruch der Nacht, in den Kneipen,
wenn man, ein Glas in der Hand,
mit den Seeleuten
über die Mädchen und die Liebe plaudert,

verschwimmen die Dinge vor meinen Augen,
und plötzlich
entführen mich meine Gedanken
in einen wunderbaren Sommer
am Strand,

wo ich mit ausgestreckten Armen
der Liebe nachschaue, die wie von Sinnen
vor mir her läuft.
Und ich hänge mich meinem Traum
an den Hals.

Wenn die Kneipen schließen und die Seeleute
wieder an Bord gehen,
träume ich, am Hafen stehend,
noch bis zum Morgen weiter.

Nehmt mich mit …

Um fortzukommen, werde ich eines schönen Tages
auf einem klapprigen Kahn,
auf dem jede Planke ächzt,
als Heizer anheuern

und den Weg einschlagen,
der mich zu meinen Kindheitsträumen führt,
zu den fernen Inseln,
wo nichts wichtig ist
außer dem Leben;

wo schmachtende Mädchen
einem das Herz bezirzen
und dabei, wie ich gehört habe,
berauschende Blumenkränze flechten.

Ich werde fliehen und meine Vergangenheit hinter mir lassen
ohne eine Spur von Gewissensbissen,
ohne Gepäck und mit befreitem Herzen,
aus dem ich singen werde mit ganzer Kraft.

Nehmt mich mit …

*   Da es zu dem Text schon einige Übersetzungen gibt, habe ich mir bei der Übertragung ins Deutsche etwas mehr Freiheit gegönnt, um der poetischen Qualität des Originals näher zu kommen.

Bild: Dersim. Quelle: Fotos San Francisco State University