Dirk Rohrbachs Feature über die Amish in den USA
Das Rothe Ohr: Radiofeature-Awards/5
Mit ihrem Verzicht auf Autos, Fernseher und Telefone wirkt die Gemeinschaft der Amischen rückwärtsgewandt und sektiererisch. In seinem Feature über Amish-Gemeinden in den USA lädt Dirk Rohrbach jedoch zu einer differenzierteren Betrachtungsweise ein.
Wurzeln der Amischen-Bewegung im späten Mittelalter
Die christlichen Reformbewegungen, die seit dem späten Mittelalter für umfassende Veränderungen in der Praktizierung ihres Glaubens eintraten, einte eine gemeinsame Überzeugung: Die Funktion der Amtskirche als Mittlerinstanz zwischen Gläubigen und Gott wurde radikal in Frage gestellt. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Reformbewegungen ergaben sich aus der Frage, wie stark die Amtskirche aus der Glaubenspraxis zurückgedrängt werden sollte und auf welchen Wegen die Gläubigen sich Gott nähern sollten.
Unstrittig war die Forderung nach einer stärkeren Konzentration auf das Wort Gottes, also die unmittelbare Auseinandersetzung mit der Bibel, statt ihrer Auslegung von der Kanzel herab. Hierzu war es notwendig, die Heilige Schrift in die jeweiligen Landessprachen zu übersetzen und sie als Volksausgabe verfügbar zu machen, was durch den Buchdruck wesentlich erleichtert wurde.
Ein weiterer übergreifender Aspekt der Reformbewegungen war die Wiedereinführung des seit dem 13. Jahrhundert zurückgedrängten Laienkelchs, also der Darreichung des Kelchs an alle Gläubigen während der Eucharistiefeier. Damit war nicht zuletzt ein neues Verständnis der Gemeinde verbunden, das der Gemeinschaft der Gläubigen einen höheren Stellenwert gegenüber den kirchlichen Amtsträgern einräumte.
Die Täufer-Bewegung als Vorläufer der Amischen
Alle christlichen Reformbewegungen sahen sich anfangs starken Widerständen ausgesetzt. Johannes Hus landete 1415 auf dem Scheiterhaufen, zwischen Katholiken und Protestanten gab es jahrhundertelang blutige Auseinandersetzungen. Keine Reformbewegung wurde jedoch so entschieden bekämpft wie die der „Täufer“ bzw. – unter Berücksichtigung der Tatsache, dass manche spätere Anhänger dieser Bewegung bereits als Säuglinge getauft worden waren – „Wiedertäufer“.
Dafür gab es zwei wesentliche Gründe. Der erste Grund ist schon in dem Namen angedeutet, unter dem diese Bewegung in die Geschichte eingegangen ist: Zentrales Kennzeichen der (Wieder-)Täufer ist die Überzeugung, dass das Bekenntnis zu Gott auf einer bewussten Entscheidung der Gläubigen beruhen muss, also nur von Erwachsenen getroffen werden kann.
Die Ablehnung der Säuglingstaufe, die daraus folgt, war für die Zeitgenossen ein doppeltes Sakrileg: Zum einen ging man damals davon aus, dass Ungetaufte nicht in das Reich Gottes eingehen könnten. Zum anderen wurde das Beharren auf einem individuellen Bekenntnis zu Gott aber auch als Unbotmäßigkeit interpretiert. Schließlich entscheiden so nicht mehr die Gemeinschaft und ihre obersten Repräsentanten über die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Glauben, sondern die konkreten Einzelnen.
Dies war das Gegenteil dessen, was 1555 im Augsburger Religionsfrieden festgeschrieben wurde. Die Formel „Cuius regio, eius religio“ besagte eben gerade, dass die Landeskinder jeweils die Religion annehmen müssten, die ihr jeweiliger Landesherr bevorzugte.
Der Verdacht der Unbotmäßigkeit wurde noch dadurch verstärkt, dass unter den Täufern auch die Forderung nach der freien Pfarrerwahl erhoben wurde. Wer aber seine Kirchenvorsteher selbst bestimmen möchte, der wird sich – so die Befürchtung – am Ende auch der weltlichen Herrschaft nicht mehr bedingungslos unterordnen.
Die Amischen als Abspaltung von Mennoniten
In der Praxis verhielten sich die meisten Täufergemeinden allerdings eher unauffällig. Die Münsteraner Täuferherrschaft um Jan Mathijs und Jan van Leiden war eher untypisch für die Täuferbewegung. So traten die nach dem friesischen Theologen Menno Simons (1496 – 1561) benannten Mennoniten für ein abgeschiedenes Leben und einen weitgehenden Rückzug aus weltlichen Angelegenheiten ein, weil sie in diesen eine Ablenkung von dem wahren Ziel des Lebens – der Konzentration auf den Glauben – sahen.
Die nach Jakob Ammann (1644 – 1730) bezeichneten „Amischen“ sind Teil einer neuen Reformbewegung, die den Mennoniten Ende des 17. Jahrhunderts eine zu starke Aufweichung ihrer im Dordrechter Bekenntnis festgeschriebenen Glaubenspraxis vorwarf. So trennten sie sich 1693 von diesen und gründeten ihre eigene Glaubensbewegung.
Mangelnde Freiheit für die eigene Religionsausübung und materielle Not führten seit Ende des 17. Jahrhunderts zur Auswanderung von Amischen in die USA. Die meisten emigrierten aus der Pfalz, wohin viele von ihnen zuvor bereits nach der Angliederung des Elsass an das katholische Frankreich übergesiedelt waren. Später kamen Auswanderer aus der Schweiz und aus anderen südwestdeutschen Gebieten hinzu.
Organisation des Gemeindelebens bei den Amischen
Gemäß ihrer Konzentration auf das Wort Gottes gibt es bei den Amischen weder Amtsgeistliche noch feste Kirchenräume. Stattdessen werden die Gemeindevorsteher („Bischöfe“ genannt) und Prediger in freier Wahl bestimmt. Die sehr ausgedehnten Gottesdienste finden alle zwei Wochen reihum in Häusern von Gemeindemitgliedern statt, die dafür entsprechend hergerichtet werden. Der Gottesdienst dient so zugleich der Zusammenkunft der Gemeinde und ist mit einem gemeinsamen Essen verbunden.
Über die Regeln des Zusammenlebens können die Gemeinden ebenfalls selbst bestimmen. Dies hat dazu geführt, dass es in den USA mittlerweile verschiedene Strömungen von Amischen gibt, die sich je nach der Anpassung an die Mehrheitskultur voneinander unterscheiden.
Die Gruppierung, die am stärksten dem ursprünglichen Lebens- und Glaubensideal der Amischen treu geblieben ist, sind die so genannten „Amischen alter Ordnung“. Auch hier verfügen nicht alle Gemeinden über dieselben Regeln. In einigen Punkten herrscht jedoch weitgehende Übereinstimmung. Dies betrifft etwa die Ablehnung des Besitzes von Autos und Mitteln der Telekommunikation (also Handys, Telefonen und Computern), die Unterrichtung der Kinder in eigenen Einklassenschulen und den Verzicht auf einen Anschluss an das Stromnetz.
Oberstes Ziel all dieser Maßnahmen ist der Zusammenhalt der Gemeinschaft. So werden Autos und moderne Telekommunikation nicht grundsätzlich abgelehnt oder gar gemieden. Der individuelle Besitz könnte jedoch – so die Befürchtung – dazu führen, dass die Gemeindemitglieder sich geistig und physisch „zerstreuen“ und die Gemeinschaft sich so allmählich zersetzt.
Lebensfrohe Distanz zur Moderne
Die Amischen alter Ordnung bieten so das eigentümliche Bild einer basisdemokratisch organisierten Glaubensgemeinschaft mit einer rückwärtsgewandten, auf Außenstehende zunächst sektiererisch wirkenden Lebenspraxis. Mit ihrer altmodischen Kleidung, dem archaischen pfälzisch-englischen Dialekt, der bei den „Pennsylvania-Dutch“ (Pennsylvania-Deutschen) gepflegt wird, ihren Pferdekutschen und der strengen Geschlechterrollenverteilung erscheinen sie wie lebendige Überbleibsel einer untergegangenen Kultur.
Dies lässt erwarten, dass man in den entsprechenden Gemeinden auf verbissene Fundamentalisten trifft, auf unterwürfige Frauen und verhuschte Kinder, die Angst vor jedem freien Gedanken haben. Das Feature von Dirk Rohrbach zeichnet jedoch ein ganz anderes Bild. Es zeigt die Amischen als Menschen, die sich sehr wohl kritisch mit ihrer Situation auseinandersetzen, die offen für das Gespräch mit anderen sind und die vor allem ein gehöriges Maß an Lebensfreude ausstrahlen.
Immer wieder blitzt in den Gesprächen auch eine Art von Selbstironie auf – so etwa bei der Frage an einen Hersteller von Pferdekutschen, welche Farben er anbiete (Antwort: „Jede Farbe – solange sie schwarz ist“). Die Frauen wirken ausgesprochen selbstbewusst, auch wenn sie die traditionelle Rollenverteilung nicht in Frage stellen und sich auf Haushalt und Kindererziehung konzentrieren.
Intensives Ringen um das ideale Leben
So räumt das Feature wirkungsvoll mit dem Vorurteil auf, dass ein abgeschiedenes, den Glauben und die Gemeinschaft der Gläubigen in den Mittelpunkt stellendes Leben automatisch zu Engstirnigkeit und Fundamentalismus führen müsse. Der entscheidende Faktor, der dies bei den Amischen verhindert, ist offenbar die bewusste Entscheidung für ein solches Leben, verbunden mit der regelmäßigen Reflexion über die die ihm zugrunde liegenden Regeln in den Gemeindeversammlungen.
So wird Jugendlichen eine „Rumspringa“ genannte Periode zugestanden, in der sie verschiedene Lebensmodelle ausprobieren können. Erst danach erfolgt die Entscheidung für oder gegen das Leben in der Gemeinde durch den Taufakt (oder dessen Verweigerung).
Die intensive Auseinandersetzung der Amischen mit den Errungenschaften der modernen Zivilisation, ihr genaues Nachdenken über die Konsequenzen, die sich aus ihrer Nutzung ergeben, führt so im Verlauf des Features unmerklich zu einer Umkehr der Perspektive. Es stellt sich die Frage, wer hier eigentlich naiv ist – die Amischen, weil sie glauben, sich einer unaufhaltsam scheinenden technischen Entwicklung in Teilen verweigern zu können, oder wir, weil wir uns an jede neue Entwicklung unreflektiert anpassen, anstatt uns zu fragen, ob und wie wir sie für unser Lebensideal passend machen können.
Das Feature vor dem Hintergrund von Rohrbachs Podcast 50 States
Dirk Rohrbachs Feature über die Amish People ist die Long Version eines kürzeren Beitrags, der 2021 im Rahmen der Serie 50 States ausgestrahlt worden ist. Das Projekt beruht auf Reisen des Autors durch die USA, die in mehreren Etappen alle Staaten der USA erfassen sollen. Drei Staffeln mit insgesamt 20 Staaten sind bereits in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks abrufbar.
Der besondere Reiz der Serie besteht darin, dass sie nichts mit den üblichen Reisereportagen zu tun hat, bei denen sich zuweilen das Gefühl einstellt, der PR-Prosa mutmaßlicher Sponsoren zu lauschen. Stattdessen vermittelt Dirk Rohrbach einem das Gefühl, bei seinen Reisen per Kajak über Missouri und Mississippi oder in seinem „Vintage-Truck“ neben ihm zu sitzen.
Dies liegt sicher auch an der mitreißenden On-the-Road-Musik, mit der die Beiträge untermalt sind. Vor allem aber lässt der Autor uns teilhaben an seinen Gedanken und an der Freude über die Freiheit des Reisenden, der immer wieder auf neue, unerwartete Details stößt.
Der Blick des unvoreingenommenen Reisenden

Wie in seinem Feature über die Amischen gelingt es Rohrbach auch in seiner Serie 50 States, unvoreingenommen an Dinge und Menschen heranzugehen. Eben dadurch wirken die teils recht skurrilen Typen, die er in den Beiträgen porträtiert, so lebendig. Dass der Autor sie so einfühlsam zu Wort kommen lässt, liegt dabei vielleicht auch an seiner eigenen Biographie: Rohrbach hat Medizin studiert und war als Arzt tätig, ehe er sich als Autor von Reiseberichten selbständig machte.
In den Zeiten einer zunehmenden Polarisierung in den USA sind Rohrbachs Reportagen aus den USA besonders wertvoll, da sie ein wohltuendes Gegengift zur medialen Konzentration auf den Washingtoner Polit-Zirkus darstellen. Die Voodoo-Priesterin, die er in Louisiana trifft, die Ufologen in New Mexico, die alte Frau, die in Nebraska als letzte Einwohnerin ihres Dorfes ein Lokal an einem Highway betreibt, der Mann, der sich in einem umgebauten ehemaligen Raketensilo um die Versöhnung der Weltreligionen bemüht – sie alle zeigen, dass die soziale Realität in den USA unendlich viel komplexer ist, als es die Fixierung auf den Dauerstreit zwischen Republikanern und Demokraten vermuten lässt.
Link zum Feature über die Amischen:
Fromm oder fundamentalistisch? Feature über die Amish in den USA; Bayerischer Rundfunk, Erstausstrahlung am 18. Februar 2023.
Link zur Serie 50 States:
50 States – Durch die USA mit Dirk Rohrbach; ausgestrahlt zwischen Mai 2019 und Juli 2021.
Infos über Dirk Rohrbach finden sich auf Wikipedia und auf seiner Homepage.
Bilder: Brigitte Werner (ArtTower): Eine Gruppe von Amish People (Pixabay); Gadjoboy: Amish-Kinder auf dem Weg zur Schule (Wikimedia commons)
Vielen Dank für diese überraschende Darstellung und den prima Radiotipp. Ich hatte genau die beschriebenen Vorurteile gegen die Amish People. Verstärkt wurden diese durch einen US-amerikanischen Film “ Der einzige Zeuge“, der – wenn ich mich recht erinnere – die Amish People als eine Art freudloser und ziemlich rigider Sekte zeigt. Ich fand die geschichtliche Darstellung hier spannend und werde mir die Beiträge von Dirk Rohrbach anhören. Interessanter Blog übrigens, Weiter so!
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Danke für den netten Kommentar. An den Film erinnere ich mich auch noch.
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