Schlagwort: Djordje Balasevic: Ringispil

Musikalische Sommerreise 2017: Teil 4

Sechste und  siebte Etappe: Serbien und Bulgarien

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1991 war fast ganz Europa in Feierlaune. Der Eiserne Vorhang war gefallen, überall blühten die Freiheitsträume. Freies Reisen, freies Denken, freies Handeln – der Freiheit sollten keinerlei Schranken mehr auferlegt werden, der Traum von der grenzenlosen Freiheit war in aller Munde.

Nur in Jugoslawien herrschte schon vor dem großen europäischen Freiheitsrausch Katerstimmung. Die staatlich verordnete Misswirtschaft hatte zu einer Hyperinflation geführt, durch welche die systemimmanenten Mängel einer Planwirtschaft sich zu einer manifesten sozialen Krise ausgeweitet hatten. Zusätzlich befeuert wurde diese dadurch, dass der ökonomische Bankrott die lange Zeit verdeckten nationalistischen Ressentiments in dem Vielvölkerstaat offen zutage treten ließ. So wurde die Forderung nach einer Neuberechnung des Finanzausgleichs, bei der sowohl die reicheren als auch die ärmeren Landesteile eine Erhöhung ihrer Zuwendungen aus dem Staatshaushalt verlangten, rasch von ethnischen Spannungen überlagert, die im Juni 1991, im letztlich erfolgreichen Unabhängigkeitskampf der Slowenen, in eine erste kriegerische Auseinandersetzung mündeten. Diese war der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Kriegen und brutalen ethnischen Säuberungen, die das freiheitstrunkene Europa schlagartig auf den archaischen Boden seiner Realität zurückholten.

In dieser trübselig-aufgeheizten Atmosphäre ist das Lied Ringišpil (‚Karussell‘) des serbischen Singer-Songwriters Đorđe (Djordje) Balašević entstanden, der 1953 als Sohn eines serbischen Vaters und einer kroatisch-ungarischen Mutter in Novi Sad geboren wurde. Es beschreibt die Melancholie eines Regentages, an dem nur die Reise in das blaue Land des Alkohols, den doppelsinnigen „Schwindel“, den der Rausch einem schenkt, Erleichterung verspricht.

Bezieht man den Song auf die historische Situation, in der er entstanden ist, so ergeben sich Parallelen zur Fin-de-Siècle- und Décadence-Literatur an der Wende zum 20. Jahrhundert. Diese erlebte in Wien, dem Zentrum des damaligen Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn, mit Autoren wie Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler oder auch Felix Dörmann eine besondere Blüte. Neben sozioökonomischen und sozialpsychologischen Deutungen (Zusammenbruch der bisherigen geistigen Fundamente sowie der sozialen und ökonomischen Ordnung durch die sich beschleunigende Industrialisierung) lässt sich dieses Phänomen auch auf die Vorahnung des Auseinanderbrechens der Donaumonarchie zurückführen, das von den Autoren als eine Art Metapher für den Verlust ihrer geistigen Heimat empfunden wurde.

Diese Deutung erklärt freilich noch nicht die ungebrochene Popularität von Balaševićs Lied, dessen verschiedene Varianten im Internet millionenfach angeclickt worden sind. Hierfür ist wohl eher die Nachkriegsdepression in Serbien verantwortlich, wo die materiellen und psychologischen Kriegsfolgen bis heute deutlich zu spüren sind. Als EU-Beitrittskandidat erhält das Land zwar finanzielle Hilfen aus Brüssel und wird auch von Weltbank und IWF regelmäßig mit Krediten unterstützt. Dafür muss es jedoch einem Sanierungskurs folgen, bei dem die abstrakten, positiven Wachstumsraten mit der Negativfolie einer bitteren sozialen Realität erkauft werden, die von hoher Arbeitslosigkeit und geringen Einkommen geprägt ist.

Hinzu kommt, dass auch in den übrigen Staaten des ehemaligen Ostblocks der einstige Freiheitsrausch rasch einem andauenden Kater gewichen ist. Schnell ist klar geworden, dass eine Freiheit, der keinerlei Schranken auferlegt werden, sich selbst aufhebt, indem sie etwa ökonomische Konzentrations- und Monopolisierungsprozesse ermöglicht, die den sozialen Frieden unterminieren und – wenn sie sich auf den Medienbereich ausdehnen – auch die geistige Freiheit in Frage stellen können.

Vor diesem Hintergrund ist vielerorts eine radikale Gegenbewegung entstanden, die den Traum von der schrankenlosen Freiheit unter einer neuen Abschottungspolitik begraben und die konkreten Freiheitsrechte (Pressefreiheit, freie Wahlen, Gewaltenteilung …) zugunsten einer neuen, nationalistisch gefärbten Führerstaatsideologie abschaffen möchte. Auch diese Entwicklung mag bei empfindlicheren Gemütern zu Anwandlungen von Verzweiflung führen, die manch einen der Verlockung einer Reise in den blauen Alkoholdunst erliegen lässt.

Allerdings braucht man vielleicht auch keine tiefer liegenden Gründe, um an einem langen, grauen Regentag in Depressionen zu verfallen – noch dazu, wenn dieser einen in einer jener gesichtslosen Trabantenstädte überfällt, den Schattenkränzen, von denen die leuchtenden Metropolen überall in Europa umgeben sind. Gerade jetzt, da wir mal wieder einen der typischen deutschen Regensommer durchleben, werden nicht wenige diese Empfindung teilen.

Zur Aufmunterung stelle ich dem melancholischen Lied von Balašević daher den bulgarischen Sommerhit 123 Irakli der Band Merudia* an die Seite. Der unbekümmerte Mix aus Kinderlied, Reggae, Rap und Balkan-Folk lässt die herunterhängenden Mundwinkel ganz von selbst nach oben schwingen. Dazu entführt der Videoclip einen an eine zauberhafte Schwarzmeerküste und lädt dort zu einer rauschenden Strandparty ein. Die eingestreuten Englischbrocken hätte ich zwar für verzichtbar gehalten – aber vielleicht melden sich darin ja die betrunkenen Piraten zu Wort, die in dem Lied besungen werden.

*   „Merudia“ ist zunächst das bulgarische Wort für „Petersilie“, kann je nach Region aber auch „Dill“, „Bockshornklee“ oder allgemein Würzkräuter bzw. eine bestimmte Gewürzmischung bezeichnen. Der Bandname deutet damit vielleicht schlicht auf die „musikalische Würze“ hin, welche die Band der „Lebenssuppe“ hinzufügen möchte.

6. Etappe: Serbien

Đorđe (Djordje) Balašević: Ringišpil aus: Marim ja (‚Ich passe auf‘); 1991

Live-Aufnahme von 2012:

Liedtext

Übersetzung:

Karussell

Es regnet schon den ganzen Tag,
der Himmel hat beschlossen, die Erde zu überfluten.
Tagelang hängt über der Stadt der Vorhang des Regens.

Der Regen fällt, das ist seine übliche Beschäftigung.
Mir aber ist das so einerlei wie das nördliche Banat.*
Das Leben ist mehr oder weniger dasselbe, ob mit oder ohne Regen.

Die Zeit zieht sich wie ein Güterzug.
Was soll ich nur anfangen heute Abend?
Na, wie immer: „Kellner, einen Latte macchiato!“ – „Sofort …“

Die Zeit verrinnt, das tut sie immer so,
und alles ist so seicht wie ein flacher Teller.
Ein teuflisches Bild – nicht ein einziges Segel am Horizont.

O lass es sich drehen, das Karussell in meinem Kopf,
niemand bringt das fertig außer dir.
Ohne dich erstarren die Holzpferdchen traurig in der Kälte.

Erscheine, tauch auf aus der blauen Flasche**,
erfüll mir wenigstens einen Wunsch
und gib der Welt ein wenig Farbe, mein kleines Wunder.

Die Nacht taumelt wie eine überreife Frucht.
Die Zeiten sind hart, aber ich bin härter als sie.
Bald wird die Erdanziehungskraft ihren Tribut fordern.

Ich verstehe mich schlecht auf die samstäglichen Spiele in der Menge.
Aber ein wenig begreife ich die Logik dieser alles in sich vermischenden Schwämme
Wenn man berauscht ist, fällt es leichter, die Strafe auf sich zu nehmen, die sich   „Leben“ nennt.

O lass es sich drehen …

Ich bin müde, ich gebe auf, das alles drückt mich nieder wie ein Bügeleisen.
Melde dich, erscheine, gib der Welt ein klein wenig Schwung!***
Du hast schon einmal das Wunder vollbracht, heute brauche ich dich mehr denn je.
Gib der Welt ein klein wenig Verrücktheit! Gib der Welt ein klein wenig Schwung!

O lass es sich drehen …

Erscheine, tauch auf …

Ich bin müde, ich gebe auf …

*   das nördliche Banat: Wortspiel mit ‚flach‘ und ‚gleichgültig‘, deren serbische Entsprechungen ähnlich klingen. – Der nördliche Teil des Banats ist eine Tiefebene und gehört im Westen (unweit von Novi Sad, der Heimatstadt von Balašević) zu Serbien. Der nordöstliche sowie der südliche Teil, das so genannte „Banater Gebirge“, gehören zu Rumänien, wo auch die deutschsprachige Minderheit des Banats (die „Banater Schwaben“) zu Hause ist.

**  blaue Flasche: eventuell eine Anspielung auf den Sliwowitz, den hochprozentigen Pflaumenschnaps, der in mehreren Ländern Osteuropas eine Art Nationalgetränk ist

***Das serbische Original spielt hier auf die Drehleier („vergli“) der Karussellmusik an, an die auch die Akkordeonklänge in dem Lied erinnern.

7. Etappe: Bulgarien

Merudia: Cto dvajs‘ tri Irakli (2014) aus: Merudia (2016)

Liedtext

Sinngemäße Übertragung

123 Irakli*

Wir bleiben hier vor Anker, wir bleiben im Bann des Meeres,
das als große Pfütze am Horizont zu sehen ist.

Alle Piraten sind schon da,
sie sind nass bis auf die Knochen und feiern gerade.
Morgen Abend werden wir sie treffen,
wir können an nichts anderes mehr denken.

Die Sonne brennt uns auf die Haut,
die Hitze sticht.
123, bald sind wir in Irakli.
Gleich wird es aufhören, in Strömen zu regnen.
123, spann den Schirm auf,
Mr. Sunshine is shining above me.

Ich drücke auf den Knopf, mach‘ die Musik für meinen Sonnentag
es sieht so aus, als würden wir hier bleiben,
einen weiteren Tag lang.
Lass das Stirnrunzeln und lach mit uns,
eine weitere Nacht an diesem Ort, lösch das Feuer aus und
alles wird gut sein!

Wir bleiben hier vor Anker, wir bleiben im Bann des Meeres,
das sich als große Pfütze vor uns ausbreitet.

Alle Piraten sind schon da,
auch mit dem letzten Pfennig feiern sie noch ein Fest.
Heute Abend werden wir sie treffen,
die Sonne brennt und die Hitze sticht.

Wir denken nicht daran, nach Hause zu gehen,
auch wenn es Zeit ist zu gehen.
123, bald sind wir in Irakli.
Gleich wird es aufhören, in Strömen zu regnen.
123, spann den Schirm auf,
Mr. Sunshine is shining above me.

Ich drücke auf den Knopf …

*Irakli: Bucht, Badeort und Naturschutzgebiet an der bulgarischen Schwarzmeerküste

 

Bild: Novi Sad bei Regen. Quelle: http://sickstyle.tumblr.com/post/27278972787