Das Rothe Ohr 2024
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In Inga Lizengevics Feature über die „Strafkolonie der Frauen“ erzählen Frauen von ihrem Leben als politische Gefangene in Belarus. Das Feature eröffnet erschreckende Einblicke in das Innenleben der weißrussischen Diktatur.
Repression von orwellschen Dimensionen
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat das Geschehen in Belarus etwas in den Hintergrund gedrängt. Wenn es um Menschenrechtsverletzungen in der Region geht, stehen derzeit die innerrussischen Repressionen und die von der russischen Armee in der Ukraine verübten Verbrechen im Fokus.
Im Schatten dieser Verbrechen hat das belarussische Regime seinen Unterdrückungsapparat weiter ausgebaut. Einen Eindruck hiervon hat Inga Lizengevic bereits in ihrem Ende 2022 erschienenen Feature „Gedankenverbrechen in Belarus“ vermittelt.
In dem Feature spricht die Autorin mit Menschen, die willkürliche Polizeigewalt, Unrechtsjustiz, nächtliche Verhaftungen, unmenschliche Haftbedingungen und lückenlose Überwachung in Belarus am eigenen Leib erlebt haben. Außerdem enthält das Feature Auszüge aus Propagandasendungen des weißrussischen Fernsehens, in denen mit ungezügeltem Hass über Oppositionelle und westliche Länder hergezogen wird.
So entsteht das Bild eines Regimes, das die Lebensregungen der Menschen durch modernste elektronische Überwachungsmethoden bis ins Kleinste kontrolliert und dies mit offener Gewaltanwendung verbindet. Hinzu kommt ein System der Sippenhaft, durch die gegebenenfalls auch Angehörige für regimekritische Äußerungen Einzelner zur Rechenschaft gezogen werden. Dies führt zu einer Kultur der Angst, in der sich niemand mehr offen zu reden traut.
Besonders eindrucksvoll ist die Gegenüberstellung der inhumanen Herrschaftsmechanismen mit Auszügen aus George Orwells Roman 1984. Die Zitate zeigen auf beklemmende Weise, dass die Realität die Fiktion eingeholt, wenn nicht sogar überholt hat.
Sadistisches Strafregime
In ihrem Feature über die „Strafkolonie der Frauen“ legt Inga Lizengevic den Schwerpunkt auf Frauen, die als politische Gefangene in das Räderwerk des belarussischen Repressionsapparates geraten sind.
Dabei muss man sich allerdings vor Augen halten, dass ein aus der Perspektive des Regimes unbotmäßiges „politisches“ Verhalten mittlerweile noch nicht einmal unbedingt in regimekritischen Äußerungen bestehen muss. Als politisch unzuverlässig gelten vielmehr auch all jene, die einen unpolitischen Beitrag der mit einem Verbot belegten unabhängigen sozialen Medien teilen. Da dies auch für persönliche Nachrichten gilt, gibt es regelmäßig unangekündigte Kontrollen von Handys.
Wer wegen derartiger „politischer“ Vergehen inhaftiert wird, sieht sich harten Repressionen ausgesetzt. Die Frauen, mit denen Inga Lizengevic für das Feature gesprochen hat, berichten etwa von Gruppenbestrafungen bei Verfehlungen Einzelner – wobei eine Verfehlung schon darin bestehen kann, ein falsches Kleidungsstück oder ein Kleidungsstück falsch angezogen zu haben.
Eine Frau musste als Strafe dafür, dass sie ein Stück Brot vom Mittagessen mitgenommen hatte, vor allen anderen einen ganzen Laib Brot aufessen. Dabei standen alle bei sengender Hitze im Hof der Strafanstalt. In anderen Fällen werden Vergehen auch mit dem Einsperren in einen schmalen Käfig bestraft.
Von der Unterdrückung zur Vernichtung der Opposition
Als „extremistisch“ eingestufte Frauen, die sich etwa an den regimekritischen Demonstrationen im Umfeld der letzten Scheinwahlen beteiligt hatten, sind besonders strengen Haftregeln unterworfen. Mehrmals am Tag werden sie gefilzt, persönliche Gespräche untereinander sind untersagt. Sprechen sie mit nicht-politischen Gefangenen, werden diese bestraft, etwa indem ihnen ihre Post nicht ausgehändigt wird.
Hinzu kommen explizite Demütigungen. So müssen die Frauen sich vor jedem Termin bei ihren Schauprozessen nackt ausziehen und sich durchsuchen lassen. Frauen, die ihre Tage haben, müssen sogar ihre Slipeinlagen herausnehmen.
Das Feature verknüpft die unmittelbaren Schilderungen der Gewalterfahrungen durch betroffene Frauen mit Auszügen aus Briefen der ebenfalls inhaftierten Maria Kolesnikowa, die 2020 zusammen mit Swjetlana Tichanowskaja und Veronika Tsekpkala Alexander Lukaschenko bei den Präsidentschaftswahlen herausgefordert hatte. Die Schilderung des Leids der inhaftierten Frauen wird so unmittelbar mit der Ausschaltung der politischen Opposition in Belarus verknüpft.
Links zu den Features und zu Inga Lizengevic
Strafkolonie der Frauen. Politische Gefangene in Belarus erzählen. Deutschlandfunk, 6. August 2024.
Gedankenverbrehen in Belarus. Wenn Dystopien lebendig werden. Deutschlandfunk Kultur, 6. Dezember 2022.
Infos zu Inga Lizengevic auf grenzgaengerprogramm.de
Übersicht über Features der Autorin in der ARD-Audiothek
Bild: Johnny Gunn: Verzweifelte Frau (Pixabay)
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