Ein Trip nach Serbien/1
Seit über zehn Jahren prägt das autoritäre System von Aleksandar Vučić die Geschicke Serbiens. Welche Auswirkungen hat das auf die Jugend des Landes? Und wie spiegelt sich ihre Gefühlslage in der serbischen Musikszene wider?
Die serbische Jugend „on fire“
Seit November vergangenen Jahres ist die serbische Jugend „on fire“. Regelmäßig kommt es seitdem – wieder einmal – in verschiedenen serbischen Städten zu Protestkundgebungen, die im Kern von der Unzufriedenheit der jungen Generation des Landes befeuert und getragen werden.
Auslöser für die erneute Protestbewegung war der Einsturz des Vordachs am Bahnhof von Novi Sad, der Hauptstadt der Region Vojvodina. Da die Katastrophe, die 16 Menschen das Leben kostete, nur ein Vierteljahr nach Ende der dreijährigen Renovierungsarbeiten am Bahnhof erfolgte, war schnell die Rede von „Pfusch am Bau“, der wiederum auf Korruption zurückgeführt wurde.
So richteten sich die Proteste – wie schon nach dem Amoklauf an einer Belgrader Schule und den Manipulationsvorwürfen bei den Parlamentswahlen im Jahr 2023 – bald allgemein gegen den Autoritarismus und Nepotismus der Regierung von Präsident Aleksandar Vučić. Dieser lenkt die Geschicke des Landes seit 2014 – anfangs als Ministerpräsident, seit 2017 als Präsident.
Vučić steht für eine fatale Kontinuität in der politischen Struktur des Landes. Er war bereits in den 1990er Jahren Teil der politischen Elite. Während der Jugoslawienkriege und später als Informationsminister unter Slobodan Milošević ist er durch nationalistische Hassreden und rassistische Parolen aufgefallen.
Protestbewegung vs. Beharrungskräfte der alten Strukturen
Nachdem der serbische Bauminister bereits unmittelbar nach dem Unglück von Novi Sad zurückgetreten war, bewirkten die anhaltenden Proteste im Januar 2025 auch den Rücktritt des serbischen Premierministers und des Bürgermeisters von Novi Sad. Durch diese Erfolge ermutigt, weiteten sich die Proteste noch einmal aus. Vorläufiger Höhepunkt war im März eine Kundgebung im Zentrum Belgrads, an der rund 300.000 Menschen teilnahmen.
Präsident Vučić versucht die Proteste einstweilen noch in typischer Autokratenmanier als von außen gesteuerte Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes abzutun. Ob er bei Neuwahlen unterliegen würde, ist zudem zweifelhaft. Wie die Kommunalwahlen von Anfang Juni gezeigt haben, kann seine Partei noch immer etwa die Hälfte der Wählerstimmen auf sich vereinen.
Außer an möglichen Manipulationen und gewissen konservativen Beharrungskräften liegt dies wohl auch an der gezielten Unterstützung der ländlichen Bevölkerung, die den Regierenden auch in anderen autokratisch geführten Ländern die Mehrheit sichert. Teile der Protestbewegung fordern daher vor Neuwahlen auch zunächst die Einrichtung einer Übergangsregierung mit parteiunabhängigen Mitgliedern, die einen demokratischen Umbau des Staates einleiten soll.
Widerstand gegen einen Bergbau-Riesen als Partner der Regierung
Ein weiterer Protestherd mit landesweiter Ausstrahlung betrifft die westserbische Stadt Loznica. Im dortigen Jadar-Tal möchte das anglo-australische Bergbauunternehmen Rio Tinto im großen Stil Lithium abbauen. Das Projekt beruht auf einem Abkommen zwischen der EU und Serbien zur Förderung des Rohstoffs, dem für das postfossile Zeitalter eine Schlüsselrolle zukommt.
Als Folge des großflächigen Lithiumabbaus werden von der serbischen Protestbewegung schwere Schäden für Mensch und Umwelt befürchtet. Dies betrifft u.a. die Gefahr einer Verunreinigung des Grundwassers mit Schwermetallen und Schwefelsäure, die für die Lösung des Lithiums aus dem Gestein benötigt werden, sowie die nachhaltige Beschädigung des regionalen Ökosystems, dessen Feuchtgebiete Lebensraum für zahlreiche Tiere und Pflanzen bieten.
Hinzu kommt auch in diesem Fall der Verdacht der Korruption, da die Verträge mit dem Bergbauunternehmen an der Öffentlichkeit vorbei verhandelt und unterzeichnet worden sind. Der Konzern stand in der Vergangenheit zudem schon bei anderen Projekten immer wieder aufgrund von mangelndem Arbeitsschutz, unzureichender Einbeziehung der lokalen Bevölkerung und Umgehung von Umweltstandards in der Kritik.
Die EU als Partner eines Autokraten
Die Schärfe der serbischen Proteste erklärt sich wohl vor allem durch das Gefühl, gleich doppelt verraten zu werden. Die Menschen fühlen sich zum einen von ihrer eigenen Regierung verraten, die in der Bevölkerung nur eine Staffage bei ihren Hinterzimmergeschäften zu sehen scheint. Sie fühlen sich zum anderen aber auch durch die Europäische Union verraten, die nach den Erfahrungen mit den EU-Autokraten à la Orbán eine neue Strategie im Umgang mit autoritär regierten Staaten eingeschlagen hat.
Diese Strategie räumt wirtschaftlichem Benefit einen Vorrang vor Bemühungen um Demokratisierung ein. Sie ist gewissermaßen die Schwundform des Konzepts „Wandel durch Handel“, von dem ja etwa auch in den Beziehungen zu China nur Letzteres übriggeblieben ist. Der Vorrang eines störungsfreien Handels impliziert dabei, dass nötigenfalls auch der Störfaktor „Menschenrechte und demokratische Werte“ ausgeblendet wird.
In Bezug auf Serbien bedeutet dies, dass einerseits die autoritären Tendenzen in Serbien als Vorwand dienen, die Annäherung des Landes an die EU nicht entschieden voranzutreiben, andererseits aber dieselben autoritären Tendenzen genutzt werden, um am serbischen Volk vorbei vorteilhafte Rohstoffabkommen abzuschließen. Motto: Economy first! Die Demokratie muss ins zweite Glied zurücktreten, wenn es der Wirtschaft dient.
Damit fördert die EU in Serbien letztlich eben jene Tendenzen, unter denen die Bevölkerung schon seit Jahren leidet: ein von Korruption und Vetternwirtschaft zersetztes System, dem die Demokratie nur als Fassade für die faktische Unterwerfung des Staates unter Privatinteressen dient. Anstatt hiergegen klar Stellung zu beziehen, hintertreibt die EU durch ihre wirtschaftliche Kooperation mit der serbischen Regierung die Demokratisierungsbemühungen der Protestbewegung.
Die serbische Jugend: zwischen Protesteuphorie und Zukunftsängsten
Die hieraus für die Betroffenen resultierende Gefühlslage ist ein Schwanken zwischen der Veränderungseuphorie gemeinschaftlicher Proteste, wie sie in Serbien immer wieder aufflackern, und dem Gefühl, als am Rand Europas lebende Menschen auch in demokratischer Hinsicht an den Rand gedrängt zu werden. Speziell für junge Menschen nährt dies die Empfindung, um die Zukunft betrogen zu werden, ausgeschlossen zu sein von der Freiheit, die für Menschen in anderen Ländern Europas ein selbstverständlicher Teil ihres Lebens ist.
Diese Gefühlslage spiegelt sich auch in der serbischen Musikszene wider. In manchen Songs stehen der Glaube an den Wandel und die Ermutigung zu gesellschaftsveränderndem Handeln im Vordergrund, in anderen die Angst vor der Zukunft und das Gefühl, kein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Beiden Aspekten werden wir in den kommenden Wochen auf dieser Musikreise begegnen.
Gesang auf dem Vulkan
Für den Anfang gibt es heute zunächst einmal einen Song der Band Stray Dogg, die im Jahr 2011 auf Initiative des Singer-Songwriters Dušan (Dukat) Stray (Künstlernane von Duschan Strainij) gegründet worden ist. Das zusätzliche „g“ am Ende von „dog“ verdankt sich wohl der Tatsache, dass es mit der US-amerikanischen Band „Stray Dog“ (Streunender Hund) Mitte der 1970er Jahre bereits eine Musikgruppe dieses Namens gegeben hatte.
Vordergründig betrachtet, handelt es sich bei dem Song um ein einfaches Liebeslied. Seine Stimmung entspricht aber eben jener ambivalenten Gefühlslage, die oben beschrieben worden ist.
In besonderem Maße gilt dies für die Unplugged-Version, die Dušan Stray zusammen mit der Singer-Songwriterin Ana Ćurčin eingespielt hat. Im Videoclip zu der Aufnahme sehen wir zwei junge Menschen in einem Boot sitzen. Die Atmosphäre wirkt zunächst unbeschwert: ein Sommertag, zwei Menschen singen zur Gitarre auf einem See. Ihr im Duett gesungenes Lied aber ist alles andere als unbeschwert. Es handelt von einer Liebe, die ebenso unerfüllt bleibt wie die Freiheitsträume, die der Song durch die Wahl der Weltsprache Englisch andeutet.
Der Song scheint mir darüber hinaus auch recht gut zu der eigenartigen Stimmung dieses Sommers zu passen: Die Sonne scheint wie eh und je, die Seen laden zum Baden ein – beim Schwimmen aber stellt sich unvermittelt das Gefühl ein, von einem finsteren Seeungeheuer in die Tiefe gerissen zu werden.
Wir tanzen eben mal wieder auf dem Vulkan des Krieges …
Die Zeit Hab Geduld, hast du gesagt, aber: Wie lange trägt uns meine Geduld? Sind deine Ohren taub Die Zeit ändert nichts. Sie dreht sich nur beängstigend in leeren Kreisen, bis wir unser Ziel aus den Augen verlieren. Obwohl ich schon so lange warte, hat die Zeit mir nichts gesagt. Sie bleibt einfach stehen immer wenn du gehst.
Dukat Stray: Time
Der Song findet sich auf dem Album Fire’s Never Wrong (2012), wo er von Devendra Banhart gesungen wird. Das Album ist – zusammen mit den Lyrics – eingestellt auf bandcamp.com und kann dort vollständig angehört werden.
Links
Zum Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad und den anschließenden Protesten:
Đorđević, Biljana / Lazović, Radomir: Was ist zu tun gegen autoritäre Tendenzen in Serbien? Interview auf der Website der Heinrich Böll Stiftung, 30. April 2025.
Rujevic, Nemanja: Serbien: Premier Vucevic geht, doch die Proteste halten an. Deutsche Welle, 28. Januar 2025.
Schmitt, Oliver Jens: Serbien: Der Hintergrund der Proteste. Interview auf der Website der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 8. April 2025.
Zum Lithium-Abbau im Jadar-Tal:
Burazer, Nikola: Mine des Anstoßes. Journal für Internationale Politik und Gesellschaft (IPG), 15. August 2024.
Stojaković, Krunoslav: Das weiße Gold vom Jadar-Tal. Rosa Luxemburg Stiftung, 7. Februar 2025.

Der Westen von Novi Beograd (Neu-Belgrad) mit dem Genex-Turm, einem 115 Meter hohen Wolkenkratzer, im Hintergrund; der Dom des Heiligen Sava (1175 – 1236), des ersten Erzbischofs und Nationalheiligen Serbiens, mit dem Denkmal für Đorđe Petrović (Karađorđe), den Anführer des Ersten Serbischen Aufstandes gegen das Osmanische Reich von 1804 bis 1813; das Jugoslawische Schauspielhaus mit dem Beograđanka-Hochhaus; Save-Brücke; Collage von Lošmi unter Verwendung von Bildmaterial anderer User (nähere Angaben auf Wikimedia commons
Titelbild: Stevan Aksentijevic: Belgrad bei Nacht (Pixabay)
Wenngleich ich nicht alle deine politischen Einstellungen und Schlussfolgerungen teile, gefällt mir dein Bericht, weil er die Komplexität und Authentizität der Proteste ahnen lässt. Es ist eine ähnliche Bewegung wie die, die 2015 hier in Griechenland den Syriza an die Macht brachte – und durch dessen unvermeidliches Scheitern den Ausverkauf des Landes und seiner Bodenschätze beschleunigte. Dasselbe wird nach einem kurzen „politischen Frühling“ in Serbien geschehen, nur noch dramatischer, da ungeschützt.
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