Warum das EU-Parlament Veggie-Burger umbenennen möchte
„Veggie-Burger“ sollen laut einer Entscheidung des EU-Parlaments in Zukunft nicht mehr „Veggie-Burger“ heißen dürfen. Ein Votum im Interesse der Fleischindustrie, mit dem das EU-Parlament sich selbst diskreditiert.
Neulich, bei einem Abend mit Gästen
Wer vegan oder vegetarisch lebt und Gäste bewirten möchte, kennt das: Man wählt ein neutrales Gericht – klassischerweise also Spaghetti. Beim Anrühren der Soße fügt man dann – absichtlich oder schlicht aus Gewohnheit – ein paar Veggie-Brösel hinzu.
Die Reaktion der Gäste ist dann oft nicht – wie von der Fleischindustrie suggeriert: „Sorry – aber das schmeckt irgendwie komisch“, sondern: „Das Hackfleisch ist ja echt lecker – du musst mir unbedingt die Adresse der Metzgerei geben, wo du das gekauft hast!“
Ähnlich fallen heutzutage die Reaktionen von Menschen aus, die beim gemeinsamen Grillabend mit Bekannten versehentlich ein Veggie-Steak erwischen. Auch hier ist die Reaktion oft eher überraschte Zustimmung als spontane Ablehnung.
Das ist schon deshalb nicht weiter verwunderlich, weil Fleisch an sich eben entweder nach gar nichts oder nach dem schmeckt, was es ist: nach Leichenteilen. Erst die maschinelle Verarbeitung und vor allem die Beifügung von Gewürzen machen aus dem Leichenschmaus ein Festmahl.
Darüber hinaus hat sich die Herstellung von veganen und vegetarischen Produkten in den letzten Jahrzehnten aber auch rasant weiterentwickelt. Aus einer Alternative für Öko-Fundis, die den faden Geschmack als Ausweis ihres Gutmenschentums hingenommen haben, ist mittlerweile eine breite Palette an Angeboten geworden. Nicht nur im Aussehen, sondern auch in Geschmack und Konsistenz übertreffen sie heute nicht selten das, was von den entsprechenden Fleischprodukten erwartet wird.
Die schädlichen Auswirkungen des Fleischkonsums
Diese Entwicklung müsste eigentlich bei allen, die sich um das Wohl der Menschheit, der Tiere und des Planeten sorgen, große Freude und Erleichterung auslösen. Denn die Liste der Schäden, die der Fleischkonsum anrichtet, ist so lang, dass man mit den entsprechenden Studien ganze Bücherschränke füllen kann. Eine kleine Horror-Hitliste könnte etwa wie folgt aussehen:
- Der übermäßige Verzehr insbesondere von rotem Fleisch – also etwa Rind- oder Schweinefleisch – geht mit einem erhöhten Risiko für Darmkrebs, Diabetes und Herzerkrankungen einher. In besonderem Maß gilt dies für zu Salami, Schinken und Wurst weiterverarbeitetes Fleisch.
- Die industrielle Massentierhaltung und -tötung ist unvereinbar mit einem von Würde und Respekt getragenen Umgang mit unseren Mitgeschöpfen. Bei 48,7 Millionen getöteten größeren Tieren und 693,3 Millionen geschlachteten Tieren in der Sparte „Geflügel“ in Deutschland ist ein verächtlicher, verdinglichender Umgang mit den Tieren an der Tagesordnung. Die Tötungs- und Betäubungsarten – Bolzenschuss, Stromschlag, Vergasung mit Kohlendioxid – führen den euphemistischen Charakter der Bezeichnung „Schlachthof“ in drastischer Weise vor Augen.
- Die Massentierhaltung schädigt das Klima auf vielfältige Weise. So kann sich beim Ausbringen von Ausscheidungen der Tiere auf die Felder der darin enthaltene Stickstoff in Lachgas umwandeln, das 265-mal klimaschädlicher ist als Kohlendioxid. Außerdem setzen Kühe bei der Verdauung große Mengen an Methan frei – ein Gas, das 28-mal klimaschädlicher ist als Kohlendioxid.
- Die Ausbringung von tierischem Dünger erhöht die Nitratbelastung im Grundwasser. Dies wird mit einem verstärkten Magenkrebsrisiko bei Menschen in Verbindung gebracht. Der durch das Nitrat ansteigende Nährstoffgehalt hat außerdem negative Folgen auf die Tier- und Pflanzenwelt: Er führt zu den berüchtigten Algenblüten, verdrängt auf nährstoffarme Böden spezialisierte Pflanzen und damit auch die auf diese Pflanzen angewiesenen Tierarten.
Fleischkonsum: Realität und Fake-Vorhang
Wie gesagt: Angesichts der enormen Schäden für Mensch, Tier, Klima und Natur, die mit dem Fleischkonsum einhergehen, müsste der Umstieg auf vegane oder zumindest vegetarische Alternativen eigentlich massiv gefördert werden. Analog zu den Warnhinweisen auf Zigarettenpackungen könnten etwa auf Fleischprodukten Aufnahmen aus dem Alltag der Schlachthöfe abgebildet werden.
Wie wir alle wissen, ist jedoch das Gegenteil der Fall. Für tierische Produkte wird mit glücklichen Kühen, Schweinen und Hühnern geworben. Sie vergnügen sich auf frischen Weiden, tollen fröhlich auf dem Hof herum oder bekommen ein computeranimiertes Lächeln verpasst, als würden sie sich freudig in die maschinellen Tötungsanstalten begeben, um sich dort in ein Festmahl für die postmodernen Kannibalen verwandeln zu lassen.
So ist der Fleischmarkt einer jener Sektoren der Wirklichkeit, in dem der Bevölkerung am massivsten der Blick auf die Realität verweigert wird. Anstatt – wie es in einer aufgeklärten Demokratie zu erwarten wäre – die mit dem Fleischkonsum einhergehenden Risiken und Gefahren in den Vordergrund zu stellen, wird die Wirklichkeit ganz gezielt mit einem Fake-Vorhang ummäntelt.
Was zählt, ist allein das Geld, das in der Kasse der Viehwirtschaft und der fleischverarbeitenden Industrie klingelt. Tierwohl? Naturschutz? Klimaschutz? Gesundheitsschutz? Alles egal: Fleisch ist geil!
Ein Votum im Interesse der Fleischindustrie
„Naturnahe Landwirtschaft“, „Gesunde Ernährung“ und vor allem: „Green New Deal“ – das sind Schlagworte, die bei kaum einer Rede im EU-Parlament über die Zukunft der Menschheit und des Planeten fehlen.
Mit dem Votum des EU-Parlaments, „Veggie-Burger“ und Co. eine Umbenennungspflicht aufzuerlegen, zeigt sich nun aber: Alles nur Gerede. Wenn es darauf ankommt, reißt sich das EU-Parlament die Maske vom Gesicht und zeigt sich als reiner Lobbyismus-Club. Im Zweifelsfall steht der Polit-Adel eben doch dem Geldadel näher als dem einfachen Volk.
Eine verantwortungsvolle Politik müsste es begrüßen und fördern, dass Veggie-Produkte immer häufiger als gleichwertiger Ersatz für die entsprechenden Fleischprodukte angesehen werden. Stattdessen versucht das EU-Parlament nun jedoch, das Rad der Zeit zurückzudrehen – und das mit der breiten Mehrheit von 355 zu 247 Abgeordnetenstimmen.
So haben wir es hier mit einem doppelten Skandal zu tun. Zum einen unterstützt das Votum der Abgeordneten – das glücklicherweise noch nicht rechtsverbindlich ist – die Bemühungen der Fleischindustrie, die Wirklichkeit der Fleischproduktion und des Fleischkonsums hinter einem kunterbunt-kitschigen Fake-Vorhang verschwinden zu lassen. Zum anderen missachtet das Votum aber auch die eigenen Beschlüsse des Parlaments.
So stellt sich in dem Zusammenhang auch die Frage: Wissen die Abgeordneten etwa gar nicht, worauf der „Green New Deal“ abzielt? Ist er ihnen egal? Oder geht es dabei vielleicht auch nur um Industrieförderung, und der Klimaschutz dient nur als medienwirksames Etikett?
Zum Nachlesen:
Bayerisches Landesamt für Umwelt: Warum Nitrat im Grundwasser ein Problem ist; lfu.bayern.de.
PETA-Team: Schlachthof: So leiden und sterben Tiere in Schlachtfhöfen. Peta.de, 27. Juni 2025.
Umweltbundesamt: Lachgas und Methan; 14. Februar 2024.
Zelle-Möhlmann, Elena: Rotes Fleisch: Ungesund bei übermäßigem Verzehr. NDR, 19. Juni 2025 (mit Links zu weiteren Studien).
Weiterer Beitrag zum Thema:
Homo bestialis. Der Schlachthof als moralischer Offenbarungseid (PDF, überarbeitete Fassung Juli 2024).
Bild: Sibya: Maus (Pixabay)
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