Original und Fälschung – Zum problematischen Ballast des Geniekonzepts

OcchiMonna

Mein Nachbar redet nicht mehr mit mir. Der Grund ist Folgender: Neulich, beim Aufräumen des Speichers, kam ein Gemälde zum Vorschein, das bei flüchtigem Hinsehen verdammt nach einem van Gogh aussieht. Als ich die Sachen zum Auslüften auf die Terrasse stellte, habe ich gleich dieses lüsterne Schnäppchenblitzen in den Augen meines Nachbarn bemerkt. Es dauerte nicht lange, da kam er auf mich zu und fragte mich, ob ich ihm das Gemälde nicht verkaufen wolle. Er habe da noch eine freie Stelle im Gästezimmer, da würde das Bild sich ganz hervorragend machen.

Nun gut, zugegeben: Ich habe mich in der Situation nicht ganz korrekt verhalten. Natürlich hätte ich meinem Nachbarn sagen können, dass es sich bei dem Künstler nicht um van Gogh und auch nicht um einen Schüler des großen Meisters handelte, sondern um meinen Großvater. Dieser hatte für die Mühsal seines Grubenarbeiterdaseins ein Ventil gesucht und es in expressiven Maltechniken gefunden, in denen er es mit der Zeit zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hatte.

Davon habe ich meinem Nachbarn nichts gesagt – ich habe aber auch mit keinem Wort behauptet, dass das Gemälde von einem berühmten Künstler stammt. Gut, ich habe mich beim Verkauf etwas geziert, was wohl einen falschen Eindruck erweckt hat; aber das hätte schließlich auch daher rühren können, dass das Bild einen sentimentalen Wert für mich besaß.

Nun, jedenfalls hat mein Nachbar mir das Gemälde nach einigem Hin und Her für 500 Euro abgekauft. Damit war im Grunde allen geholfen: meinem Nachbarn, weil er sich im Besitz eines einzigartigen Kunstwerks glaubte, meinem Großvater, weil er posthum als großer Künstler geehrt wurde, und mir, weil ich mir nun endlich eine neue Waschmaschine leisten konnte.

Dummerweise ist nun aber der Nachbar meines Nachbarn Professor an der Kunsthochschule. Unseren gemeinsamen Nachbarn behandelt er stets von oben herab, weil er ihn für einen Emporkömmling hält, der in seinen Kreisen nichts zu suchen hat. Gerade deshalb hatte allerdings mein Nachbar nichts Eiligeres zu tun, als dem Herrn Professor seinen sensationellen Fund zu präsentieren.

Das Ergebnis kann man sich denken: Hochgezogene Augenbrauen, ein verächtliches Zucken der Mundwinkel, ein müdes Abwinken – mein Nachbar hatte sich auf ganzer Linie blamiert. Natürlich ist er danach sofort zu mir gerannt und hat sein Geld zurückgefordert. Ich aber hatte mir da schon die neue Waschmaschine gekauft, und außerdem war ich mir, wie gesagt, keiner Schuld bewusst: Nicht ich, sondern er hatte doch so hartnäckig auf den Handel gedrungen!

Überhaupt stellt sich doch die Frage, warum meinem Nachbarn das Gemälde nicht mehr gefällt, seit er weiß, dass es nicht von van Gogh, sondern von meinem Großvater stammt. Wenn er es nur haben wollte, um damit vor anderen anzugeben oder um sein Geld gewinnbringend anzulegen, wäre ich sogar geneigt zu sagen: Es geschieht ihm ganz recht, dass er sich eine blutige Nase geholt hat. Denn die Unart, die Kunst in eine Reihe mit Rolex-Uhren und teuren Designermöbeln zu stellen und sie an das kapitalistische Mehrwertdenken zu verraten, war mir schon immer zuwider.

Vielleicht war für den Besitzwunsch aber noch etwas anderes ausschlaggebend: der Drang, einen Zipfel des Genies zu erhaschen, dessen Wirken sich in dem Gemälde manifestiert hat. Entscheidend wäre dann nicht so sehr der künstlerische Wert des Bildes, sondern das Gefühl, über das Medium des Kunstwerks mit dem Genius in Berührung zu kommen, der es erschaffen hat.

Es ist doch schon merkwürdig: Wenn es mir gelingt, den spezifischen ‚Sound‘, sagen wir, Hölderlins perfekt nachzuahmen, und ich dann entsprechende Gedichte auf den Markt bringe, wird man sich auf meine Werke stürzen, solange ich behaupte, sie auf dem Speicher meiner Urgroßmutter gefunden zu haben. Sobald ich aber zugebe, den Stil des großen Dichters nur nachgeahmt zu haben, wird man mich mit Schmähungen überziehen und mir schlimmstenfalls noch einen Betrugs- oder Hochstaplerprozess anhängen.

Warum ist das so? Warum verneigen wir uns erst dann vor der Kunst, wenn wir die entsprechenden Werke als Emanation eines Genius wahrnehmen?

Thesen:

1.     Wir erwarten von Kunst Originalität, die für jedwede Nachahmung – so gut sie auch gemacht sein mag – logischerweise entfällt.

2.     Wir erwarten von Kunst, dass sie uns – so weit sie sich auch in der von ihr erschaffenen Eigen-Welt von unserer realen Welt entfernen mag – in spezifischer Weise einen Spiegel vorhält, dass sie die unter der Oberfläche verborgenen geistigen Ströme, die unser gegenwärtiges Leben antreiben, erfahrbar macht – was nur dann möglich ist, wenn sie in unserer Zeit wurzelt.

3.     Wir erwarten von Kunst Authentizität. Damit ist nicht nur gemeint, dass derjenige, der als Schöpfer eines bestimmten Werkes gilt, dieses auch tatsächlich erschaffen hat. Vielmehr steht dahinter auch der Gedanke einer besonderen Individualität und Talentiertheit, einer Auserwähltheit und besonderen Begabung des Künstlers, die sich in einem ganz eigenen, unverwechselbaren Stil niederschlägt.

In der Gegenwartskunst treibt dieser Geniekult nun allerdings recht seltsame Blüten. Zu beobachten ist letztlich eine Umkehr von Ursache und Wirkung. Im Vordergrund steht nicht mehr die Ausprägung eines besonderen künstlerischen Stils, über den es zu einer besonderen Würdigung und Verehrung des Künstlers als Person kommt. An erster Stelle steht vielmehr der Entwurf eines spezifischen Künstlerbildes, über das sich die entsprechende Person als Typus am Markt platziert – ähnlich wie bei der Einführung eines neuen Waschmittels. Die produzierten Kunstwerke werden dann nicht in erster Linie wegen ihres künstlerischen Eigenwerts nachgefragt, sondern aufgrund der Marke, als die der Produzent dieser Werke sich am Markt eingeführt hat.

Neuartige Drucktechniken und das Internet haben im Bereich der Kunst einen ungeheuren Demokratisierungsprozess in Gang gesetzt. Dadurch, dass heutzutage jeder seine Werke frei veröffentlichen kann, ist die Grenze zwischen Kunstproduzenten und -rezipienten fließend geworden. Dieser Emanzipationsprozess des Publikums, die Entfesselung brachliegender Kreativkräfte, geht jedoch mit einem Festhalten an einem unreflektierten Geniebegriff einher, der ein demokratisches Kunstverständnis konterkariert. Erschwerend kommt hinzu, dass auch der Kunstbetrieb sich das Geniekonzept zunutze macht, indem er für die zu verkaufenden Produkte immer neue Schablonen von Geistesheroen entwirft, die diese Produkte angeblich oder tatsächlich erschaffen haben.

Die Folge: Durch die Konzentration auf den Verkaufserfolg künstlerischer Produkte sowie auf das Bild, das der Künstler nach außen hin abgibt, verlieren wir allmählich das Verständnis dafür, was genau Kunst eigentlich ausmacht. Oder, noch schlimmer: Was Kunst ist, interessiert uns gar nicht mehr. Diese Frage ist heutzutage fast schon tabuisiert. Wer echte Kunst von angemaßter Kunst, die nur zur Maximierung des Verkaufserfolgs so bezeichnet wird, unterscheiden möchte, gerät sofort in den Verdacht, elitär zu sein. Und wer darauf insistiert, dass das Kunstwerk alles ist und der Künstler nichts, erntet allenfalls ein müdes Lächeln. Denn im Zeitalter immer neuer Superstar-Castingshows finden Geistesprodukte offenbar nur dann ein Publikum, wenn man den Künstler zum Popstar hochjazzt oder den potenziellen Kunden zumindest das Bild eines tiefsinnig an einem Bleistift nuckelnden Genius präsentiert.

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