Vorankündigung: Themen des Jahres im Dezember

Ein persönlicher Blick zurück

Der Dezember wird auf rotherbaron der Rückschau gewidmet sein. In acht Themenblöcken lassen wir das Jahr noch einmal Revue passieren. Als Appetizer gibt es heute einen Rückblick auf die musikalische Sommerreise in die Ukraine.

Aufbau der Reihe

Den Dezember nutze ich auf rotherbaron für eine Rückschau auf Themen, die mir persönlich besonders wichtig waren im vergangenen Jahr. Dies kann, muss sich aber nicht mit der Einschätzung anderer überschneiden.

Deshalb wird mein Jahresrückblick auch persönlicher sein, als es sonst auf diesem Blog üblich ist. Die Beiträge werden zudem kürzer sein, da sie sich entweder auf andere Posts beziehen oder um Themen kreisen, zu denen die Basisinformationen leicht im Internet abrufbar sind. Vielleicht regt das Zugespitzte, Glossenartige ja auch manche dazu an, die Leerstellen mit eigenen Diskussionsbeiträgen zu füllen.

Die Posts werden jeweils mittwochs und sonntags erscheinen – wobei an den Feiertagen natürlich auch auf diesem Blog „Stille Nacht“ herrschen wird. Um keine Priorisierung unter den Themen vorzunehmen, wende ich mich ihnen in alphabetischer Reihenfolge zu.

Rückblick auf die musikalische Sommerreise in die Ukraine

Damit es an dieser Stelle nicht so „nackt“ aussieht, erlaube ich mir hier noch einen kurzen Rückblick auf die musikalische Sommerreise, die uns dieses Jahr in die Ukraine geführt hat. Ich tue dies mit dem Song Кокон (Kokon) der im Jahr 2000 von Ольга Пулатова (Olga Pulatowa) und Олена Войнаровська (Olena Woinarowska) in Odessa gegründeten Musikgruppe Flëur.

In dem Song geht es um eine Person, die sich gewissermaßen im Gespinst ihres eigenen Lebens verfängt. Mit anderen Worten: Wir haben es hier mit einer Person in einer Lebens- oder Schaffenskrise zu tun. So stellt sich die Frage: Wird sie aus diesem Gespinst wie ein Schmetterling aus seinem Kokon zu neuem Leben aufsteigen? Oder ist das Gespinst ein Labyrinth, aus dem es keinen Ausweg gibt?

Allerdings muss man das Gespinst nicht notwendigerweise auf eine Sackgasse beziehen, in die jemand sich durch eigene Schuld manövriert hat. Man könnte es vielmehr auch im Sinne ungünstiger Lebensumstände verstehen, auf welche die betreffende Person keinen oder nur bedingt Einfluss hat. Aus dieser Perspektive ließe sich das Lied auch auf die gegenwärtige Situation der Ukraine beziehen, in der die Menschen sich schuldlos in einem Labyrinth aus Lüge und Gewalt gefangen sehen.

Wer übrigens mehr Bock auf Musik hat, kommt ab 1. Dezember auf LiteraturPlanet auf seine Kosten. Am Ersten Advent startet dort wieder der Musikalische Adventskalender.

Der Kokon

Aus dem Gefängnis meines Zimmers,
dem erstickenden Käfig meines Lebens,
versuche ich ins Freie zu gelangen
wie schon so oft.

Doch wie soll mir das gelingen
mit nichts als meinen zitternden Händen,
ihren stummen Worten, geritzt
in Gestein und geschmolzenes Glas?

Kein Lichtstrahl dringt in meinen Kokon,
noch nicht einmal die Dunkelheit umfängt mich –
hier herrscht nichts als Leere.

Wird in dieser Leere
einst ein Schmetterling erwachen,
ein Schmetterling mit funkelnden Flügeln,
der leuchtend sich ins Freie schwingt
und sich an andere verschenkt?

Mein Käfig ist stärker als ich,
so sehr ich mich auch stemme
gegen seine Gitterstäbe, bis sie sich brennen
auf meine Stirn.

All meine Träume von freien Welten,
ohne Führergebell und Bürokratenzäune,
von einer Welt ohne Selbstbespiegelung –
wo sind sie hin?

Kein Lichtstrahl dringt in meinen Kokon …

Ist mein Kokon von einer Puppe bewohnt?
Wird sie zum Schmetterling sich häuten?
Oder ist mein Kokon
von nichts als Leere bewohnt?

Doch selbst wenn sich kein Flügel in mir regt:
Ich werde die Leere besiegen!
Wieder und wieder werde ich sie beschwören,
bis sie mit Leben sich füllt.

Kein Lichtstrahl dringt in meinen Kokon …

Flëur: Кокон (Kokon) aus: Сияние (Sijanije / Das Leuchten; 2004)

Live im Club Ворота Солнца (Worota Sontsa / Sonnentor) in Tula, 2009:

Albumfassung:

Mehr zu Flëur und weitere Songs aus der Ukraine:Ansingen gegen den Untergang. Neuere Songs aus der Ukraine (PDF)

Bild: Sean Chen: Rückblick (Pixabay)

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