Die Kultur der Mitleidslosigkeit

Das gefährliche Spiel mit emotionaler Härte in der Migrationsdebatte

Die Förderung einer harten Haltung gegenüber Menschen, die bei uns Schutz suchen, verstärkt nicht nur das Elend der Notleidenden. Die gezielte Abtötung des Mitgefühls schadet am Ende auch uns selbst.

Ein Volk von Schizophrenen

Seit 2015 sind wir, was die Einstellung gegenüber Flüchtlingen angeht, ein Volk von Schizophrenen.

Ja, wir wollten uns damals von unserer hilfsbereiten Seite zeigen. Dennoch waren wir überrascht, wie bereitwillig sich die Welt in unsere weichen, wohlhabenden Arme stürzte, die wir damals mit Angela Merkel für einen kurzen Augenblick weit geöffnet hatten. Dieser ungeheuren Zuspruch hat uns offenbar  psychisch überfordert.

So zeigen wir seitdem alle Anzeichen einer gespaltenen Persönlichkeit. Wenn wir es mit konkreten Menschen in Not zu tun haben, entdecken wir rasch unsere philanthropische Ader und eilen den Bedürftigen zu Hilfen. Präsentiert uns aber die rechtsextreme Ecke unserer Gesellschaft ihre Horrorvisionen einer Überfremdung unserer schönen deutschen Kultur, so zögern wir ebenso wenig, in die – längst auch von den Volksparteien übernommene – „Das-Boot-ist-voll“-Rhetorik einzustimmen.

Im Prinzip sieht unsere Humanitätsbilanz dabei gar nicht so schlecht aus. Schließlich ist es besser, theoretisch gegen Zuwanderung zu sein und sich in der Praxis hilfsbereit zu zeigen, als umgekehrt. Leider gibt es dabei jedoch nicht nur einen, sondern gleich drei Haken. Diese lassen sich wie folgt charakterisieren:

  1. Soundsetting durch rechtsextreme Lautsprecher
  2. Praktische Auswirkungen abstrakter Rhetorik
  3. Unterdrückung der spontanen Mitgefühlsimpulse

Soundsetting durch rechtsextreme Lautsprecher

Dass wir in der Flüchtlingsfrage ein Volk von Schizophrenen sind, mag in der Summe zutreffen. Dies schließt allerdings nicht aus, dass es auf beiden Seiten des Einstellungsspektrums Menschen gibt, die entweder von der Notwendigkeit unbedingter Hilfsbereitschaft gegenüber Notleidenden oder von der Unerlässlichkeit einer kompromisslosen Abwehr alles Fremden überzeugt sind.

Leider dominieren nun aber Letztere den öffentlichen Diskurs. Die Konsequenz: „No to racism“ grölen wir nur auf dem Fußballplatz. Wenn menschliche Schicksale auf abstrakte Zahlenspiele und Einwanderungsbilanzen reduziert werden, wird jedoch niemandem die Rote Karte gezeigt.

Das ständige Geraune vom „Untergang des Abendlands“ oder – in Intellektuellenkreisen – von einem „Clash of Cultures“ hat Fremdenfeindlichkeit hoffähig gemacht. Standardeinleitung dieses Salonrassismus: „Ich habe ja nichts gegen Fremde – aber …“

Praktische Auswirkungen abstrakter Rhetorik

Es mag ja sein, dass der Großteil von uns sich noch immer an seine christliche Erziehung erinnert, wenn das Elend an seine Tür klopft. Dennoch tragen wir zu dessen Ausbreitung bei, wenn wir die Abstrahierung von Einzelschicksalen bei politischen Entscheidungen stillschweigend hinnehmen.

Wer angeblich untragbare Einwanderungszahlen und das Überfremdungsgerede zur Grundlage politischen Handelns macht, verstärkt damit anderswo ganz konkret das Elend. Das Problem dabei: Dieser Effekt bleibt für uns weitgehend unsichtbar.

Wir sehen die Schwangere auf dem kenternden Schiff nicht. Unser Blick dringt nicht vor zu den Gefolterten in den Kellern jener Länder, die wir als Puffer für unsere Grenzen missbrauchen. Wir akzeptieren es, dass die inhumanen Unterbringungsbedingungen in zahlreichen Flüchtlingslagern schöngeredet werden.

Und der Traum des jungen Mannes, der in die Heimat der Schönen und Reichen aufbricht, um seiner Familie daheim ein halbwegs menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, verschwimmt in einem fremdenfeindlichen Nebel. Von einem besseren Leben darf man nur in den wohlhabenden Ländern träumen. Wer dies andernorts tut, wird als „Wohlstandsflüchtling“ abgestempelt. 

Eingelullt in solche Worthülsen und allenfalls wohldosiert mit Berichten über das Flüchtlingselend versorgt, lassen wir uns dazu verleiten, die Augen vor den praktischen Konsequenzen abstrakter Maßnahmen, die in den weichen Sesseln Brüsseler oder Berliner Büros beschlossen werden, zu verschließen.

Unterdrückung der spontanen Mitgefühlsimpulse

Leider bleibt es auch nicht ohne Auswirkungen auf das praktische Handeln, wenn der öffentliche Diskurs von einer fremdenfeindlichen Rhetorik geprägt ist. Da diese mit dem Anspruch verbunden ist, die eigene Kultur zu schützen, werden damit Normen gesetzt, die zu einer Unterdrückung der spontanen Regungen von Mitgefühl und Hilfsbereitschaft führen.

Gerichte und Grenzschutz, Ausländerbehörden und Polizei werden so darin bestärkt, jeden Ansatz von Empathie in sich abzutöten und die Gesetze unter Missachtung des Leids der Betroffenen umzusetzen. Mit anderen Worten: Es wird ganz gezielt eine gnadenlose, unchristliche Haltung gefördert. Belobigungen gibt es nicht für den Einsatz für Notleidende, sondern für ihre kompromisslose Zurückweisung.

Die Mehrzahl der Bevölkerung, die nicht unmittelbar mit Flüchtlingen zu tun hat, legt wohl die Stirn in Falten und drückt sich eine heimliche Träne ab, wenn sie von Pushbacks und Abschiebungen bei Nacht und Nebel hört. Insgesamt nehmen wir die inhumanen Praktiken jedoch hin, weil sie uns als unverzichtbarer Stützpfeiler für den Fortbestand unserer Kultur verkauft werden.

Faschistoider Bodensatz unserer Kultur

Es gibt kaum etwas, worauf wir so stolz sind wie auf unsere angeblich so erfolgreiche Aufarbeitung unserer nationalsozialistischen Vergangenheit. Die Ächtung von allem, was irgendwie nach Nationalsozialismus klingt, ist heute tief in unserer kulturellen DNA verankert.

Wir rümpfen die Nase, wenn etwas auch nur entfernt nach Antisemitismus klingt. Wir finden Hitler-Parodien geschmacklos. Wir hyperventilieren, wenn jemand ein Hakenkreuz an eine Wand malt.

Vielleicht ist aber gerade unser Stolz auf unsere Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ein Problem für uns. Denn dieser Stolz hat uns selbstgerecht gemacht. Er verhindert, dass wir den Faschismus auch dort erkennen, wo er nicht unmittelbar etwas mit dem Nationalsozialismus zu tun hat.

Geradezu toxisch wird dieser Stolz, wenn er sich mit dem Stolz auf die eigene Kultur verbindet. Dann hindert er uns an der Einsicht, wie sehr wir uns mit unserem Verhalten der nationalsozialistischen Abspaltung von Regungen des Mitgefühls nähern, indem wir notleidende Menschen auf dem Altar des Schutzes unserer Kultur opfern. So sprach auch Heinrich Himmler von dem Stolz darauf, die Ausrottung des jüdischen Volkes in die Wege geleitet zu haben, ohne dass „unsere Männer und unsere Führer einen Schaden an Geist und Seele erlitten hätten“.

Natürlich ist es ein Unterschied, ob man – wie die Nationalsozialisten – offen zu Ausrottung und Auslöschung des Fremden aufruft oder dieses nur von seinen Grenzen fernhalten möchte. Die psychische Einstellung, die an die Stelle des Mitgefühls mit den Notleidenden den Stolz auf dessen Unterdrückung setzt, ist jedoch dieselbe.

Absurditäten der deutschen Migrationspolitik

Im Übrigen sollten wir nicht vergessen, dass uns die gezielte Abtötung von Mitleidsimpulsen am Ende auch selbst schadet.

Zum einen bleibt so etwas natürlich auch nicht ohne Auswirkungen auf den Alltag unserer Gesellschaft. Mitgefühl lässt sich kaum bereichsspezifisch ausschalten. Wer dessen Abtötung an einer Stelle zur Norm erhebt, wird es auch anderer Stelle unterdrücken. So erschaffen wir langfristig das Fundament einer unsolidarischen, mitleidslosen Kultur.

Zum anderen führt das Beharren auf einer restriktiven Einwanderungspolitik aber auch dazu, dass an anderer Stelle getroffene politische Weichenstellungen konterkariert werden.

So steht außer Frage, dass wir insbesondere im Bereich der Alten- und Krankenpflege auf ausländische Fachkräfte angewiesen sind. Diese könnten wir problemlos aus dem Kreis der zu uns Eingewanderten rekrutieren und entsprechend ausbilden. Stattdessen wird hier jedoch aus purer Prinzipienreiterei eine Politik der harten Hand praktiziert. Während wir auf diese Weise Notleidende, die das Not in unserer eigenen Gesellschaft lindern könnten, durch Abschiebung in neue Notlagen stürzen, vergrößern wir andernorts die Not, indem wir gezielt Fachkräfte abwerben.

Vielleicht würde es ja auch helfen, einmal einen Schritt zurückzutreten und mit etwas mehr Abstand auf die europäische Migrationspolitik zu schauen, also etwa das heutige Geschehen vor dem Hintergrund früherer Ereignisse zu betrachten.

Beispiel: Jene, die vor 80 Jahren jüdische Verfolgte vor dem Zugriff der Nationalsozialisten bewahrt haben, werden heute als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. Wer dagegen heute Menschen vor dem Ertrinken im Mittelmeer bewahrt, wird in Italien vor Gericht gestellt. Dies wäre auch vor 80 Jahren so gewesen. Wie aber wird man in der Zukunft darauf schauen, 80 Jahre nach unserer heutigen Kultur der Mitleidslosigkeit?

Zitat von Heinrich Himmler entnommen aus dessen Rede vor den Reichs- und Gauleitern in Posen am 6. Oktober 1943; 1000dokumente.de (PDF), S. 25.  Druckfassung in: Heinrich Himmler: Geheimreden 1933 bis 1945 und andere Ansprachen, herausgegeben von Bradley F. Smith und Agnes F. Peterson, S. 162 – 183. Frankfurt/Main u.a. 1974: Propyläen.

Mehr zum Thema:

„Was mich nicht tötet, härtet mich ab!“ Über faschistische Kontinuität in Deutschland

Freiheitsboten in Flüchtlingsbooten. Der Flüchtling als Retter des Abendlands. Mit Flüchtlingsliedern von Manu Chao, Alessandro Mannarino, Georges Brassens und der russischen Band Chizh (Tschisch).

Bild: Timothy Schmalz: Homeless Jesus (Der heimat-/obdachlose Jesus); zuerst im kanadischen Toronto, dann an über weiteren 100 Orten aufgestellte Bronzeskulptur; hier: Skulptur vor der Saint-James-Kirche in Montreal (Wikimedia commons)

9 Kommentare

  1. Sehr guter Artikel!- Vor allem die schizophrene Haltung ist gut herausgearbeitet. Was man sich fragt ist, warum diese Extreme: Zuerst der Willkommenshype zu Beginn des Krieges in Syrien (und mit den Menschen aus der Ukraine wird es genauso gehen) und dann diese herzlose Gleichgültigkeit. Ich glaube bei der schon hysterischen Willkommens“kultur“ ging es auch viel um Selbstdarstellung. Die Frage ist: Ging es wirklich immer allen um die konkreten Menschen?- Kein Kind braucht 10 Teddybären (bisschen polemisch). Und auch jetzt: Die Seenotrettung ist nicht strafbar und wird von Deutschland sogar unterstützt. Die Schizophrenie: Um die betroffenen Menschen wollen wir uns anschließend eher nicht kümmern. Ja: Unglaubwürdigkeit und Unlogik …. kommen auch davon, dass man die konkreten Menschen irgendwie ausblendet, glaube ich.

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  2. Rechts und links verhalten sich spiegelbildlich. Alle Parteien missbrauchen die Migranten für ihre Zwecke und profilieren sich auf ihre Kosten. Diejenigen, die sie idealisieren, scheinbar ihre Interessen vertreten und sie als menschliche Schutzschilde gebrauchen, und diejenigen, die sie verteufeln und diffamieren. Die Auseinandersetzung auf dem Rücken der Migranten soll von der Gleichheit der Positionen der Parteien in Bezug auf die wissenschaftlich nicht zu rechtfertigende Klimapolitik und die naturzerstörerische Energiewende ablenken. Und damit alle auf Linie gebracht werden und am großen Konsens teilhaben können, gibt es jetzt bei der CDU und den Freien Wählern auch noch die besonders abstoßende Kombination von Xenophobie mit Windkraft und „Klimaschutz“. Vgl. https://www.welt.de/politik/deutschland/video247803888/Freie-Waehler-Fraktionschef-Es-gibt-keinen-schwachen-Soeder-sondern-es-gibt-nur-Markus-Soeder.html

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