5’nizza (Pjatnitsa): Солдат (Soldat)
Musikalische Sommerreise 2024/6
Der 2002 veröffentlichte Song Солдат (Soldat) des Musiker-Duos 5’nizza (Pjatnitsa) ist eines der populärsten Antikriegslieder der Ukraine. Der Song ist auch in Russland sehr bekannt und bezeugt so den grenzübergreifenden Wunsch nach Frieden.
Soldat
Fünf Jahre ohne Schlaf
haben die Schützengräben
als Augenringe in mein Gesicht geritzt.
Zum Glück müssen das
nur die anderen sehen.
Ich bin Soldat,
ein Soldat ohne Kopf –
der ist längst begraben
unter Millionen von Stiefeltritten.
Im Schlachtgebrüll
das Geschrei des Kommandeurs.
Er schreit mit verzerrtem Mund,
mit granatenzerrissenen Lippen.
Weißer Mull, blutgetränkter Mull –
sie legen uns die Hand auf,
anstatt uns zu heilen.
Ich bin Soldat,
eine Frühgeburt des Krieges.
Ich bin Soldat,
heile meine Wunden, Mama!
Ich bin Soldat
eines Landes, das Gott vergessen hat.
Sie sagen, ich bin ein Held –
aber aus welchem Roman?
Jeden Tag das gleiche Lied:
Wer bekommt die letzte Kugel?
Er oder ich?
Und am Abend die gleiche Antwort:
Selbstgebrannter!
Ich bin Soldat,
und ich kenne mein Geschäft,
das Geschäft des Schießens,
das Abfeuern von Kugeln
in den Körper des Feindes.
Ja, Papa Krieg*, das gefällt dir,
das ist ein Fest für dich,
Millionen schickst du fiedelnd
auf der Granatenvioline
in den Tod!
Ich bin Soldat …
* Krieg ist im Russischen und Ukrainischen weiblich, daher würde die wortgetreue Übersetzung „Mutter Krieg“ lauten.
5’nizza: Солдат (Soldat) aus: П’ятниця (Pjatnitza; 2003); zuerst auf dem Demo-Album Unplugged (2002)
Live-Aufnahme aus dem Jahr 2010:
5’nizza (Pjatnitsa): Cooler Minimalismus
5’nizza (Pjatnitsa) ist ein von Андрій Запорожець (Andrij Zaporozhets) und Сергій Бабкін (Sergij Babkyn) im Jahr 2000 ins Leben gerufenes Musikprojekt. Die beiden Musiker lernten sich bereits während der Schulzeit in Charkiw kennen und starteten dann während der Studienzeit ihr Projekt, dem sie den Namen 5’nizza gaben. Dabei handelt es sich um ein Wortspiel mit den Worten „Пять“ (Pjat‘: Fünf) + „Nizza“, die zusammen das ukrainische und das russische Wort für „Freitag“ (П’ятниця/Пятница/Pjatnitsa) ergeben.

Nach ihren ersten erfolgreich verlaufenen Auftritten in der Ukraine und in Russland veröffentlichten sie 2002 ein erstes Demo-Album, das rasch Verbreitung fand. Darauf folgten zwei offizielle Alben, ehe die Musiker 2007 wegen musikalischer Differenzen getrennte Wege gingen. Das bereits in Vorbereitung befindliche dritte Album des Duos wurde von Andrij Zaporozhets mit seiner neuen Band SunSay realisiert. Beide hatten bereits zuvor auch an anderen musikalischen Projekten mitgewirkt.
2015 verkündete das Duo seine Wiedervereinigung und brachte zwei Jahre später auch ein neues Album heraus. Dessen minimalistischer Titel (КУ / KU) passt gut zu dem von 5’nizza gepflegten Musikstil, der von einer Dominanz von Gesang und Gitarre geprägt ist und sich zwischen Soul und Hip-Hop bewegt. Dem entsprechen auch die häufigen Unplugged-Versionen der Songs.
Солдат (Soldat): eine erfolgreiche Antikriegshymne – auch in Russland!
Soldat war einer der ersten Pjatnitsa-Songs, der 2003 sowohl in der Ukraine als auch in Russland ein großer Erfolg wurde. Das Lied thematisiert den tristen Alltag im Krieg aus der Perspektive eines einfachen Soldaten. Dieser erzählt mit einer Mischung aus Galgenhumor und Fatalismus von seiner Erschöpfung und der Abstumpfung, die das ständige Töten in ihm ausgelöst haben.
Der Krieg erscheint dabei als eine Gewalteruption mit einer Eigendynamik, die alle, die darin gefangen sind, „kopflos“ macht, sie also in Marionetten einer anonymen Todesmaschinerie verwandelt. Die täglichen Gewaltexzesse machen jede distanzierte Reflexion unmöglich. Stattdessen wird das Denken nur von der einen Frage beherrscht: Er oder ich, der Tod des Feindes oder mein eigener.
Bei dem Song handelt es sich also um ein klares Bekenntnis gegen den Krieg. Dennoch werden sich überall auf der Welt Soldaten mit ihm identifizieren können, da sowohl die zurückgenommene Musik als auch der fatalistische Text ihre Stimmung im tristen Kriegsalltag widerspiegeln.
Neufassung des Songs unter dem Eindruck des russischen Großangriffs
Dementsprechend erfreute sich der Song offenbar auch nach dem russischen Angriffskrieg unter ukrainischen Soldaten ungebrochener Beliebtheit. Hierauf reagierte einer der beiden Musiker von 5’Nizza/Pjatnitsa, Sergij Babkyn, indem er einen neuen Text für den Song schrieb, den er nun außer auf Russisch auch auf Ukrainisch einspielte. Dieser ist allerdings – als Reaktion auf die russische Aggression – wesentlich stärker an den Gedanken von Heldentod und Kampfesmut orientiert und trifft so vielleicht das Alltagsempfinden der Soldaten weniger als der ursprüngliche Text.
Die Absicht hinter der Neufassung war aber sicher eine zusätzliche Motivation für die Soldaten, die an der Front natürlich kaum etwas weniger gebrauchen können als resignativen Fatalismus. Dies klingt auch in Babkyns eigener Erläuterung zu der Neufassung an.
Darin bezeichnet er den Song Soldat als „Markenzeichen“ von 5’Nizza, einen Song, der immer wieder in neuen Zusammenhängen auftauche und dabei neue Bedeutungsfacetten erhalte. So habe auch er den Song nach der russischen Invasion der Ukraine neu gesehen und den Text entsprechend überarbeitet. Dadurch sei er nun eine „Hymne“ für „unsere Jungs, die das Land verteidigen“.
Dies ist offenbar auch von den Soldaten selbst so empfunden wurden, die Babkyn nach dessen eigener Aussage darum gebeten haben, eine Aufnahme der Neufassung ins Netz zu stellen.
Russischsprachige Freiheitsträume eines Ukrainers
Der Refrain des überarbeiteten Textes macht zum einen die Ablehnung des Krieges, zum anderen aber auch die unbedingte Verteidigungsbereitschaft deutlich. Aus Letzterer ergibt sich nun auch ein anderer Begriff von Heldentum. Erschien dieses in der ursprünglichen Fassung als sinnleere Propagandaformel, so ergibt es sich nun aus der Bereitschaft, die Freiheit des eigenen Landes notfalls unter Aufopferung des eigenen Lebens zu verteidigen:
„Ich bin Soldat,
und glaubt mir:
Ich wollte keinen Krieg!
Ich bin Soldat,
aber die Wunden sind mir egal.
Ich bin Soldat,
Soldat eines freien und großen Landes.
Ich bin ein Held,
und über mich werden einst
Romane geschrieben werden.“
Babkyns Neufassung des Textes und seine kompromisslose Verurteilung des russischen Angriffskriegs sind zugleich ein Beleg dafür, dass die Sozialisation in einer überwiegend russischsprachigen Region der Ukraine – wie es Charkiw zumindest vor 2022 war – keineswegs gleichbedeutend sein muss mit dem Wunsch, zu Russland zu gehören. Die russische Muttersprache bedingt eben keinesfalls – anders als vom Kreml unterstellt – eine Vorliebe für ein diktatorisches Regime, eine Befürwortung gewaltsamer Eroberungen und eine Geringschätzung elementarer Menschenrechte.
Zitat von Sergij Babkyn übersetzt aus seinem Kommentar unter der Neufassung des Songs Soldat auf YouTube; dort findet sich auch der Text der Neufassung
Bilder: Sammy Sander: Soldat (Pixabay).Verfremdet über „künstlerische Effekte“ / andere Farbgebung; Sundays Media: Serhej Babkyn und Andrej Saporoschez; Foto für ein Plakat anlässlich eines Konzerts in Kiew, März 2021 (Wikimedia commons)
Vielen Dank für diesen spannenden Beitrag. Die Änderung des Liedtextes kann ich zwar vor dem Hintergrund des Überfalls Russlands auf die Ukraine nachvollziehen. Sie erfüllt mich aber dennoch mit leichtem Unbehagen. M.E. gibt es im Krieg nur Verlierer. Mit dem Wort „Held“ hätte ich Probleme. Abgesehen davon: Tolle Reihe!- Bin gespannt auf den nächsten Musiktipp!
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