Es lebe die Steinzeit!
Überarbeitete Fassung 2025
Während wir uns auf der politischen Bühne schon als Verkehrswendeweltmeister feiern, fallen wir in der Nahverkehrsrealität immer weiter hinter andere Länder zurück, die auf innovative und zeitgemäße Konzepte setzen. Höchste Zeit, das Steuer herumzureißen! Dazu ein paar Vorschläge.
Nahverkehrsalltag
Ein paar typische Nahverkehrserfahrungen aus deutschen Landen:
- Morgens in der U-Bahn: Ein Zug fällt aus, der nächste ist verspätet. Du wartest und wartest, und nein: Du wartest nicht allein. Geteiltes Leid ist halbes Leid? Na ja … Du siehst das ein bisschen anders. Als der Zug endlich kommt, wird aus der Nahverkehrs- eine Nahtoderfahrung.
- Mittags in Dorfhausen: Du möchtest gerne nach Hausendorf reisen, um Deine alte Tante zu besuchen. Kein Problem: Du musst nur nach Dorfenbrück fahren, dort hast Du eine Stunde später Anschluss nach Brückendorf, wo Du am Abend bequem nach Flussdorf weiterreisen kannst. Am nächsten Morgen erreichst Du dann problemlos den Bus nach Hausendorf.
Wie? Das dauert Dir zu lange? Mit dem Auto wärest Du in wenigen Minuten in Hausendorf? Wie undankbar! Da schenkt Dir der Nahverkehr eine kostenlose Sightseeingtour, und Du schaust noch nicht mal hin. Die Autobahnbrücke in Dorfenbrück, bekannt aus dem Verkehrsfunk, das Kieswerkmuseum in Brückendorf, die neue Dorfdisco unter den Windkraftanlagen von Flussdorf – das alles willst Du dir noch nicht einmal anschauen? Ignorant!
- Abends in einer Regionalbahn in Flughafennähe: Zwei Uniformierte gehen zielstrebig auf ein älteres japanisches Ehepaar zu. Die beiden lächeln freundlich, bereitwillig holen sie die Fahrkarten aus der Tasche, die sie vor Fahrtantritt gelöst haben. „Nicht entwertet“, murrt einer der Uniformierten. „Macht 60 Euro.“ Das Paar lächelt weiter freundlich, der alte Mann nickt aufmunternd. „Ticket – not o.k.!“ radebrecht der andere Uniformierte und deutet auf den Fahrscheinentwerter.Das Lächeln der beiden eben Angekommenen wird etwas unsicher, die Frau hält sich an einem der beiden schweren Koffer fest. Uniformierter Nr. 1 macht ein Zeichen mit den Fingern: „Pay“, ruft er, „Six… Sixty Euro!“ Als die beiden ihn noch immer verständnislos ansehen, fasst er dem Mann an den Arm. Sein Kollege greift nach der Frau: „Also dann – raus hier! Lernt erst mal unsere Regeln, bevor ihr in unser Land einreist!“ Willkommenskultur in Deutschland …
Strukturelle Probleme
Gut, ich gebe zu: Diese Darstellung ist undifferenziert. Es gibt Gegenden, in denen man die Nutzung des Nahverkehrs nicht zwangsläufig mit dem Umzug in eine Sardinenbüchse verbunden ist. Und es gibt Regionen, in denen auch das Nachbardorf mit dem Nahverkehr zu erreichen ist.
Außerdem ist natürlich nicht jeder Kontrolleur ein Nazi. Schon gar nicht ist das Zugbegleitpersonal von Natur aus der Feind der Fahrgäste. Wer im Nahverkehr beschäftigt ist, ist selbst nicht auf Rosen gebettet. Das liegt nicht nur an der chronisch unzufriedenen Kundschaft, sondern auch an unregelmäßigen Arbeitszeiten und einer Entlohnung, die auf der Maxime „Geiz ist geil“ beruht.
Nur: Die Grundlagen, auf denen das System des Nahverkehrs in Deutschland aufbaut, begünstigen eben Entwicklungen wie die oben genannten. Kosteneffizienz geht vor Bequemlichkeit, Nahverkehr auf dem Land gilt als Luxusgut, und Regeltreue ist wichtiger als Menschenwürde.
Soll der Nahverkehr dauerhaft und für alle attraktiv sein, so dürfen gelungene Konzepte und ein zuvorkommender Umgang mit den Fahrgästen nicht dem Zufall oder dem besonderen Engagement Einzelner geschuldet sein. Sie müssen sich vielmehr als logische Konsequenz aus einer durchdachten Planung ergeben.
Nein, das ist keine utopische Forderung. Ich denke, unser Problem besteht eher darin, dass wir den Herausforderungen von übermorgen mit den Lösungsansätzen von vorgestern zu begegnen versuchen. Es ist hier nicht anders als in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens: Über die Jahre haben sich Denkweisen und Handlungsmuster eingeschliffen, die uns dann bei nötigen Innovationen im Wege stehen.
Lösungsansätze
Wenn wir einmal für ein paar Augenblicke so tun, als könnten wir den Nahverkehr in Deutschland komplett neu erfinden, so hätte ich folgende Vorschläge einzubringen:
1. Überfüllte Züge und Busse
Natürlich ist die Kernforderung hier die Abkehr von dem reinen Effizienzdenken. Nahverkehr muss genauso bequem sein wie Autofahren.
Klar, ich kann mit dem Auto in einen Stau geraten. Das ist auch nicht gerade bequem. Aber wenigstens habe ich dabei genug Sauerstoff. Und wenn das autonom fahrende Auto Standard wird, kann die Zeit im Autostau auch noch besser genutzt werden als im Menschenstau des öffentlichen Nahverkehrs.
Es müssen also mehr und längere Züge und Busse eingesetzt werden, und es muss genug und großzügig entlohntes Personal geben, um krankheits- und streikbedingte Ausfälle kompensieren bzw. vermeiden zu können.
Daneben ist aber auch der Tatsache Rechnung zu tragen, dass überfüllte Züge und Busse nicht nur Abstriche bei der Bequemlichkeit bedeuten. Insbesondere in der infektionsträchtigen kalten Jahreszeit ist damit – wie wir alle in der Coronazeit leidvoll erfahren haben – auch ein erhebliches Krankheitsrisiko verbunden.
Dies gilt in verstärktem Maße für Menschen mit Handicaps, ältere und kranke Personen, Kleinkinder oder auch Schwangere. Sie können überfüllte Verkehrsmittel in der Hochrisikozeit entweder gar nicht oder nur unter Inkaufnahme gesundheitlicher Risiken nutzen.
Deshalb sollte es auch im öffentlichen Nahverkehr in bestimmten Zügen und Bussen bzw. in ausgewiesenen Waggons eine Möglichkeit und vielleicht sogar die Pflicht zur Reservierung, verbunden mit einem Verzicht auf Stehplatzangebote, geben. Die Bereitstellung bestimmter Bedürftigenplätze reicht nicht aus. Wenn die Plätze bei einem bestimmten Überfüllungsgrad gar nicht zu finden, geschweige denn zu erreichen sind, haben wir es hier mit einer reinen Alibiveranstaltung zu tun.
2. Schlechte Verkehrsanbindung auf dem Land
Hier wäre der entscheidende Ansatz zum Umdenken: Orientierung an den Bedürfnissen der Fahrgäste statt Anpassung der Kundschaft an die Fahrpläne. Was bringt es, ab und zu leere Busse durchs Nirgendwo tuckern zu lassen, sozusagen als museale Erinnerung an frühere Zeiten? Nein, das Verkehrsmittel muss in dem Augenblick verfügbar sein, in dem ich es brauche, und es muss zumindest annähernd so schnell sein wie die Fahrt mit dem Auto.
Richtig: Das ist das Prinzip „Taxi“. Deshalb lautet die Alternative zum Auto auf dem Land auch nicht „Bus“, sondern „Ruftaxi“.
Realisiert werden kann dies auf zweierlei Weise. Zum einen können Taxifahrten bei der Nutzung bestimmter Strecken subventioniert werden. Denkbar wäre dabei auch eine Taktung potenzieller Fahrten (beispielsweise immer zur vollen Stunde), um mehr Fahrgäste pro Tour zu erhalten. Die dadurch verursachten Kosten könnten durch den Verzicht auf Busse auf den entsprechenden Strecken mehr als ausgeglichen werden.
Zum anderen kann – insbesondere in dichten besiedelten ländlichen Regionen – das Mitfahrkonzept in die Jetzt-Zeit übertragen werden. Vielerorts gibt es heute schon Mitfahrerbänke. Insbesondere bei ungünstigen Witterungsverhältnissen ist es jedoch unrealistisch, dass jemand sich an den Straßenrand setzt und darauf wartet, dass ein motorisierter Mitbürger seine Pfadfinderader entdeckt und seine gute Tat für den Tag ableistet. Im 21. Jahrhundert sollte es für so etwas Apps geben, die für weniger internet-affine Zeitgenossen mit Anrufmöglichkeiten bei kommunalen Koordinierungsstellen verbunden sein könnten.
Wer seine Autofahrten rechtzeitig und regelmäßig an die entsprechenden kommunalen Plattformen melden, könnte dafür eine entsprechende Vergütung erhalten. Auch dies wäre sicher noch billiger als das regelmäßige Angebot von Sightseeing-Touren im Niemandsland.
3. „Beförderungsentgelt“
„Beförderungsentgelt“ … Schon dieser Begriff zeigt, dass die Bezahlsysteme im öffentlichen Nahverkehr irgendwo zwischen Kutschfahrten und der Erfindung des Omnibusses steckengeblieben sind. Noch immer folgen die Automaten der einzelnen Verkehrsbetriebe einem je eigenen Fachchinesisch, das nur Eingeweihte verstehen.
Einfach mal kurz in den Zug einsteigen und in den nächsten Ort fahren, ist zumindest für Ortsfremde nicht möglich. Gerät man dann noch an Kontrolleure, die die schlechte Entlohnung mit der Befriedigung von Allmachtsphantasien ausgleichen, wird die Nahverkehrstour schnell zum Höllentrip.
Für Menschen, die den Nahverkehr regelmäßig nutzen, gibt es zwar das Deutschlandticket und die diversen Monats- und Jahres-Abos der Verkehrsbetriebe, die einem das Automatenstudium ersparen. Die Preise dafür sind jedoch insbesondere bei Gelegenheitsfahrten vielfach noch zu hoch. Einzeltickets sind im Vergleich dazu aber oft unverhältnismäßig teuer.
An die Stelle personenbezogener, für alle gleicher Ticketpreise könnte deshalb eine kommunale Nahverkehrsabgabe treten, die sozial gestaffelt wäre. Die konkrete Nutzung der Nahverkehrsangebote wäre dann kostenfrei. Da alle sich an den Kosten beteiligen müssten, würden in diesem Fall vielleicht auch überzeugte Nahverkehrsabstinenzler die von ihnen mitfinanzierten Verkehrsmittel einmal ausprobieren.
Sollte sich dies nicht realisieren lassen, wäre wenigstens darüber nachzudenken, die jetzigen Bezahlsysteme an die Gepflogenheiten des 21. Jahrhunderts anzupassen. So wäre es technisch längst möglich, beim Einstieg in Bus und Bahn einfach das – nötigenfalls mit einer entsprechenden App versehene – Handy empfangsbereit halten und so einen Bezahlvorgang ganz nebenbei abzuwickeln, der uns heute noch der Automatenwillkür und dem sadistischen Machthunger mancher Kontrolleure ausliefert.
Anstatt dass die Fahrgäste sich mit dem Automatenchinesisch auseinandersetzen müssen, würde das computergesteuerte Lesegerät am Eingang dabei selbst den günstigsten Tarif auswählen. Bei häufigerer Benutzung des Nahverkehrs könnten einem dann entsprechenden Rabatte gutgeschrieben werden.
Verkehrswende und öffentlicher Nahverkehr
Wenn es in Deutschland jemals eine Verkehrswende geben soll, so muss der öffentliche Personenverkehr ihr Herzstück sein. Und das Herzstück des Herzstücks wird – weil für den Alltag der Menschen am wichtigsten – der öffentliche Nahverkehr sein.
Elektromobilität allein bringt noch keine Verkehrswende. Dafür ist der Abbau der für die Herstellung von Elektroautos erforderlichen Rohstoffe – insbesondere von Kobalt und Lithium, die für die Batterien benötigt werden – mit zu vielen Umwelt- und Gesundheitsschäden für die Bevölkerung in den Abbauländern verbunden. Auch ist ja keineswegs sichergestellt, dass der für den Elektroantrieb benötigte Strom aus ökologisch unbedenklichen Quellen stammt.
Im Extremfall könnte die Förderung von Elektroautos überdies sogar zu einer Zunahme des Autoverkehrs in den Städten führen – und damit auch zu einem Anstieg der Feinstaubbelastung. Denn Feinstaub resultiert nicht nur aus den Abgasen, sondern auch aus dem Gummiabrieb der Reifen.
So könnte das Gerede von der „sauberen“ Mobilität am Ende zu einem ähnlichen Etikettenschwindel werden wie im Fall des „Bio-Sprits“, der zu einer Förderung von Monokulturen und der Abholzung von Regenwald zu Gunsten von Palmölplantagen geführt hat.
So wird es am Ende unumgänglich sein, Lösungen für einen attraktiven Nahverkehr zu finden. Das ist nicht so schwer, wie es angesichts der derzeitigen Realität den Anschein hat. Wir müssen uns dafür nur von den tradierten Denkmustern lösen und den Mut aufbringen, auf neue, an die Gegebenheiten der Gegenwart angepasste Lösungsansätze zu setzen.
Bild: John C. H. Grabill Collection, Library of Congress: „The Deadwood Coach“, 1889 (Wikimedia Commons)