Zombie-Städte und leblose Landschaftskulissen

Über Musealisierung und „Disneylandisierung“ touristischer Hotspots

Zu einem Venedig-Feature von Petra Reski und Christopher Weingart

Das Rothe Ohr 2025/1

Hotspots des Tourismus bekommen immer mehr einen musealen Charakter, indem das normale Leben der einheimischen Bevölkerung dort verunmöglicht wird. Venedig ist dafür ein besonders krasses Beispiel. – Auftakt zu den diesjährigen Feature-Awards auf rotherbaron.

Der Overtourism und seine Folgen

„Overtourism“ – das Wort steht für einen fundamentalen Wandel in der Reiseberichterstattung. Statt über die Sehenswürdigkeiten und anderen Reize der Urlaubsorte selbst wird immer häufiger über diejenigen berichtet, die durch die Besichtigung dieser Sehenswürdigkeiten das Leben für die einheimische Bevölkerung erschweren.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um die touristischen Hotspots wie Mallorca, Barcelona, Dubrovnik oder die malerischen Felsendörfer der Cinque Terre an der ligurischen Riviera. Selbst an den spektakulären isländischen Geysiren und Vulkanen haben die Besucherzahlen mittlerweile so zugenommen, dass eher von der Last als der Lust des Tourismus die Rede ist.

Die Folgen des Overtourism unterscheiden sich zwar je nach regionalen Besonderheiten. Einige Aspekte lassen sich jedoch – in mehr oder weniger ausgeprägter Form – an allen davon betroffenen Orten beobachten. Dabei handelt es sich um

  • einen allgemeinen Preisanstieg;
  • eine Verknappung des Wohnraums und einen starken Anstieg der Mieten infolge der Umwandlung von Wohnungen in Appartements für Feriengäste;
  • eine Überfüllung der Innenstädte, insbesondere in der Hauptsaison;
  • eine vermehrte Umweltverschmutzung: durch die von Reisebussen und Kreuzfahrtschiffen verursache Luftverschmutzung, durch unkontrollierte Müllentsorgung an Stränden und in Parks oder durch die Nutzung von Hinterhöfen als Toiletten;
  • eine Verdrängung von Geschäften des täglichen Bedarfs aus den Innenstädten zugunsten von Souvenirläden;
  • eine „Disneylandisierung“ der betreffenden Orte, also ihre faktische Umwandlung in Freilandmuseen, an denen nach der weitgehenden Vertreibung der einheimischen Bevölkerung durch die oben skizzierten Entwicklungen kein alltägliches Leben mehr stattfindet.

Maßnahmen gegen den Overtourism

Der zunehmende Widerstand der einheimischen Bevölkerung gegen die Folgen des Overtourism hat mittlerweile dazu geführt, dass vielerorts Maßnahmen zu seiner Eindämmung ergriffen worden sind. Auch diese sehen überall ähnlich aus – zumal die betreffenden Städte und Kommunen sich auch untereinander austauschen. Die wichtigsten Maßnahmen sind dabei:

  • die Einschränkung der Nutzung von Wohnraum als Ferienappartements;
  • die Begrenzung der Anzahl von Reisebussen und Kreuzfahrtschiffen, in letzterem Fall auch verbunden mit Einschränkungen in Bezug auf die Größe der Schiffe;
  • die Lenkung der Touristenströme durch Anmeldesysteme und die Erhebung von Gebühren für die Besuche, gegebenenfalls gestaffelt nach Tagen sowie Haupt- und Nebensaison;
  • die Einführung strengerer Regeln für das Verhalten in der Öffentlichkeit, u.a. in Bezug auf Bekleidung, den Konsum von Alkohol und Müllentsorgung.

All diese Maßnahmen verfehlen zwar ihre Wirkung nicht, ändern aber nichts an der grundsätzlichen Problematik. Dies liegt insbesondere an einem kaum auflösbaren Dilemma: Einerseits soll der überbordende Tourismus bekämpft werden, andererseits soll er grundsätzlich als Wirtschaftsfaktor erhalten bleiben.

Das Ergebnis ist, dass die Maßnahmen zur Regulierung des Tourismus zuweilen sehr moderat ausfallen oder nicht konsequent umgesetzt werden. So werden etwa aus bei Kreuzfahrtschiffen aus Angst, von der Route der Reiseanbieter gestrichen zu werden, weitreichende Kompromisse eingegangen. Und wenn Wohnraum zwar nicht ganzjährig, aber doch mehrere Monate im Jahr in Ferienunterkünfte umgewandelt werden darf, steht er der einheimischen Bevölkerung eben auch nicht mehr für dauerhafte Mietverhältnisse zur Verfügung.

Auch die Regulierung der Besucherströme durch gebührenpflichtige Anmeldungen hat ihre Schattenseiten. Denn zum einen werden auch hier die Gebühren bewusst nicht so hoch angesetzt, dass sie die zahlungskräftige Touristen-Kundschaft vollständig abschrecken würden. Und zum anderen verstärkt dieses System den Effekt der „Disneylandisierung“ der touristischen Hotspots, da diese sich so selbst wie museale Orte vermarkten.

Verstärkte Auswirkungen des Overtourism auf Venedig

Alle oben angesprochenen Probleme gelten in ähnlicher Form auch für Venedig. Durch die besondere Lage der Stadt in einer Lagune wirken sie sich hier jedoch noch weit dramatischer aus als anderswo.

Dies betrifft zunächst die Problematik der Verdrängung der einheimischen Bevölkerung. Wo dies andernorts bedeutet, dass die Menschen in andere Stadtbezirke ausweichen, führt die Verdrängung in Venedig dazu, dass die Menschen die Stadt ganz verlassen.

Eine Insel – um die es sich bei Venedig trotz der Ponte della Libertà, die sie mit dem Festland verbindet, de facto handelt – hat nun einmal keine Randbezirke. Die Einwohnerzahl von Venedig hat sich folglich zwischen 1951 und 2024 von knapp 175.000 auf rund 49.000 – also auf weniger als ein Drittel der einstigen Größe – verringert.

Auch Kreuzfahrtschiffe richten in Venedig weit gravierendere Schäden an als anderswo. Sie führen dort nicht nur zu Luftverschmutzung und einer Blockierung der Häfen, sondern wirken sich auch negativ auf den fragilen Untergrund der Stadt aus. Die von den Schiffen ausgelösten Druckwellen führen zu Schäden an den Fundamenten der Häuser und beschleunigen so das Absinken der Stadt in der Lagune.

Zwar ist die Größe der Kreuzfahrtschiffe mittlerweile begrenzt worden. Auch die „kleineren“ Schiffe sind mit ihren bis zu 25.000 Tonnen und 180 Metern Länge jedoch noch groß genug, um Schäden anzurichten. Dies gilt umso mehr, als die Stadt infolge des Klimawandels und des dadurch ausgelösten Meeresanstiegs ohnehin von zunehmenden Überflutungen bedroht ist.

Nicht zuletzt ziehen die Schiffe auch das empfindliche Ökosystem der Lagune in Mitleidenschaft. Indem sie den Untergrund aufwühlen, beschädigen sie die Seegraswiesen am Meeresgrund, die zahlreichen Fischen und Kleinstlebewesen einen Lebensraum bieten.

Ein faschistisches Erbe, das den Status quo zementiert

Erschwerend kommt ein Erbe aus faschistischer Zeit hinzu, das sich heute wie eine Fessel für das historische Venedig auswirkt: die Erschaffung eines Groß-Venedigs. Dieser 1917 und 1926 durch die Vereinigung der Lagunenstadt mit den Festlandsgemeinden Marghera und Mestre verwirklichte Plan hat dazu geführt, dass die eigentliche venezianische Bevölkerung heute nicht mehr selbst über ihr Schicksal bestimmen kann.

Das aus dem faschistischen Projekt entstandene „Groß-Venedig“ umfasst heute eine Bevölkerung von rund 250.000 Menschen – also fünfmal so viele Personen wie das historische Venedig. Dies hat zur Folge, dass die Spaltung zwischen jenen, die vom Tourismus profitieren, und jenen, die darunter leiden, hier noch stärker ausgeprägt ist als anderswo. Während für das kommunale Konstrukt „Venedig“ der Tourismus ein zentraler Einnahmefaktor und für die auf dem Festland lebenden Menschen ein Wohlstandsgarant ist, muss die im historischen Venedig verbliebene Bevölkerung die gesamte Last des Overtourism tragen.

Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren, gibt es kaum. Zwar hat ein Referendum aus dem Jahr 2019 ein klares Votum für eine größere Autonomie des historischen Venedigs ergeben. Die Abstimmung hatte jedoch nur beratenden Charakter und wurde aufgrund einer Wahlbeteiligung von unter 25 Prozent von der Kommunalregierung für irrelevant erklärt. Eben darauf hatten die Befürworter des Status quo hingearbeitet, indem sie ihre Anhänger zuvor dazu aufgerufen hatten, nicht an der Abstimmung teilzunehmen.

Treibende Kraft bei der Verhinderung einer größeren Selbstbestimmung für die Bevölkerung des historischen Venedigs ist der Bürgermeister von Venedig und die weiteren Gemeinden der Region Venetien umfassenden Città Metropolitana di Venezia, Luigi Brugnaro. Dieser vermengt im Trump- und Berlusconi-Stil Politik und Geschäft und musste sich auch bereits wegen des Verdachts der Korruption und der Geldwäsche vor Gericht verantworten.

An einer größeren Autonomie des historischen Venedigs ist Brugnaro schon deshalb nicht interessiert, weil er selbst dort von verdeckten Immobiliengeschäften profitiert hat. Den Vorrang wirtschaftlicher Interessen beim Blick auf die Lagunenstadt kaschiert er freilich durch populistische Appelle an die nationale Regierung in Rom, mehr gegen die angeblich durch den Tourismus in Venedig zunehmende Kriminalität zu unternehmen.

Zu dem Feature von Petra Reski und Christopher Weingart

Bei dem Feature von Petra Reski und Christopher Weingart handelt es sich um ein leises – und eben deshalb sehr eindringliches – Hörstück. Es macht den Schmerz derer spürbar, die ihre Stadt verlassen mussten, bringt aber auch den Selbstbehauptungswillen älterer Menschen zur Sprache, die allen Widrigkeiten zum Trotz in der Stadt ausharren.

Daneben liefert das Feature natürlich auch die relevanten Informationen zur Situation Venedigs und dem politischen Umgang damit. Es ist damit eine gelungene Mischung aus lebensnaher Dokumentation und Reportage.

Über die konkrete Thematik hinaus ist das Feature ein Lehrstück für unseren Umgang mit dem, was wir lieben. Es führt den paradoxen Mechanismus einer Liebe vor Augen, die ihren Gegenstand vernichtet, indem sie über der Vergötterung – und Vermarktung – von dessen äußerer Hülle sein Wesen aus den Augen verliert.

So droht auch Venedig durch den Tourismus „totgeliebt“ zu werden. Am Ende wäre die Stadt dann eine lebende Tote – eine Zombie-Stadt, von der nur noch die leere Hülle übrig bleibt.

Link zum Feature:

Petra Reski und Christopher Weingart: Eine Stadt kämpft ums Überleben: Die letzten Venezianer. Deutschlandfunk, 22. April 2025.

Gesprochen von Tom Jacobs, Jochen Langner, Nina Lentföhr, Carlos Lobo, Claudia Mischke, Heiko Obermöller und Christopher Weingart; Regie: Anna Panknin; Ton und Technik: Wolfgang Rixius, Gunther Rose und Malte Wiegert; Redaktion: Christiane Habermalz.

Homepage von Christopher Weingart mit Infos zur Person und Links zu weiteren Features und Artikeln

Infos zu Petra Reski finden sich auf Wikipedia.

Weiteres Feature von Christopher Weingart:

Christopher Weingart hat in diesem Jahr noch ein weiteres äußerst empfehlenswertes Feature herausgebracht. Darin geht es um ein ganz anderes Thema – nämlich um die Gesundheitsgefahren, die sich (nicht nur) für die US-amerikanische Bevölkerung aus der Übernahme des US-Gesundheitsministeriums durch Robert F. Kennedy Jr., einen ausgewiesenen Gegner von Impfungen und einer wissenschaftsbasierten Medizin, ergeben.

Das dreiteilige Feature ist unter dem Titel „Gesundheit made by Kennedy“ in der Deutschlandfunk-Reihe Wissenschaft im Brennpunkt erschienen:

Christopher Weingart: Gesundheit made by Kennedy:

Teil 1: Die erfundene Autismus-Epidemie

Teil 2: Influencer und Wellness-Gurus

Teil 3: Vorwärts in die dunkle Vergangenheit

Deutschlandfunk, Wissenschaft im Brennpunkt, 4. August 2025

Bild: August Seidel (1820 – 1904): Mondschein über der Kirche Santa Maria della Salute in Venedig (Wikimedia commons)

Ein Kommentar

  1. Eine kleine Korrektur und Ergänzung der Autorin Petra Reski: Lieber Dieter Hoffmann, das freut uns sehr! Vielen Dank! 

    Nur eine Winzigkeit wäre zu korrigieren: Die großen Kreuzfahrtschiffe sind immer noch da: Schiffe über 25 000 Bruttoregistertonnen legen jetzt in Marghera und in Fusina an, sie fahren über den Kanal für Erdöltanker ein, was für die Lagune die gleichen verheerenden Auswirkungen hat. Darunter sind auch Schiffe mit über 100 000 Bruttoregistertonnen. Jetzt will die Hafenbehörde obendrein den Kanal Vittorio Emanuele ausgraben lassen, damit Schiffe unter 40 000 Bruttoregistertonnen wieder am ehemaligen Kreuzfahrthafen anlegen können.

     Beste Grüße, Ihre Petra Reski

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