Grenzen des kritischen Journalismus in Deutschland

Das Rothe Ohr 2024

Vorschau auf die diesjährigen Radiofeature-Awards

Spätherbst: Zeit, sich in einen Sessel zu kuscheln und Radiofeatures zu lauschen. Bevor es dazu auf rotherbaron wieder ein paar Anregungen gibt, wird heute ein Blick auf die Hindernisse geworfen, denen sich kritischer Journalismus gegenübersieht.

Hindernisse für kritischen Journalismus

Strukturelle Hindernisse  

Finanzielle Hindernisse

Ideelle Hindernisse

Monolithische Dogmengebäude

Radiofeatures als Vorbilder und Anregung für freies Denken

Auswahlkriterien für die Radiofeature-Awards

Hindernisse für kritischen Journalismus

Keine Frage – dies sind keine leichten Zeiten für kritisch-engagierten Journalismus. Zwar genießt journalistische Arbeit in Deutschland zweifellos größere Freiheiten als in all den Ländern, die vom grassierenden Virus des Autoritarismus befallen sind. Auch bei uns sieht sich der kritische Journalismus jedoch mit einer Reihe von Hindernissen konfrontiert. Diese lassen sich grob in strukturelle, finanzielle und ideelle Hindernisse unterscheiden.

Strukturelle Hindernisse  

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist bei uns, wie bekannt, gebührenfinanziert. Daraus ließe sich der Gedanke ableiten, dass er in besonderem Maße der Demokratie und damit auch der Unterstützung der kritischen Reflexion gesellschaftlicher Entwicklungen verpflichtet sein sollte.

Stattdessen lautet die Schlussfolgerung jedoch: Das Volk zahlt, also müssen die Beiträge auch „volksnah“ sein. Dabei folgt die Definition von „volksnah“ allerdings dem Klischee einer denkfaulen, vergnügungssüchtigen Masse. Die Programmgestaltung orientiert sich daher in wesentlichen Teilen an dem Angebot der privaten Fernsehsender.

Die Folge ist eine permanente Abwärtsspirale des Niveaus. Immer neue infantilisierende Shows und Reality-Soaps reihen sich neben die Blabla-Marathons der Talkshows und künstlich hochgejazzte Sportereignisse. Unterhaltung ist Trumpf, selbst seriöse Inhalte müssen im Showformat dargeboten werden.

Der Erfolg von Sendeformaten bemisst sich dabei nicht an der Qualität oder an der Wirkung auf das Publikum, sondern schlicht an der Quote. Die Leute wollen mehr Superstar-Shows sehen? – Gut, dann gibt’s ab morgen eben eine neue „Deutschland-sucht-den-Superpopler-Show“!

Finanzielle Hindernisse

Die strukturellen hängen natürlich eng mit den finanziellen Hindernissen zusammen. Jeden Euro kann man nur einmal ausgeben. Hat man sich davon die Rechte an Sportübertragungen oder eine neue Game-Show geleistet, so muss eben beim Qualitätsjournalismus gespart werden. Ist ja eh zu unbequem, zu unpopulär …

Die Folgen sind schon beim Fernsehen, erst recht aber beim Radio zu spüren. Bei der Auslandsberichterstattung etwa müssen einzelne Personen immer größere Regionen abdecken. So können sie sich kaum noch auf einzelne Länder einlassen und müssen sich auf das verlassen, was ihre Ortskräfte ihnen von dort berichten.

Die Mangelwirtschaft hat mittlerweile auch dazu geführt, dass das Phänomen des Weltenbummlerjournalismus eine Renaissance erfährt. Dabei finanzieren einzelne Personen sich ihre Weltreisen durch Reportagen, die sie an die Rundfunkstationen daheim verkaufen – was für Letztere natürlich billiger ist als die Finanzierung von Festanstellungen.

Auch hierbei kommt es selbstredend nicht zu einem echten Eintauchen in die fremden Kulturen. Statt die Entwicklungen vor Ort aus der Eigenperspektive der Betreffenden zu schildern, wird das Fremde durch die Brille der eigenen Kultur betrachtet. So handeln die Berichte im Grunde nicht von dem anderen Land, sondern spiegeln nur das Eigene im Fremden.

Ideelle Hindernisse

Natürlich gibt es in Deutschland keine Zensur. Es gibt aber sehr wohl ein paar unausgeprochene Schranken für das Denk- und Sagbare, die zuweilen an die Grenze inoffizieller Denkverbote heranreichen.

Unerwünscht sind etwa kritische Berichte über Windkraft. In der Corona-Zeit durfte die Masken-Hysterie nicht hinterfragt werden, obwohl schon damals klar war, was mittlerweile sogar durch eine Meta-Studie des renommierten Forschungsnetzwerks Cochrane bestätigt ist: Die Schutzwirkung der Masken war keineswegs so umfassend, wie damals behauptet wurde. Ihre Überbetonung hat zur Vernachlässigung anderer wichtiger Schutzmaßnahmen geführt.

Die Mechanismen, durch die Meinungsvielfalt unterdrückt wird, sind dabei sehr subtil. Der Hinweis auf die naturschädlichen Auswirkungen der Windkraft wird etwa nicht mit Gegenargumenten gekontert, sondern mit der Unterstellung, bei den Betreffenden müsse es sich um populistische Klimawandelleugner handeln.

Wer von kritischem Journalismus leben möchte, wird es sich vor diesem Hintergrund zweimal überlegen, ob er die tabuisierten Themen aufgreift. Dadurch kommt es zu der berüchtigten „Schere im Kopf“: Aus der Unterdrückung missliebiger Wahrheiten und Meinungen wird eine strukturelle Zensur.

Dies gilt auch für andere Themenbereiche. Migration etwa ist neuerdings grundsätzlich problematisch zu sehen, Abtreibung und Homosexualität müssen dagegen stets positiv konnotiert sein. Das größte Problem ist dabei die Einseitigkeit: Das Recht auf Abtreibung mag ein wichtiges Freiheitsrecht sein. Frauen, die an den Folgen einer Abtreibung leiden, sollten aber auch zu Wort kommen.

Ähnlich einseitig ist der Umgang mit sexuellen Minderheiten. Früher war Homosexualität eine Straftat, heute hat das Pendel umgeschlagen: In jeder Fernsehserie gesellt sich Gleich zu Gleich; wer heterosexuell ist, gilt als langweilig. Dadurch wird eine sexuelle Norm vorgetäuscht, die keineswegs der Realität entspricht. Dies erzeugt Gegenreaktionen, durch die – ähnlich wie bei der Gender-Debatte – die emanzipatorische Intention am Ende in einen konservativen Rollback mündet.

Monolithische Dogmengebäude

Das Grundproblem unseres emanzipatorischen Diskurses scheint mir in der Tat zu sein, dass er zu einer gewissen Uniformität tendiert: Wer als progressiv gelten will, muss seine Texte so mit Gendersternchen und -doppelpunkten zerhäckseln, dass sie unleserlich werden. Wer als Klimaschützer anerkannt werden will, muss dafür sein, die Natur mit Stahlbetonkolossen für die Windkraft zu pfählen.

Die so aufgestellten Gebote führen dazu, dass das emanzipatorische Denken selbst ideologisch wird. Es entstehen monolithische Dogmengebäude, die sich strukturell nicht mehr von denen der Gegenseite unterscheiden.

Was wir stattdessen brauchen, ist ein flüssiges, bewegliches Denken, das auch immer wieder bereit ist, sich selbst zu hinterfragen. Nur so lässt sich das Einbiegen in Sackgassen vermeiden, aus denen wir am Ende nur schwer wieder herausfinden.

Radiofeatures als Vorbilder und Anregung für freies Denken

Es widerspricht der Struktur eines solchen Denkens, es zu verordnen oder es wie ein Schulfach zu unterrichten. Als seinem Wesen nach „flüssiges“ Element ist es wie ein Strom, der einen mitnimmt, wenn man in ihn eintaucht. Ein solcher geistiger Strom kann die äußere Form eines Textes oder eines Films, aber auch eines Hörstücks annehmen. Entscheidend ist, dass darin der Gezeitenstrom der Gedanken spürbar ist, ihr hin- und herwogendes Umkreisen eines Themas.

Dies ist für mich auch bei einem gelungenen Radiofeature der Fall. Die reflexive Auseinandersetzung Einzelner mit bestimmten Themenbereichen, ihre tastende Annäherung an die Realität, scheint mir ein Musterbeispiel für das Wirken eines lebendigen, kritischen Geistes zu sein. Wer sich darauf einlässt, wer also in den Strom dieses engagierten Denkens eintaucht, kann dadurch auch die Beweglichkeit seines eigenen Geistes stärken.

Die Radiofeatures, die in den kommenden Wochen hier vorgestellt werden, sind für mich alle vorbildlich in dem oben beschriebenen Sinn. Sie unterstützen allgemein das freie, unabhängige Denken, beleuchten darüber hinaus aber natürlich auch einzelne Themenfelder auf originelle Weise.

Hier noch einmal die Auswahlkriterien im Detail:

Auswahlkriterien für die Radiofeature-Awards

Die ausgewählten Features zeichnet jeweils eine besondere Verbindung von persönlichem Engagement und künstlerischer Gestaltung aus. Engagiert zu sein, bedeutet dabei stets auch: präsent sein; sich einmischen; die eigenen Recherchen reflektierend begleiten.

Die ausgezeichneten Features weisen oft auch eine hohe künstlerische Qualität auf. Dies ist allerdings keineswegs gleichbedeutend mit Fiktionalität. Der künstlerische Charakter beruht vielmehr – außer auf der hohen Qualität bei der Umsetzung des Projekts – darauf, dass die Ausstellungshalle der Fakten sich hier organisch mit dem Wandelgang der Reflexionen verbindet.

Die Fakten werden also nicht einfach als solche hingenommen und „nackt“ präsentiert. Stattdessen wird immer wieder vor Augen geführt, dass es eine rein objektive Bedeutung streng genommen gar nicht geben kann, da Bedeutung sich stets erst über die Reflexionsprozesse der beteiligten Personen herstellt, welche die Fakten vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Erfahrungen analysieren und einordnen. Dem entspricht eine bewusste Gestaltung des Geschehens, die subjektives Erleben und objektive Ereignisstränge in Einklang zu bringen versucht.

Gerade durch diese offene Einmischung des wahrnehmenden und erzählenden Subjekts wird die Veränderbarkeit der Wirklichkeit betont: Die Fakten, von denen berichtet wird, sind überprüfbare Realität. Was wir mit diesen Fakten machen – ob wir sie achselzuckend hinnehmen oder sie hinterfragen und zu verändern suchen –, liegt jedoch in unserer Hand.

Eben hierauf bezieht sich auch der Titel dieses Feature-Awards. Das Rothe Ohr steht für die Intensität des Hörens, für das leidenschaftliche, engagierte Zuhören, als Entsprechung zu dem Engagement, das die preiswürdigen Beiträge auszeichnet.

Link zur erwähnten Cochrane-Studie:

Jefferson, Tom et al.: Physical interventions to interrupt or reduce the spread of respiratory viruses. Cochranelibrary.org, 30. Januar 2023.

Erscheinungsweise der Feature-Awards:

vom 2. bis 30. November mittwochs und samstags (2., 6., 9., 13. 16., 23., 30. November), geordnet nach dem Alphabet

2 Kommentare

  1. Ich freue mich auf die „Awards“. Letztes Jahr habe ich sehr spannende Hörtipps dadurch erhalten. In den Nachrichten kommen eigentlich immer die gleichen Inhalte und diese werden so oberflächlich dargestellt, dass fast schon Halbwahrheiten entstehen. Mit guten Features hat man die Möglichkeit ganz neue Erkenntnisse zu gewinnen und tiefer in Themen einzutauchen. Ich habe große Achtung vor der Arbeit guter Feature-Autor*innen. Man kann das nicht genug wertschätzen. Deshalb finde ich es schön, dass mit dem Rot(h)en Ohr darauf hingewiesen wird.

    Gefällt 1 Person

Schreibe einen Kommentar